Amy hat beschlossen die gesamte Welt zu hassen. Es ist völlig egal wer oder was ihr in die Quere kommt, jeder bekommt ihre tiefste Abneigung zu spüren. Warum das so ist? Ich habe absolut keinen blassen Schimmer und es sieht nicht so aus, als würde sie in naher Zukunft mit einem von uns sprechen.

Mum hat fast den ganzen Sonntag vor Amys Tür verbracht und versucht mit ihr zu reden bis Gran sie gegen ihren Willen weggezogen und zur Arbeit geschickt hat. Danach stand sie in der Küche und hat das Abendessen vorbereitet, doch auch das hat wesentlich länger gedauert als sonst, weil Gran alle paar Minuten einen besorgten Blick die Treppe hinaufgeworfen hat. Während die beiden kläglich vor ihrer Tür gescheitert sind, habe ich versucht Amy an ihrem Dachfenster abzufangen, doch kaum hatte ich dagegen geklopft, zog sie die Jalousien zu.

Es ist ungewöhnlich in diesem Haushalt, dass man nicht über seine Probleme spricht. Wahrscheinlich wäre das in anderen Familien völlig normal, doch bei uns ist es anders. Dadurch, dass wir ein absoluter und chaotischer Weiberzusammenschluss sind, in dem es die unterschiedlichsten Charakterzüge und Altersstufen gibt, sucht jeder bei jedem Rat.

Diesmal scheint es allerdings anders zu laufen und keiner von uns findet Zugang zu ihr, was auch erklärt warum sie ohne ein Wort mit grimmiger Miene und dicken Ringen unter den Augen aus dem Haus verschwunden ist.

Ich hatte nicht ein Mal die Chance ihr anzubieten, sie in die Schule zu fahren. Dabei hat Mum extra den Wagen dagelassen in der Hoffnung, dass ich etwas aus Amy herausbekomme. Auch wenn ich die letzten Monate nicht besonders viel mit ihr gesprochen habe, konnten wir immer reden, wenn einer sich nicht gut fühlte oder Sorgen hatte.

Irgendetwas scheint sich verändert zu haben und ich habe keine blasse Ahnung was es ist.

Und weil ich es Zuhause nicht mehr ausgehalten habe, bin ich um sieben Uhr in die Uni gefahren, habe mich in die Bibliothek gesetzt und versucht irgendwie den Stoff der letzten Woche auf die Reihe zu bekommen. Mit Amy im Hinterkopf ist das allerdings kein besonders sinnvolles Unterfangen gewesen.

Mein Blick wandert zu der großen Wanduhr, deren Ticken erbarmungslos durch die große Halle schallt und jeden anwesenden Studenten verrückt machen will. Ich hole tief Luft und schlage den dicken Wälzer vor mir zu, den ich versucht habe die letzte halbe Stunde zu verstehen. Hat natürlich nicht funktioniert. Mit Gewichten an meinen Füßen raffe ich mich auf und schleppe mich aus der Bücherei, wobei ich der Bibliothekarin noch ein halbwegs freundliches Lächeln zuwerfe.

Ich habe noch über eine halbe Stunde Zeit, bis wir uns vor dem Büro des Direktors treffen und meine Augen fallen mir jetzt schon zu. Normalerweise bin ich kein Mensch, der morgens auf Kaffee angewiesen ist, aber ich glaube, heute bleibt mir nichts anderes übrig, wenn ich den Tag überstehen will. Während ich links abbiege und das kleine Café am Rande des Campus ansteuere, krame ich meine Geldbörse aus meiner Jackentasche und zähle die letzten paar Dollarscheine, die ich bei mir habe.

Für einen Kaffee sollte das noch reichen.

Ich bleibe stehen um das Portemonnaie wieder zu verstauen, wobei mein Blick in das Café fällt an dessen Tisch zwei bekannte Gesichter sitzen, die ich erst vor dem Büro erwartet hätte. Sie wirken ein wenig aufgebracht und haben sich beide nach vorne gelehnt, als wären sie in einer Diskussion vertieft und ich frage mich, ob sie die Getränke vor ihnen bereits vergessen haben.

Könnte interessant werden, meldet sich eine tiefe Stimme in meinem Kopf, während ich Zoe und Miles betrachte.

Ja, wir hatten beide denselben Gedanken gehabt. Doch während ich mit Amy beschäftigt war, habe ich ganz vergessen Zoe zu fragen, ob ich was falsch interpretiert habe. Je länger ich diese Unterhaltung jedoch betrachte, desto überflüssiger wird eine Frage.

»Hätte nicht gedacht, dass die bereits jetzt den ersten Zoff haben«, brummt jemand neben mir, woraufhin ich überrascht herumwirble. Ich streiche mir eine Strähne aus dem Gesicht und starre Ryan Paxton an, der in einer dunklen Jeans und einem hellgrauen Pulli steckt über den er eine schwarze Bomberjacke trägt. Mit den weißen Sneakern an seinen Füßen sieht er aus, als wäre er aus einem Modemagazin entsprungen und ich bin sauer auf mich selbst, weil ich sowas über ihn denke.

»Hat Zoe dir geschrieben, oder bist du wegen des Kaffees hier?«, will er mit hochgezogenen Augenbrauen wissen, während ich die Augen nicht losreißen kann. Ich presse die Lippen zusammen und zwinge mich nicht rot zu werden oder irgendwelche Flüche auszustoßen.

»Kaffee«, gebe ich knapp zurück. Eigentlich möchte ich noch etwas sagen, doch das hier ist Ryan Paxton. Wir sind keine Freunde, also brauchen wir auch keine großen Gespräche führen und über mich muss er auch nichts wissen. Das was er weiß, reicht schon völlig aus.

»Gut, dann lass uns den holen und danach die Konversation der beiden sprengen.«

Ich hätte ihm nicht zugetraut, dass er so ein Wort wie Konversation im Alltag gebraucht oder überhaupt kennt.

Überrascht bilden sich Falten auf meiner Stirn, doch ich wende mich rasch ab und drücke die schwere Holztür des Cafés auf. Sofort strömt mir der Geruch nach frischen Bohnen und Gebäck in die Nase. Es ist angenehm warm und leises Gemurmel kommt von den Tischen, die fast alle belegt sind. Hinter dem Tresen wirbeln drei Leute in Uniform herum, gießen Getränke ein, räumen die Spülmaschine aus und stellen fertige Bestellungen auf ein Tablett, um es gleich darauf an einen Tisch zu bringen.

»Guten Morgen. Was darf’s sein?«, begrüßt der junge Mann mit blonden Locken mich, als ich mich vor die Theke stelle. Er hat ein strahlendes Lächeln aufgesetzt und ich frage mich, ob er das bis heute Abend noch durchhält.

»Einen Cappuccino, bitte«, sage ich, als Paxton neben mich tritt und auf die Tafel an der Wand schaut, an der alle Getränke aufgelistet sind. Die Augen des blonden Lockenkopfes wandern zu Paxton und schließlich wieder zu mir.

»Zahlst du, Paxton?«, fragt er plötzlich meinen ungebetenen Begleiter, der ein wenig überrascht den Kopf senkt und dem Typen hinter dem Tresen betrachtet. Dann huschen seine Augen zu mir und ein arrogantes – wirklich widerliches – Grinsen tritt auf seine Lippen.

»Garantiert nicht«, gibt er unfreundlich zurück und obwohl der Idiot mir am Arsch vorbeigeht und ich weiß, dass er dämlich ist, versetzt es mir einen leichten Schlag in die Magengrube.

Statt das zuzugeben, verdrehe ich die Augen und schüttle genervt den Kopf. Doch nur so lange, bis ich das breite Grinsen von dem Blonden sehe.

»Gut, dann geht der Kaffee auf mich.« Ich bin auf diese Aussage nicht vorbereitet und blinzle einige Male, bis ich verstehe, dass das schiefe Grinsen mir gilt. Es hat etwas Verschmitztes und erst das genervte Stöhnen von Ryan Paxton und seine Bestellung holen mich aus der Starre.

Meine Mundwinkel wandern ein Stück nach oben und mein Herz nimmt einen seltsamen Rhythmus an. Ich spüre die Hitze, die in meine Wangen schießt und streiche mir vorsichtig eine Strähne hinter das Ohr.

Es ist ungewohnt.

Mit diesem dämlichen Gehabe von Ryan Paxton konnte ich umgehen, weil es nicht ernst gemeint war. Aber das hier? Dieser blonde Typ mit dem süßen Lächeln ist eine ganz andere Nummer. Früher habe ich solche Sachen locker abgewunken, aber das ist schon eine ziemlich lange Zeit her und so wie mein Körper reagiert, scheine ich komplett aus der Übung zu sein.

»Danke«, bringe ich irgendwie hervor und erwidere das Lächeln, das er mir schenkt, ehe er sich abwendet und sich unserer Bestellung widmet. Mein Herz pocht in meiner Brust und ich betrachte den Fremden von Hinten. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und eine blaue Jeans, die jedoch ein wenig von der Schürze verdeckt wird, die zu der Uniform des Ladens gehört.

»Soll ich euch ein Zimmer organisieren?«, zieht Paxton meine Aufmerksamkeit auf sich. Das Lächeln auf meinen Lippen verrutscht und ein ziemlich überheblicher Typ schaut mich von oben herab an. Die Arroganz, die in seinen Augen steht, treibt mich schon jetzt in den Wahnsinn. »Wenn du dich nicht traust, kann ich ihn auch nach seiner Nummer fragen.«

Warum rede ich noch gleich mit dem Trottel?

»Keine Angst, sowas kriege ich schon alleine hin«, knurre ich, während der blonde Lockenkopf die Tassen auf den Tresen stellt. Ich blende Ryan aus und schenke ihm ein zartes Lächeln, greife dabei nach meinem Kaffee und warte keine Sekunde länger auf Ryan.

Mit erhobenem Kinn stolziere ich durch das Café und direkt auf Zoe und Miles zu, die mich nicht bemerken. Paxton schließt rasch zu mir auf, nachdem er dem netten Kerl noch was zu gemurmelt hat und ich hoffe inständig, dass es nichts Böses war.

»Das ist dämlich!«, vernehme ich Miles, der sich mit verschränkten Armen zurücklehnt.

»Dämlich? Das was du abziehst, ist ja wohl…« Meine Freundin stockt mitten im Satz, als wir die letzten zwei Meter zu dem Tisch überbrücken und ich mich ohne ein Wort auf den Stuhl neben sie fallen lasse. Ryan tut es mir gleich, setzt sich zu Miles, dessen schockierter Blick zwischen uns Neuankömmlingen hin und her schweift.

»Stören wir?«, will ich wissen und schenke Zoe ein bittersüßes Lächeln, was die Panik in ihren Augen nicht mindert.

»Bezweifle ich. Wahrscheinlich geht es nur um den anstehenden Besuch beim Direktor, oder Miles?«, fragt Ryan gedehnt und nippt an seinem Getränk, wobei er den Quaterback nicht aus den Augen lässt. Dieser mahlt mit dem Kiefer, wirft einen kurzen Blick zu mir und bemerkt, dass auch ich ihn aufmerksam betrachte.

»Klar, worum sollte es sonst gehen.« Er brummt die Worte und greift nach der noch vollen Tasse vor ihm. Neben mir ballen die Hände von Zoe sich zu Fäusten und ein zorniger Ausdruck tritt auf ihr Gesicht, der sich da jedoch nur eine Sekunde hält.

»Wunderbar. Dann sollten wir uns alle daran erinnern, dass wir jede Auseinandersetzung zwischen uns vergessen, bis wir aus dem Büro des Direktors raus sind. Danach können wir erneut besprechen, wie es weitergeht«, erklärt Ryan, wobei seine Augen an Miles kleben. Eine kurze Sekunde schweifen sie zu mir und es kostet mich Mühe ihm nicht einen bösen Blick zu zuwerfen, nachdem er so eine doofe Nummer mit dem netten Kerl abgezogen hat.

Leider hat er recht. Einen kurzen Moment müssen wir jede Auseinandersetzung vergessen.

»Gut, dann trinken wir jetzt aus und machen uns danach auf den Weg«, kommandiert Paxton uns herum mit einem Ton, der an einen Kindergärtner erinnert, der mit seinen Schützlingen spricht.

»Du kannst normal mit uns sprechen«, gebe ich genervt zurück. Er öffnet ein Stück den Mund nur um ihn gleich darauf zu schließen. Ich weiß genau, dass er eine pampige Antwort parat hatte und sie mit aller Mühe zurückhält, als er sein charmantes Lächeln aufsetzt.

»Entschuldige, Eve«, gibt er zuckersüß zurück und verwendet zum ersten Mal meinen Spitznamen. Ich will ihm sagen, dass er nicht das Recht dazu hat, doch stattdessen halte ich jede Emotion zurück und nehme einen Schluck von dem heißen Kaffee.

Einfach entspannen und atmen und Paxton so gut es geht ignorieren.

»Hast du mit deinem Dad gesprochen?«, meldet Zoe sich, die wieder alle Sinne beisammen zu haben scheint.

Es wäre mir bestimmt nicht aufgefallen, wenn ich ihn nicht über den Tassenrand hinweg fixiert hätte. Doch Ryan verkrampft sich. Er presst die Zähne zusammen und eine Kälte tritt in seine Augen, die ich dort noch nie zuvor gesehen habe. Seine Finger umschließen fest den Kaffee und ich habe einen Augenblick Angst, dass das Porzellan nachgibt.

»Ja«, gibt er angespannt zurück, wendet eilig den Kopf ab und schaut zu Zoe. »Ich weiß nur nicht, ob’s was gebracht hat. Das wollte er mir nicht sagen.«

»Dann werden wir wohl warten müssen, was Mr. Thompson sagt«, seufzt Miles und schaut aus dem Fenster.

Obwohl ich ihm am liebsten den Hals umdrehen würde – so wie eigentlich immer – hoffe ich ganz fest, dass er etwas bewirken konnte. Ansonsten habe ich ein ganz, ganz großes Problem, bei dem sich mir jetzt schon die Nackenhaare aufstellen.

 

 

Die Stimmung zwischen uns Vieren ist kühl. Miles und Zoe versuchen sich zu ignorieren, Zoe ist sauer auf mich, weil ich in ihre komische Unterhaltung mit Miles geplatzt bin. Ryan wird von ihm dauerhaft mit bösen Blicken und Kommentaren gestraft und ich versuche irgendwie ein halbwegs normales Gespräch mit Paxton zu führen. Und um ehrlich zu sein: Jede Unterhaltung zwischen einem Demokraten und Republikaner wäre gefühlvoller, warmherziger und echter, als das seltsame Geplänkel zwischen uns.

Ich weiß nicht Mal wie wir den Weg zum Büro von Mr. Thompson mit dieser Stimmungslage überbrücken konnten ohne, dass es Tote oder Verletzte gab. Nein, das ist so nicht ganz wahr. Ich bin mir sehr sicher, dass zwei Personen in der Runde sehr verletzt sind. Allerdings weiß ich nicht, wer von wem am Meisten verletzt wurde. Am wahrscheinlichsten ist es jedoch, dass Miles und Zoe sich gegenseitig eine Kugel verpasst haben und beide innerlich langsam verbluten.

Mein Blick schweift zu der Blonden, die mit starrer Miene auf ihre Fußspitzen schaut und sicherlich versucht Miles zu ignorieren. Der hingegen bekommt es nicht hin zwei Minuten nicht zu ihr zu schauen. Er sitzt schräg neben ihr und dauernd hebt er für eine Millisekunde den Kopf.

»Langsam wird’s kitschig«, kommentiert Paxton das was vor unseren Augen passiert und an einen schlechten Liebesfilm erinnert.

»Nur weil er sie dauernd anschaut und nicht sie ihn anschmachtet?«, gebe ich trocken zurück und unterdrücke die eigentliche Zustimmung. Immerhin müssen wir nicht zu sehr auf einer Seite stehen. Ich spüre den scharfen Blick von der Seite, tue jedoch so, als würde ich ihn nicht bemerken und halte den Kopf starr geradeaus gerichtet.

»Es ist völlig egal, wer wen anschmachtet. Aber das Ganze ist doch wirklich aus einer billigen Schnulze.«

Ich wünschte, ich könnte es verneinen und mir würde irgendein blöder Konter einfallen, doch mein Kopf ruft nur: Ja! Also beiße ich mir auf die Zunge und halte die Worte zurück, die mir durch den Kopf schwirren.

»Sie können jetzt rein.« Eine größere Frau mit dunkelbraunen langen Haaren, öffnet eine Tür und bewahrt mich vor einer Aussage, die ich bereuen würde. Miles springt von seinem Stuhl auf, während Zoe sich elegant von der Wand abdrückt und mit herausgestreckter Brust in das Büro tritt. Ich atme tief durch und bemerke Paxton, der eine ausgelassene Handbewegung macht.

»Nach dir«, gibt er übertrieben höflich zurück.

»Auch wenn ich vorgehe, wird dich das nicht vor dem Betreten der Hölle schützen«, murmle ich und setzte mein schönstes Lächeln auf, das ich von Wettkämpfen auf Kommando gewohnt bin.

»Dann habe ich aber wenigstens ein Schutzschild«, gibt er leise zurück, als wir eintreten. Der Raum ist hell. Große Fenster lassen das frühe Morgenlicht herein und die hohe Wand hinter ihm ist mit Ordnern und Büchern gefüllt. Auf seinem gläsernen Schreibtisch steht ein Computer. Links neben mir hängen Zertifikate an der Wand und Mr. Thomspon sitzt entspannt in seinem schwarzen Ledersessel und fixiert uns mit ruhiger Miene.

»Sie brauchen sich nicht zu setzten«, hält er Miles und Zoe davon ab sich auf einen der Stühle niederzulassen, die ihm gegenüberstehen. Hinter uns fällt die Tür zu und die Augen des Direktors schießen zu Ryan, der dicht neben mir steht. »Ich weiß weswegen Sie alle hier sind und es ist mir völlig egal, welchen Argumentationsgang Sie sich zurechtgelegt haben, denn die Antwort lautet: Nein.«

»Wir haben doch noch gar nichts gesagt«, kommt es von Paxton, dessen Stimme einen verärgerten Unterton angenommen hat.

»Sie brauchen auch nichts sagen.« Mr. Thompson verschränkt die Finger miteinander und stützt die Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab. »Ich habe bereits mit Ihrem Vater telefoniert und Sie sind von dem Training freigestellt, Mr. Paxton. Der Rest der Mannschaft wird jedoch dran teilnehmen.«

Schlagartig wird es still.

Ungläubig klappt mein Mund auf und sogar Miles und Zoe schauen leicht schockiert zu dem Typen neben mir, der einige Male blinzelt.

»Das ist ein Scherz«, stellt er langsam fest, doch keine Falte, kein Gesichtsmuskel des Direktors verzieht sich. Ein lautes Schnauben entfährt Paxton, der die Lippen zusammenpresst und mit wütender Miene zu dem kleinen Mann hinter dem Schreibtisch. »Entweder keiner oder alle«, kommt es überraschenderweise über seine Lippen.

Wie gut, dass ich noch keinen bösen Kommentar abgelassen habe.

Diesmal bin ich diejenige, die einige Male blinzelt und den Footballer neben mir interessiert mustert. Auch wenn ich es nur ungern zugebe, aber mit so einer Antwort habe ich nicht gerechnet.

»Dann ist das Gespräch hiermit beendet«, sagt Mr. Thompson in einem ruhigen aber sehr bestimmenden Ton und deutet auf die Tür. Keiner von uns bewegt sich. Jeder starrt auf den Direktor, der nicht Mal dazu bereit ist sich mit uns zu unterhalten.

Ryan ist der Erste, der auf dem Absatz kehrt macht. Er verabschiedet sich nicht, reißt nur ein wenig übertrieben die Tür auf uns geht. Ich bin in Versuchung einen weiteren Überredungsversuch zu starten, doch der unnachgiebige Ausdruck auf dem Gesicht des Direktors, wirft den Gedanken über den Haufen.

Also folge ich Ryan genau wie Zoe und Miles, der hinter uns die Tür zuzieht. War die Luft zwischen uns allen eben schon geladen, so hat sie gerade noch um einiges zugenommen. Paxton ist mehrere Meter vor uns, legt ein straffes Tempo vor, was unter anderem an seinen langen Beinen liegt. Doch wir halten mit, folgen dem Footballer durch das Gebäude bis wir durch einen Notausgang ins Freie treten.

»Scheiße!«, ist das Erste, was von Ryan Paxton zu hören ist, während er sich mit verzerrtem Gesicht umdreht und mit der Hand durch die kurzen Haare fährt. »Und sowas schimpft sich Vater«, flucht er, ballt die Hände zu Fäusten.

»Komm runter, Paxton«, meldet Miles sich zu Wort, der Zoe und mich völlig zu vergessen scheint. Der Quaterback geht an uns vorbei zu dem ausrastenden Kerl und redet leise auf ihn ein.

»Da gibt es nichts zum Runterkommen!«, zischt Ryan. »Wir werden zu dem dämlichen Training müssen und die nächste Saison in den Sand setzten!«

Ein Stein fällt mir auf den Kopf, holt mich brutal in die Gegenwart zurück.

Training.

Diesen Gedanken hatte ich so gut es ging beiseitegeschoben, weil jeder davon überzeugt war, dass wir das geregelt kriegen würden. Doch jetzt wird mir schlagartig bewusst, dass dieser Rauswurf aus dem Büro wesentlich mehr Konsequenzen für mich hat, als gedacht.

Mein Mund wird trocken und meine Fingerspitzen taub. Zoe geht zu Miles, der sich ebenfalls aufregt, während meine Füße sich von selbst in Bewegung setzten. Um mich herum läuft alles in Zeitlupe ab und ein einziger Gedanke jagt durch meinen Kopf: Ich werde an der Sideline stehen.

Sichtbar für alle.

Weiter Zu Kapitel 14. Evelyn

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