Ich hasse Überraschungspartys.

Zumindest die, die man für mich gibt. Trotzdem sehe ich in den Moment in dem ich aus dem Auto steige jemanden, der hastig vom Fenster zurückspringt nur um gleich darauf mit wedelnden Armen aus meinem Blickfeld zu verschwinden.

Ein Seufzer entfährt mir und ich schlage die Tür hinter mir zu.

Habe ich eine andere Wahl als jetzt in dieses Haus zu laufen und so zu tun als würde ich mich überirdisch freuen? Nein, ich denke nicht.

Ich schaue mir die vertraute Umgebung an und das Gebäude mit der roten Klinkerfassade vor dem ich stehe. Es hat sich früher schon aus der Masse gehoben, aber nachdem ich so lange nicht mehr Zuhause war, scheint es den anderen Häusern in der Straße die Show zu stehlen. Lediglich der kahle Vorgarten kann nicht mit den anderen konkurrieren. Das mit dem grünen Daumen lag eben noch nie in unserer Familie. Der Himmel über mir ist strahlend blau und ich schlinge die Arme um meine Brust um mich vor der Januarkälte zu bewahren. Im Auto war es dank der Heizung angenehm warm, aber in dem dünnen Pulli fange ich hier draußen doch langsam an zu frieren.

Aus dem Augenwinkel sehe ich wie der Vorhang ein weiteres Mal verdächtig flattert.

Will ich wissen wie viele da drin sind?

Nein, wohl eher nicht.

Vielleicht hätte ich nicht erst fünf Tage vor dem Semesterbeginn kommen sollen. Dann hätte meine verrückte Familie keine Zeit für die Planung gehabt. Leider war es mir trotz allem schwer gefallen Mississippi zu verlassen und ich habe es bis zur letzten Sekunde ausgekostet.

Jetzt hat sich das allerdings erledigt.

Ich beiße mir auf die Lippe und wische mir hastig den Mascara unter den Augen weg, den ich während der langen Fahrt verschmiert habe. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch setzte ich mich in Bewegung und fummle ein wenig nervös den Hausschlüssel aus meiner Tasche, der mir seltsam fremd erscheint. Als ich auf die Betonplatten trete, die zur Haustür führen, schallen meine Schritte gefühlt durch die gesamte Straße und holen alle neugierigen Nachbarn ans Fenster. Vielleicht steht niemand an den Gartenzäunen oder hinter den Fenstern, doch es fühlt sich an als würde ich eine Arena betreten. Dabei steht mir der eigentliche Kampf noch bevor und er liegt hinter dieser braunen Tür, die einige Gebrauchsspuren aufweist.

Ich atme einmal tief durch, dann schließe ich die Haustür auf und trete in einen viel zu bekannten Flur.

»Hallo! Ich bin da!«, rufe ich, als hätte ich keinen Verdacht.

Ich mache mir nicht die Mühe, die Schuhe auszuziehen, werfe im Gehen lediglich einen Blick auf die Schuhe meiner Schwester, die letztes Mal noch keine Absätze hatten und deutlich kleiner waren. So kommt es mir zumindest vor. Über dem Treppengeländer hängen immer noch Taschen, doch die ganzen Zettel, die sonst an dem Spiegel hängen, sind weg.

Viel verdächtiger geht es in diesem Haus gar nicht.

»Hallo?«, rufe ich ein weiteres Mal kurz bevor ich in das Wohnzimmer trete, um die wartende Meute auf meine Ankunft vorzubereiten. Als ich dann mit dem Fuß die Schwelle überschreite, springen lediglich drei Personen aus den Ecken. Das laute Gekreische ist nicht so schlimm wie erwartet habe und auch das Korkenknallen bleibt weg.

Keine Überraschungsparty?

Doch ehe ich die Frage ausarbeiten kann, fällt meine Mum mir um den Hals. Ich bekomme ihre lockigen, kinnlangen Haare ins Gesicht und sie versperren mir die Sicht.

»Es ist so schön dich wiederzusehen!«, seufzte meine Mum an meinem Ohr und drückt mich so fest, dass mir die Luft wegbleibt. Ich klammer mich an ihr fest, drücke meine Nase an ihre Schulter und lasse mich von dem vertrauten Duft nach Waschmittel und Kuchen einhüllen, den ich so oft vermisst habe. In meinem Magen löst sich ein großer Stein, doch der Drang zu atmen lässt mich auf ihre Schulter klopfen.

»Luft, Mum«, bringe ich zwischen den Zähnen hervor, weil meine Lungen absolut ausgereizt sind.

»Oh, Verzeihung.« Ruckartig lässt sie von mir ab, macht einen kleinen Schritt nach Hinten und strahlt mich mit ihren braunen Augen an. Durch ihr breites Lächeln bilden sich kleine Fältchen unter den Augen. Ihre Haare, die ich zu meinem Leidwesen geerbt habe, hat sie heute sehr sorgfältig zurecht gemacht und Skepsis überfällt mich. Um so eine Frisur hinzubekommen, hat sie bestimmt zwei Stunden im Bad verbracht und das macht sie nur bei besonderen Anlässen.

Ich beiße mir auf die Lippe und schlucke das ungute Gefühl herunter, während mir ihre gebügelte Bluse auffällt.

»Es ist so schön dich zu sehen«, stößt meine Mum erleichtert aus und ihre Schultern sacken ein Stück nach unten, als ihr von der Seite ein Glas in die Hand gedrückt wird.

»Mach Platz, Lynn, auch die Großmutter hat ein Recht ihre Enkelin zu begrüßen.« Eine alte Frau drängt sich bestimmend vor meine Mutter, die es augenverdrehend über sich ergehen lässt. Meine Lippen verziehen sich zu einem Grinsen, als ich das vertraute, kurze, zottelige Haare sehe und das Gesicht, welches von Falten geziert wird. Ihre Lippen sind kirschrot und sie hat sich sogar die Mühe gemacht ein gestreiftes Kleid anzuziehen. Wenn ich nicht wüsste, dass sie auf die Siebzig zugehen würde, hätte ich sie auf maximal Fünfzig geschätzt.

Ich hoffe die Gene sind mit mir später genauso gnädig.

»Komm in meine Arme, Eve.«

»Hey, Gran«, lache ich, als sie mich an sich zieht.

»Gott, bist du mager geworden«, murmelte sie etwas schockiert und tastet in der Umarmung meinen Rücken und meine Arme ab.

Ein Satz den sie routiniert jedes Mal wiederholt, wenn wir uns nach langer Zeit wiedersehen.

»Da ich jetzt wieder da bin, kannst du mich mit Torten mästen.«

»Ich weiß nicht, ob ich so viele backen kann, wie du brauchst um wieder in Form zu kommen«, sagte sie und schiebt sich ein Stück von mir weg um mich stirnrunzelnd von oben bis unten mustern zu können.

»Dann tau doch die Tonnen Kuchen auf, die du eingefroren hast.« Die genervte Stimme lässt mein Herz etwas höherschlagen und ich finde an dem Esstisch, der mit Speisen überladen ist, eine sehr gelangweilte, aufgedonnerte Teenagerin wieder. Sie hat das spitze Kinn auf die Hände gestützt und die Beine überschlagen. In der zerrissenen Jeans – weswegen sie garantiert eine Auseinandersetzung mit Gran hatte – und einer schwarz karierten Bluse wirft sie mir einen genervten Blick zu. Das Haar, das ich noch nie in diesem roten Farbton gesehen habe, passt sich perfekt dem aufwendigen Make-up an.

Hätte ich mich mit Sechszehn so schminken können, hätte mir das einige grausame Erinnerungsbilder erspart.

»Die Tonnen Kuchen sind für absolute Notfälle.« Gran schüttelt leicht den Kopf, als würde eine Verrückte mit ihr sprechen.

»Schau dir Eve an. Sie ist ein Notfall«, grinst meine kleine Schwester diabolisch.

»Deine roten Haare sind der Notfall«, gebe ich zurück, woraufhin ihre Augen schmal werden und sie einen bösen Blick auf mich feuert. »Wann hast du das machen lassen? Als der Teufel dich aus der Hölle geschmissen hat?«

»Nein, nachdem Gran ihr ausversehen Marmelade ins Haar geschmiert und ihr die Farbe gefallen hat«, vernehme ich meine Mum mit scharfem Ton von der Seite.

»Es war ein Versehen. Kann ja keiner ahnen, dass sie sich direkt die Haare färbt«, grummelte Gran und drückt mir einen Teller mit Torte in die Hand.

»Glaub ihr kein Wort. Sie hat das mit dem roten Haar schon Wochen vorher vorgeschlagen«, flüstert meine Mum von der Seite, woraufhin die drei sich in eine hitzige Diskussion stürzen. Erst jetzt habe ich die Möglichkeit mich umzuschauen. Kein neues Möbelstück ist in den letzten Monaten dazugekommen. Um den Esstisch stehen immer noch die zusammengewürfelten Stühle und die Macken an dem alten Holztisch fallen mir ins Auge wie eh und je. Der Fernseher steht auf dem alten Schrank, der aussieht als würde er aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg stammen. Das Sofa und der Sessel, die um den gläsernen Wohnzimmertisch stehen, haben immer noch diesen widerlichen Braunton von dem mir schlecht wird und ich stehe auf dem Perserteppich, den Gran von irgendeiner Freundin Neunzehnhundertsiebzig bekommen hat. Nichts, wirklich gar nichts, hat sich hier verändert.

Und ich hätte nicht gedacht, dass mich das so glücklich macht.

Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, während ich mit einem Ohr der Diskussion lausche und dem hübschen Tannenbaum betrachte.

Tannenbaum?

Ich muss einige Male blinzeln um zu begreifen, dass die Geschenke, die unter dem Baum liegen keine Halluzination sind. Auch der Baum an sich scheint keine Lichtprojektion zu sein.

»Da steht noch ein Tannenbaum«, stelle ich fest, was meine Liebsten aus dem Gespräch reißt. Stirnrunzelnd betrachte ich die Wunderkerzen und das Feuerwerk, das sich direkt daneben befindet. »Habe ich mich mit dem Datum vertan oder habt ihr Weihnachten und Silvester verschlafen?« Verwirrt drehe ich mich um und sehe meine Schwester, die hilflos mit den Schultern zuckt, als hätte sie bereits ihr Bestes gegeben um mich vor dem kommendem zu bewahren.

»Naja«, setzt meine Mum an und hakt sich bei Gran unter, die ein Lächeln nicht verbergen kann, »zuerst wollten wir eine Überraschungsparty schmeißen…«

»Wovon ich sie abhalten konnte«, wirft meine kleine Schwester Amy ein und verschränkt selbstsicher die Arme vor der Brust, woraufhin sich ein hübscher Ausschnitt bildet von dem viele Frauen träumen können.

Wann zum Teufel hat meine Schwester Brüste bekommen?!

»Ja, sie hat eingeworfen, dass es nach allem was passiert ist vielleicht nicht die beste Idee mit der Überraschung ist«, gesteht meine Mum ein und streicht sich eine kurze Locke aus dem Gesicht. Ich ignoriere das mich bei ihren Worten meine Brust zusammenzieht und verschränke hastig die Hände hinterm Rücken. »Stattdessen dachten wir, dass wir Weihnachten und Silvester mit dir nachfeiern.«

»Ein symbolischer Neuanfang«, fügt Gran hinzu und stellt sich ein wenig gerader hin.

»Ein symbolischer Neuanfang?«, wiederhole ich langsam, werfe einen kurzen Blick zu Amy die langsam mit dem Kopf schüttelt und mir damit klar macht, dass das hier kein Scherz ist.

»Aber…«

»Komm schon, Eve. Es war so doof Weihnachten und Silvester ohne dich zu feiern. Das fühlte sich dieses Mal nicht richtig an«, erklärt meine Mum.

»Aber das ist doch nicht das erste Mal.«

»Aber diesmal wussten wir, dass wir dich bald wiedersehen und natürlich können wir verstehen, dass du Silvester dort sein wolltest.«

»Als Abschluss«, ergänzt Gran.

»Aber wir wollten mit dir das Jahr angefangen.«

»Ich nicht. Von mir aus hätte alles so weiterlaufen können«, vernehme ich Amy, woraufhin meine Mum empört mit der Zunge schnalzt.

»Mensch, Amy sei lesie!«

»Ich weiß, dass ich in diesem Haus kein Stimmrecht habe.«

»Erst ab Achtzehn, stimmt.«

»Wenn‘s nach mir geht erst wenn sie Sex, ihren ersten Kater und eine Sechs in der Schule hatte«, grummelt Gran und kassiert direkt ein wütendes Schnauben von meiner Mum. »Schon gut. Ich habe verstanden, dass das hier eher eine Monarchie als Demokratie ist.« Meine Oma hebt abwehrend die Hände und reckt selbstsicher das Kinn in die Luft, ignoriert den aufkommenden Wutanfall meiner Mutter.

»Eve, du hast keine Ahnung wie froh ich bin, dass du wieder da bist«, seufzt meine Mum und schüttelt den Kopf, als wären die letzten Wochen knochenharte Arbeit gewesen.

»Stell dich nicht so an«, protestiert Amy, die sich bereits an dem Essen bedient, das auf dem Tisch steht.

»Wer muss sich denn den ganzen Tag mit einer pubertierenden Nervensäge und einer schrulligen alten Frau rumschlagen?«

»Und wir müssen eine Krankenschwester in der Midlifecrisis ertragen. Ob das besser ist, ist die Frage«, gibt Gran zurück und zieht einen Stuhl zurück um darauf Platz zu nehmen.

»Ich habe keine Midlifecrisis. Ich bin zufrieden mit meinem Aussehen und meinem Leben.« Meine Mum nimmt einen großen Schluck aus dem Glas, das Gran ihr zuvor in die Hand gedrückt hatte und ich bin mir sicher, dass der Inhalt einen großen Alkoholanteil hat.

»Natürlich nicht.«

»Darum hast du neulich auch Botox gegoogelt«, ergänzt meine Schwester.

»Von einer Krankenschwester hätte ich erwartet, dass sie die Nebenwirkungen kennt.« Gran greift gelassen nach den Kartoffeln.

»Es war ein einziges Mal«, knurrt meine Mum und setzt sich demonstrativ zwischen die beiden, die wissende Blicke tauschen.

»Los, Eve. Lass uns Essen und wir erzählen dir noch ein wenig von den Problemen deiner Mutter. Immerhin musst du sie jetzt auch pflegen.« Meine Großmutter klopft auf den Stuhl neben sich und ich kann ein Grinsen nicht verkneifen.

»Ich bin kein Pflegefall!«

»Der bist du seit du aus meinem Bauch raus bist«, seufzt Gran, während sie ihren unfassbar leckeren Hackbraten auf meinen Teller lädt.

Hier hat sich wirklich nichts verändert. Sie sind alle genau so verrückt wie immer und das ist wunderschön.

 

 

Ich werde in mein Zimmer geschickt.

Das ist mir nicht mehr passiert seit ich Fünfzehn war. Und jetzt, wo ich nach den doofen Geschenken frage, steht meine Mutter auf und sagt mir, dass ich die erst morgen früh öffnen darf. Dass es bereits nach Mitternacht ist tut scheinbar nichts zu Sache. Meinen Vorschlag kurz auf dem Sofa so zu tun, als hätte ich geschlafen, wird sogar einstimmig von allen abgelehnt.

Amy könnte ich für das belustigte Grinsen gerne den Hals umgedreht. Das kleine Biest, das meine Schwester ist, weiß nur zu gut dass ich neugierig und ungeduldig bin. Sie genießt es mich so leiden zu sehen. Allerdings wird sie dafür von Gran zum Aufräumen verdonnert. Ein Job, den ich heute Abend gerne übernommen hätte, aber ich und Amy haben keine Chance gegen die zwei Stürköpfe.

Darum stampfe ich jetzt mit einer Sektflasche – die ich heimlich eingesteckt habe – die Treppen hoch. Ich werfe einen letzten Blick auf den Tannenbaum, dessen Kugeln bunt durch die Lichterkette schimmern und halte kurz inne. Diskussionen aus der Küche schallen durch das Haus und so böse die Stimmen manchmal auch klingen, so schön ist das Gelächter das folgt.

Mit der Hand umklammere ich das alte hölzerne Geländer und steige aus Gewohnheit über die knarrende Stufe, die mich einmal beim Rausschleichen verraten hat. Auf Zehenspitzen gehe ich unnötigerweise an den leeren Zimmern von Gran und meiner Mutter lang, werfe einen kurzen Blick auf die Bilder, die an der Wand hängen. Lediglich das Licht der Straßenlaterne lässt vereinzelt Gesichter erkennen. Wie früher lasse ich das Licht aus und taste mich ein wenig unsicher an dem Geländer entlang bis ich die Treppe zum Dachgeschoss erreiche.

Meine Mundwinkel zucken, als ich auch hier gekonnt die Stufe übergehe, die knarrt. Obwohl mein Herz noch halb in Mississippi hängt, spüre ich die Leichtigkeit, die es überkommt, als ich das Dachgeschoss erreiche. Ich sehe alte Kinderbilder und Zeichnungen von mir und Amy an der Wand hängen. Das Mondlicht schimmert sanft durch das Dachfenster.

Über ein Jahr ist es her, dass ich das letzte Mal hier oben war. Damals war es nur für wenige Wochen und zu Besuch. Diesmal bleibe ich und ich habe die ganze Hinfahrt überlegt, ob ich hier nochmal klarkommen werde. Jetzt wo ich vor meiner alten Zimmertür stehe und mich das Gefühl von Sicherheit umgibt, denke ich, dass das gut funktionieren könnte. Vielleicht sogar besser, als in jede meiner Vorstellungen.

Langsam öffne ich die Tür und taste an der Wand neben mir nach dem Lichtschalter. Einen Augenblick verweilt meine Hand und ich lasse das Gefühl von Vertrautheit zu. Obwohl der Raum fast leer ist und die meisten meiner Möbel noch in dem kleinen Transporter sind, der vor der Tür steht, fühle ich mich komplett.

Ich schalte das Licht an, woraufhin ich einige Male blinzeln muss. Ein leises Summen geht von der Lampe aus, mischt sich mit dem Lachen, das das Haus belebt. Etwas einsam steht ein altes Bett an der Wand. Daneben steht der kleine Nachttisch, den Gran mal vom Flohmarkt mitgebracht hat und die Wände haben immer noch denselben Orangeton, den sie haben seit ich Elf bin. Früher hat es mich gestört und ich habe mir immer wieder vorgenommen es zu ändern, aber in diesem Augenblick ist es die schönste Farbe, die ich seit langem gesehen habe.

Auf meinem Bett, das bestimmt meine Mutter hergerichtet hat, liegt eine dicke Jacke, die garantiert mal mir gehört hat. Doch als ich sie anziehe finde ich unbekannten Lipgloss in den Taschen.

Amy hat gesagt sie wüsste nichts von dem verschollenen Kleidungsstück. Was für eine kleine Heuchlerin meine Schwester doch ist.

Trotzdem lächle ich, als ich zu dem Dachfenster gehe und es öffne. Wie früher steige ich auf den Rahmen des Bettes und klettere mit der Sektflasche in der Hand auf das Dach. Die kalten Ziegel berühren meine warme Haut und sobald ich sitze, raffe ich die Jacke enger an mich. Ich war noch nie besonders gut, wenn es darum ging Flaschen zu öffnen. Doch diesmal will ich es schaffen.

Mit geschlossenen Augen halte ich den Sekt von mir weg und ziehe den Verschluss ab. Es gibt einen leisen Knall und im hohen Bogen fliegt der Korken in den Nachbarsgarten. Natürlich in den, in dem der böse Mr. Jenkins wohnt, der mir schon früher die ein oder andere Standpauke gehalten hat.

Naja. Morgen früh wird er dann wenigstens wissen, dass ich zurück bin.

Ich grinse, als ich einen Schluck aus der Flasche nehme und das Prickeln in meinem Mund spüre.

»Hättest du den Korken nicht woanders hin schießen können? Der alte Knacker hat mich erst Vorgestern angemeckert und jetzt kriege ich bestimmt noch was von ihm zu hören.«

»Du kannst mich ja verpetzten«, schlage ich vor, während Amy durch ihr Dachfenster raufklettert. »Oder aber du vergisst, dass ich das mit dem Korken war und dafür hast du nie mit mir hier oben gesessen und ein bisschen Sekt getrunken.« Mit hochgezogenen Augenbrauen und einem schiefen Grinsen, weil ich weiß, dass Amy nicht widerstehen kann, halte ich ihr die Flasche hin.

»Du bist durchtrieben«, stellt sie fest und greift mit einem anerkennenden Nicken nach der Flasche.

»Liegt in der Familie.«

Amy setz an und nimmt einen großen Schluck, wodurch ich Zeit habe meine kleine Schwester heute Abend in Ruhe von der Seite zu betrachten. Leider muss ich mir selber eingestehen, dass sie im letzten Jahr dem Erwachsensein sehr viel nähergekommen ist und ich habe nicht das Gefühl, dass sich das nur auf das Aussehen bezieht.

»Und?«, reißt Amy mich aus den Gedanken, »Wie ist es wieder hier zu sein?«

Ich betrachte den wolkigen Himmel über uns, der die Sterne verschlingt.

»Seltsam«, gebe ich zu und beiße mir auf die Lippe.

»Meinst du, du kommst mit uns drei Verrückten klar?«

»Mach eine Vier aus der Drei und…«

Ein lautes Poltern im Garten lässt mich im Satz anhalten. Mein Herzschlag stoppt und ich halte die Luft an, während ein weiteres metallisches Klirren ertönt.

»Keine Sorge. Den Besuch kennst du.« Sanft greift Amy nach meiner Hand und schenkt mir ein beruhigendes Lächeln. Eine Sekunde später tauchen die Sprossen einer Leiter vor mir auf. Reflexartig weiche ich ein Stück zurück und bin kurz davor zu Fragen, als die vertrauten Stimmen zu mir durchdringen.

»Ich habe doch gesagt, dass du andere Schuhe anziehen sollst.«

»Hör auf zu meckern und beweg deinen Hintern da hoch«, antwortet jemand anderes.

»Ich gehe doch«, gibt die andere Person leicht genervt zurück.

Knarrende Geräusche begleiten die Unterhaltung und ich kann nichts dagegen tun, als ich einen leicht begeisterten Blick zu Amy werfe, die mal wieder mit den Achseln zuckt.

»Ich musste das mit dem verrückten Abend doch irgendwie gut machen.«

Meine Augen schnellen zu der Leiter zurück als plötzlich ein vertrautes Gesicht über das Dach schaut. Die schwarzen Haare trägt sie jetzt als Bob und sie ist immer noch so verflixt dünn wie früher.

»Eve!«, kreischt Sophia leise und krabbelt in einer ungeheuren Geschwindigkeit über das Dach zu mir. Ich kann nichts anderes tun, als die Arme aufzureißen und meine älteste und beste Freundin zu empfangen. Sie lässt sich auf mich fallen und umklammert mich.

Im Augenwinkel erkenne ich einen weiteren Kopf der über den Dachrand schaut. Aschblondes Haar, das in einem unordentlichen Dutt steckt, verrät mir sofort um wen es sich handelt. Auf dem schmalen Gesicht steht ein breites Grinsen und ich unterdrücke einen leisen weiteren überraschten Aufschrei, als Zoe sich ebenfalls einfach auf mich schmeißt.

»Kinder«, vernehme ich Amy, während wir uns lachend umarmen.

»Gott, ist es schön euch zu sehen!«, seufze ich, als sie sich langsam von mir lösen.

»Wir hatten schon Angst, dass du nach den Dreißig Stunden Autofahrt völlig fertig bist und wir uns heimlich in dein Zimmer schleichen und dich wecken müssen.« Zoe nimmt Amy die Sektflasche aus der Hand.

Ich ignoriere das erdrückende Gefühl, das sich um meine Lungen schnürrt und behalte das Lächeln bei.

»Ich bin zwei Tage lang um die Fünfzehn Stunden gefahren, also ja ich bin müde, aber es geht noch«, erkläre ich. »Und jetzt erzählt mir lieber, wie der Streich lief.«

»Lief? Eve, der läuft noch immer und ich denke nicht, dass er in Zukunft aufhören wird.«

»Ernsthaft. Das war eine deiner bisher besten Einfälle«, stimmt Sophia Zoe zu, die siegessicher das Kinn in die Höhe reckt.

»Was für einen Streich?«, will Amy verwirrt von der Seite wissen.

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