19. Evelyn

»Zoe?«, frage ich leise und klopfe vorsichtig an die Kabinentür, aus der ein lautes Schluchzen dringt. Als Antwort erhalte ich nur weiteres Schniefen, woraufhin ich mich gegen die Tür lehne, die mit lauter Anschuldigungen und Lebensweisheiten beschriftet ist. »Ich habe ihm ein Bein gestellt.«

»Du hast was?«, kommt es kaum vernehmlich aus der Kabine und meine Mundwinkel zucken. Ich wusste doch, dass ich sie damit zum Reden bekomme.

»Ich habe ihm im Laufen ein Bein gestellt. Der ist ziemlich durch die Luft gesegelt und mit einem lauten Rums auf den Hallenboden geknallt«, erkläre ich ruhig. »Ich glaube, er mag mich jetzt nicht mehr besonders.«

Kaum sind die Worte aus meinem Mund, höre ich, wie die Kabine entriegelt wird und gleich darauf steht Zoe mir gegenüber. Sie sieht schrecklich aus. Ihre Augen sind rot und geschwollen, obwohl sie nicht besonders lang geweint haben kann. Die Wangen haben rote Flecken und ihre Nase hat ebenfalls eine leichte Röte angenommen, was bestimmt dem rauen Toilettenpapier zu verdanken ist. Dafür sitzen ihre Frisur und die Kleidung perfekt.

»Er mag niemanden besonders«, sagt sie mit einer Traurigkeit in der Stimme, die sich eisig um mein Herz legt.

»Das glaube ich nicht.«

»Du hast doch gehört, was er gesagt hat: Ich bin fett.«

Ich presse die Zähne zusammen und unterdrücke die aufkochende Wut. Für diese Aussage hätte ich ihm am liebsten einen Tritt zwischen die Beine verpasst.

»Kannst du mir den Gefallen tun und geradeaus in den Spiegel schauen?« Ich drehte mich demonstrativ um, sodass ich direkt neben Zoe stand. Im Spiegel erkannte ich, dass sie meinem Blick folgte, bis sie schließlich sich selbst anschaute. Der angewiderte Ausdruck auf ihrem Gesicht entging mir nicht. Doch bevor sie sich abwenden konnte, ergriff ich das Wort.

»Wenn er der Meinung ist, dass du Fett bist, was bin ich dann? Ich hab breitere Hüften, dickere Beine und bin ein ganzes Stück kleiner als du«, erklärte ich ruhig, hielt meine Freundin dabei fest im Blick und deutete auf meine Körperpartien. »Du bist diejenige von uns, an denen lange Kleider wunderschön aussehen und deine langen Haare wickeln sowieso so ziemlich jeden Typ um den Finger. Ich hingegen wirke wie eine Vogelscheuche mit der Mähne, die ich von meiner Mum geerbt habe.« Zoe entweicht ein Glucksen, als ich auf den Zopf deute, der wie ein wilder Busch wirkt. »Der Typ ist keine Träne wert, wenn er solche Aussagen trifft.«

»Aber er kann anders sein.« Ihre Worte sind nur ein leiser Hauch, doch sie entgehen mir nicht.

»Was meinst du damit?«, will ich wissen und wende mich nun Zoe zu, die mit zusammengekniffenen Lippen, ihre weißen Schuhspitzen anstarrt. Mit hochgezogenen Augenbrauen warte ich auf eine Antwort, die ich schon längst vorhersehen kann.

»Er kann nett sein. Komplimente machen und einem zum Lachen bringen.« Ihre Mundwinkel wandern bei den Gedanken ein ganzes Stück nach oben und ihr Blick wird verträumt, als wäre sie ganz woanders. Es ist ein seltsames Bild, das sich mir bietet. Da steht sie verheult vor mir wegen eines Idioten und gleichzeitig lächelt sie selig, wegen des gleichen Kerls.

»Einen oder dich?«, reiße ich sie aus ihrer Traumwelt, woraufhin sie ertappt aufschaut.

»Kannst du was für dich behalten?«

Es gibt wenige, die ein Geheimnis besser für sich behalten könnten, aber das muss ich ihr nicht sagen.

»Du kennst mich, Zoe«, antworte ich stattdessen und schüttle leicht verärgert den Kopf. »Und das du was mit ihm hast, ist wohl mehr als offensichtlich.«

»Oh«, gibt sie mit einem unglücklichen Lächeln von sich, verknetet nervös die Finger ineinander. »Woher weißt du das?«

»Mal abgesehen davon, dass ich dich kenne, war es wirklich nicht zu übersehen. Und das Treffen im Café hat mir auch zu denken gegeben.«

Mit einem lauten Seufzen lässt sich Zoe an die Wand fallen und schaut mich mit herunterhängenden Schultern an. Das Unglück steht ihr ins Gesicht geschrieben und ich kann nicht anders, als ein wenig Mitleid mit ihr zu haben.

»Meinst du, dass das noch jemand mitbekommen hat?«

»Jeder, der zwei Augen im Kopf hat und nicht ganz abgestumpft ist, schon«, erkläre ich mich einem schiefen Lächeln und verschränke die Arme vor der Brust. »Paxton weiß es definitiv.«

»Echt?!«, platzt es aus Zoe heraus und Sorgenfalten erscheinen auf der sonst so glatten Stirn. »Woher weißt du das?«

Ich könnte ihr sagen, dass wir beide Blicke getauscht und uns wortlos verstanden haben, doch das würde komisch kommen. Außerdem kann ich das Café noch vorschieben. Immerhin haben wir uns davor draußen unterhalten.

»Wir haben uns durch Zufall vorm Café getroffen und euch drin entdeckt. So ungern ich es auch zugebe, aber Paxton ist nicht ganz auf den Kopf gefallen. Auch wenn das für Footballer wirklich unwahrscheinlich ist.«

Ich lächle meine Freundin an, die die Geste erwidert und sich die letzten Tränen aus dem Gesicht wischt.

»So gefällst du mir schon viel besser«, stelle ich fest, als der traurige Ausdruck in ihren Augen langsam verschwindet. »Und bevor wir jetzt zurück in die Halle gehen: Lass dich von dem Trottel nicht einschüchtern. Du bist zu gut für solche Beleidigungen«, gebe ich zu bedenken und wir setzten uns in Bewegung.

»Sehe ich denn halbwegs normal aus?«, will sie wissen, als ich die Tür aufstoße. Im selben Moment kommt aus der gegenüberliegenden Umkleide eine Leiche – zumindest der Hautfarbe nach zu urteilen. Der Footballer hat dunkle Furchen unter den Augen und seine Haare sind komplett zerzaust. Eine Sekunde bleibt er stehen, erwidert unseren verwirrten Blick, dann trottet er weiter.

»Also schlimmer als der siehst du definitiv nicht aus«, beantworte ich ihre Frage leise.

»Das ist auch nicht schwer«, murmelt sie nah neben mir, ehe wir in die Halle treten und die Schultern straffen, um uns auf den Kampf vorzubereiten. Denn das wird diese Trainingseinheit garantiert werden.

 

 

Wir sind, den Footballern so gut es geht, demonstrativ aus dem Weg gegangen. Beim Aufwärmen, dem Krafttraining und Dehnen setzten wir uns ans andere Ende der Matte und ignorieren das Getuschel der Horde. Zu meiner Erleichterung reckt Zoe trotzig das Kinn in die Höhe und unterhält sich mit den anderen Cheerleadern. Ich bin mir sicher, dass ihr die Blicke von Miles nicht entgehen und umso stolzer bin ich, dass sie ihn links liegen lässt.

Leider kriege ich, dieses Links liegen lassen, selber zu spüren. Es sind nicht alle aus dem Team, doch ich bemerke den Unmut, der herrscht, wenn ich etwas sage oder lache. Die Blicke schmerzen, obwohl diese Menschen nicht meine Freunde sind und ich sie kaum kenne. Mit dieser Abneigung von Katie aus hätte ich Leben können, doch sie scheint ein paar andere in ihr Boot geholt zu haben. Nun spüre ich die Abneigung von allen möglichen Seiten und ich habe keine Chance ihr zu entgehen. Ich weiß nicht, ob Zoe es überhaupt auffällt oder ob sie, so damit beschäftigt ist, Miles zu ignorieren, dass es ihr entgeht. Einen langen Moment in dem ich nur den Gesprächen lausche, aus Angst, dass ich wieder diese Kälte entgegengebracht bekomme, überlege ich, es ihr zu sagen. Doch ich bemerke ihre Anstrengung gute Miene zum bösen Spiel zu machen und schließlich ist es sie, die ich mir diese Trainingseinheit zum Vorbild nehme.

Ich lasse alle Gefühle, Blicke und Sprüche von mir abprallen.

Früher hat es mir nicht so viel ausgemacht so behandelt zu werden. Allerdings hatte ich da Leute hinter mir stehen und in dieser Halle fühle ich mich trotz der Vielzahl an Menschen einsam.

Ich will es nicht, doch bei dem Gedanken, schweift mein Blick zu Ryan Paxton, der neben Miles sitzt und am Lachen ist. Unbeschwert grinst er seine Kollegen an und manche von ihnen schauen ihn an, als wäre er ihr größtes Vorbild. Mit gerunzelter Stirn betrachte ich die schwarzen kurzen Haare und kann selbst aus der Entfernung die Farben seiner Augen erkennen. Vielleicht weil ich sie mir in der letzten Nacht so gut eingeprägt habe?

Plötzlich blitzt das kantige Gesicht direkt vor meinen Augen auf. Ich kann den leichten Bartschatten erkennen und sehe die schmalen Lippen, die zu einem spöttischen Grinsen verzogen sind, das diesmal jedoch viel sanfter erscheint. Kleine Falten liegen um seine Augen, die mich in eine unendliche, blaue Tiefe reißen.

»Eve!«, höre ich plötzlich meinen Namen und im selben Moment schaut Paxton auf. Unsere Blicke treffen sich und ich will es vermeiden, doch ich kann nichts dagegen tun, das ich ertappt wegschaue und mich an Zoe wende, die einen fragenden Ausdruck auf dem Gesicht hat. Ich spüre das verdächtige Kribbeln an meinen Wangen und hole tief Luft, um die aufsteigende Röte zu unterdrücken.

»Ja?«, bringe ich leicht krächzend hervor, was mir spöttische Lacher von anderen Cheerleadern bringt, die meine geistige Abwesenheit mitbekommen haben.

Warum bin ich überhaupt so weit abgedriftet?!

»Wollen wir den Super Bowl nächste Woche zusammen schauen? Die anderen wollen ins Rooster gehen, aber da habe ich nicht so Lust drauf.«

»Komm schon, Zoe!«, protestiert Abigail sofort. »Das wird bestimmt wieder ein super Abend!«

Ich sehe wie die Augen von Zoe das erste Mal seit fast einer Stunde zu Miles huschen und weiß sofort, warum sie kein Interesse daran hat, in dieses Rooster zu gehen. Da ich nicht darauf aus bin, den Abend alleine zu verbringen oder mich von Cheerleadern anzicken zu lassen, nicke ich ihr zu.

»Klar, wir können den zusammen schauen. Sophia ist bestimmt auch dabei.« Ihr dankbares Lächeln verrät mir, dass es die richtige Antwort war und sie lässt mich das wütende Schnauben der anderen ignorieren.

»Footballer nach links und die Cheerleader, die im Meisterschaftsteam sind, gehen nach rechts. Alle anderen kommen zu mir!«, schallt es laut durch die Halle und ich zucke überrascht zusammen, weil ich diese Lautstärke nicht erwartet hatte. Coach Kim hat ein sehr lautes Organ. Daran werde ich mich ab jetzt wohl gewöhnen müssen.

Es ist das erste Mal seit heute Morgen, dass mir ein eisiger Schauer über den Rücken läuft und mich das Gefühl überfällt keine Luft zu bekommen. Schnüre legen sich um meine Brust, schneiden in meine Haut und lassen mich erstarren. Meine Gedanken fliegen fort, zurück in mein altes Zimmer, doch ich will nicht.

Ich kann es nicht geschehen lassen. Nicht heute, nicht hier und vor allem nicht jetzt.

Atmen. Ich muss nur ruhig atmen.

Neben mir stehen die Leute auf, der Boden unter mir vibriert leicht unter den Schritten. Meine Welt schwankt leicht, während ich versuche, die Kontrolle über mich wiederzugewinnen. Meine Finger beginnen zu zittern und es kostet mich enorme Kraft aufzustehen und nicht direkt umzufallen. Ich presse die Lippen zusammen, während kalter Schweiß sich auf meiner Stirn sammelt.

Es ist nichts passiert bisher.

Ich bin nur beim Training.

Um mehr geht es noch nicht.

»Alles okay bei dir?« Sanft werde ich am Arm berührt und schaue in das vertraute Gesicht von Zoe.

»Ja«, bringe ich irgendwie über die Lippen und schaffe es trotz der Starre, die von meinem Körper besitz ergriffen hat, ein Nicken zustande zu bringen. Misstrauisch beäugt sie mich einen Moment, lässt ihre Hand auf meinem Arm ruhen, wofür ich unfassbar dankbar bin.

Denn diese kleine Berührung zieht mich schlagartig ins Jetzt zurück, lässt die aufkommende Panik verebben und schiebt sie zurück in die Höhle, in die ich sie verbannt habe.

»Ja«, wiederhole ich diesmal deutlicher. »Mir ist nur etwas schwindelig. Wahrscheinlich bin ich zu schnell aufgestanden.«

In ihren Augen kann ich sehen, dass sie mir nicht glaubt und ich weiß, dass ich mich irgendwann ihren Fragen stellen muss. Immerhin hat sie bemerkt, wie ich weggerannt bin und auch Sophia hat mich kalkblass im Park vorgefunden. Die Beiden werden miteinander sprechen und ahnen, dass etwas nicht stimmt. Doch ich bin nicht bereit in nächster Zeit dieses Thema zu bereden.

Dafür muss ich selbst erst mal damit abschließen.

Doch wann das sein wird, kann ich selbst noch nicht sagen.

»Okay, ich muss leider erst mal zum Meisterschaftsteam, aber ich nehme an, dass wir gleich zusammengewürfelt werden.« Sie macht eine kleine Kopfbewegung zu der Horde Cheerleadern, bei denen auch Katie steht. Hochnäsig und mit einem selbstgefälligem Lächeln schaut sie zu uns. Ich habe jetzt keine Kraft um mich ihr zu stellen oder der Arroganz entgegenzutreten, weswegen ich rasch wegschaue und Zoe nur zunicke, während sie geht und leider ihre beruhigende Berührung mitnimmt.

»Also«, vernehme ich die Stimme des Coaches, die nun etwas leiser ist. »Ich habe mir eine Strategie überlegt, um die Meisterschaft halbwegs gut zu überstehen. Zum Glück sind dieses Jahr relativ viele da, die nicht mit zur Meisterschaft fahren. Ihr bekommt ab jetzt die Aufgabe euch die zweite Trainingsstunde um die Footballer zu kümmern und ihnen die Grundlagen beizubringen. So haben die anderen Zeit richtig zu trainieren und in der letzten Stunde werden wir dann alle gemeinsam das Meisterschaftsprogramm trainieren.«

»Wir trainieren das Meisterschaftsprogramm?«, kommt es mir verwundert über die Lippen, weil ich davon ausgegangen bin, dass wir in die Ecke gestellt werden.

»Ja, Jones, ihr alle – auch die Footballer – werden die Jumps, das Tumbling und die Stunts, so weit es eben geht, trainieren. Zum einen möchte ich mehrere Ersatzleute parat haben, sollte es zu Verletzungen kommen und zum anderen werde ich nicht zulassen, dass wir die Meisterschaften in den Sand setzten«, knurrt Coach Kim entschlossen, wobei ihr rundes Gesicht sich leicht verzieht, als müsste sie sich anstrengen um Beschimpfungen zurückzuhalten. »Jeder von euch kennt seine Position, ich habe euch lange genug trainiert, damit ihr mit der Horde da hinten fertig werdet. Und macht es ihnen bloß nicht zu leicht. Mir wäre es lieb, wenn Mayer sich beschwert, dass seine Jungs vor Muskelkater kaum laufen können.« Ein grimmiges Grinsen tritt auf ihr Gesicht, was meine Sympathie ihr gegenüber auf einen neuen Hochpunkt treibt.

»Welche…«, setzte ich an und will fragen, ob ich auch meine alte Position machen soll.

»Ich gehe davon aus, dass du das alles koordiniert, Jones«, unterbricht sie mich stattdessen. Ich blinzle einige Male verwirrt, spüre die neugierigen Blicke der anderen auf mir. »Immerhin bist du diejenige, die genug Arsch in der Hose hat, um mit denen fertig zu werde und außerdem kannst du einiges, wenn die Videos mich nicht getäuscht haben.«

Die Videos?

»Und jetzt macht sie fertig!« Siegessicher reckt sie die Faust ein Stück in die Höhe, schaut jedem von uns einen Moment in die Augen und macht dann auf dem Absatz kehrt. Überrumpelt von dieser seltsamen Aussage und ihrem Plan, bleibe ich wie angewurzelt stehen, während die anderen neben mir wieder zum Leben erwachen.

»Okay, dann sagst du wohl an, was wir machen.« Ich höre, dass Emily, die seltsamerweise auch neben mir steht, verstimmt ist nach der Aussage von Coach Kim.

»Vielleicht könnt ihr mir erstmal sagen, wie euer Training sonst abläuft«, versuche ich, die Aussage wettzumachen, weil ich es nicht gebrauchen kann von noch mehr Leuten blöd angeschaut zu werden. »Dann können wir das alles zusammen machen und ich biete mich vielleicht nur als Puffer an, wenn euch einer doof kommt?«, schlage ich vor und schaue zu den fünf anderen, die neben mir stehen. Ich kenne ihre Namen nicht und weiß auch nicht was sie können, doch es erscheint mir zu Beginn als die beste Möglichkeit, um Frieden mit ihnen zu stiften. Zum Glück nicken alle von ihnen zustimmend, was den kleinen Stein, der eben in meinen Magen gefallen ist, auflöst.

»Also?«, wende ich mich an Emily, die die Einzige ist, die ich etwas besser kenne.

»Erst Jumpen wir, dann kommt Tumbling und zuletzt das Stunten. Wenn wir Auftritte haben, wird zwischendurch der Tanz geübt und natürlich das Programm.«

»Okay, dann lasst uns die Reihenfolge beibehalten. Und sollten sie uns quer kommen, werden wir ihnen eben einen Tanz beibringen«, schlage ich vor und versuche einen halbwegs ermunternden Gesichtsausdruck auf die Reihe zu bekommen.

»Gut«, stimmt Emily zu. »Dann machen wir sie mal fertig«, wiederholt sie die Worte von Coach Kim und diesmal sind alle anderen auch am Lachen.

Keiner von ihnen schießt uns quer, als wir sie auffordern, sich in Lines zu stellen. Zwar sind die Herren mit der Aufgabe bereits überfordert und es dauert geschlagene fünf Minuten, bis wir die fast sechzig Footballer aufgestellt haben, doch es funktioniert reibungslos, was mich verwundert. Auch als wir ihnen die Jumps erklären, ernten wir lediglich Stöhnen und leise Schmerzensschreie als die Jungs versuchen ihre Beine in die Luft zu kriegen und teilweise unsanft auf dem Boden landen. Es ist entspannt, als alle Lachen müssen, während einer von ihnen sich wieder auf die Beine kämpft, nachdem er zwei andere umgehauen hat.

Während all der Zeit, die wir jumpen, bin ich genaustens darauf bedacht, mich von Miles und Paxton fernzuhalten. Ich habe immer mal wieder das Gefühl seinen Blick auf mir zu spüren, doch ich unterdrücke den Drang nachzusehen, ob ich Recht habe.

Auch als wir zum Tumbling übergehen, ignoriere ich, dass er hinter mir in der Reihe steht. Wir fangen an mit einfachen Übungen und es stellt sich als Weise Entscheidung raus, weil manche von den Herren nicht im Stande sind eine Vorwärtsrolle auf die Reihe zu bekommen. Schließlich teilen wir alle in zwei Gruppen auf, um an den unterschiedlichen Leistungsständen zu arbeiten. Bei ein paar Footballern sackt die Laune erheblich ab, als wir sie in die schlechtere Gruppe stecken und ich befürchte schon fast so etwas wie eine Rebellion, doch zu meiner Überraschung verstummen sie, als sie in meine Richtung blicken.

Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, dass Ryan Paxton ihnen gerade stumm mitgeteilt hat, dass sie es unterlassen sollen. Doch dann ertönt eine Stimme von der ich weiß, dass Paxton nicht dazwischen gehen wird.

»Warum übernimmst du jetzt genau unsere gruppe, Jones?« Ich presse die Lippen zusammen und schaue zu Miles, dessen Augen herausfordernd Funkeln. »Bei den anderen habe ich gesehen, was sie draufhaben, aber du stehst bisher nur daneben.«

Ich weiß, dass es eine billige Provokation ist und er hofft, dass ich darauf anspringe. Kurz schweift mein Blick zu Paxton, der die Arme vor der Brust verschränkt hat und mich ebenfalls stumm und fragend anstarrt.

Plötzlich ist es Still in der Halle. Ich weiß nicht, ob die anderen gerade Trainieren oder auf den Einsatz der Musik warten. Ich spüre allerdings die gesamte Aufmerksamkeit der Footballer auf mir, die neugierig und teilweise belustigt die Herausforderung beobachten.

Ich bin versucht zu antworten, beiße mir jedoch auf die Zunge. Keiner der anderen Cheerleader wagt es, etwas zu sagen. Warum sollten sie auch? Immerhin habe ich mich als Puffer angeboten.

Meine Augen wandern zwischen Paxton und Miles hin und her und mein Magen wird von einer seltsamen Wut erfasst, weil er sowas seinen besten Kumpel durchgehen lässt. Jede Beleidigung, die mir auf der Zunge liegt, schlucke ich herunter. Eine Sache hat Miles vergessen, als er diese Herausforderung in den Raum geworfen hat.

Ich bin es gewohnt unter Druck zu stehen und von einer Menge Menschen dabei angestarrt zu werden.

Außerdem habe ich gelernt, dass in solchen Momenten Taten mehr zählen als Worte.

Normalerweise müsste mich die Aufmerksamkeit verunsichern und den nächsten Panikanfall heraufbeschwören, doch die unterschwellige Wut, die plötzlich in meinen Adern pulsiert, während ich in dieses unendliche Blau schaue, drängt alles andere beiseite.

Wortlos drehe ich mich um, stelle mich ans Ende der Matte und hole tief Luft. Ich blende das aus, was um mich herumgeht, gehe die Bewegungen im Kopf durch. Es ist fast einen Monat her, dass ich das letzte Mal getumbelt habe, doch ich weiß, dass ich es kann.

Ein letzter Atemzug, dann renne ich los, nehme Anlauf und gehe runter. Meine Hände prallen auf der Matte auf, als ich zur Radwende ansetzte und mich anschließend abdrücke. Die zwei Flickflacks im Anschluss passieren von alleine, als hätte ich nie etwas anderes getan und dann drücke ich mich das letzte Mal vom Boden ab, reiße die Arme um die Luft und drehe mich um meine eigene Achse. Ich habe genug Zeit um mich auf die Landung zu konzentrieren und spüre wie meine Füße auf dem Boden aufkommen.

Ich möchte grinsen, weil es sich so gut anfühlt, dass die Schraube so verflucht gut geklappt hat, doch ich ermahne mich keine Gefühle auf mein Gesicht zu lassen, stelle mich auf und hebe den Kopf. Neutral schaue ich zu Miles und stelle mit Genugtuung die Überraschung in seinen Augen fest.

»Noch fragen?«, will ich mit monotoner Stimme von ihm wissen, doch er presst nur die Lippen zusammen.

»Schön«, kommt es überraschenderweise von der Seite und ich begegne dem Lächeln von Emily, was mich wirklich aufmuntern.

»Danke.«

Diesmal verberge ich meine Freude nicht.

Der Rest der Trainingseinheit verläuft ruhig und wir kommen gar nicht zum Stunten, als die anderen zu uns treffen. Nach kurzer Rücksprache mit Coach Kim wird klar, dass wir es die nächsten Trainingseinheiten bei Jumps und Tumbling belassen, um die Jungs auf ein halbwegs vernünftiges Niveau zu bekommen, damit sie bei dem Meisterschaftstraining nicht komplett hinterherhinken und anfangen Mist zu bauen in der letzten Reihe.

Ich genieße es, hinter den anderen zu stehen und mich auf Motions und anderes zu konzentrieren. Zwar korrigiere ich immer wieder die Footballer, die grummelnd jede Korrektur annehmen, doch es verdirbt mir nicht den Spaß an der Sache. Selbst Katie, die sich immer wieder zu anderen dreht, auf mich deutet und dann lacht, kann ich ausblenden.

Ich fühle mich viel zu gut dafür, dass es eine Strafe sein soll und verdränge gekonnt den Gedanken an Auftritte in der Öffentlichkeit. Weder in der Umkleide noch auf dem Weg nach draußen kann ich das Glücksgefühl ablegen. Es wird sogar noch verstärkt, als Sophia in mein Blickfeld kommt, die scheinbar auf uns gewartet hat.

Ich hebe gerade die Hand, als mich wütende Stimmen zurück in die Wirklichkeit holen und die Sorglosigkeit verfliegt. Verwundert drehe ich mich um und stelle fest, dass Zoe gegenüber von Miles steht. War sie nicht eben noch direkt hinter mir gewesen?

Doch bevor ich die Frage verfolgen kann, setzten meine Beine sich in Bewegung und ich bleibe neben ihr stehen.

»…euer blödes Rumgehüpfe kann jeder Trottel!«, knurrt Miles.

»Schade, dass du dich dabei schlechter angestellt hast, als jeder andere Trottel in deinem Team«, faucht Zoe und will einen Schritt näher treten, doch da habe ich sie bereits an der Schulter gepackt und stelle mich vor sie.

»Es reicht, Miles«, ermahne ich den Quaterback, der mich zornig anfunkelt.

»Lass ihn in Ruhe.« Mein Nacken verkrampft, als Ryan Paxton sich vor Miles schiebt.

»Dann pass gefälligst auf, dass du dein Schoßhündchen gehorcht, wenn du ihn zurückpfeifst«, knurre ich, getrieben von der Wut, die in meinen Adern brodelt, seit er zugelassen hat, dass Miles sich so aufspielt.

»Behalt du deine kleinen Häschen im Käfig, dann kümmere ich mich um meine Hunde.« Da ist es wieder. Die Arroganz in seinen Augen, gemischt mit einer Überheblichkeit, die bei mir einen Würgereiz auslöst. Ich schlucke schwer, versuche diese plötzliche Abneigung, einzuordnen, die er mir gegenüber bringt. Doch nichts von dem was ich vor mir sehe, erinnert mich an den Ryan Paxton, der gestern Nacht mich und meine Schwester nach Hause gebracht hat.

»Keine Angst, das bekomme ich hin«, zische ich und lasse mir nichts von dem Chaos in meinem Kopf anmerken.

»Schön«, gibt er bissig zurück und zerrt Miles mit sich. Sie wenden uns den Rücken zu, ich sehe, wie sie heftig miteinander diskutieren, doch ich bringe es nicht zustande, meinen Blick abzuwenden.

»Alles in Ordnung?«, vernehme ich schließlich die sanfte Stimme von Sophia, die mich aus meiner Starre befreit.

»Ja, und bei dir Zoe?«, will ich von meiner Freundin wissen, doch ich bekomme ihre Antwort nicht mit, obwohl sich ihre Lippen bewegen. Denn der Moment hat sich in meinen Kopf gesetzt, und hält mich fest.

Es ist, als hätte es die letzte Nacht nicht gegeben.

Und ich weiß nicht warum, geschweige denn, wieso es mich so stört.

 

Da ist der Startschuss für das erste von vier Kapiteln. Es ist übrigens das längst, das ich heute lesen werdet. Irgendwie wollte das nämlich einfach nicht enden 😀

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