18. Ryan

Es ist dunkel, als ich die Augen aufschlage. Normalerweise brauche ich ein oder zwei Minuten um einen klaren Kopf zu bekommen, doch heute ist es anders. Ich bin sofort wach, während meine Gedanken zum gestrigen Tag zurückschweifen, der sich wie ein seltsamer Traum anfühlt. Vielleicht weil so verdammt viel passiert ist?

Meine Gedanken sausen zu Evelyn, wie sie an der Arbeitsplatte lehnte und auf ihrer Unterlippe kaute. Ich erinnere mich an diese alte Jeans, die tief auf ihren Hüften saß und diese schwarze Lederjacke unter der sie einen Pulli trug. Ihre Haare waren hochgesteckt und sahen aus, als wäre sie eben erst aufgestanden. Die Schminke ihrer Augen, war leicht verschmiert, was keinesfalls schlecht aussah. Es hatte was Verruchtes. Und dann waren da noch die Boots.

Ich hätte nie erwartet, dass Schuhe mich mal so aus der Fassung bringen könnten, wenn sie keine hohen, schmalen Absätze haben und die Frau, die sie trägt, fast nackt ist. Allerdings kann meine Verwirrung auch daran liegen, dass ich sie bereits in Unterwäsche in den Schuhen gesehen habe.

Warum denke ich eigentlich in aller Frühe darüber nach?

Mal abgesehen davon, dass es ein Tabu zwischen den Cheerleadern und Footballern gibt, hat Evelyn Jones sowieso keinerlei Interesse an irgendeinem Abenteuer mit mir.

Sie will was mit Gefühlen. Und sucht sich ausgerechnet Jax Hoover aus. Meine Sympathie für den Typen ist seit gestern enorm gesunken, obwohl es keinen triftigen Grund gibt. Da ist nur Evelyn, die den Typen mir vorzieht und bei ihm rot wird.

Weil er nach ihrer Nummer fragt.

Mir entweicht ein Schnauben, als ich an die roten Wangen denke, die sie versucht hat vor mir zu verbergen. So ungern ich es mir auch eingestehe, aber für so eine Reaktion von ihr, hätte ich gerne gesorgt. Nicht, dass ich was gegen das Kratzbürstige von ihr hätte, aber es hatte was, sie ein wenig verunsichert zu sehen.

»Scheiße«, grummel ich, als mir klar wird, worüber ich nachdenke.

Die Kleine geht mir viel zu sehr unter die Haut und in meinen Kopf. Das sollte sie nicht. Es gibt zu viel, was gegen irgendetwas mit ihr spricht. Allem voran sie selber. Eine viel klarere Abfuhr habe ich noch nie kassiert.

Das Klingeln meines Handys lässt mich Jones für einen Moment vergessen und ich schalte den Wecker aus, der halb Acht anzeigt und mich daran erinnert, was mir bevorsteht. Meine Laune sackt ein Stück weiter ab, als ich an das Cheerleading Training denke, das wir heute absolvieren müssen.

In den nächsten Tagen sollte ich dringend daran arbeiten, meine gute Laune am Morgen wieder zu bekommen und Jones aus meinem Kopf zu vertreiben. Am besten wäre das allerdings schon Vorgestern passiert.

Ich schiebe die Bettdecke beiseite und schnappe mir die Jogginghose, die auf dem Boden neben dem Bett liegt. Müde fahre ich mir mit den Händen über das Gesicht, lasse das Handy in die Hosentasche gleiten und strecke mich ein Mal. Ich verziehe das Gesicht, als ein unangenehmer Schmerz durch meine Muskeln zieht.

Ich hätte das Krafttraining gestern nicht so ausreizen sollen. Auch wenn es gut gegen die Aggressionen war.

Ich schüttle die Arme aus und verlasse gähnend mein Zimmer. Aus der Küche dringt das Geräusch einer laufenden Kaffeemaschine zu mir vor. Kurz werfe ich einen Blick auf die geschlossene Zimmertür von Miles und frage mich, was für eine Auseinandersetzung mir heute noch bevorsteht. Mein Magen zieht sich kurz zusammen, als mir klar wird, dass er bereits unten sein könnte. Dennoch halte ich nicht an und laufe die Treppe wie gewohnt herunter.

»Du siehst ziemlich beschissen aus«, begrüßt Alex mich, dessen Haare noch nass vom Duschen sind, als ich unten ankomme. »Eigentlich habe ich erwartet, dass du nach einer langen Nacht gut gelaunt herunterkommst.«

»So eine gute Nacht war das gestern nicht«, gebe ich mürrischer als gewollt zurück und schaue, ob ich Miles irgendwo erspähen kann. Doch er scheint noch zu schlafen, als wende ich mich dem Mitbewohner zu, der sich gerade eine Portion Rührei gemacht hat und diese genüsslich verspeist. »Leider«, füge ich schließlich hinzu und wieder blitzt Evelyn Jones vor meinem Auge auf.

Wie es wohl gewesen wäre, sie auf die Arbeitsplatte zu heben und…

Stopp!

Es reicht. Genug verrückte Gedanken gehabt für heute und die nächsten Wochen.

»Leider? Hattest du eine im Blick?«

Ich nippe an der Tasse, spüre das Interesse von Alex und überlege eine Sekunde. Was sollte ich ihm schon groß über meinen gestrigen Abend erzählen? Hatte ich Jones im Blick gehabt? Natürlich war sie attraktiv, wenn sie nicht gerade zur Furie mutierte, aber im Blick gehabt?

»Nicht wirklich.«

»Ich habe gehört, dass du auf dieser komischen Verbindungsparty warst.«

»Und ich halte den Cheerleadern immer vor, dass sie tratschen«, grummel ich mit einem scharfen Blick auf Alex, der abwehrend die Arme hebt.

»Dean hat das nur kurz erwähnt. Er hat mich gestern Nacht angerufen und gefragt, ob du schon wieder zuhause bist.«

»Das hat er in seinem Zustand noch hinbekommen?«

»Hat ein wenig gedauert, bis ich verstanden habe, was er wollte«, gesteht Alex und nimmt eine weitere gut gefüllt Gabel in den Mund.

»Wundert mich nicht.«

»Sag mal«, fährt Alex fort und schluckt die letzten Reste Rührei herunter. »Weißt du, was mit Miles los ist? Der ist seit gestern ziemlich übel drauf. Hat mich angemotzt, dass ich auf dem Sofa lag und die Beine auf dem Tisch hatte. Dabei macht er das sonst immer selber.«

Super. Scheinbar mischt sich sein Liebeskummer – den er sich nicht eingestehen will – mit Zorn auf mich. Gibt es was Besseres?

»Wir haben uns ein wenig gezofft«, kommt es mir nur widerwillig über die Lippen und ich starre auf den schwarzen Kaffee. Neben Miles, tauchen die Gesichter von Ethan und Zac auf, denen ich auch irgendwie eine Erklärung schuldig bin. Mein Verhalten war nämlich wirklich nicht sonderlich geil.

»War’s schlimm?«, holt Alex mich zurück. Im gleichen Moment ertönen Schritte auf der Treppe und wir beide drehen uns um. Wortlos stellt sich Miles neben mich und greift nach der Tasse, die Alex bereits für ihn hingestellt hat. Ich überlege, ob es Sinn macht etwas zu sagen, doch da hat der Quaterback sich bereits umgedreht, und stampft lauter als nötig die Treppen wieder hinauf.

»Das deute ich als ja«, vernehme ich den Linebacker leise und kann gerade noch ein Seufzen unterdrücken.

Das kann ja nur ein hervorragender Tag werden.



»Und wofür sind wir nochmal hier?«

»Naja, dir würde es guttun, tanzen zu lernen«, beantworte ich John’s Frage und verschränke die Arme vor der Brust. »Und Dean könnte ein paar mehr Muskeln vertragen.«

»Halt die Klappe, Paxton«, brummt der Wide-Receiver neben mir, der ziemliche Ringe unter den Augen hat. Er gibt mir einen schwachen Schlag gegen die Schulter, was mir lediglich ein Grinsen entlockt.

»Harte Nacht gehabt?«, will ich schadenfroh wissen und bin erleichtert, dass es jemanden gibt, der einen noch schlechteren Morgen hat, als ich.

»Spar dir deine Witze«, zischt Miles von der Seite. Er hat sich auf die Bank gesetzt und stiert mit böser Miene zu der Hallentür, durch die die Cheerleader langsam kommen. Sie werfen und skeptische Blicke zu, gesellen sich anschließend in ihre eigene Ecke und behandeln uns, als wären wir unerwünscht. Auch wenn ich sonst anderer Meinung bin, aber diesmal würde ich sehr gerne ihrem Wunsch folgen und verschwinden.

»Was? Soll ich schlecht gelaunt in der Ecke sitzen so wie du? Das macht das hier nur noch unerträglicher.«

»Tja, die Frage ist nur, wer uns das eingebrockt hat!«, faucht der Quarterback und steht schlagartig auf. Er macht ein paar Schritte mit seinen langen Beinen, bis er direkt vor mir steht. Obwohl ich nur ihn ansehe, spüre ich, dass das ganze Team sich zu uns wendet und die Situation neugierig beäugt.

Miles und ich haben uns noch nie gestritten. Zwar hatten wir mal Meinungsverschiedenheiten, aber nachdem wir ein Bier zusammen getrunken haben, war alles wieder in Ordnung. Jedenfalls bisher. Ich denke nur nicht, dass ihm das helfen wird seinen Liebeskummer zu akzeptieren, an dem ich leider auch Schuld bin. Schließlich würde das zwischen ihm und Zoe ansonsten einfach so weiterlaufen.

Ist er vielleicht deswegen so stinksauer auf mich?

»Hast du irgendein Problem?«, will ich von ihm wissen, sehe wie seine Halsschlagader pulsiert und er mit dem Kiefer mahlt. Ich weiß, dass er jede Sekunde zuschlagen kann, doch er weiß, dass ich die besseren Reflexe habe. Also wäre es für ihn ein Risiko mit mir eine Schlägerei anzufangen.

»Was soll der Mist?! Geht ihr zwei wohl auseinander!«, knurrt die vertraute Stimme vom Coach plötzlich und die Footballer um uns herum lichten sich etwas. Dennoch behalte ich weiterhin Miles im Auge, bereit seinen Angriff abzuwehren. »Verdammter Scheiß!«

Ich kann gar nicht so schnell schauen, wie wir auseinandergeschoben werden und sich ein großer Kerl mit Cappy und wütendem Gesichtsausdruck zwischen uns schiebt. Mit zusammengepressten Lippen weiche ich ein Stück zurück und lasse von Miles ab, der sich aufgebracht wegdreht.

»Ich schwöre, ich bringe euch beide um, wenn ihr jetzt eine Schlägerei anfangt. Den Mist hier habt ihr euch selber eingebrockt, also hört auf euch gegenseitig anzufahren und zieht diese Strafe jetzt durch wie echte Männer.«

»Wie echte Männer?! Wir machen Cheerleading, Coach!«, wirft Alex leicht schockiert ein.

»Soll das heißen ihr verliert eure Männlichkeit, weil ihr euch mal nicht auf dem Boden werft? Wenn das der Fall ist, könnt ihr das Footballteam direkt verlassen!«, knurrt Mayer und fletscht dabei die Zähne. Alex wird ein wenig kleiner bei dieser Ansage und der Rest senkt teilweise betreten den Blick. »Jetzt kneift eure winzigen Arschbacken zusammen und zeigt denen, dass ihr das mindestens genau so gut wie Football hinbekommt.«

»Es ist aber nicht Football«, nuschelt jemand leider etwas zu laut.

»Wenn ich noch ein Wort höre, stecke ich euch beim nächsten Spiel in ein Kleid. Habe ich euch zu Memmen erzogen, oder was soll das hier?«, will er scharf wissen, wobei seine schmalen Augen von einem zum anderen fliegen.

»Nein, haben Sie nicht«, beantworte ich seine Frage, woraufhin sein Kopf zu mir schnellt.

»Das hoffe ich für euch. Und jetzt aufstellen, ich prüfe die Anwesenheit.«

»Sie prüfen die Anwesenheit? Können Sie nicht…«, meldet Dean sich zu Wort, dessen Gesicht ziemlich weiß geworden ist.

»Sprich den Satz nicht zu Ende, Carter, oder ich erweitere deine Strafe um ein paar Monate!«

Dean schließt augenblicklich den Mund, während der Coach auf sein Klemmbrett schaut und die Namen abruft. Sonst werden bei der Prozedur Späße gemacht, doch heute ertönen nur einsilbige antworten, wenn überhaupt eine kommt. Miles reagiert auf seinen Namen überhaupt nicht und auch ich bringe nur ein Nicken zustande.

Während ich den Namen lausche, schweift mein Blick zu den Cheerleadern, die sich alle bereits in einer Ecke tummeln. Ich will nicht nach dem einen Gesicht suchen und doch ertappe ich mich dabei, wie ich nach braunen Locken Ausschau halte.

Doch da sind keine.

Auf meiner Stirn bilden sich Falten, während ich Zoe mustere, die schlecht gelaunt ihrer Trainerin lauscht. Diese feuert immer wieder Blicke auf Coach Mayer ab, als würde er die Hölle über sie bringen, dabei ist es doch genau andersherum. Wild fuchtelt die Frau mit dem hellbraunen Haar mit den Händen herum und ich kann mir vorstellen, dass sie uns gerade zu Ausgeburten der Finsternis erklärt. Manchmal könnte das sogar zustimmen.

»Gut, jetzt alle zusammenkommen!«, tönt es laut von der Trainerin, der Cheerleaderin in einer Lautstärke, die ich ihr nicht zugetraut hätte. Ich bin nicht der Einzige, der davon überrascht zu sein scheint, denn der Rest wirft sich verwunderte Blicke zu. Dennoch bewegt sich keiner auf die Horde Frauen zu, die im Kreis stehen.

Ich weiß, dass keiner sich rühren wird, wenn nicht einer endlich den Schritt macht. Also hole ich tief Luft, schlucke meinen Football-Stolz herunter und setzte mich in Bewegung. Eine Sekunde haften alle Blicke auf mir, doch dann knallt die Hallentür laut zu und auch ich halte inne.

»Sorry, mein Wagen sprang nicht an«, wendet Evelyn Jones sich leise zu der Trainerin, die sie mit schmalen Lippen mustert. Ich weiß, dass es eine Lüge ist, ohne dass ich ihr ins Gesicht schaue. Irgendetwas an ihrer Stimme verrät es, doch scheinbar bin ich der Einzige, dem das auffällt.

»Du hast Glück. Wir haben noch nicht angefangen, weil die Herren sich nicht in Bewegung setzten. Sollten sie das in den nächsten fünf Sekunden allerdings nicht ändern, gibt es Strafrunden!« Kaum hatte sie die Drohung ausgesprochen, fängt ein starker Protest an.

»Bewegt eure Ärsche her!«, faucht Zoe, neben der einige wild am Diskutieren und Kopfschütteln sind. Doch keiner in dem Wirrwarr bemerkt Jones, die sich leise in die hinterste Reihe gestellt hat, als würde sie sich verstecken wollen.

Gedankenverloren tragen meine Füße mich zu dem Kreis, der sich für uns etwas öffnet, sodass wir uns zwischen die Cheerleader stellen können. Bisher hat immer eine gute Stimmung – bis auf ein paar Ausnahmen – zwischen den Teams geherrscht. Party’s wurden zusammen veranstaltet und es war nichts Neues, das zwischen dem ein oder anderem mal etwas lief. Irgendwie schaffe ich es mich von Jones loszureißen und lasse den Blick über die Leute gleiten, die teilweise die Trainer ignorieren und sich Blicke zuwerfen, die sehr eindeutig sind. Dabei habe ich gedacht, dass wir eine klare Aussage getroffen haben.

»Zoe, du übernimmst, das Aufwärmen«, werde ich aus meinen Gedanken gerissen und sehe, dass die Coaches sich leise murmelnd entfernen. Die Hallentür schlägt hinter ihnen zu und ich könnte drauf wetten, dass sie Bericht erstatten müssen, ob alle anwesend sind.

Ich schaue zu der großen, jungen Frau, die sich ein Haar aus dem Gesicht streicht, das nicht vorhanden ist, weil es bereits im Zopf steckt. Sie wirft einen leicht nervösen Blick zu ihren Leuten, dann begegnen sich unsere Blicke.

»Ich möchte alle Anwesenden daran erinnern, dass wir eine Regel festgelegt haben«, sage ich laut in die Runde, ziehe alle Augen auf mich. »So verlockend es für manche jetzt vielleicht auch ist: Finger weg.« Warnend betrachte ich ein paar bestimmte Leute, die die Augen verdrehen oder ertappt den Kopf senken.

»Wir wollen das sauber über die Reihe bringen«, fügt Zoe hinzu und ich bin ihr dankbar für die Unterstützung, nicke ihr knapp zu.

»Mit den Fetten in diesem Team will ich sowieso nichts Zutun haben«, kommt es laut von Miles, während er Zoe fest im Blick behält. Seine Lippen sind zu einem arroganten Grinsen verzogen und ich kann die Wut in seinen Augen funkeln sehen. Er verhält sich wie ein Arsch und ich kann nur beten, dass sie sich nicht auf seine Spielchen einlässt. Zoe’s Lippe zittert leicht und ihre Augen glänzen verdächtig. Doch ehe sich eine Träne lösen kann, packt Evelyn Jones sie am Arm und zieht sie mit sich. Beide verfallen in einem leichten Trab, wobei die lockigen Haare, die in einem hohen Zopf stecken, hin und her wirbelt. Sie trägt eine kurze, hautenge Hose wie alle anderen. Dennoch kommt es mir so vor, als würde sie ihr weitaus besser stehen. Vielleicht liegt das an den trainierten Beinen, die keine Speckfalte aufweisen?

»Weiber«, vernehme ich das Knurren von Miles, der ein paar Schritte hinter mir läuft. Kurz bin ich verwirrt, doch dann sehe ich, dass Zoe aus der Halle stürmt und Evelyn langsamer wird. Einen Wimpernschlag hält der Gedanke an, dass ich fragen soll, ob ich helfen kann, doch er verfliegt, als sie sich umdreht und mit funkelnden Augen Miles anstarrt, der hinter mir läuft. Ich gebe mir Mühe, sie so wenig es geht zu beachten, als ich an ihr vorbeilaufe, habe dennoch die Ohren gespitzt. Gerade als ich denke, dass nichts passieren wird, höre ich einen Fluch und einen lauten Aufknall. Ich halte an und wirble herum, kann gerade noch sehen, wie Jones mit erhobenem Kinn aus der Halle stolziert und Miles auf dem Boden liegt. Erst will ich weiterlaufen, doch dann sehe ich den Schmerz auf seinem Gesicht. Ich kann nicht sagen, ob er körperlich oder seelisch ist. Vielleicht beides.

Er ist einer meiner besten Freunde. Ich kann ihn nicht hängen lassen.

Schuhe trampeln über den Boden, während ich gegen den Strom auf meinen Freund zugehe. Er hat sich noch nicht richtig aufgerafft, als ich vor ihm stehen bleibe und ihm die Hand hinhalte. Seine Augen wandern von meiner Hand, über meinen Arm zu meinem Gesicht. Ich kann das Zögern sehen.

Es ist einer dieser seltsamen Augenblicke, in denen wir beieinanderstehen und unausgesprochen unseren Streit beilegen. Ich kann die Anschuldigungen spüren und versuche mich mit starrer Miene zu verteidigen. Wir werfen uns stumm alles an den Kopf, was uns auf dem Herzen liegt, bis Miles ein lautes Schnauben von sich gibt und seine Hand in meine legt.

»Das Biest hat mir ein Bein gestellt«, brummt er, als ich ihn hochziehe und wirft einen Blick zu der Tür, hinter der Jones verschwunden ist. Ich öffne den Mund, um ihm mitzuteilen, dass es lediglich eine Rache war für den dämlichen Spruch, doch dann schließe ich ihn wieder. Es ist irrelevant. Dass was zählt ist das er mich nicht mehr umbringen will und wir dieses Training ohne böse Überraschungen überleben.

Ich brauche Miles als Unterstützung an meiner Seite und das wird nicht passieren, wenn ich die Cheerleader in Schutz nehme. Außerdem war das mit dem Bein stellen eine miese Aktion. Ich hätte nicht gedacht, dass Jones sich auf so etwas Banales einlässt.

»Das sie ein Biest ist, wissen wir doch schon etwas länger«, erwidere ich achselzuckend und lenke die Aufmerksamkeit von ihm wieder auf mich.

»Scheiße. Demnächst laden wir nur noch die Volleyballerin ein. Die veranstalten wenigstens nicht so ein Chaos«, brummt er und wir verfallen in einen langsamen Trab.

»Außerdem tragen die noch knappere Klamotten«, füge ich schief grinsend hinzu und es ist das erste Mal seit Tagen, dass seine Lippen sich zu einem schmalen Lächeln verziehen.

Schade, dass ihn auch keine Volleyballerin von Zoe ablenken können. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt ihm das mitzuteilen, also laufe ich stumm neben meinem Freund her und lausche seinen Beschimpfungen für die wir böse Blicke von den Cheerleadern ernten.

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