47. Evelyn

Zwei Wochen Ruhe.

Das ist es, was ich dafür bekomme, dass ich Ryan Paxton nicht mehr jeden Morgen sehe. Zwei Wochen in denen ich lediglich jeden Tag eine Nachricht erhalte, wenn überhaupt. Es ist gut. Da stimme ich meiner Mum, Gran und Detective Clark absolut zu.

Doch diese Ruhe ist mir der Ryan Entzug nicht wert.

Lieber würde ich durch die Nacht gejagt werden, als Abstand von ihm zu halten. Ihn lediglich anzulächeln und ein paar belanglose Worte zu wechseln. Ich will seine Lippen auf meinen, seine Haut an meiner und seinen Duft einatmen. Es bringt mich um, dass wir uns lediglich den ganzen Tag schreiben, was auch nicht zu offensichtlich werden darf.

Auf diesen Umstand weisen Miles und Zoe mich und ihn immer wieder hin. Immerhin könnte der Kerl die Handys klauen und lesen, was wir schreiben. Das ist zum Glück bisher nicht brisant geworden, weil ich mich ins Auto setzten und zu ihm fahren würde, wenn das geschieht. Das Training und seine wenigen Berührungen fühlen sich bereits wie ein elendig langes Vorspiel an, das mich umbringt.

Zoe hat es bemerkt. Ich weiß, dass Miles ihr nichts erzählt hat, aber meine Freundin weiß, dass Ryan nicht nur mehr der Typ ist, der sich um mich gekümmert hat. Dennoch spricht sie mich nicht drauf an, quittiert manche Momente mit einem Zwinkern oder wackelnden Augenbrauen. Mehr nicht und dafür bin ich ihr wahnsinnig dankbar. Genau wie die Tatsache, dass sie mich wirklich auf die Toilette begleitet. Immer. Und wenn nicht sie, dann schickt sie Sophia mit rein, damit ich ja nicht alleine bin.

Sophia habe ich nicht eingeweiht. Ich hatte es überlegt und mit Zoe diskutiert, doch als wir wieder gesehen haben, wie niedergeschlagen sie ist, habe ich alles wieder in die hinterste Ecke verbannt. Meine beste Freundin hat genug eigene Probleme, die sie nicht alle erzählen will. Da brauche ich ihr nicht das nächste Päckchen in die Hand drücken. Vielmehr sollte ich zusehen, ob ich ihr bei ihrem helfen kann. Nur sieht es derzeit so aus, als würde sie das gar nicht wollen.

»Ist es eigentlich meine Schuld, dass Ryan nicht mehr kommt?«, reißt Amy mich aus den Gedanken.

»Was?« Verwirrt blinzle ich und löse den Blick von der bunten Keramiktasse vor mir, aus der heißer Dampf steigt.

»Du weißt schon. Meine Kommentare«, murrt Amy und wirft einen verstohlenen Blick auf Gran, die summend irgendetwas schnippelt. Auf meinen Wunsch hin haben wir es Amy bisher nicht erzählt. Ich wollte nicht, dass sie sich noch mehr Sorgen macht. Sie ist noch so jung und sollte mit dem Kopf in anderen Dimensionen hängen, als bei der ihrer Schwester, die verfolgt wird.

»Nein«, beruhige ich sie.

»Zwischen euch ist, aber alles gut?«

Ein Nicken. Mehr kriege ich nicht hin, umklammere die Tasse vor mir etwas fester.

»Du willst mir nicht sagen, was los ist«, stellt sie fest und lehnt sich ein Stück zurück, um die Arme vor der Brust zu verschränken. Dabei funkelt sie mich böse an. »Ich bin fast Siebzehn, Eve.«

»Es ist alles in Ordnung. Ok?«, versuche ich, die Unterhaltung zu beenden.

»Ich mag Zoe, aber mit Ryan war die Fahrt zur Schule cooler«, nörgelt Amy, als es an der Haustür klingelt.

»Nur weil er Footballer ist«, erwidere ich mich hochgezogenen Brauen und schiebe den Stuhl zurück.

»Und weil er verdammt gut aussieht«, fügt Amy schelmisch grinsend hinzu.

Ich kann es nicht mal abstreiten.

»Guten Morgen«, flötet kurz darauf Zoe durch die Wohnung. »Bereit für die Schule und Uni?«

Ja, aber ich bin nicht bereit, Ryan gegenüberzutreten und ihn nicht zu küssen.

Allerdings behalte ich diese Kleinigkeit für mich und nicke lächelnd meiner Freundin zu.


Sophia: Ich bin krank. Wir müssen den Filmabend wohl verschieben 🙁

Einen langen Moment starre ich auf die Worte von Sophia, während um mich herum das übliche Gelächter ertönt. Neben mir zieht Zoe ihre Wasserflasche aus der Sporttasche und unterhält sich mit Emily, die ihr irgendetwas über einen attraktiven Prof erzählt.

Evelyn: Schade, aber dann holen wir das einfach nach 🙂 Werd schnell wieder gesund <3

Ich drücke auf Senden und lasse einen Moment länger das Nachrichtenfenster offen und starre auf den Namen, der sich ganz oben befindet. Ein Flattern jagt durch meinen Magen und Zoes Gelächter erinnert mich daran, dass ich nicht alleine bin. Ein Schwall Luft entweicht meinen Lungen, als ich das Handy ausschalte und Zoe reiche, die es geistesgegenwärtig nimmt und während der Unterhaltung mit Emily – die zum Glück woanders hinsieht – verstaut.

Eine weitere Vorsichtsmaßnahme, die wir getroffen haben, sollte der Stalker meine Sachen in der Umkleide erneut durchsuchen. Dann wird er kein Handy finden, weil es sich im Flugmodus in Zoes Tasche befindet.

»Ich habe viel zu viel hunger, um jetzt zu trainieren«, jammert Abigail und hält sich den Magen, als sie von der Bank aufsteht.

»Als würde ein wenig hungern, dir und deiner Figur nicht guttun«, kommt es hochnäsig von der anderen Seite der Kabine. Zoe schießt einen scharfen Blick auf Katie ab, die ihre schwarzen, langen Haare in einen Zopf steckt und ich unterdrücke den gigantischen Protest, der sich meine Kehle empor schlängelt.

»Halt die Fresse, Katie«, kommt Zoe mir jedoch zuvor.

»Was denn, Zoe? Ein bisschen gereizt? Liegt das an dem Sexentzug in deinem Leben?« Das diabolische Grinsen auf ihren Lippen, weckt das Bedürfnis, ein Abschminktuch durch ihr Make-Up Gesicht zu ziehen. Ob die Gute dann immer noch so selbstbewusst und arrogant vor uns stehen würde?

»Atmen«, erinnere ich Zoe, die die Hände ballt, als Katie aus der Umkleide stolziert.

»Sie ist eine blöde Kuh. Handle dir wegen der Schnepfe keinen Ärger ein.« Aufmunternd klopft Abigail meiner Freundin auf die Schulter und schenkt ihr zu meiner Überraschung ein belustigtes Lächeln.

»Sie hat dich beleidigt.« Meine Worte sind beinah eine Frage, die Abigail jedoch mit einem Schulterzucken abwendet.

»Das? Die ist doch nur neidisch, dass ich essen kann, was ich will und sie sich auf ihren Salat beschränken muss«, grinst Abigail und greift nach ihrer Trinkflasche.

»So habe ich das bisher noch nie betrachtet«, gesteht Zoe und wir drei verlassen als letzte die Kabine.

»Keine Schokolade, keine Pommes, keine Pizza, kein Eis. Wie soll man da denn nicht frustriert sein und auf jeden losgehen?«, argumentiert Abigail.

»Vielleicht sollten wir ihr vor dem Training ein Snickers geben.« Wir drei schweigen einen Moment, dann brechen wir alle drei in Gelächter aus.

»Um die Diva wieder in einen Normalzustand zu befördern reicht, aber nicht ein Snickers!«, lache ich.

»Wir könnten als Team zusammenlegen und ihr eine LKW Ladung in den Garten schicken. Wäre eine teambildende Maßnahme«, kichert Zoe und ich sehe vor meinem Auge, einen Vorgarten inmitten hübschen Gegend, in dem sich ein großer Haufen Snickers türmt, auf dem Katie schmollend thront.

»Das was darauf folgen würde, wäre bestimmt nicht sonderlich teambildend.«

»Du meinst den Massenmord im Anschluss?«, frage ich Abigail, die die Tür zur Halle öffnet und uns vorlässt.

»Ja, der könnte das Ganze wirklich beeinträchtigen«, stimmt Zoe breit grinsend zu.

Ab da bekomme ich nur noch die Hälfte mit.

Ryan steht lachend neben Miles, trägt ein enges schwarzes T-Shirt, das eng an seinen Oberarmen liegt und eine lockere Trainingshose. Habe ich jemals die Waden und Oberschenkel eines Kerls besonders heiß gefunden? Nein, aber Ryans lassen mich schwer schlucken.

Und wieder führe ich mich wie ein Teenager auf.

Erbärmlich.

»Was ist denn hier los?«, vernehme ich Zoe, als wir neben Miles und Ryan zum stehen kommen. Unsere Blicke treffen sich und Röte schießt mir in die Wangen. Doch als wäre das nicht genug, lässt Ryan seine Augen über meinen Körper wandern, nur um mir daraufhin ins Gesicht zu Lächeln.

»Keine Ahnung. Die Coaches sprechen gerade mit dem Hausmeister«, erklärt Miles achselzuckend und nickt zu den drei Gestalten, die unglücklich miteinander diskutieren.

»Vielleicht war mal wieder jemand ungefragt in der Halle«, seufzt Zoe.

»Wäre ja nichts neues.« Abigail gähnt herzhaft und betrachtet wie alle anderen, die Diskussion, die abrupt ein Ende findet. Mit entschlossener Miene kommen die beiden einschüchternden Gestalten auf uns zu und wenn wir sie nicht kennen würden, würde die Masse sich bei dem Anblick bestimmt teilen.

»Trainingsänderung«, verkündet Coach Kim mit ihrer kräftigen Stimme. »Wir werden heute rausgehen und die Footballer werden uns ein paar Sachen zeigen.«

»Was? Wieso?«, ertönt Katies empörte Stimme neben mir.

»Weil Reinigungsarbeiten anstehen, über die ich nicht informiert war. Daher räumen wir das Feld und werden heute ein wenig Spaß haben.«

»Spaß? Sich im Schlamm zu welzen ist kein Spaß«, zickt sie weiter.

»Hast du etwa Angst, dass dir ein Fingernagel abbricht?«, sage ich leise zu ihr. Der Kopf der Schwarzhaarigen wirbelt empört zu mir herum. Ihr Mund klappt ein Stück auf, doch kein Wort verlässt ihn. Stattdessen ist die Belustigung der Umstehenden deutlich zu vernehmen.

»Ist irgendwas?« Coach Kim starrt mit düsterer Miene in unsere Ecke, doch ich setzte ein zuckersüßes Lächeln auf, das mir ganz leicht fällt.

»Nein, nichts.«

Bohrende Blicke, die ich diesmal locker wegstecke. Zwar hat Katie mich und Ryan gesehen und könnte es jedem erzählen, doch das ist mir das Gelächter aller anderen wert.

»Dann seht gefälligst zu, dass ihr mich nicht blamiert«, brummt sie und wirft jedem von uns einen warnenden Blick zu. Ich bin mir sicher, dass sie jedem in den Hinter treten würde, wenn wir schlapp machen. Einfach, weil sie den Gedanken nicht erträgt, dass die Footballer etwas besser können, als ihre Mädchen.

»Ich steh drauf, wenn du so kratzbürstig bist.« Seine Stimme ist ein Hauch, der Atem kitzelt an meinem Hals und fährt wie eine zarte Berührung über meine Ohrmuschel. Meine Muskeln verkrampfen und ich halte kurz den Atem an.

Doch kaum habe ich seine Nähe registriert, hat er sich wieder umgedreht und schließt sich lachend Miles und den anderen Footballern an.

»Dich hat’s ja voll erwischt«, vernehme ich Zoe neben mir, die sich ein breites Grinsen nicht verkneifen kann.

»Halt die Klappe«, murre ich und kann doch nichts gegen das Grinsen tun, als sie ihre Arme um mich legt und mich mitzieht.


Footballtraining ist hart. Das habe ich vorher schon gewusst, weil wir das Warm Up und teilweise im Sommer auch Trainingseinheiten mitbekommen haben. Coach Kim hat zwar darauf bestanden, dass wir das Tackeln weglassen, um blaue Flecken zu vermeiden, aber das Kraft- und Ausdauertraining bringt uns an die Grenzen. Wir sehen aus wie ein Haufen Schlümpfe, nur dass wir alle rot, statt blau sind und Keuchen, als hätten wir einen Marathon hinter uns. Zum Glück herrschen keine unmöglichen Temperaturen und ich bin verdammt froh, dass ich kurze Klamotten anhabe.

Doch das Beste und lustigste ist es Pässe zu werfen und zu Fangen. Hin und wieder habe ich zwar schonmal einen Football in der Hand gehalten, doch als mir Miles erklärt, wie ich das Ding werfen muss, fällt mir auf, dass ich alles falsch gemacht habe, was ich falsch machen konnte. Er korrigiert und lässt uns Bälle auf Dean werfen, der sich wirklich reinhängt, um jeden zu fangen. Dabei schmeißt er sich auch das ein oder andere Mal auf den Boden und erntet Gelächter für Sprünge, die ich nie zuvor gesehen habe. Keine Ahnung, ob es daran liegt, dass er auf Drogen ist. Zumindest deuten die geweiteten Pupillen darauf hin.

Coach Mayer verkündet zwischendrin, dass er Dean vielleicht lieber zum Ballett schicken sollte, weil seine Füße so schön gestreckt sind beim Springen. Als Antwort vollführt Dean eine Pirouette, bei der viele sich noch etwas abschneiden könnten und verbeugt sich anschließend mit einem Grinsen vor den lachenden Leuten.

Selbst die beiden Coaches sind da nicht mehr in der Lage ein Lächeln zu verbergen.

Das Fangen eines Footballs gestaltet sich als schwerer und Comedy Einlage. Manche von den Cheerleadern trauen sich nicht nach dem Ball zu greifen und ducken sich mit einem Schrei weg, wofür Coach Kim sie direkt zwanzig Liegestütz machen lässt. Katie schnauzt Alex nach ihren Liegestütz an, dass er absichtlich extra stark geworfen hätte, was ihn verdutzt dreinschauen lässt. Ryan zuckt nur mit den Schultern und macht eine wegwerfende Handbewegung, ehe er dem Linebacker den Ball wieder zuwirft. Dann ist die Nächste dran und Ryan bleibt hinter einem stehen für den Fall, dass man Hilfe braucht.

Das ist es, was diese Übung für mich schwerer macht. Mit Miles zu reden und erklärt zu bekommen, wie das mit dem Werfen funktioniert, war ein Klacks. Doch zu wissen, dass Ryan hinter mir steht und dass er mich jederzeit berühren könnte, sorgt dafür, dass ich unter Strom stehe.

»Hey, Alex«, ruft Ryan, als ich zu ihm gehe. »Halt dich bei Jones nicht so zurück. Die kann was ab.«

»Die bekommt jetzt zu spüren, was ein Lauch ist!«, erwidert der muskulöse Linebacker und taxiert mich, als ich neben Ryan zum stehen komme.

»Vielen Dank auch, Paxton«, brumme ich und versuche, das Herzflattern auszublenden, das mich bei seinem Lächeln überfällt.

»Hast du etwa Angst Jones?«

»Nur um deine Eier und deinen Stolz«, gebe ich ruhig zurück und stelle mich zu Alex auf.

»Mal sehen, wie hoch du springen kannst, Jones!«, flötet Alex lachend, als er den Ball wirft.

Und der ist hoch und verdammt schnell.

Ich habe zwei Möglichkeiten, um zu reagieren.

1. Ich bleibe stehen und schaue Alex mit einem Ist-das-dein-ernst-Blick an.

2. Ich versuche, den Ball zu bekommen und lege mich dabei richtig aufs Maul. Ein Vorteilspunkt hier, ist das Wyatt mir mal gezeigt hat, wie man einen Ball fängt.

Natürlich siegt mein Stolz und sorgt dafür, dass ich zwei schnelle Schritte nach hinten mache, ehe ich alle Kraft zusammennehme, die ich Besitze und drücke mich vom Boden ab. Ich reiße die Arme in die Luft, gerate leicht in Schieflage und spüre, wie die Finger den Football berühren. Automatisch kralle ich mich daran fest und ziehe das Ei an meinen Körper, wobei ich den letzten Halt und das Gleichgewicht verliere und nach hinten segle. Ich presse die Augen zusammen, bereite mich auf einen harten Aufprall vor und presse den Football etwas enger an meine Brust, als ich abrupt gestoppt werde.

Mein Oberkörper prallt gegen etwas hartes, meine Füße berühren den Boden und taumeln etwas zurück. Immer noch umklammere ich den Ball, als starke Hände sich um meine Mitte schließen und mich festhalten.

»Heilige Scheiße«, vernehme ich Ryans Stimme dicht an meinem Ohr, während er mich langsam loslässt und ich mein Gleichgewicht zurückerlange. Ich blinzle und bemerke dann die beeindruckenden Blicke von Ryan und Alex.

An mich presse ich weiterhin den Football.

»Ich sagte ja, Lauch passt zu dir«, rufe ich dem überraschten Linebacker zu und überspiele meinen eigenen Schock, dass ich diesen verfluchten Ball in den Händen halte.

»Jones?«, kommt es von Coach Mayer von der Seite, der mich interessiert mustert. »Haben Sie schonmal dran gedacht die Sportart zu wechseln?«

»Hören Sie auf meine Leute abzuwerben!«, faucht Coach Kim, doch sie nickt mir zufrieden zu. Ich habe gerade nämlich – wenn auch nur durch Glück – gezeigt, dass wir Cheerleader auch Bälle fangen können.

»Das war gut«, kommentiert Ryan meinen Fang und nimmt mir den Ball ab, um ihn Alex wieder zuzuwerfen. »Und verdammt heiß.«

Meine Muskeln sind ausgelaugt. Ich fühle mich, wie ein Schwamm, den man ausgequetscht hat, als ich die letzten Bälle mit Ryan und Miles in den Lagerraum trage. Jeder Schritt fühlt sich an, als würden Betonklötze an meinen Füßen hängen, doch das würde ich meinen beiden Begleitern niemals unter die Nase reiben. Also schlucke ich jedes schmerzhafte und anstrengende Stöhnen, das meiner Kehle entweichen will herunter und ertrage mein Leiden stillschweigend.

»Du bist so still, Jones«, sagt Miles, als er die Bälle verstaut und mir die letzten aus den Armen nimmt.

»Sie ist so still, weil sie fertig ist.« Ryans Mundwinkel wandern nach oben, während er mich in meinen durchgeschwitzten Klamotten betrachtet. Dabei wandern seine Augen von meinem Gesicht ganz langsam über meinen Körper und setzten ihn in Brand. Er gibt sich nicht mal die Mühe sein Interesse zu verstecken, geschweige denn das verlangende Funkeln, das meine Kehle trocken werden lässt.

»Hätte schlimmer sein können«, gebe ich leicht keuchend zurück und halte seinen Augen stand. Ein Brennen schießt durch meine Venen und das Kribbeln in meinen Finger verlangt nach etwas, was es nicht bekommen kann.

»Du kannst es einfach zugeben.«

»Es gibt nichts zuzugeben.«

»Man soll nicht lügen. Das steht sogar in der Bibel.«

»Wie gut, dass ich die Bibel nie gelesen habe«, erwidere ich ruhig und wage es nicht mich zu bewegen.

»Kommt ihr?«, will Miles wissen, der den Schrank abschließt und sich fragend zu uns dreht. Doch keiner von uns antwortet. Ich betrachte das zottelige Haar, die Schweißperlen, die auf seiner Stirn stehen. Dreck klebt ihm an der Wange und an den Waden. Sein Shirt ist an manchen Stellen durchgeschwitzt und die Schlagader an seinem Hals pocht deutlich sichtbar.

»Paxton«, warnt Miles leise von der Seite, doch der Angesprochene bleibt regungslos stehen.

»Fünf Minuten«, sagt Ryan plötzlich, ohne den Kopf abzuwenden.

»Vergiss es«, winkt der Quarterback laut ab. Ich will hinsehen, aber ich kann nicht. Das hier ist wahrscheinlich für die nächsten Tage die letzte Chance, um Ryan anzustarren. Ich muss mir alles einprägen.

Jedes. Verdammte. Detail.

»Komm schon, Cooper«, brummt Ryan, beißt sich nervös auf die Lippe und seine Augen fliegen zu seinem Mitbewohner, der das Gesicht verzieht und sich mit einem Knurren über den Kopf streicht.

»Scheiße!«, flucht Miles und geht an uns vorbei. »Eine Minute und dein Schwanz bleibt in der Hose.« Dann zieht er die Tür hinter sich zu und bevor ich ein Laut von mir geben kann, spüre ich Ryans Hand an meinem Arm. Mein erschrockener Aufschrei wird von seinen Lippen erstickt, die sich drängend auf meine legen.

Gefühle überfallen mich wie ein Monsun. Ich schnappe nach Luft, um einen klaren Gedanken zu fassen, doch dort ist nur Ryan, sein Geruch, sein Körper. Seine Hand findet meinen Hintern und drückt mich gierig an sich, während die anderen sich um meinen Nacken legt.

Er hat die Kontrolle und ich bin völlig einverstanden damit, weil jeder Muskel dabei ist zu versagen.

Ich schaffe es meine schlappen und kribbelnden Arme um seinen Hals zu legen und meine Finger in seinem Haar zu versenken, als seine Zunge drängend Einlass in meinen Mund fordert. Mit einem Seufzer gebe ich dieser Forderung nach. Ein gieriges Knurren entweicht seiner Kehle und Abermillionen Schmetterlinge schlüpfen aus dem Kokon in meinen Magen. Seine Hand wandert langsam unter mein T-Shirt und lässt mich nach Luft schnappen. Zärtlich fahren seine Fingerspitzen über meine Wirbelsäule, lassen dabei jeden Muskel, den sie berühren, schwach werden.

»Weißt du eigentlich wie scharf du beim Training aussiehst?«, haucht er an meine Lippen, nur um sie gleich darauf wieder zu versiegeln. Er gibt mir keine Chance eine Antwort zu geben, nimmt jeden Zentimeter meines Mundes in Beschlag.

Ich sehe und spüre Sternschnuppen und will in dem Moment versinken, nie mehr diesen Kuss beenden, den ich so dringend brauche. Doch leider gibt es jemanden, der eine Stoppuhr hat und laut an die Tür klopft, die Ryan dazu bringt sich loszureißen.

Schwer atmend lehnt er seine Stirn gegen meine und zieht langsam seine Hand zurück, die immer noch auf meiner Wirbelsäule liegt. Doch weiter entfernt er sich nicht, beginnt mir langsam den Nacken zu massieren. Ich spüre seinen Herzschlag, als meine Hände über seine Schultern zu seiner Brust wandern und ich ein leicht frustriertes Stöhnen von mir gebe.

Warum nur muss mir sowas passieren? Warum kann ich mich nicht einfach in einen normalen Kerl verlieben, der keinen Schiss haben muss anschließend von einem Irren umgelegt zu werden?

»Nächstes Mal handle ich zwei Minuten für uns raus«, grinst er und drückt mir einen Kuss auf die Stirn.

»Meinst du, dass das eine gute Idee ist?«, flüstere ich atemlos und versuche nicht daran zu denken, wie ich wohl aussehe.

»Ich halte es für eine der besten Ideen, die ich jemals hatt«, brummt er, als die Tür aufgerissen wird. Ein Luftstoß fegt durch den Geräteraum und Ryan tritt einen Schritt zurück ohne mich aus den Augen zu lassen.

»Alter, was habt ihr in der Minute gemacht?!«, kommt es fassungslos von Miles.

»Das, wofür du mit Zoe Stunden brauchst.« Ein breites Grinsen ziert Ryans Lippen, wobei er sich mit der Hand durch die Haare fährt, die dank mir wild abstehen. Seine Augen glänzen fiebrig und seine Lippen sind rot und feucht von den wilden Küssen.

»Er hat’s dir besorgt?!«, wendet der Quarterback sich mit großen Augen an mich.

»Oh mein Gott, nein!« Ich schlage Ryan mit der Faust gegen den Oberarm, der in schallendem Gelächter ausbricht.

»Du und deine große Klappe«, murrt Miles und schüttelt genervt den Kopf, ehe er sich zu mir dreht. »Du solltest dir vielleicht etwas kaltes Wasser ins Gesicht spritzen oder so.«

»Was?«, murmle ich und fasse mir eilig mit der Hand an die Wangen.

»Du siehst aus, als hätte man die gerade richtig durchgevögelt.« Leicht verärgert gleitet sein Blick über mein Gesicht, das noch einen Tick röter wird und ich beiße mir auf die Unterlippe.

»Sollte das jemals Zoe erfahren, wird sie mich umbringen und ich anschließend euch«, seufzt Miles, wobei seine Drohung etwas in der Erschöpfung untergeht, die er ausstrahlt. »Und jetzt lasst uns verschwinden, bevor jemand mitbekommt, dass ausgerechnet ihr zwei nicht die Finger voneinander lassen könnt.«


Ryan: Ich bin dafür, dass wir das von heute in spätestens zwei Wochen wiederholen. Länger halte ich das nicht aus.

Evelyn: Das klingt, als wäre ich deine persönliche Droge.

Ryan: Gut möglich und ein Junkie braucht bekanntlich seinen Schuss, sonst wird er wahnsinnig.

Evelyn: Wir haben erst einmal rumgeknutscht und schon bist du abhängig?

Ryan: Tu nicht so, als würde dir das missfallen. Du würdest mir jedes Mal, wenn du mich siehst am liebsten die Klamotten vom Leib reißen.

Evelyn: Du träumst.

Ryan: Nein, du träumst von mir und ich kann dir sagen, dass es dieser fantastische Körper wert ist.

Evelyn: Kann ich nicht beurteilen, aber die Messlatte liegt hoch.

Ryan: Wenn dieser Wyatt die gelegt hat, wissen wir beide, dass ich die schon um längen übertroffen habe.

Evelyn: Woher willst du das wissen?

Ryan: Weil ich gesehen habe, wie du ihn ansiehst und ich weiß, wie du mich ansiehst. Mal abgesehen davon, sagt es eine Menge aus, wenn eine Frau bei einem Kuss in deinen Armen fast zusammensackt.

Evelyn: Vielleicht war mir schwindelig?

Ryan: Ja, wegen mir.

Evelyn: Du hast ein ziemlich großes Ego.

Ryan: Und noch viele andere große Dinge 😉

Evelyn: Ich dachte, wir klammern das Thema aus?

Ryan: Stimmt. Verdammt. Jetzt hätte ich dich wieder am liebsten nackt hier.

Evelyn: Hör auf!

Ryan: Was denn? Macht dich das verrückt?

Evelyn: Eventuell ein wenig.

Ryan: Gut, das wissen sorgt nur dafür, dass es bei mir schlimmer wird. Ich gehe mich mal eine Runde abkühlen. Sonst sitze ich gleich im Auto auf dem Weg zu dir und gebe einen Scheiß auf die blöde Regelung oder den Irren.

Ich fühle mich wie Sechszehn, wenn ich mit Ryan schreibe. Das Herz schlägt mir bis zum Hals und ich habe ein Dauergrinsen im Gesicht, obwohl ich alleine in meinem Zimmer auf dem Bett liege und er nichts lustiges schreibt. Er ist einfach Ryan mit seinen blöden Antworten und Fragen auf die ich gerne ehrlich antworten würde. Aber das würde eben auch heißen, dass ich ihm sagen müsste, dass da wesentlich mehr ist, als nur ein wenig sexuelle Anziehungskraft.

Und das gestaltet sich als wesentlich schwieriger, als ich erwartet habe, was unter anderem daran liegt, dass dieser Verrückte hinter mir her ist. Vielleicht würde ich mich trauen, es ihm zu sagen, wenn wir ganz normal aufeinandergetroffen wären. Ohne Stalker, ohne Panikattacken.

Doch dann hätten wir uns nie getroffen.

Ich wäre weiterhin in Mississippi und würde gelegentlich mit Wyatt rummachen.

Also sollte ich den Kerl jemals treffen, der mich verfolgt, werde ich ihm erst die Fresse polieren und anschließend Danke sagen.

Das klingt verrückt.

Bin ich selber am Durchdrehen?

Ich rolle mich auf den Rücken und schaue in den dunklen Himmel über mir. Nur winzige helle Punkte lassen erahnen, dass dort in weiter Entfernung tausende Sterne sind. Leider ist San Diego viel zu hell, als dass man viele erkennen könnte.

Sobald Amy, Gran oder Mum wieder da sind, sollte ich aus meinem einsamen Zimmer verschwinden in das ich mich direkt nach dem Training verzogen habe. Gran bleibt bestimmt wieder länger wach um eine öde Serie zu sehen, die ich heute wohl mitschauen werde. Ich bin nach dem, was im Geräteraum passiert ist nämlich garantiert nicht in der Lage zu schlafen.

Wenigstens habe ich jetzt eine Stunde Zeit, um mich zu beruhigen. Das wäre in der Anwesenheit der anderen garantiert nicht möglich. Zwar war eine laute Diskussion nötig, bis alle drei begriffen haben, dass ich es eine Stunde alleine aushalten werde, aber am Ende ist Gran einkaufen, Mum zur Arbeit und Amy zu einer Freundin zum Lernen gefahren.

Ich musste versprechen die Zimmertür abzuschließen und das Handy griffbereit zu halten. Letzteres erweist sich als problemlos, weil ich sowieso die ganze Zeit mit Ryan schreibe. Naja, bis er duschen gegangen ist, was für noch mehr Bilder in meinem Kopf sorgt.

Vielleicht sollte ich gleich auch für eine Abkühlung sorgen?

Das Handy in meiner Hand vibriert und schlagartig kehrt das Lächeln auf meine Lippen zurück. Doch nur so lange, bis ich erkenne, dass ich keine Nachricht von Ryan erhalten habe, sondern wieder von einer unbekannten Nummer.

Doch das erste Mal ist es kein einfacher Text.

Es ist ein Bild.

Ein Bild von Ryan, wie er im Wohnzimmer steht, mit dem Rücken zum Garten und auf sein Handy schaut. Er lehnt entspannt gegen das Sofa und ich kann von der Seite erkennen, dass er am Grinsen ist – genau wie ich es bin, wenn wir schreiben. Doch das, was meinen Atem stocken lässt, ist das Messer, das jemand in der Hand hält und die Worte, die darunter stehen.

Ich hatte dich gewarnt.

Weiter zu Kapitel 48. Evelyn

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