11. Evelyn

Zoe: Komme mit Miles und Paxton.

 

Diese Nachricht habe ich vor dreizehn Minuten erhalten. Von der Bar bis zu mir braucht man höchstens Fünfzehn. Wenn meine niedrigen Mathematikfähigkeiten mich jetzt also nicht im Stich lassen, bleiben mir ganze zwei Minuten.

»Wir müssen nachher weiterspielen, Gran«, entschuldige ich mich und springe von meinem Stuhl auf. Ich lege eilig meine Karten verdeckt auf den Tisch und ignoriere ihr genervtes Brummen. Ohne ihr eine Erklärung zu geben, stürme ich aus dem Wohnzimmer und nehme drei Stufen auf einmal um nach oben zu gelangen. Meine sonst so leisen Schritte, gleichen jetzt dem einer Elefantenkuh und ich bin ein wenig erleichtert, dass Mum noch arbeitet und Amy auch unterwegs ist. Die Fragen von Gran werden mir nachher reichen.

Ich reiße ein wenig atemlos meine Zimmertür auf, schnappe mir den Pulli und die Jeans, die auf meinem ungemachten Bett liegen und wage einen kurzen Blick durch mein Dachfenster, das mir bisher nur den schwarzen Nachthimmel offenbart. Kurz halte ich die Luft an, lausche und stoße erleichtert Luft aus, als weder Stimmen noch das Geräusch einer Leiter, die aufgestellt wird, zu mir durchdringt.

Mit eiligen Schritten verlasse ich mein Zimmer und renne in das Bad. Den Blick in den Spiegel verkneife ich mir, denn mein eigener Anblick wird meinen Versuch halbwegs ansehnlich zu wirken, zunichtemachen. Vor Verzweiflung würde ich dann aufgeben und mich in dem alten Nachthemd meiner Gran auf das Dach setzten und den Footballern präsentieren.

Es wäre peinlich und würde wahrscheinlich jeden Funken Respekt für die nächsten Monate im Keim ersticken.

Rasch ziehe ich das rüschenbesticken Hemd aus und schlüpfe in meine Jeans, die viel zu eng ist und an meiner Haut klebt, während ich sie hochziehe. Ich gebe einen leisen Fluch von mir, greife nach dem Pulli und ziehe ihn über das Vogelnest, das eigentlich meine Haare repräsentieren soll.

Dann drehe ich mich und erblicke mein Antlitz im Spiegel. Einen Augenblick verharre ich etwas missmutig und umklammere den Kragen mit den Fingern. Meine Locken haben jede Form verloren, sehen aus als wäre ich durch einen Sturm gerannt, was eventuell an der Kissenschlacht mit Amy liegen könnte. In meinem Mundwinkel kleben Reste vom Schokoladeneis und mein Mascara befindet sich nicht mehr an meinen Wimpern, sondern auf der Haut unter meinen Augen.

Manche würden sagen, dass es sich bei mir um das Abfallprodukt eines Frauenabends handeln würde. Andere wiederrum würden es als natürliche Schönheit bezeichnen. Ich plädiere für letzteres. Dann fühle ich mich wenigstens nicht so schlecht.

Rasch stelle ich das warme Wasser an, befeuchte meine Hände und wasche mir die Schokoreste vom Mund. Ich klaube mir ein Wattepad von Amy mit dem ich verzweifelt Versuche den Mascara zu entfernen. Ein wenig Schwarz bleibt an dem Pad hängen, das ich achtlos auf dem Waschbecken ablege. Dann greife ich nach der Bürste und versenke die Borsten in meinem zerzausten Haar.

Miese Idee. Wirklich, wirklich miese Idee.

Ich komme keine zwei Zentimeter, dann breitet sich ein schmerzhaftes Ziehen auf meiner Kopfhaut aus. Tränen steigen mir in die Augen und ich stocke in der Position. Mein Mund öffnet sich ein Stück und ich hole scharf Luft, versuche die Bürste in meinem Haar zu bewegen, doch außer Schmerz tut sich nichts.

Das darf doch nicht wahr sein.

»Scheiße!«, sage ich laut zu meinem Spiegelbild, das das Gesicht verzerrt und in dessen Augen eine leichte Panik steht. Im selben Moment vernehme ich ein vertrautes Klopfen. Mein Blick wandert zu der Badezimmertür und zurück zum Spiegel, der mir zeigt, dass eine große Bürste auf meinem Kopf sitzt. Ich lasse sie los und meine Schultern sacken ein Stück nach unten, als die Bürste in meinem Haar verweilt ohne sich einen Millimeter zu bewegen.

Warum habe ich diese Kissenschlacht mitgemacht?!

Erneutes Klopfen erinnert mich daran, dass gerade drei Leute auf dem Dach vor meinem Fenster sitzen. Entweder ich gehe mit dieser Bürste im Haar zu ihnen und lasse den Spott über mich ergehen oder ich warte bis Zoe unten klingelt und meine Gran den Braten riecht, den ich veranstaltet habe.

Da gibt es nichts zu überlegen.

Ich nehme jeden Rest meines Selbstvertrauens zusammen, den ich bei meinem Anblick auftreiben kann, recke das Kinn in die Höhe und mache den Rücken gerade. Es sind nur zwei Vollidioten und Zoe, die draußen an meinem Fenster hocken. Ich habe schon schlimmeres überstanden.

Viel Schlimmeres.

Ich hole ein letztes Mal tief Luft, ehe ich mein Zimmer betrete. Zoes blonde Haare fallen fast auf das Glas, während sie mir zuwinkt. Ihr Lächeln wandelt sich zu einer verwirrten Miene, als ich näherkomme. Mit gelangweilter Miene steige ich auf mein Bett und öffne das Dachfenster. Die Blicke der beiden Männer sind mir durchaus bewusst und ich spüre, dass meine Wangen hitzig werden. Ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange und klettere auf das Dach. So elegant wie möglich setzte ich mich hin und schaue in drei verwirrte und teils belustigte Gesichter.

»Was ist passiert?«, kommt Zoe meiner Begrüßung zuvor und hebt fragend die Augenbrauen.

»Kissenschlacht mit Amy«, erkläre ich knapp ohne die beiden Footballer zu beachten, die Blicke tauschen.

Ja, ihr Idioten, ich weiß, dass es beschissen aussieht!

Doch den Gedanken behalte ich für mich, zucke stattdessen mit den Schultern und tue so, als würde diese große Bürste in meinem Haar nicht existieren.

»Tut das nicht weh?«, vernehme ich Miles von der Seite. Auf seinem kantigen Gesicht steht ein fragender Ausdruck.

»Nein, da fühlen sich die Haare nach einer Meisterschaft schlimmer an.«

»Schlimmer als das? Wie geht das?«, will Ryan Paxton wissen, der mit locker angewinkelten Beinen schräg vor mir sitzt. Ich habe versucht ihm und seinen zuckenden Mundwinkeln keine Aufmerksamkeit zu schenken, aber jetzt komme ich nicht drum herum.

Seine Jeans wirkt schwarz in der Dunkelheit und das graue T-Shirt unter seiner Lederjacke ist ein Stück verrutscht, sodass ein Stück Haut seiner Hüfte hervorblitzt. Das Licht aus meinem Zimmer fällt auf sein Gesicht, lässt seine Gesichtszüge noch maskuliner und schroffer wirken. Die schwarzen kurzen Haar verschwinden fast im Nachthimmel und ich verpasse mir innerlich eine Ohrfeige, weil ich ihn so lange gemustert habe.

»Du hast nie gesehen wie toupiert wird, oder?«, frage ich und bemerke wie Zoe neben mir einen flüchtigen Blick zu Miles wirft, der sich entspannt ein Stück nach hinten lehnt ohne Angst zu haben abzurutschen und die leichte Dachschräge nach unten zu schlittern. Eine der größten Ängste meiner Mutter. Deswegen hat sie uns früher verboten auf das Dach zu steigen, aber irgendwann waren wir zu alt, haben es trotzdem heimlich gemacht und sie hat nach einer Diskussion mit Gran kapituliert.

»Ist das nicht einfach der hohe Zopf?« Miles schaut zu Paxton, der den ahnungslosen Blick erwidert.

»Himmel nein«, stöhnt Zoe auf. »Dabei kämmt man entgegen der Haarrichtung und befestigt das Ganze mit Haarspray.«

»Entgegen der Haarrichtung?«, fragt Miles nun irritiert, woraufhin Zoe den Mund öffnet.

»Lass es gut sein. Es würde zu lange dauern den Beiden das zu erklären«, gehe ich dazwischen, ehe meine Freundin sich mal wieder über das nicht vorhandene Fachwissen mancher Mitmenschen echauffieren kann. Allerdings kann ich es den beiden Footballern nicht verübeln. Mit ihren kurzen Haaren muss man sich schließlich nicht mit verschiedenen Frisuren beschäftigen.

»Willst du damit andeuten, dass wir zu dumm sind um sowas zu verstehen?« Paxtons Stimme hat einen scharfen Unterton angenommen, der mich dazu bewegt ihm direkt in die Augen zu blicken. In dem Licht wirken sie nicht mehr so strahlend blau sondern fast düster.

»Das war keine Andeutung, sondern eine Feststellung«, gebe ich kühl zurück. Wenn er mich wegen einer Aussage, die ich ihm nicht mal übelnehme, so anfährt, werde ich keine Sekunde lang nett zu ihm sein.

Vollidiot.

»Selbst mit einer Bürste in deinen zerzausten Haaren hast du noch genug Eier, die mit mir anzulegen?« Er beugt sich ein Stück nach vorne und in seinen Augen blitz etwas auf, das ich nicht zuordnen kann.

»Selbst in einem Kartoffelsack würde ich nicht klein beigeben.«

Gott. Warum denkt der Idiot bloß so oberflächlich?! Als würde mein Aussehen über mein gesamtes Auftreten und Selbstvertrauen bestimmen.

»Leute, wir sind nicht hier um über Haare zu diskutieren und Kartoffelsäcke«, werden wir von Zoe erinnert, die ein Stück näher rutscht und Miles ihr Handy in die Hand drückt. »Mach mal die Taschenlampe an«, befiehlt sie dem Quarterback, der gehorcht und anschließend auf meine Haare leuchtet.

»Für eine Flechtstunde bin ich aber auch nicht hergekommen«, schnaubt Ryan Paxton und nimmt einen Schluck aus einer Flasche, die neben ihm steht. Der Geruch von Alkohol kommt mir entgegen und ich schaue zu Zoe, die die Augen verdreht.

Wo hat er den Alkohol den jetzt so plötzlich herbekommen? Oder war ich nur zu doof diese Flasche zu bemerken? Aber wenn sie die ganze Zeit neben ihm steht, warum habe ich sie dann übersehen?

Weil du ihn angestarrt hast, erinnert mich eine Engelsstimme, die ich gerne ausschalten würde.

»Entspann dich, Paxton«, kommt es kühl von Zoe. »Oder habe ich dich gebeten mir die Haare zu machen?«

Er presst die Lippen zusammen und feuert einen bösen Blick auf die Blonde neben mir, die sanft mit ihren Fingern in mein Haar fährt. Leider löst schon das ein Ziepen aus, das mich das Gesicht verziehen lässt. Natürlich sieht Paxton das ganz genau und sein Mund verzieht sich zu einem amüsierten Grinsen.

Schön, dass der Schmerz anderer ihm so Spaß macht.

»Wir müssen Montagmorgen noch Mal zum Direktor«, beginnt Zoe und unterbindet somit weitere sinnlose Unterhaltungen. »Aber dafür müssen wir einen effektiven Vorschlag machen und uns wie eine Einheit vor ihm aufstellen. Er darf nicht denken, dass wir weiterhin gegeneinander arbeiten. Darum würde ich auch einen Waffenstillstand vorschlagen über dessen Regeln und Bedingungen wir jetzt verhandeln.« Sie zieht an einer Strähne und es gibt ein Reißgeräusch, bei dem sich Paxtons Augen ein Stück weiten. Doch dann holt er Luft und lässt es unkommentiert.

»Keine Streiche. Weder peinliche Bilder noch was mit lebendigen Tieren oder andere Schikane«, gibt Miles gelangweilt von sich und betrachtet Zoes Hände, die an meinen Haaren zerren.

»Das wird ihm nicht reichen«, kommt es gleichzeitig aus dem Mund von Ryan Paxton und mir. Ich verkrampfe und schaue zu dem Footballer, der sich mit der Zunge über die Lippen leckt. Mir wäre es lieber gewesen, wenn Miles den gleichen Gedanken ausgesprochen hätte. Der scheint nämlich nicht so ein absoluter Idiot zu sein.

»Wir müssen auch längerfristig denken«, fasst Paxton sich vor mir und schaut zu Miles und Zoe, die ihre überraschten Blicke nicht verstecken.

»Ich würde sagen, dass es ab jetzt keine Diskussionen mehr darüber gibt, welcher Sport besser ist.«

Zustimmend nickt Ryan mir zu und fährt sich mit der Hand durch das kurze Haar. »Außerdem sollten wir bei ein paar Veranstaltungen der Uni zusammen auftreten, um das Image wieder aufzubessern. Das würde Mr. Thompson bestimmt gefallen.«

»Das wäre ein guter Vorschlag für morgen«, stimmt Zoe zu. »Dann sollten wir noch mit dem gesamten Team sprechen, damit keinerlei Stress aufkommt zwischen den Parteien. Ich schätze, dass uns der kleinste Streit zurückwerfen könnte, sollten wir ihn morgen überhaupt überredet bekommen.«

»Ich werde mit meinem Dad sprechen. Vielleicht kann er wieder was drehen.« Arroganz schwingt in der Stimme von Ryan mit und am liebsten würde ich ihn fragen, ob er jemals was ohne Daddy auf die Reihe bekommt, doch ich beiße mir auf die Zunge. Immerhin könnte er meine Rettung sein und mich vor dem bewahren von dem ich heute Nacht garantiert Alpträume bekommen werde. Egal was ich versuche dagegen zu unternehmen.

Gedankenverloren starre ich auf ein Blatt, das auf dem Dach liegt und bemerke den Blick, den Miles meiner Freundin von der Seite zuwirft. Ich erinnere mich an die Unterhaltung zwischen ihnen, wie er seinen Arm um sie gelegt hat und sie es hat geschehen lassen.

Und dann kommt mir ein Gedanke, den ich eigentlich nicht aussprechen will. Zumal es Zoe wahrscheinlich missfällt, aber gerade muss ich an mich denken und sobald ich aus der Nummer raus bin, kann sich die Regel ja wieder aufheben. Doch bis dahin, wäre sie wahrscheinlich die Wichtigste.

»Keine Beziehungen zwischen Cheerleadern und Footballern«, werfe ich in die Runde, woraufhin Zoe innehält und Miles Augenbrauen ein Stück nach oben wandern. Nur Ryan Paxton schaut mich ruhig an, als hätte er die gleiche Idee im Kopf gehabt. »Weder Rumknutschen noch Sex«, erkläre ich. »Das führt alles nämlich nur zu Eifersucht und Streit und das ist das, was wir ausschließen wollen.«

»Das ist lächerlich«, protestiert Miles.

»Ich find’s auch etwas übertrieben«, springt Zoe ihm sofort zu Hilfe.

»Sie hat völlig Recht.« Meine Augen treffen auf die von Ryan Paxton. Kein Ausdruck ist auf seinem Gesicht zu erkennen und er bewegt sich nicht, hält meinem Blick stand. »Keine Beziehung zwischen Cheerleadern und Footballern.«

Ich schlucke schwer und mein Herz macht aus dem Nichts einen verdächtigen Hüpfer.

»Gut, dann wäre das ja geklärt«, versuche ich so ruhig wie möglich zurückzugeben und wende mich zu Zoe. »Oder hat da einer ein Problem mit?« Wieder zucken Paxtons Mundwinkel, doch weder Zoe noch Miles lassen sich etwas anmerken.

»Macht mir nichts. Dann nehmen wir so lange eben die Schwimmerinnen oder was sonst noch zur Verfügung steht«, erklärt der Quarterback achselzuckend. Kaum merklich verkrampfen sich Zoes Hände in meinem Haar, doch mir entgeht es nicht.

»Und wir können uns an die Hockey Spieler oder Fußballer halten«, gibt sie so kühl wie möglich zurück. Aber ich kenne sie zu lange und zu gut, als das mir der gekränkte Unterton in ihrer Stimme entgehen würde.

Ich weiß nicht warum, aber ich schaue zu Ryan. Im selben Moment wendet er die Augen von Miles, der nach der Flasche greift, die er ihm hinhält und schaut zu mir. Ich kenne den Kerl nicht und er ist mir zuwider. Dennoch weiß ich, dass wir in dem Moment den selben Verdacht bestätigt bekommen haben.

»Könnte interessant werden«, sagt er leise und ich frage mich, ob die Beiden, die plötzlich neben uns anfangen über potenzielles Eroberungsmaterial zu diskutieren, das überhaupt gehört haben. Meine Mundwinkel verziehen sich ungewollt zu einem Lächeln und ich schaue rasch zur Seite. Immerhin soll er nicht denken, dass ich wegen ihm grinsen muss. Auch wenn das gerade leider der Fall ist.

Das Knallen einer Autotür unterbricht die seltsame Situation auf dem Dach. Wir alle schauen zur Straße vor dem Haus. Ich erkenne die vertrauten roten Haare und den Gang meiner Schwester, die in ihrer Handtasche nach etwas zu suchen scheint. Als das Taxi losfährt, übertönen die Motorgeräusche fast das Schluchzen.

Aber eben nur fast.

Vor Sorge zieht sich mein Magen zusammen und meine Stirn legt sich in Falten. Ich balle die Hände zu Fäusten und werfe einen unruhigen Blick zu dem anderen Dachfenster.

»Ich denke, das war unser Stichwort«, vernehme ich Ryan Paxton, der sich erhebt und zu der Leiter geht, die an der Hauswand lehnt. »Wir sehen uns Montag vor dem Büro des Direktors«, wendet er sich an mich, während Miles Zoe hochhilft.

»Klar«, stimme ich zu, bemerke den mitleidigen Blick von Zoe.

»Ruf mich an, wenn du die Bürste nicht rausbekommst.«

»Mache ich«, erwidere ich mit einem schiefen Lächeln, das meine Augen nicht erreicht. Gedanklich bin ich schon bei Amy, die in dem Moment die Haustür energisch zuknallt.

»Dann bis Montag«, sagt Miles, ehe er die Leiter hinuntersteigt. Er nickt mir kurz zu, dann verschwindet sein Kopf langsam. Wortlos folgt Zoe ihm, doch auch ihr Blick rutscht eine Sekunde zu dem Dachfenster von Amy.

»Denk ja nicht, dass ich deine Aktionen nicht vergesse«, meldet Ryan Paxton sich aus dem Nichts und stellt sich vor mich. Ich hebe den Kopf ein Stück, um ihn ins Gesicht zu blicken, wobei die Bürste in meinem Haar etwas verrutscht. Scheinbar hat Zoe sie etwas lösen können.

»Die Genialität kann man auch gar nicht vergessen.« Ich erwidere den herausfordernden Blick bis er sich mit schief grinsenden Lippen abwendet, um die Leiter hinunterzusteigen. »Ach und, Paxton?«, ziehe ich seine Aufmerksamkeit erneut auf mich, wobei er erwartungsvoll die Augenbrauen hebt. »Die Regel gilt übrigens auch für deine erbärmlichen Anmachsprüche.«

»Erbärmliche Anmachsprüche?«, wiederholt er kopfschüttelnd. »Lass uns ehrlich sein, Jones. Wenn du nicht gewusst hättest, wer ich bin, wärst du drauf eingegangen.«

»Nicht in deinen kühnsten Träumen«, widerspreche ich langsam. Einen langen Moment schaut er mich an, scheint abzuschätzen, ob er eine Antwort wagen soll.

»Gute Nacht, Jones«, ist das Einzige, das er dann noch sagt, ehe er die Leiter hinabsteigt.

»Nacht, Paxton«, sage ich, spüre wieder ein seltsam unregelmäßigem Herzschlag und lehne mich zurück. Stimmen dringen von unten zu mir, dann wird die Leiter beiseite genommen. Ich atme tief durch.

Was ist bloß los mit mir?

Doch ehe ich meine Frage weiter erörtern kann, schallen Amys wütende Worte die Treppe hoch, mischen sich mit ihren schnellen Schritten.

Amy. Mein Herz rast nur so, weil ich mir sorgen um sie mache.

Schnell klettere ich wieder in mein Zimmer, lasse das Fenster offen stehen und bleibe fast mit der Bürste am Rahmen hängen. Ich springe mit einem großen Satz von dem Bett und laufe zum Flur. Als ich den Kopf aus der Zimmertür stecke, entdecke ich meine Schwester, die gerade die oberste Stufe der Treppe erreicht.

Ihre roten Haare sind zerzaust und schwarze Mascara Spuren ziehen sich über ihre Wangen, die gerötet sind. Ihre schwarze Bluse sitzt leicht schief und die blaue, enge Jeans hat irgendwelche Flecken von Getränken. Bei einem Schritt nach vorne, wackelt sie verdächtig auf den hohen Schuhen, deren Absätze mindestens zehn Zentimeter hoch sind und als ich nach vorne greife, um sie vorm Sturz zu bewahren, schlägt mir der Geruch von Alkohol entgegen.

»Ich kann das alleine!«, faucht Amy und stößt mich energisch beiseite.

»Was ist…?«

»Lass mich in Ruhe!«, schreit sie aufgebracht und lässt mich nicht ausreden. Blinzelnd starre ich meine kleine Schwester an, die auf dem Absatz kehrt macht und in ihr Zimmer stürmt. Die Tür knallt laut zu und ich zucke überrascht zusammen.

So habe ich sie noch nie gesehen.

Und so wie ich Amy kenne, hätte sie eigentlich einen dummen Spruch zu der Bürste in meinem Haar bringen müssen. Solche Gelegenheiten lässt meine Schwester sich nicht entgehen.

Was hat sie nur?

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