21. Evelyn

Zwei Wochen vergehen ohne große Aufregung.

Zuhause herrscht zwar kühle Stimmung, wegen Amy, die uns immer noch größtenteils aus dem Weg geht, doch es ist in Ordnung. Denn sobald Mum weg ist, kommt sie aus dem Zimmer, setzt sich zu Gran und mir und sieht uns beim Schach zu oder macht Hausaufgaben. Wir sprechen fast nicht miteinander. Lediglich die Blicke, die die beiden tauschen, verunsichern mich. Es ist, als hätten sie ein kleines, schmutziges Geheimnis und ich weiß nicht, ob das für den Rest der Welt von Vorteil ist.

Die Footballer ignorieren wir. Zoe hat jeden Kontakt in ihrer Liste gesperrt und ich weiß, dass sie es nur tut, um nicht in Versuchung zu geraten, an einen einzigen zu schreiben, der ihr dauernd verstohlene Blicke zuwirft. Manchmal frage ich mich, ob sie es bemerkt oder zu sehr darauf bedacht ist, die Unantastbare zu spielen, wodurch es ihr entgeht. Beim Training setzt sie sich ans andere Ende der Halle und ich tue es ihr gleich. Denn wo Miles ist, ist meistens auch Ryan Paxton. Und das ist die Person, der ich aus dem Weg gehe.

Ich habe nicht mit einer SMS von ihm gerechnet und es hat mich einen endlosen Moment aus der Bahn geworfen. Ich hatte schon zu einer Antwort eingesetzt, als mir wieder einfiel, wie er beim Training mit mir umgesprungen ist. Daraufhin habe ich meine Nachricht wieder gelöscht und das Handy in meiner Tasche vergraben in der Hoffnung, dass ich es vergessen würde.

Leider fällt es mir schwerer, als ich erwartet habe. Dauernd denke ich an diese eine Nacht, in der er nicht der Idiot mit der großen Klappe war. Ich habe das Gefühl, dass ich zwei Ryan Paxtons kenne und nicht weiß, welcher mir gegenübersteht. Daher gehe ich gänzlich auf Abstand. Das ist wahrscheinlich das Gesündeste für mich und noch mehr Stress ertrage ich nicht.

Denn das ist es, wenn ich morgens aufwache und weiß, dass ich in die Halle muss. Bis zu dem Moment in dem ich die Schwelle überschreite und die Matte unter meinen Füßen spüre, beherrscht Panik jede Faser meines Körpers. Ich schlage morgens die Augen auf und bin am Zittern. Dabei trage ich kein Kleid und musste mich bisher auch nicht in der Öffentlichkeit zeigen. Doch alleine der Gedanke daran, reißt mich auseinander.

Dabei ist die letzten Monate nichts passiert.

Bis auf meine Panikattacken.

Die werden mir jedoch wohl noch eine Weile erhalten bleiben.

»Wir haben Popcorn, die Pizza sollte so gegen Acht kommen und Schokoladeneis ist im Gefrierfach. Brauchen wir noch was?«, fragt Zoe, während ich an der Kücheninsel sitze und beobachte, wie sie herumwirbelt.

»Wir werden jetzt garantiert nicht noch einkaufen fahren. Auf den Straßen ist die Hölle los«, brummt Sophia neben mir und nippt an ihrer Cola.

»Ich denke, wir haben alles«, beruhige ich Zoe, die uns missmutig betrachtet. »Immerhin sind wir nur zu dritt. Ich meine, das Eis schaffe ich alleine, aber die vie Pizzen und die fünf Kilo Popcorn, die du organisiert hast, könnten mich an meine Grenzen bringen.«

»Du bist wirklich aus dem Training, Eve«, seufzt Zoe und betrachtet mich mit einem kleinen Grinsen. »Früher hättest du das alles ganz alleine verdrückt.«

»Früher hat Gran mich auch jeden Tag mit Essen bombardiert.«

»Jetzt nicht mehr?«, will Sophia wissen und ich schüttle den Kopf.

»Den himmlischen Hackbraten bekomme ich sowieso nicht, weil ich sie alt genannt habe. Aber momentan haben Mum und Gran nur Amy im Kopf und da steht das Essen derzeit eben hinten an.«

»Hast du mittlerweile was rausgefunden?« Zoe nimmt eine große Schüssel und stellt sie neben die Mikrowelle.

»Nein«, seufze ich und stütze mich auf der Arbeitsplatte mit dem Ellenbogen und verschränke die Hände unterm Kinn. »Allerdings scheinen Amy und Gran irgendeine mystische Verbindung oder ein Geheimnis zu haben.«

»Was meinst du damit?« Verwundert dreht Sophia sich ein Stück zu mir und starrt mich fragend an.

»Die Beiden tauschen dauernd seltsame Blicke und tuscheln hin und wieder. Es ist irgendwie gruselig. Vor allem nachdem Gran ihr beinah den Kopf abgerissen hat, als sie am nächsten Morgen mit Kater auf dem Sofa aufgewacht ist und auf die Pfannkuchen gekotzt hat, die Gran ihr hingestellt hat.«

»Ich hätte das auch als Beleidigung empfunden!«, schlägt Zoe sich auf die Seite meiner Großmutter und ich kann ein Lachen nicht unterdrücken. »Ist bei dir und Asher eigentlich alles in Ordnung?«

Ein wenig Farbe weicht aus dem Gesicht von Sophia, als Zoe sich an sie wendet. Sie kann es nicht sehen, weil sie eine Tüte Popcorn in die Mikrowelle legt, doch mir entgeht die Traurigkeit, die sie eine Sekunde beherrscht, nicht. Sophia und ich haben jegliche Unterhaltung über Asher und das was im Park passiert ist bisher gemieden. Kam das Thema auf, hat einer von uns schnell abgelenkt und wir sind zum nächsten aktuellen, wichtigen Thema übergegangen. Dazu zählte auch der neue Rasenmäher von Mr. Jenkins.

»Könnte nicht besser sein. Beim Job läuft es jetzt auch etwas runder«, erklärt sie zögerlich, verschränkt die Finger ineinander.

»Ich habe Asher neulich im Laden getroffen, als er Medikamente gekauft hat. Er sah etwas kränklich aus und meinte, dass eure Mum eine schwere Erkältung hat und er sich vielleicht angesteckt hat. Geht’s ihm wieder besser?«

Normalerweise mieden wir das Thema Mutter im Zusammenhang mit Sophia. Immer wenn es aufkam, gab es Tränen, schlechte Laune und eine Packung Schokoladeneis reichte nicht aus, um den Kummer zu lindern. Das liegt unter anderem daran, dass Zoe mit ihren Eltern auch nicht so gut klarkommt, weil beide dauernd am Reisen und auf Veranstaltungen sind. Sie hat das Haus quasi für sich alleine und so oft ich mir so ein Leben gewünscht habe, so oft habe ich auch ihren Kummer erlebt. Warum schneidet sie dieses Thema jetzt also an? Glaubt sie, dass sie alt genug sind um mit dem Schmerz klarzukommen? Immerhin hatte Sophia mir bereits etwas Ähnliches gesagt.

»Ja, beide sind wieder fit.« Ihre Antwort ist knapp und distanziert. Ich weiß, dass das Thema wieder beendet ist, obwohl es noch in der Luft hängt. Allerdings hört Zoe sie nicht. Sie starrt völlig schockiert auf ihr Handy, als würde es ihr sagen, dass Pizza zu verbotenen Substanzen zählt.

»Zoe?«, wende ich mich an die große Blondine, die auch das Piepen der Mikrowelle nicht wahrnimmt.

»Ist sie eingefroren?«, flüstert Sophia leise neben mir.

»Sieht so aus«, gebe ich ruhig zurück und gleite von dem Hocker. »Zoe?«, wiederhole ich ihren Namen, doch noch immer starrt sie auf das Handy und gibt keine Reaktion von sich. Bereit jede Sekunde ausgeknockt zu werden, stelle ich mich neben sie und schaue ihr vorsichtig über die Schulter. Da sehe ich, was sie aus der Bahn wirft.

Instagram ist geöffnet und das erste Bild in ihrer Timeline zeigt ihr Miles an auf dessen Schoß eine hübsche, junge Frau mit rostbraunen Haaren sitzt. Sie hat einen Arm um seinen Hals geschlungen und drückt ihm ein Küsschen auf die Wange, während er schief in die Kamera grinst.

Ich weiß, dass ihr Herz dabei ist zu zerbrechen.

»Er ist es nicht wert, Zoe«, murmel ich dicht neben ihrem Ohr, woraufhin sie herumwirbelt und mich mit bedrohlich schimmernden Augen anstarrt.

»Wie kann er ein Jahr so wegwerfen?!«, fragt sie mit zittriger Stimme.

»Was meinst du mit ein Jahr?« Ich werfe einen kurzen Blick zu Sophia, die immer noch an der Theke sitzt, doch sie zuckt nur ahnungslos mit den Schultern.

»Gut, jetzt gibt es diese doofe Regelung mit den Footballern, aber er muss doch nicht direkt zu der Nächsten rennen oder? Ich dachte, er hat mich gern.« Eine einzelne Träne rinnt über ihre Wange und ich stehe völlig überrumpelt vor ihr.

»Ihr wart zusammen?«, versuche ich ihr Gerede auf die Reihe zu bekommen, doch in meinem Kopf passen die Bilder nicht zu einem Pärchen.

»Nein, also es war mehr sowas wie Freunde mit ein paar Extraleistungen.«

»Und wie oft gab es diese Extraleistungen?«, hake ich vorsichtig nach, während Sophia schnieft und sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen wischt.

»Ein paar Mal die Woche«, gesteht sie leise.

Ist das ihr ernst?

»Du hast seit einem verfluchten Jahr, mehrmals die Woche was mit Miles?!«

»Ja, aber es ist nicht nur…naja, du weißt schon. Wenn’s mir nicht so gut ging oder so, haben wir einen Film geschaut, waren was essen oder haben geredet.«

Mein Gehirn versucht den Miles von den Trainingseinheiten, zu einem lieben Kerl zu verwandeln, doch es gelingt mir beim besten Willen nicht. Andererseits habe ich von Paxton auch zwei Seiten kennengelernt. Vielleicht offenbart er diese auch seinen ganzen Liebschaften, aber ich weiß, dass es sie gibt. Warum sollte es bei Miles also anders sein?

»Und ihr habt euch aber noch mit anderen getroffen?«, frage ich nach und hoffe nicht die Antwort zu erhalten, die ich erwarte.

»Nein, also ich glaube nicht. Er hatte so zwischen dem Training und so schon wenig Zeit. Es wäre schwer gewesen, wenn da noch eine Andere … « Sie bricht mitten im Satz ab, blickt wieder auf das Handy in ihrer Hand und verzieht schmerzhaft das Gesicht.

Gut. Ich hatte Vorsätze, ich habe sie alle bereits gebrochen. Warum nicht also auch diesen Abend aus der ursprünglichen Planung reißen?

»Na dann los«, fordere ich die beiden auf, die ein wenig mitgenommen in der Ecke hängen.

»Was los?«, fragt Sophia verdattert.

»Wir werden uns jetzt hübsch machen – und dich ganz besonders Zoe – anschließend in diese Bar fahren und diesem Trottel zeigen, was er verpasst!«

»Aber es gibt doch das Verbot?«, murmelt Zoe überrascht und starrt mich an, als wäre ich geisteskrank.

»Das bleibt auch bestehen, aber das heißt nicht, dass ein Typ dir nicht den Hof machen kann. Und das wird er, wenn du heute Abend diesen Schuppen verlässt.«

 

 

Ich muss zugeben, dass ich es ein wenig anders geplant habe. In meiner Vorstellung lief Zoe mit hautenger Jeans, weit ausgeschnittenem Top und hohen Schuhen alleine durch die Bar. Es war nie die Rede davon, dass ich mich in einen Jeansrock zwängen muss und auch Sophia wirkt nicht sonderlich zufrieden in ihrem Kleid. Dennoch lassen wir beiden uns nichts anmerken, als wir aus dem Wagen steigen und die kühle Februarluft uns empfängt. Immerhin konnte ich mit einen Pullover erkämpfen, der etwas lockerer sitzt. Der Nachteil ist, dass er wie fast alles Kleidungsstücke von Zoe, tief ausgeschnitten ist, weswegen ich unentwegt am Herumzupfen bin.

»Wie sehe ich aus?«, höre ich die leicht nervöse Stimme von Zoe, als sie neben mich tritt und mich verunsichert anstarrt. Atemberaubend wäre ehrlich gesagt noch untertrieben. Ich weiß nicht, wie sie es hinbekommt sich wie ein Supermodel zu schminken. Ihre Beine wirken endlos und die dunkelroten Lippen werden Miles in den Wahnsinn treiben. Da bin ich mir sicher.

»Absolut fantastisch. Und jetzt gehen wir da rein und du zeigst Miles, wen er wirklich will.« Ich schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln, was sie ein wenig zuversichtlicher wirken lässt.

»Also ich brauche dringend was zu trinken. Dieses ganze Aufstylen hat meinen Wasserhaushalt völlig durcheinandergebracht«, seufzt Sophia, als Zoe entschlossen die Straße überquert und eine kleine Gasse ansteuert.

»Da bin ich dabei«, stimme ich lachend zu und hake mich bei ihr unter.

»Warum durftest du eigentlich deine Boots anbehalten?«

»Ich habe mich mehr gewehrt als du.« Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ich sehe wie Sophia die Augen verdreht. Ich schaue zu dem großen Schild, das an der Wand hängt und auf dem Rooster steht. Vor der Bar stehen wenige Menschen rum, weil die Meisten sich bestimmt schon einen passenden Platz für das Spiel gesucht haben, das in zehn Minuten beginnt. Als Sophia die schwere Holztür aufstößt, sehe ich den großen Tresen und das gigantische, beleuchtete Regal mit allen möglichen und unmöglichen Flaschen. Es ist proppenvoll und jeder Sitzplatz ist belegt. Manche haben sich zu einem Tisch oder auf den Schoß von Freunden gesetzt und starren bereits gebannt auf die Bildschirme, die in den verschiedenen Ecken aufgestellt sind. Zoe ist leicht auszumachen zwischen den ganzen Leuten. Sie steht direkt gegenüber vom Eingang an der Bar und unterhält sich mit dem Barkeeper. Meine Augen wandern suchend durch den Raum und finden in einer bequemen Ecke Miles, der überrascht zu Zoe schaut und seine Augen trotz seiner Begleitung nicht abwenden kann.

Ein zufriedenes Lächeln umspielt meine Lippen, als ich die Szene betrachte. Doch es hält nur so lange an, bis ich den meeresblauen Augen begegne, die sich direkt neben Miles befinden. Ich will den Kopf abwenden, doch ich befehle mir einen genervten Blick zu Paxton zu werfen, ehe ich mich zu Sophia wende, die bereits neben Zoe steht.

Das Handy scheint durch meine Handtasche hindurch bis auf die Haut zu brennen.

Dabei ist es nur eine dämliche SMS.

Und die werde ich genau wie den Absender den ganzen Abend ignorieren.

 

 

Das Spiel ist spannend und die Luft in der Bar wird von Minute zu Minute heißer. Ich bin erleichtert, als ich von dem Sitzplatz, den Zoe uns besorgt hat aufstehen und zur Bar gehen kann. Die Typen bei denen wir gesessen haben, waren zwar ganz nett, aber ich brauche dann doch weniger Körperkontakt um mit einem Menschen zu kommunizieren.

Ich ziehe den Kragen meines weit ausgeschnittenen Shirts zurecht und dränge mich zwischen eine Lücke an der Bar. Einige Menschen stürmen nach draußen um während der Halbzeit Luft zu schnappen. Zoe und Sophia sind sitzen geblieben und unterhalten sich mit den anderen, an dessen Tisch wir sitzen. Ich habe mich bereit erklärt Getränke für uns zu organisieren. Das ist meine Chance eine Sekunde Luft zu holen und nicht daran zu denken, dass dieser dämliche Rock dauernd so weit hochrutscht. Sollte es ein nächstes Mal geben, werde ich mich gegen Zoes Wunsch wehren und meinen Dickschädel durchsetzten. Völlig egal wie schlimm ihr Liebeskummer ist.

»Was darfs sein?«, vernehme ich die Stimme des Barkeepers und er schenkt mir ein freundliches Lächeln. Der Typ ist riesig und kurz bin ich von seiner Größe eingeschüchtert.

»Ich brauche zwei Bier und eine Cola«, rufe ich über die lauten Stimmen der anderen Gäste hinweg und beuge mich ein Stück über den Tresen, damit er mich besser versteht. Er nickt, dass er verstanden hat und wendet sich ab. Im selben Moment spüre ich eine Hand, die sich um meine Hüften legt.

Verwundert über die Berührung fahre ich herum und schaue in ein schmales Gesicht mit beinah schwarzen Augen. Ich kenne den Kerl mit den braunen Haaren nicht und sein widerliches Grinsen, lässt in mir den Wunsch entstehen, möglichst viel Abstand zu gewinnen.

»Hast du Interesse daran meine Halbzeitshow zu werden?«

Mir kommt die Galle hoch.

»Nein, danke«, gebe ich kühl zurück und drücke den Arm des Typens beiseite, der es glücklicherweise geschehen lässt.

»Komm schon, Sweetie.« Erneut kommt er näher, greift jetzt nach meiner Hand und der Geruch nach Alkohol prescht mir ins Gesicht.

Warum denken Kerle immer, dass man solche Spitznamen haben möchte?

»Ich sagte: Nein«, wiederhole ich mit zusammengepressten Zähnen und entreiße ihm meinen Arm. Demonstrativ drehe ich mich weg und versuche mich auf den Barkeeper zu konzentrieren, der gerade im Gespräch mit einer jungen Frau ist. Doch es dauert keine Sekunde, da spüre ich seine Hand auf meinem Hintern.

Da brennen meine Sicherungen durch.

Ich presse die Lippen zusammen, hole durch die Nase tief Luft und drehe mich ganz langsam um, wobei seine Hand über meine Hüfte gleitet. In seinem Gesicht kann ich das zufriedene Grinsen ausmachen, weil er denkt, dass er jetzt das bekommt, was er sich wünscht.

Leider rechnet er nicht mit meiner Faust, die ihn volle Wucht am Kinn trifft.

Der Grabscher taumelt einen Schritt zurück, packt sich leicht schockiert ans Kinn und starrt mich erst ungläubig, dann sehr, sehr wütend an. Allerdings habe ich keine Angst vor ihm, weswegen ich mich gerade hinstelle und seinen zornigen Ausdruck erwidere.

Wenn ich könnte, würde ich ihm für die Aktion die Eier abschneiden.

»Was denkst du…«

»Ich denke«, mischt sich plötzlich jemand ein, »dass du genug für heute hattest.«

Meine Nackenhaare stellen sich bei der rauen, tiefen Stimme auf, die einen bedrohlichen Unterton angenommen hat, den ich nicht kenne. Ich bin versucht mich umzudrehen, doch stattdessen verschränke ich die Arme vor der Brust und mache mich noch etwas größer.

Der widerliche Kerl schaut verdutzt zu uns, dann kommt der große Barkeeper aus dem Nichts, packt ihn an der Schulter und dirigiert den Typen unter lautem Protest aus der Bar. Um uns herum ist es still geworden und erst als die Holztür zuschlägt, fangen einige leise wieder an zu tuscheln. Ich spüre ihre Blicke auf mir, doch ein einziger Blick ist mir besonders bewusst.

»Alles in Ordnung bei dir?«

Seine Worte erinnern mich so stark an seine dämliche SMS, dass Wut in mir hochkocht.

»Ich brauche deine Hilfe nicht«, fauche ich und wirble herum. Diesmal bin ich auf seine Augen gefasst und lasse mich nicht aus dem Konzept bringen. Worauf ich nicht gefasst bin, ist die Sanftheit, die diesmal darin zu erkennen ist, die meine Wut sofort verpuffen lässt.

»Sorry«, sagt er nachdenklich und schaut mir ein letztes Mal lange ins Gesicht, bis er sich umdreht.

Ich sollte ihn gehen lassen und doch ist mir sehr bewusst, dass er mich gerade beschützen wollte so, wie er es mit Amy getan hat.

»Paxton!?«, rufe ich dem großen Kerl hinterher, der noch nicht weit gekommen ist und sich jetzt mit fragendem Ausdruck umdreht. Ich hadere mit mir selber, beiße mir auf die Lippen. »Danke«, bringe ich schließlich hervor und ärgere mich über mich selber.

»Gerngeschehen«, antwortet er, kommt wieder ein Stück näher und hat jetzt ein hübsches Grinsen auf den Lippen. »Sag mal, darf ich dir für den fantastischen Kinnhaken einen ausgeben?«

Ich schaffe es nicht, meine neutrale Miene beizubehalten. Das Lachen kriecht wie von selber aus meiner Kehle und die Mundwinkel wandern einfach so nach oben.

»Ist das Mal wieder ein Vorwand für irgendwas?«, will ich wissen, als er neben mich tritt und nur die Finger in die Höhe hebt, um dem Barkeeper etwas mitzuteilen.

»Ich würde gerne wissen, warum du Miles so quälst? Ich dachte, ihr verbringt den Abend bei Zoe?«

»Du hast ein ziemlich gutes Gehör oder ziemlich gute Informanten«, stelle ich mit hochgezogenen Augenbrauen fest, doch das Lächeln will nicht verschwinden.

»Vielleicht etwas von beidem«, erklärt er lachend, als die Drinks vor uns abgestellt werden.

»Was ist das?«, will ich wissen und greife in meine Hosentasche um das Geld hervorzuziehen.

»Frag nicht, trink einfach.«

»Ich weiß nicht, ob ich dir vertrauen kann«, gestehe ich und ziehe die Geldscheine hervor, die ich eben vorsichtshalber in die Tasche der Jeans gesteckt habe.

»Kannst du und steck das Geld wieder weg. Ich habe doch gesagt, dass ich dir einen Ausgebe.«

»Danke«, murmel ich, doch meine Finger ziehen den kleinen Zettel zwischen den Geldscheinen hervor, den ich nicht kenne. Gehört er zu Zoe? Langsam gleiten meine Finger über das Papier und falten es auseinander.

Mein Herz setzt aus, als ich die viel zu vertraute, krakelige Schrift erkenne.

 

Ich habe dich vermisst.

 

Mehr steht da nicht. Doch es reicht, um meine Welt auseinanderzureißen.

 

Ich glaube, jetzt wird es auch für euch langsam spannend

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