Das mit Panikattacken ist so eine Sache.

Viele Menschen sagen, dass man sie kommen sieht und spürt, dass man jeden Moment in diesen Teufelskreis gerissen wird. Ich gehöre leider nicht zu dieser Sorte. Zumindest nicht immer, was vielleicht daran liegt, dass ich sie noch nicht oft genug hatte um zu merken, wann es anfängt.

Die nach dem Gespräch mit Mr. Thompson habe ich gar nicht kommen sehen und ich bin mir sehr sicher, dass Ryan Paxtons Worte sie ausgelöst haben – innerhalb weniger Sekunden. Und während ich mich in dem verlassenen Park an dem Baumstamm klammere und mir die Seele aus dem Leib kotze, wird mir klar, dass ich in einer ziemlich miesen Situation stecke.

Da sind die überraschenden Panikattacken gar nicht eingerechnet.

Nein, es geht alleine darum, dass ich es irgendwie meiner Mum, Gran und Amy beibiegen muss. Ich will gar nicht wissen, wer von ihnen mich zuerst umbringen will, ehe die Tränen bei mir anfangen zu laufen und ich dann getröstet werde.

Ich schaue auf meine zittrigen Finger, spüre die abflauende Angst und schließe die Augen. Um mich herum zwitschern Vögel, was eine sehr beruhigende Wirkung hat. Zwar ist meine Atmung immer noch ziemlich unregelmäßig, aber wenigstens lässt das Taubheitsgefühl in den Fingerspitzen nach. Langsam hebe ich den Arm, um mir die kalten Schweißperlen von meiner bestimmt kalkbleichen Stirn zu wischen. Wie immer ist mein Mund staubtrocken und gleichzeitig klebt der Geschmack von Erbrochenem darin. Es gibt wenig, was widerlicher ist.

Obwohl sich die Parkbank, die nur wenige Meter links von mir steht, noch ein wenig dreht, gehe ich los. Meine Knie sind weich wie Wackelpudding und mein Rucksack, der ziemlich brutal zu Boden gegangen ist, als ich mich gegen den Baum geschmissen habe, wiegt gefühlt eine Tonne. Ich schleppe mich zu der verwitterten Sitzgelegenheit, die an einigen Stellen mit Vogeldreck überzogen ist. Ich lasse mich an der Ecke nieder, die am saubersten wirkt und kann ein leises Stöhnen nicht unterdrücken, als ich nach unten sacke. Mein Oberkörper fällt ein Stück nach vorne und ich fasse mir mit den Fingern an die Schläfen, stelle die Ellenbogen auf meinen Oberschenkeln ab.

Mein Körper verlangt nach Wasser und ich würde mir auch gerne den Mund ausspülen, doch jeder Muskel protestiert bei dem Gedanken, dass ich mich ein Stück bewege. Ein kühler Regenschauer käme mir jetzt sehr gelegen. Dann müsste ich mich nur zurücklehnen und den Mund öffnen.

»Eve?«, werde ich aus meinen Gedanken gerissen, woraufhin mein Kopf nach oben schnellt und der Schwindel zurückkehrt. Das Gesicht von Sophia und einem jungen Mann verschwimmt eine Sekunde, die ich nutze, um ein freundliches Lächeln aufzusetzen. ››Du siehst ja schrecklich aus.‹‹

Was für eine wunderschöne Begrüßung. Leider kann ich diese Feststellung nicht mal verneinen, weil ich mich noch schlechter fühle, als ich aussehe. Da bin ich mir sicher.

››Hey‹‹, krächze ich, wobei mir die Zunge am trockenen Gaumen kleben bleibt und versuche irgedenwie eine Art Lächeln auf die Reihe zu bekommen.

››Alles in Ordnung?‹‹ Sophia kommt näher und lässt die Tasche, die sie in der Hand hält, zu Boden gleiten. In ihren grauen Augen erkenne ich die Sorgen, was mich dazu treibt mich entgegen meiner protestierenden Muskeln aufzusetzen.

››Ja, geht schon wieder‹‹, winke ich so gelassen wie möglich ab, ignoriere die erneut aufkommende Übelkeit. ››Ich glaube, die Gehirnerschütterung setzt mir doch mehr zu, als ich gedacht habe.‹‹

Sie glaubt mir nicht.

Ihre Stirn legt sich in Falten, die Mundwinkel verziehen sich abschätzig. Zu oft habe ich diesen Ausdruck gesehen, um ihn jetzt falsch deuten zu können.

Meine Lippen verkrampfen sich und ich werfe einen Blick auf die vertraute Gestalt, die hinter ihr steht und bedacht darauf ist, nicht zu nahe zu treten.

››Hallo, Asher‹‹, sage ich zu dem mageren, großen Mann, der mit zwei Einkaufstüten in der Hand etwas entfernt steht. Ich zwinge meine Lippen, sich noch etwas weiter nach oben zu ziehen, was ihn dazu bewegt herüberzukommen.

››Hallo, Eve‹‹, erwidert er leise und ein seltsam vertrautes Gefühl schießt durch meine Adern, als ich seine Stimme höre. Er hat noch nie laut gesprochen, war immer einer von denen, die sich im Hintergrund gehalten haben und zuschauten. Für mich war er immer der große Bruder und ein Beschützer. Auch wenn es eine Zeit gab, in der er sich ziemlich herumgetrieben hat und das ein oder andere Mal mit der Polizei in Kontakt geraten ist.

››Wie geht’s dir?‹‹ Ich lasse Sophia nicht zu Wort kommen, die bereits den Mund geöffnet hat und ignoriere ihren verärgerten Gesichtsausdruck, als ich mich an Asher wende. Dieser wirft einen kurzen Blick zu seiner Schwester, die mich nicht aus den Augen lässt.

››Das Studium läuft gut. Aber in der Werkstatt könnte es besser sein‹‹, erklärt er achselzuckend.

››Sophia hat mir schon von dem neuen Chef erzählt.‹‹

››Ja, der ist ganz fantastisch‹‹, gibt er schief grinsend und mit einem sehr ironischen Unterton zurück. ››Aber wenn alles klappt, bin ich bald da weg.‹‹

Plötzlich versteift Sophia sich und ihre Lippen werden zu einer schmalen Linie. Asher schließt eine Sekunde die Augen, als hätte er was falsches gesagt, ehe er sich auf die Lippe beißt und zu Sophia schaut. Sie hat ihm noch ein wenig mehr den Rücken zugekehrt, verschränkt die Arme vor der Brust.

››Ich bringe dich nach Hause‹‹, kommt es seltsam zittrig von ihr und sie vergräbt die Fingernägel in ihren Armen. Ohne ihren Bruder zu beachten, hebt sie meinen Rucksack mühelos auf und hängt ihn sich über die Schulter. Sie hält mir mit einem unechten Lächeln die Hand hin, nach der ich langsam greife. Dabei wandert mein verwirrter Blick zu Asher, der auf seine Schuhspitzen starrt und mit dem Kiefer mahlt.

Was habe ich bloß verpasst?

Doch ich habe keine Zeit den Gedanken weiter zu folgen, denn der Schwindel überfällt mich, als ich aufstehe. Ich klammere mich an Sophia fest, die einen Moment etwas überrascht die Augen aufreißt und einen Schritt näher kommt. Ihre Hand wandert zu meinem Oberarm und besorgt mustert sie mein Gesicht.

››Du bist käseweiß‹‹, stellt sie leise murmelnd fest und ich fühle mich zu schwach, um eine Antwort zu geben.

››Willst du…‹‹

››Ich kann laufen‹‹, antworte ich rasch, als ich sehe wie er den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche zieht. Einige male blinzle ich und stelle erleichtert fest, dass die Achterbahnfahrt langsam zum Ende kommt.

››Sicher?‹‹ Sophia mustert mich nachdenklich.

››Klar, ist ja nicht mehr weit von hier.‹‹ Langsam nickt sie, weicht dann ein Stück zurück.

››Wir sehen uns Zuhause, Asher‹‹, verabschiedet Sophia sich kühl von ihrem Bruder, wobei sie sich nicht umdreht. Ich öffne den Mund, doch die Frage kommt mir nicht über die Lippen, als ich sehe wie er langsam den Kopf schüttelt. Verwirrung macht sich in meinem Kopf breit und hilft nicht mein Unwohlsein zu vertreiben. Ich betrachte meine Freundin, die stur geradeaus schaut, während ihr Bruder mit zerknirschtem Gesicht auf dem Absatz kehrt macht. Er hebt kurz die Hand, um sich von mir zu verabschieden, doch er schaut mir nicht mehr in die Augen.

››Ich will jetzt nicht drüber reden‹‹, vernehme ich leise Sophia, in deren Stimme eine Traurigkeit liegt, bei der sich mein Herz zusammenzieht.

››Ich muss gerade auch nicht reden‹‹, gestehe ich, als sie mir einen fragenden Blick zuwirft. Ich hatte erwartet, dass sie leise widerspricht, doch nichts dergleichen geschieht. Sie bleibt still und zusammen setzten wir uns langsam in Bewegung.

Das Zwitschern der Vögel erscheint mir plötzlich viel trauriger und das Sonnenlicht hat sich zurückgezogen. Bis eben war es noch angenehm warm gewesen, doch eine seltsame Kälte zieht sich meine Beine hoch. Ganz zu schweigen von dem Kribbeln in meinem Nacken, das mich dazu bringt, mich umzudrehen. Eine Gänsehaut jagt meine Arme hoch, während mein Blick langsam durch den Park wandert.

››Was ist los?‹‹, fragt Sophia, als ich kurz stehen bleibe, weil das Gefühl, dass ich beobachtet werde, nicht nachlässt.

Ich schlucke schwer, kann niemanden sehen. Wir sind alleine hier.

Wahrscheinlich nur Nachwirkungen von der Panikattacke.

››Nichts‹‹, antworte ich leise und gehe weiter.

 

 

››Ich habe wirklich genug!‹‹, poltert es aus dem Wohnzimmer, als ich die Haustür aufschließe, nachdem ich mich von Sophia verabschiedet habe, die schließlich mit einer bitteren Miene davongezogen ist. ››Man kann es wirklich übertreiben!‹‹

››Lynn…‹‹, versucht meine Großmutter dazwischen zu gehen, doch keinen Wimpernschlag später, wird irgendetwas sehr laut auf der Arbeitsplatte oder dem Esstisch abgestellt. Jedenfalls scheppert es ein wenig.

››Ja, sie ist in der Pubertät, aber ich lasse mich nicht von meiner eigenen Tochter beleidigen!‹‹

››Sei doch ein wenig nachsichtig mit ihr‹‹, seufzt Gran, als ich in das Wohnzimmer trete und meine schwere Tasche unsanft zu Boden gleiten lassen. Leider ist es so laut, dass meine Mum, die gerade Luft geholt hat um eine weitere Schimpftirade abzulassen, innehält und zu mir schaut. Dasselbe tut Gran, bei der sich Sorgenfalten auf der Stirn bilden.

››Was ist denn hier los?‹‹, will ich wissen, bevor einer von ihnen auf meine Blässe zu sprechen kommt oder warum ich denn schon wieder da bin. Fragend wandern meine Augenbrauen ein Stück nach oben, während ich einen der Stühle vom Esstisch heranziehe, um mich drauf niederzulassen.

Meine Mum hat einen Teller in der Hand, den sie scheinbar gerade auf den Tisch stellen wollte und Gran steht mit einem Kochlöffel in der Hand vor dem Herd. Die Terrassentür steht offen, sodass eine leichte Brise in den raum kommt und den warmen Dampf nach draußen trägt.

››Deine Schwester ist übergeschnappt‹‹, knurrt Mum genervt und stellt das Geschirr brutaler als nötig ab. Ich werfe einen Blick zu Gran, die die Augen verdreht und kaum merklich den Kopf schüttelt. ››Ich musste sie aus der Schule abholen, weil sie in einen heftigen Streit mit einer Mitschülerin geraten ist und dann hat sie mir Beleidigungen an den Kopf geworfen und mir gesagt, dass ich eine grauenvolle Mutter bin.‹‹ Sie hält kurz inne, schaut zu meiner Großmutter, die ihr den Rücken zugekehrt hat und in ihrem Topf rührt. ››Nach ihrer Schimpftirade habe ich ihr Hausarrest erteilt. Mindestens zwei Wochen und bevor sie wieder runterkommt, soll sie gefälligst abkühlen.‹‹

››Wie oft noch, Lynn‹‹, seufzt Gran und schaut mit einem anklagenden Blick über die Schulter zu meiner Mum, die den nächsten Teller auf den Tisch knallt. ››Es wäre sinnvoll, wenn du in Ruhe mit ihr sprechen würdest.‹‹

››Wie soll das denn funktionieren, wenn sie mich direkt anfällt?! Und sie ist nun wirklich alt genug, um solche dämlichen Aktionen zu unterlassen.‹‹

››Sie ist Sechzehn.‹‹

››Ja, und wenn ich mich recht erinnere, hast du mit Sechzehn schon deine Geschwister erzogen und warst arbeiten. Oder stimmen deine ganzen Geschichten nicht?‹‹

Punkt für Mum.

Ich schaue verwirrt zu meiner Großmutter, die sich leicht ertappt wegdreht. Ein schwerer Seufzer von der Seite, lässt mich die Aufmerksamkeit wieder auf meine Mum lenken. Sie lehnt sich leicht verzweifelt gegen den Tisch und die Erschöpfung steht ihr ins Gesicht geschrieben, als sie zu mir schaut.

››Warum hatte ich solche Probleme nie mit dir?‹‹, will sie leise wissen und schenkt mir ein trauriges Lächeln. Ich presse die Lippen zusammen und versuche, eine Antwort zu finden, die meiner Mutter klarmacht, dass ich andere Probleme hatte und habe, die keinesfalls besser sind.

››Weil Eve mehr nach dir kommt und Amy ein wenig mehr von ihrem Vater abbekommen hat.‹‹

Schlagartig ist die Luft zum Zerreißen gespannt. Mum ballt die Hände zu Fäusten und ich kann erkennen, dass Gran die Schultern strafft. Sie ist bereit für den Kampf mit meiner Mutter und ich weiß, dass das hier nur in Tränen und Geschrei enden wird. Ich beiße mir auf die Zunge, sehe dass beide bereits Argumente und Vorwürfe sammeln, die sie sich an den Kopf werfen können.

Ich weiß, dass es genau eine Möglichkeit gibt, um das hier zu verhindern.

››Ich hatte eine Panikattacke‹‹, kommt es mir laut über die Lippen.

Es ist, als wäre, die Aussage von eben, gelöscht worden. Mum lässt den Teller fallen, der krachend in mehrere Teile zerspringt und Gran wirbelt mit dem Holzlöffel in der Hand herum, sodass ein wenig Soße durch die Küche fliegt. Was bei beiden jedoch völlig gleich ist, ist der schockierte Ausdruck im Gesicht.

››Warum?‹‹, will Mum wissen.

››Was ist passiert?‹‹, poltert Gran los.

Ihre Stimmen überschneiden sich und schlagartig kommen sie zu mir. Mum fährt mir behutsam mit der Hand über die Wange, während Gran nach meiner Hand greift und sie tätschelt.

››Jetzt weiß ich wenigstens, weshalb du so blass bist.‹‹ Mit verärgertem Gesichtsausdruck schüttelt meine Großmutter den Kopf und wahrscheinlich plant sie gerade irgendein Essen, das mich wieder aufpäppelt.

››Das warum ist eine gute Frage‹‹, gebe ich schluckend zu und senke den Blick. ››Ich muss den Cheerleadern beitreten.‹‹

Mein Geständnis sorgt für Verwirrung und eine unheimliche Stille.

››Du kannst nicht…‹‹

›››Ich sagte, ich muss, Mum‹‹, unterbreche ich sie. ››Ich habe ein wenig Mist gebaut und das ist die Strafe vom Präsidenten.‹‹

››Was hast du angestellt?‹‹, kommt es nun eisig von meiner Mutter und ich glaube, es sähe besser für mich aus, wenn Amy heute nicht schon einen Ausraster gehabt hätte.

››Ich will nicht drüber reden‹‹, sage ich so bestimmend, wie es nur möglich ist.

››Du willst nicht drüber reden?!‹‹ Die messerscharfe Stimme meiner Mum schallt laut durch das Wohnzimmer und sie zieht die Hand von meiner Wange zurück. ››Du…‹‹

››Ich bin Einundzwanzig, Mum‹‹, unterbreche ich sie, ehe sie anfangen kann zu schimpfen. ››Damit bin ich Volljährig und darf selber entscheiden, ob ich dir etwas sagen möchte oder nicht.‹‹

Die Wut erlischt und stattdessen sieht sie aus, als hätte ich ihr eine Ohrfeige verpasst. Leider ist das bei ihr manchmal unumgänglich.

››Musst du auftreten?‹‹

Es ist meine Gran, die die Frage stellt, die mir den Boden erneut unter den Füßen wegreißt. Ich starre in ihre grünbraunen Augen und versuche irgendetwas hervorzubringen. Zwecklos. Meine Stimmbänder protestieren und dann spüre ich Tränen, die sich in meinen Augen sammeln und plötzlich meine Wangen überfluten. Ich kann nichts tun außer dort zu sitzen und Gran und Mum weinend anzustarren.

››Das heißt, wohl ja‹‹, murmelt meine Mum leise und jegliche Gereiztheit mir gegenüber ist verschwunden. Einen Augenblick später, kralle ich mich an ihrem Shirt fest und tränke es an der Schulter mit meinen Tränen.

 

 

Ich habe zwei Betonklötze an den Beinen, als ich die Treppe hinaufsteige, um mich umzuziehen. Mit schwitzigen Händen klammere ich mich an das Treppengeländer und heute bin ich nicht in der Stimmung um die knarrenden Stufen zu übersteigen. Ich fühle mich müde und ausgelaugt. Die Tränen haben mir die letzte Kraft für den heutigen Tag genommen. Vielleicht sähe es anders aus, wenn ich keine Panikattacke gehabt hätte, doch jetzt gerade will ich einfach nur ins Bett und schlafen. Dabei ist es erst halb Elf.

Ich schleppe mit die letzten zwei Stufen hoch und kriege es irgendwie hin, zu meiner Tür zu taumeln. Die Klinke liegt kalt in meiner Hand, als ich sie herunterdrücke und in mein Zimmer gehe. Das Orange an meinen Wänden wirkt heute trüb und die Kartons, die ich immer noch nicht ausgepackt habe, starren mich heute auf eine anklagende Weise an. Ich ziehe leise die Tür hinter mir zu und beiße mir auf die Lippen.

Mein Zimmer sieht nicht aus, als würde ich hier wohnen. Es erinnert mich eher an ein Zwischenlager. Ich gähne, während ich zu meinem Bett schlurfe, und dabei meinen dicken Pulli ausziehe.

Da sehe ich sie.

Keine Ahnung warum, aber ein Karton scheint umgefallen zu sein und hat den Inhalt dabei freigegeben. Bücher, ein paar alte CD’s und Shirts liegen leicht verstreut auf dem Boden und dazwischen liegt sie.

Die kleine Kiste.

Die Kiste.

Schlagartig bleibe ich stehen, kann keinen Muskel mehr rühren. Wie schon heute Früh im Park, jagt ein Schauer über meinen Rücken und ich mache einen kleinen Schritt zurück. Angst schießt durch meine Adern, mischt sich mit Adrenalin. Dabei weiß ich, dass es nur Erinnerungen sind, die dort drin ruhen. Dennoch habe ich das Gefühl, dass jemand mir die Luft abschnürt. Die vertraute Panik klammert sich um mein Herz und ich presse die Augenlider zusammen.

Es sind nur Erinnerungen. Nur Beweise. Ich brauche keine Angst vor einer dämlichen Kiste zu haben, sage ich zu mir selber, ehe ich etwas mutiger wieder die Augen öffne. Die Angst hat sich zurückgezogen und wabert nur noch nebelhaft durch meine Adern. Dennoch sind meine Hände leicht schwitzig und obwohl wieder mal dieser Fluchtinstinkt aufflackert, gehe ich auf die kleine Schachtel zu.

Es ist lange her und es besteht keine Gefahr mehr. Seit Monaten ist nichts mehr geschehen. Das hat mir sogar der Polizist gesagt und dennoch quält mich bis heute eine Frage: Wer?

Ich greife nach der Kiste und hebe sie hoch.

Vielleicht will ich die Antwort nicht wissen und doch flammt sie immer wieder in meinen Gedanken auf. Zu viele Leute hätten es sein können und doch kann ich mir nicht vorstellen, dass es einer von Ihnen war.

Langsam drehe ich die Schachtel in meiner Hand, die ich sorgfältig mit mehreren Schnüren zugebunden habe. Mum hat mir befohlen, die Sachen wegzuschmeißen, bevor ich herkomme. Sie hat gesagt, dass ich das alles hinter mir lassen soll. Doch ich konnte es nicht und ich kann nicht ein Mal sagen, weshalb nicht.

Vielleicht ist es die Angst, dass es wieder passiert.

Oder eine Art Ermahnung an mich selber?

Vorsichtig greife ich nach dem dicken Knoten und spiele mit ihm herum. Ich könnte es so leicht öffnen. Mein Herz rast.

Dann wird meine Zimmertür aufgerissen und vor Schreck fällt die Schachtel laut polternd zu Boden. Mit weit aufgerissenen Augen steht meine Mutter in der Tür, doch sie beachtet die Schachtel nicht.

››Amy ist weg‹‹, bringt sie schockiert über die Lippen.

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