15. Ryan

»Du hast Kayla und Scar zusammen eine Schicht überlassen? Sicher, dass der Laden morgen früh noch steht?«, will ich grinsend von Ethan wissen, der sich auf das Sofa mir gegenüber fallen lässt. Dieser wirft mir einen leicht genervten Blick zu, während Zac mir ein Bier in die Hand drückt.

»Ich glaube, die beiden kriegen das schon auf die Reihe.« Ethan nickt und ich habe das Gefühl, dass er die Worte eher zu sich selber sagt, als zu mir.

»Kann es sein, dass diese Schichteinteilung nicht deine Entscheidung war?« Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachte ich den großen Kerl mit den dunkelblonden Haaren, die er in letzter Zeit etwas hat wachsen lassen. Er verschränkt die Arme vor der Brust, wodurch seine trainierten Arme noch ein wenig massiger wirken. Der Kerl würde wahrscheinlich ein super Fullback abgeben, aber irgendwie konnte ich ihn noch nicht auf die Footballschiene ziehen. Dasselbe gilt für Zac, der in seiner Freizeit lieber zeichnet. Zusätzlich haben beide jetzt diese Freundinnen-Nummer und auch, wenn ich Scar und Kayla wirklich mag, ist es manchmal ziemlich seltsam. Alle halten Händchen, kuscheln und geben sich Küsschen, während ich wie das fünfte Rad am Wagen daneben sitze.

»Sie wollte unbedingt mal eine Schicht mit Scar übernehmen«, grummelt Ethan und nimmt nun das Bier von Zac entgegen. »Und Scar hat mich auch angebettelt.«

»Ein Angriff von zwei Seiten. Ziemlich durchtrieben. Die Taktik hätte von mir sein können«, sage ich nachdenklich und nicke langsam.

»Das war kein Angriff«, widerspricht Ethan.

»Nein, es war Manipulation«, ergänzt Zac schief grinsend und lässt sich ebenfalls auf einen der Sessel fallen.

»Mach dir nichts draus«, beruhige ich Ethan, dessen Halsschlagader bei unserem Gerede anfängt bedrohlich zu Pochen. »Gegen seine Freundin und seine kleine Schwester hat man einfach verloren. Da wäre jeder von uns zusammengebrochen.«

Ethan kneift die Augen zusammen, was Zac dazu verleitet sein Grinsen zu verbergen, indem er an dem Bier nippt. Ich hingegen, lache dem Riesen direkt ins Gesicht. Vielleicht provoziere ich so, dass ich ein Kissen ins Gesicht kriege, aber es macht unheimlichen Spaß ihn in den Wahnsinn zu treiben.

»Der Laden wird’s schon überleben«, mischt Zac sich schließlich wieder ein und unterbricht so die bitterbösen Blicke von Ethan. Gedanklich hat er mir wahrscheinlich schon zweimal den Hals umgedreht und mich mindestens einmal im See versenkt. »Also lass uns heute Abend keinen Gedanken an die wildgewordenen Damen verschwenden.«

»Genau, ihr beide habt nämlich dringend ein wenig Testosteron nötig«, stimme ich zu und lege die Füße auf den Tisch. Meine Aussage hat allerdings zur Folge, dass mich meine beiden Freunde ziemlich interessiert anstarren.

»Was meinst du damit?«, will Zac mit einem kühlen Unterton wissen.

Ich beiße mir auf die Zunge. Jetzt habe ich mich gerade in eine dumme Situation gebracht und vor mir sitzen zwei Kerle, die aussehen, als würden sie gleich gemeinsam einen Mord begehen. Dabei habe ich noch gar nicht angefangen zu reden.

Nur glaube ich nicht, dass mich das retten würde.

»Wir hören«, kommt es von Ethan, der sich ein Stück nach vorne beugt.

Kurz huscht mein Blick zu Zac, der mich interessiert im Auge behält.

»Man«, kapituliere ich schließlich und werfe die Hände in die Luft, wobei ein wenig Bier aus meiner Flasche schwappt. »Ihr beide redet dauernd über Beziehungskram und wann ihr wo ein Date habt. Ganz zu schweigen davon, dass ihr mittlerweile wirklich bewandert seid, was Kosmetika angeht und ihr euch über Shampoo Sorten unterhaltet.«

Sie tauschen einen Blick, der eindeutig sagt: Der hat sie nicht mehr alle.

Ich verdrehe die Augen und lasse mich nach hinten fallen. Was soll’s. Dann verbringe ich den Abend halt mit zwei uneinsichtigen Kerlen, die nur noch an eine Frau denken können, obwohl auf der großen weiten Welt so viele rumlaufen, die beglückt werden wollen.

»Warst du jemals verliebt?«, werde ich aus meinen Gedanken gerissen und schaue zu Zac, dessen Miene einen mitleidigen Ausdruck hat.

»Damit meint er nicht dieses Ich-will-sie-flachlegen-weil-sie-so-heiß-ist-Gedöns«, erklärt Ethan langsam und hält mich fest im Blick. Super. Eingeengt von zwei meiner besten Freunde.

»Keine Ahnung«, murmle ich. »Kann schon sein.«

»Willst du mir jetzt ernsthaft sagen, dass du allen anderen dauernd Beziehungstipps gibst, aber selber noch nicht ein Mal Gefühle für eine Frau hattest?«

»Oder einen Mann«, ergänzt Ethan.

»Danke, aber ich bin wirklich nicht an Schwänzen interessiert«, gebe ich genervt zurück.

»Gut, dann halt an einer Frau. Gab’s nie eine, an die du dauernd denken musstest? Die dich wahnsinnig gemacht hat und die alle anderen Frauen hässlich aussehen lassen hat?«

Ich starre die beiden Verliebten Trottel an, die ungläubig zurückstarren.

»Jungs, es ist wirklich nicht so schwer, zu kapieren, wenn zwei Menschen aufeinander abfahren. Ich kann nichts dafür, dass ihr da solche Vollpfosten drin seid.« Achselzuckend hebe ich das Bier und nehme einen großen Schluck. Irgendwie werde ich das Gefühl nämlich nicht los, dass dieses Gespräch einen bestimmten Alkoholpegel erfordert.

Ethan gibt ein genervtes Stöhnen von sich, während Zac mit der Zunge schnalzt und sich durch sein hellbraunes Haar fährt.

»Ich dachte immer, dass du nur einmal knallhart abserviert worden bist«, gesteht Zac und runzelt die Stirn.

»Was hat das damit zutun?«

»Das würde erklären, warum du dauernd Frauen flachlegst«, ergänzt Ethan und schüttelt traurig mit dem Kopf.

»Ihr klingt wie meine Eltern«, brumme ich genervt. »Außerdem werde ich in meinem Alter doch noch Spaß haben dürfen. Ihr ward doch auch keine Unschuldslämmer!«

Sollte das nicht eigentlich ein lustiger Männerabend werden?

»Nein, aber du bist manchmal so…« Zac hat den Mund offen, sucht nach einer passenden Beschreibung.

»Kalt? Ein Arschloch? Gemein?«, schlägt Ethan vor.

»Ja, irgendwas von allem.« Zac nickt mit entschuldigender Miene.

Fantastisch. Jetzt bekomme ich eine Moralpredigt von meinen besten Freunden.

»Scheiße«, knurre ich, stelle das Bier ab und stehe auf. »Das brauche ich heute Abend echt nicht.«

Ohne ein weiteres Wort schnappe ich mir meine Jacke, die über dem Sofa hängt und ignoriere Zac und Ethan, die mir irgendetwas hinterherrufen. Meine Laune hat heute einen neuen Tiefpunkt erreicht. Seit heute Morgen habe ich Zoff mit Miles und der Direktor hat unseren Schlachtplan zerschmettert. Zusätzlich habe ich meinem Dad umsonst ein Versprechen gegeben und Jones ist wortlos abgerauscht nach unserer Pleite.

Kein verfluchtes Wort.

Sie hat sich umgedreht und war weg.

Wütend ziehe ich die Tür hinter mir zu und trete in das leere Treppenhaus. Genervt ziehe ich das Handy aus meiner Hosentasche und scrolle durch meine Kontakte. Bei Miles brauche ich mich heute nicht mehr zu melden. Bestimmt sitzt er gerade bei irgendeiner Hausparty und betrinkt sich, damit er sich nicht eingestehen muss, dass Zoe mehr für ihn ist, als irgendeine Bettgeschichte.

Der Gedanke an die nächste Liebesgeschichte in meinem Umfeld, lässt mich aufgebracht Schnauben. Warum sind alle dafür zu dämlich? Und wieso meinen die Leute sich in mein Liebesleben einmischen zu müssen? Dann habe ich eben nur schnelle Nummern. Es macht mir Spaß. Was ist daran so schlimm?

Ich halte inne und starre auf den Namen, der mir ins Auge fällt. Ja, das ist der passende Kandidat. Er hat genau so viel Mist im Kopf wie ich und ist in keiner Beziehung oder in irgendeine Liebesgeschichte verstrickt.

Ich drücke auf anrufen und halte mir das Handy ans Ohr, während ich zwei Stufen auf einmal nehme. Das Piepen mischt sich mit meinen Schritten, die an den kahlen Wänden des Treppenhauses widerhallen.

Plötzlich dröhnt laute Musik an mein Ohr, sodass ich den Hörer ein Stück weghalte.

»Hey! Was ist los?«, kommt es aus der Leitung.

»Hey, Dean«, begrüße ich meinen Mitspieler. »Was geht heute Abend bei dir?«, will ich wissen, obwohl mir die Hintergrundgeräusche bereits verraten, dass er auf irgendeiner Party steckt. Das heißt, es gibt bestimmt genug Möglichkeiten um sich abzulenken.

Und das habe ich heute bitter nötig.

 

 

Zehn Anrufe hat es gebraucht, bis ich mein Handy auf stumm geschaltet habe. Ethan und Zac haben es im Wechsel versucht und ein paar Nachrichten haben sie sogar auf der Mailbox hinterlassen. Ich bin mir sicher, dass es irgendwas ist wie: »Man, das war so nicht gemeint. Komm zurück und wir vergessen es oder reden drüber. Was dir lieber ist.«

Gerade ist mir allerdings feiern am liebsten. Ohne Anschuldigungen, schlechtes Gewissen oder dämliche Versprechen, die in meinem Kopf herumschwirren. Wirklich hart betrinken möchte ich mich nicht. Morgen steht Training mit den Cheerleadern auf dem Plan und es ist ein Wunder, dass an einem Montagabend überhaupt eine Party stattfindet. Also werde ich Ablenkung in Form einer Frau suchen. Das verbrennt Kalorien, fördert mein Selbstvertrauen und wenig Schlaf kann ich vertragen. Ein Kater hingegen, könnte morgen ziemlich übel aussehen. Auch wenn ich mir sehr sicher bin, dass das Training von den Cheerleadern bei weitem nicht so anspruchsvoll ist, wie unseres.

Ich habe die Hände in den Hosentaschen vergraben, während ich das Verbindungshaus ansteuere, das hell erleuchtet ist. Im Vorgarten steht keine Menschenseele, doch ich kann Stimmen hören, die aus dem Garten kommen.

Ich werde langsamer und schaue über den gepflegten Vorgarten, der aussieht, als würde jeden Tag ein Gärtner vorbei kommen. Auch das Gebäude, das sich mir bietet, wirkt nicht billig oder heruntergekommen. Nein, Zac würde sagen, dass es aus irgendeiner besonderen Epoche stammt, mit seinem Stuck und den Säulen, die den Eingang rahmen. Oder er würde sofort erkennen, dass es eine Nachbildung ist.

Kopfschüttelnd verwerfe ich den Gedanken an meine Freunde und ärgere mich, dass ich überhaupt an sowas denke. Nein, ich bin nicht hier, damit mir gleich eine Moralpredigt im Kopf gehalten wird. Heute Abend werde ich Spaß haben.

Ende.

Mittlerweile ich die Sonne untergegangen und ein Blick auf mein Handy – das mittlerweile weitere Nachrichten anzeigt – verrät mir, dass es bereits halb Elf ist. Ich beiße mir auf die Lippe. Hoffentlich sind die Guten nicht alle schon weg und es sind nicht nur ein paar High School Schüler hier. Das wäre der absolute Reinfall und würde somit leider in meinen aktuellen Tagesablauf passen.

»Paxton!«, höre ich eine bekannte Stimme meinen Namen rufen und einen Moment wandern meine Augen suchend umher, bis ich eine offene Gartentür sehe, an der Dean steht. Sein hellbraunes Haar, steht ein wenig ab und ein breites Grinsen liegt auf seinen Lippen, was meine Laune sofort hebt.

»Ich habe mich schon gefragt, ob ich hier richtig bin«, sage ich so laut, dass er mich über die Musik hinweg hören kann.

»Keine Angst, zu einer falschen Adresse schicke ich dich nicht. Zumindest nicht heute«, lacht er und zieht an etwas, das verdächtig nach einem Joint aussieht. Der süßliche Geruch steigt mir in die Nase, als ich näher komme und seine geweiteten Pupillen sehe. »Willst du auch mal?«, fragt er, als ich ihn erreiche und er mir den Glühstängel hinhält.

»Nein, danke«, lehne ich ab und lasse meinen Blick über die vielen Leute wandern, die im Garten ausgelassen zu der Musik tanzen. Manche von ihnen haben sich ihrer Jacken entledigt und wirbeln mit geröteten Köpfen herum. Bei den Temperaturen wird der ein oder andere wohl eine Erkältung davontragen.

Mein Blick fällt wieder auf Dean, der entspannt die Tür hinter mir schließt und sich lässig durch das Haar fährt, ehe er sich bückt und einen Becher vom Boden aufnimmt. Entspannt nimmt er einen weiteren Zug, lässt den Rauch genüsslich in den dunklen Himmel emporsteigen. Anschließend nippt er an dem großen roten Becher.

Ich runzle die Stirn.

»Dir ist klar, dass wir morgen Training haben?«, erinnere ich den Wide-Reciever.

»Du meinst das Gehampel mit den Cheerleadern? Das überstehe ich auch mit Kater. Und wenn ich nicht komme, bin ich halt krank«, winkt er ab. Kurz behalte ich meinen Freund im Blick, der das Ganze ziemlich locker nimmt. Vielleicht sollte ich das auch tun und mir keinen Kopf über diese dämliche Strafe machen. »Wie schlimm war’s eigentlich bei Mr. Thompson?«

Zähneknirschend wende ich den Blick ab, als mir diese unerfreuliche Diskussion im Kopf wieder aufploppt. Ich spüre die Scham, die in mir aufkam, als nur ich nicht an dem Training teilnehmen sollte und fühle die ungläubigen Blicke von Zoe und Jones im Rücken. In dieser Sekunde hat sich bestimmt jeder ihrer Vorstellungen über mich als reichen, verwöhnten Schnösel, bestätigt.

Dafür würde ich meinem Vater am liebsten den Kopf abreißen.

»Absolut beschissen und leider ging’s ab da den ganzen Tag abwärts«, gestehe ich grummelnd und betrachte eine hübsche Blondine in enger Jeans und mit einem weit ausgeschnittenen Top. »Kennst du die Leute hier?«, frage ich, bevor er etwas sagen kann, und deute auf die junge Dame, die mich bisher keines Blickes würdigt und stattdessen an einem Strohhalm nuckelt.

»Ein paar …«

»Paxton, was machst du denn hier?«, kommt plötzlich jemand von der Seite und ich sehe eine vertraute Gestalt, die mir erst heute Morgen über den Weg gelaufen ist. Mit einem breiten Grinsen und blonden, zerstrubbelten Locken, kommt Jax Hoover auf mich zu.

»Hey«, begrüße ich den Typen aus dem Café, der Jones ziemlich angegraben hat. Mich stört es immer noch, dass sie rot geworden ist bei dieser laschen Nummer von ihm, weswegen mein Lächeln ein wenig grimmiger ausfällt. »Ich habe gehört, dass hier eine gute Party sein soll. Weswegen wäre ich sonst in dieser Vorstadtvilla?«

»Vorstadtvilla?«, lacht Jax, den ich aus ein paar Kursen und von Partys kenne. Er ist ganz in Ordnung und hat sich in den letzten Jahren ziemlich zum Vorteil verändert. Er war mal schüchtern und trug eine Brille. Irgendwann hat er angefangen, ins Fitnessstudio zu gehen und seine Klamotten zu wechseln. Seit dem hat er regelmäßig Dates und genießt es, dass Frauen bei ihm in Verlegenheit geraten – wie Evelyn Jones.

»Unser Verbindungshaus hat einfach nur Stil. Schade, dass du das nicht erkennst«, erklärt Jax kopfschüttelnd und macht eine ausladendende Handbewegung, damit ich erneut das Haus begutachte. »Hast du die Kleine von heute Morgen nicht mitgebracht?«

Fand ich den Kerl mal halbwegs sympathisch? Ja. Geht er mir gerade auf den Geist? Ja.

Ich schnalze mit der Zunge und werfe dem blonden Lockenkopf einen abschätzigen Blick zu.

»Du bist immer noch an ihr interessiert?«, will ich wissen und ziehe die Augenbrauen ein Stück nach oben.

»Bist du blind, oder warum hast du nicht gerafft, wie gut sie aussieht? Natürlich bin ich an so einer interessiert!«, gibt er überrascht lächelnd zurück. »Kannst du mir ihre Nummer besorgen?«

»Die habe ich nicht und will sie auch nicht.«

Meine Stimmung sackt noch ein Stück weiter nach unten.

»Von welcher Kleinen sprecht ihr?«, mischt sich nun auch Dean ein, der den aufgerauchten Joint gelassen auf die Steinplatten fallen lässt und zertritt.

»Evelyn Jones«, erkläre ich leicht genervt und wende mich demonstrativ ein Stück von beiden ab.

»Von der würde ich an deiner Stelle die Finger lassen«, rät er Jax und schenkt ihm einem mitleidigen Blick. »Sie ist eine Rakete, aber die wird dir die Finger wegfackeln.«

Besser hätte ich es nicht beschreiben können. Meine Mundwinkel zucken leicht und in dem Moment schaut die Blondine herüber, die ich schon längst ins Auge gefasst habe. Ich lege den Kopf leicht schief, lasse meine Augen über ihren hübschen Körper wandern und als ich in ihr Gesicht schaue, erkenne ich eine leichte Röte auf den Wangen.

Leichtes Spiel.

»Was ist an ihr denn so schlimm?«

»Mal abgesehen davon, dass sie Haare auf den Zähnen hat, ist sie arrogant. Und so gut, dass man das ausgleichen könnte, sieht sie nun auch nicht aus«, gebe ich gelangweilt zurück, obwohl ich genau weiß, dass es eine Lüge ist.

Evelyn Jones macht durch ihr Aussehen einiges wett und einige Männer – mich leider eingeschlossen – würden eine Menge auf sich nehmen, um einmal mit ihr schlafen zu können. Und das ist der nächste Punkt, der mich auf die Palme treibt.

Ich will nicht an sie denken und schon gar nicht irgendwelchen anderen Typen helfen, sie zu bekommen. Wahrscheinlich ist es mein Stolz und mein angeschlagenes Ego, das mich so denken lässt.

»Wo kriege ich hier, denn was zu trinken her?«, will ich wissen und wende der Blondine den Rücken zu, weil in meinem Kopf weiße Spitzenwäsche, ein hübscher Hintern und Boots auftauchen.

Ich hasse diesen Tag.

»Ich zeig’s dir«, kommt Dean Jax zuvor, der den Mund geöffnet hat um noch etwas zu sagen, doch ich lasse ihn nicht dazu kommen. Stumm folge ich Dean, der sich schwankend durch die Menge drängt und hin und wieder irgendwem selig lächelnd auf die Schulter klopft. Ich kenne ein paar Leute, die hier rumlaufen, doch viel mehr scheinen mich zu kennen. Normalerweise macht es mir nichts aus, dauernd von der Seite angesprochen zu werden, doch irgendwie stört es mich heute. Also tue ich alles mit einem Nicken oder einer knappen Antwort ab und hoffe, dass in der Küche irgendetwas zu trinken steht, das sich dieser Weg lohnt.

Lautes Gelächter dringt zu mir vor, als wir in den großzügigen Raum treten auf dessen Arbeitsplatte Unmengen von Alkohol stehen. Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachte ich die Getränke, während Dean anhält und mit der Horde Frauen ins Gespräch kommt, die an der Arbeitsplatte lehnen.

Gedankenverloren greife ich nach der Cola, werfe einen kurzen Blick zu meinem betrunken Wide-Receiver, der morgen bestimmt einen gepfefferten Einlauf vom Coach kassieren wird. Dabei bemerke ich diese kleine Rothaarige, die mir von irgendwoher sehr bekannt vorkommt.

Sie hat eine gewaltige Packlage Make-up im Gesicht und das schwarze, enge Kleid, in dem sie steckt, presst ihre Brüste ziemlich eng zusammen und formen ein ordentliches Dekoltée, das Dean gerade genaustens in Augenschein nimmt. Kichernd streicht sie sich eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht, wobei sie verdächtig schwankt. Die Wörter kommen nur schwer über ihre Lippen und die hellbraunen Augen, sind leicht geschlossen. Sie nippt an dem Becher, den Dean ihr hält und wankt beim Trinken entlang der Arbeitsplatte, sodass Dean sie stützen muss.

Die ist wirklich sturzbesoffen und sieht nicht aus wie Einundzwanzig. Das kann ich sogar durch die Schminke erkennen.

Nachdenklich runzle ich die Stirn und stelle die Colaflasche beiseite, ehe ich mir einen Schluck genehmige.

»Ich bn Amy«, vernehme ich die zarte Stimme, als Dean der Rothaarigen die Hand reicht und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Vor mir steht die sechzehnjährige Schwester von Evelyn Jones.

Sturzbetrunken und hemmungslos am Flirten mit meinem Teamkollegen, der sich strafbar machen könnte.

»Weiß deine Schwester, dass du hier bist?«, unterbreche ich die kleine Konversation, die langsam in immer mehr Körperkontakt übergeht. Langsam wendet das Mädchen den Kopf, um mich anzustarren. Ich kann förmlich sehen, dass sie versucht herauszufinden, wer ich bin.

Doch ehe sie mir antworten kann, öffnet sie den Mund und kotzt mir direkt vor die Füße.

Ich schließe die Augen, versuche meine Nerven zu beruhigen und schaue dann zu dem Häufchen Elend, das sich auf die Schuhe und in die eigenen Haare erbricht. Eine Sekunde ringe ich mit mir selber, dann stelle ich mich neben sie und halte ihre Haare in ihrem Nacken zusammen, während meine Schuhe ein paar weitere Spritzer abbekommen.

Dean weicht mit angeekeltem Gesichtsausdruck zwei Schritte zurück, wie einige andere auch. Ich könnte sie hier stehen lassen, damit sie lernt, dass man sich nicht mit Sechszehn auf irgendwelchen Studentenpartys abschießen sollte. Doch irgendetwas hält mich davon ab, sie alleine zu lassen.

Vor meinem inneren Auge blitzt erneut die weiße Unterwäsche auf und schokoladenbraune Augen, die mich in dem Café heute Morgen betrachtet haben.

Vielleicht ist das der Grund, weswegen ich nicht gehe.

Also ziehe ich Amys Handy aus ihrer Handtasche, die neben ihrem Körper baumelt und verfluche den Tag, an dem Evelyn Jones in mein Leben getreten ist.

Irgendwie hatte ich mir den Abend anders vorgestellt.

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