22. Ryan

»Jones?«, frage ich die junge Frau neben mir, die plötzlich stumm ist und auf etwas in ihrer Hand starrt. »Ich dachte, wir trin…« Weiter komme ich nicht. Die Worte bleiben mir im Hals stecken, als sie leicht den Kopf hebt und nichts mehr von ihr zu erkennen ist.

Das leicht gerötete Gesicht auf dem eben noch ein Lachen zu sehen war, ist leichenblass. Jeder Funken an Emotionen ist aus ihren Augen gewichen. Stattdessen sind sie panisch aufgerissen und ihre Lippe zittert leicht. Ruhelos fliegen ihre Augen plötzlich umher und sie stopf brutal das, was sie in der Hand hat, wieder in die Tasche ihres Jeansrocks.

»Ich muss gehen«, krächzt sie und schaut mich nicht an. Ich weiß, dass ihre Tasche noch bei Zoe liegt, doch ich komme nicht dazu etwas zu sagen, denn da hat sie sich bereits umgedreht, und drängt sich an den Leuten vorbei, die langsam wieder in die Bar kommen, weil das Spiel gleich weitergeht.

Ich zögere nicht und lasse die Getränke stehen. Eine seltsame Unruhe überfällt mich, als ich sehe, dass die Tür hinter Evelyn zufällt. Ein paar Leute werfen mir böse Blicke zu, als ich mich achtlos zwischen ihnen Vorbeidränge. Mein Blick fällt auf Zoe, die wie Sophia verwirrt zur Tür blickt. Ehe einer etwas zu mir sagen kann, schnappe ich mir die Tasche, die auf dem leeren Platz sitzt und ignoriere die Rufe von den beiden Frauen.

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich so schnell es geht, zu ihr muss und das hat mich bisher noch nie getäuscht. Also dränge ich etwas brutaler als nötig den ein oder anderen Kerl beiseite und höre vertraute Stimmen, doch etwas in mir hat die Wichtigkeit derer auf ein Minimum reduziert.

Kalte Luft prescht mir ins Gesicht als ich aus der Bar komme und suchend den kleinen Weg entlang blicke, der nur spärlich beleuchtet ist. Evelyn ist nicht zu sehen.

Meine Finger umklammern etwas fester die Tasche, dann renne ich Richtung Straße. Verwirrte Blicke und ein paar Grüße prallen mir entgegen, als ich mit nervöser Miene an bekannten Gesichtern vorbeikomme. Meine Schritte hallen an den Hauswänden wider und verstummen erst, als ich an der Straße stehe und zu den parkenden Autos schaue. Die Dunkelheit legt sich langsam über San Diego und die ersten Straßenlaternen flackern bereits. Unter einer von ihnen steht die vertraute Silhouette von Evelyn, die hektisch an der Autotür rüttelt.

»Evelyn!«, rufe ich und jogge zu der Frau, die bei ihrem Namen zusammenzuckt. Ich kann nicht verhindern, dass meine Stirn sich in Falten legt, als ich sehe wie sie verkrampft und sich ein Stück gegen das Auto drückt, als hätte sie angst, dass ich ihr etwas tue. »Du hast deine Tasche vergessen«, sage ich, so ruhig es geht, und halte ihr die Tasche hin.

Ihr Gehirn scheint die Information nur stückchenweise zu Verarbeiten. Die großen Augen wandern von meinem Gesicht zu der Tasche. Immer noch ist sie blass und ihre Brust hebt und senkt sich, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Ich beobachte, wie sie mit zittrigen Händen nach der Tasche greift und versucht den Verschluss zu öffnen. Doch sie bekommt ihn nicht auf.

»Ich muss nach Hause«, murmelt sie panisch, rüttelt an der Tasche, und wirkt mit jeder Sekunde, die es ihr misslingt, verzweifelter.

Was zur Hölle hat sie bloß?

Ich könnte wieder nach drinnen gehen und sie hier lassen, doch jeder Muskel verweigert seinen Dienst. Stattdessen trete ich entschlossen nach vorne und umfasse ihr Handgelenk.

»So kannst du nicht fahren«, sage ich bestimmt, woraufhin sie den Kopf hebt.

Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, reißt mir den Boden unter den Füßen weg. Nichts als Angst ist in ihren Augen zu erkennen, die mich sonst anfunkeln.

»Ich muss nach Hause«, wiederholt sie wieder und eine Träne rinnt ihr über die Wange, zeigt die Verzweiflung, die sie überfällt. »Bitte!« Evelyn Jones fleht mich an. Mit offenem Mund schaue ich in das Gesicht einer gebrochenen Frau. Das wirft mich aus der Bahn. Ich schlucke schwer, versuche mich von den Gefühlen, die vor mir stehen zu verschließen, doch ich habe keine Chance. Die Panik ist zum Greifen nah und ihre Angst strömt von der Berührung ihrer Haut auf mich über.

»Ich fahre dich.«

Es könnte die schlimmste Entscheidung meines Lebens sein und ich weiß, dass ich diesen Anblick nie vergessen werde.

Dennoch löse ich sanft ihre zitternden Finger von der Tasche und behalte sie dabei fest im Blick.

»Ich fahre dich nach Hause, Evelyn«, wiederhole ich meine Worte etwas sanfter, als sie panisch zu der Tasche schaut, die ich nun in der Hand halte. Mit einer schnellen Bewegung öffne ich diese und ziehe den einzigen Schlüssel zwischen den Gegenständen hervor, der wie ein Autoschlüssel wirkt.

Evelyn hat keine Kraft um die Tür zu öffnen. Ich bin mir sicher, dass ihre Kraftlosigkeit von etwas anderem kommt, als den Versuch die Autotür aufzureißen. Nur habe ich keinen Schimmer, was sie so viel Energie kostet.

Ich versuche, mir meine Gedanken nicht anmerken zu lassen, als ich die Tür öffne und ihr in den Wagen helfe. Kurz bin ich versucht sie auch noch anzuschnallen, doch als ich sehe, dass sie nach dem Anschnaller tastet, lasse ich es. Wahrscheinlich ist es ganz gut, wenn sie etwas anderes zutun hat, als sich mit dem zu Beschäftigen, was in ihrem Kopf herumspukt.

Vorsichtig schlage ich die Autotür zu und laufe mit dem Schlüssel in der Hand auf die andere Seite. Ich beeile mich, einzusteigen, und stelle schnell den Sitz ein, der eindeutig nicht für mich gemacht ist. Unter anderen Umständen hätte ich in dieser Situation einen Witz gerissen, doch als mir erneut die bebenden Hände von ihr ins Auge fallen, lasse ich es.

Ich starte den Motor und bin nicht darauf gefasst, dass Jones so heftig zusammenzuckt. Fragen liegen mir auf den Lippen, doch etwas sagt mir, dass jetzt nicht der Zeitpunkt dafür ist. Ich glaube auch nicht, dass sie in der Lage ist sie zu beantworten. Ich tue so, als hätte ich ihre heftige Reaktion nicht bemerkt, und bin sehr dankbar, dass ich weiß, wo sie wohnt. Keine Ahnung, ob ich diese Information aus ihr herausbekommen hätte.

Ich wage einen Blick von der Seite, während wir fahren und die Straßenlaternen an uns vorbeisausen. Etwas schneller als erlaub passiere ich die Straßen, versuche nicht, die Unruhe überhandnehmen zu lassen, doch mit jedem Seitenblick zu Evelyn wird es schwerer.

Wo ist die junge, verrückte, sture Frau geblieben?

Was zum Teufel hat sie vertrieben? Und wann? Was ist mir entgangen und hätte ich es verhindern können?

Ich kneife die Lippen zusammen.

Was hätte ich schon tun können? Und warum, saust das schlechte Gewissen, plötzlich meinen Rücken hoch und krallt sich an meiner Kehle fest?

»Halt an!«

Ich bin so überrascht von der panischen, lauten Stimme neben mir, dass ich eine Vollbremsung hinlege. Ein Fluch kommt mir über die Lippen, als ich nach vorne geschleudert werde und mich am Lenkrad festklammere. Ich will mich gerade zu Evelyn drehen, als ich sehe, dass sie schwer keuchend den Gurt gelöst hat und sich gegen die Autotür wirft. Ihre Beine geben halb unter ihr nach und sie landet auf allen Vieren auf dem harten Asphalt.

»Scheiße!«, knurre ich und versuche nicht auszurasten. Hastig schnalle ich mich ebenfalls ab und hechte aus dem Auto. Evelyn hat es geschafft, sich irgendwie aufzurichten und zerrt an dem Kragen ihren Oberteils herum, das ohnehin schon weit ausgeschnitten ist.

»Ich kriege keine Luft!« Mehr bringt sie nicht hervor, als ich sie erreiche. Dann dreht sie sich um und es ist das erste Mal seit dem Gespräch in der Bar, dass sie mir in die Augen schaut. Diesmal ist es keine Panik, die mir ins Gesicht springt.

Es ist ein Hilfeschrei.

»Luft«, presst sie erneut hervor, während sie weiter hektisch Luft holt und sackt bedrohlich zur Seite. Reflexartig umfasse ich ihre Oberarme und halte sie aufrecht. Schweiß steht auf ihrer Stirn und ich kann das Zittern spüren, das ihren gesamten Körper im Griff hat.

»Schau mich an«, befehle ich, als sie die Augen schließt und meinem Blick ausweicht. Doch sie macht keine Anstalten etwas anderes zutun. »Evelyn, schau mich an.«

Ich weiß nicht, ob es der Nachdruck in meiner Stimme ist, der sie dazu bewegt die Augen zu öffnen. Doch mit einem Mal starren mich braune, große Augen an. Ich spüre ihre Hände, die sich um meine Handgelenke legen und fest zudrücken. »Du musst ruhig atmen.«

»Ich kann nicht. Alles wir taub.«

»Du kannst. Erst ein und dann aus«, versuche ich es, zu erklären. »Erst einatmen«, sage ich langsam und hole tief Luft. »Dann Ausatmen. Komm, zusammen.« Ich umfasse ihre Arme etwas fester und versuche nun selber nicht in Panik zu verfallen. »Einatmen«, wiederhole ich und ich kann sehen, dass sie zittrig Luft holt. »Ausatmen«, steuere ich sie weiter und zu meiner Erleichterung macht sie mit.

Immer wieder gebe ich die Anweisung und irgendwann hilft es, mich selber zu beruhigen. Zwar schweigen meine Gedanken nicht und schlagen Alarm, aber wenigstens beruhigt sich Evelyn vor mir etwas. Der Motor des Wagens läuft gleichmäßig in der stummen Nacht und überschattet die Geräusche der leeren Stadt. Ich meine, aus manchen Häusern Jubelschreie zu vernehmen, doch noch nie kam mir ein Spiel so unwichtig vor, wie in der Zeit in der ich dort mit ihr stehe.

»Geht es wieder einigermaßen?«, frage ich schließlich, als ich denke, dass sie sich weitestgehend beruhigt hat. Immer noch klammert sie sich an meinen Handgelenken fest und der Gedanke, dass ich sie gleich loslassen muss, missfällt mir. Ihr Kopf bewegt sich und irgendwie schafft sie es, ein Nicken zustande zu bringen. Die Erschöpfung ist in ihren Augen zu erkennen und ich kann nichts gegen die Sorgenfalten tun, die auf meine Stirn treten. »Ich fahre dich jetzt nach Hause. Okay?«

Wieder ein kurzes Nicken. Ich warte eine Sekunde, bereit, erneut von ihr überrumpelt zu werden. Doch Evelyn lockert langsam ihren Griff und ich tue es ihr gleich. Träge schleppt sie sich durch die Nacht zurück zum Auto und erst jetzt realisiere ich, dass wir in einer kleinen Siedlung sind und mitten auf dem Bürgersteig standen. Ein Wunder, dass keine Gaffer vorbeigekommen sind.

Wir steigen ein und ich brauche kurz, bis ich weiß, wo wir uns befinden. Schließlich fahren wir weiter und ich werfe alle paar Sekunden einen Blick zur Seite, doch Evelyn hat nur erschöpft den Kopf gegen die Fensterscheibe gelegt und stiert geradeaus. Sie regt sich auch nicht, als wir vor dem Haus halten.

Verflucht, Jones. Was ist bloß los?

»Evelyn, wir sind da«, wecke ich sie aus ihrer Trance. Die verängstigten Augen wandern von mir zu dem Backsteingebäude neben dem Wagen. Während sie aussteigt, schalte ich den Motor aus und greife mir ihre Tasche, die irgendwo im Fußraum liegt. Eilig steige ich auch aus und schließe den Wagen ab. Dann erstarre ich. Ihr Anblick wirkt so hoffnungslos, dass ich es nicht schaffe weiterzugehen.

Das schummrige Licht der Straßenlaternen beleuchtet die trostlose Figur, die die Arme um die Brust geschlungen hat und den Weg zum Haus entlang trottet. Sie bekommt kaum die Beine gehoben, schlurft mit den Sohlen der Boots über die Betonplatten. Ihr Rock ist verrutscht und noch nie habe ich solche schönen, offengelegten Beine, weniger beachtet. Selbst ihre Haare scheinen jeden Lebensfunken verloren zu haben. Sie glänzen nicht, hängen stumpf herunter und werden von den sanften Wind leicht zerzaust.

Ein weiteres Mal in der letzten halben Stunde, schnürrt sich mein Hals zu.

Ich beiße die Zähne zusammen.

Jetzt ist nicht der Zeitpunkt um Panik zu bekommen. Ich muss Evelyn erst irgendwie zum Einschlafen bewegen und sehen, dass sie sich beruhigt. Ansonsten werde ich kein Auge zutun.

Im Gehen suche ich den Haustürschlüssel aus der Handtasche, die mit allem möglichen Zeugs vollgestopft ist. Zum Glück erkenne ich aus dem Augenwinkel, dass sie erneut zur Seite sackt und bin mit einem großen Schritt bei ihr. Mit dem freien Arm, umfasse ich ihre Hüfte und drücke sie an mich, damit sie nicht fällt.

»Du hast es gleich geschafft«, versuche ich sie dazu bewegen, weiterzugehen. Irgendwie schleppe ich sie zu der Tür und will gerade aufschließen, als diese aufgerissen wird. Diesmal erschrecke ich mich und zucke zusammen, was prompt auf Evelyn abfärbt.

»Was machst du denn schon hier?« Eine kleine Frau mit dem gleichen Haar wie Evelyn steht vor mir und schaut fragend zwischen uns hin und her. Ich habe den Mund geöffnet und will irgendeine Erklärung hervorbringen, doch ehe mir etwas einfällt, wirft Evelyn sich um den Hals der Frau und heftige Schluchzer schütteln sie.

»Lynn? Was ist…?« Aus einer Tür tritt die Frau, die mir Evelyns Nummer zugesteckt hat. Auch ihre Augen wandern erst zu Evelyn und dann zu mir. Ein schrecklicher Verdacht überfällt mich und ich hebe rasch abwehrend die Hände.

»Ich habe nicht – wir waren in der Bar – plötzlich«, stottere ich unbeholfen und versuche, meine Gedanken zu ordnen. Der misstrauische Ausdruck auf den Gesichtern der Frauen trifft mich eiskalt in die Magengrube und ich weiß, dass ich verloren habe.

Bis Evelyn etwas sagt. Es ist nur ein Flüstern, aber es scheint jedes Geräusch zu übertönen.

»Es fängt wieder an.« Mehr bringt sie nicht hervor. Doch es reicht, dass die Panik, die ich bereits bei Evelyn gesehen habe auf die beiden Frauen überfärbt.

»Ich bringe sie hoch«, murmelt die Frau, die das Ebenbild von Evelyn ist.

»Hol dir Amy dazu«, brummt die Ältere mit den hellbraunen, kurzen Haaren und streicht Evelyn kurz über den Rücken, ehe sie versuchen, die Treppe hochzusteigen.

»Soll ich helfen?«, biete ich an und deute auf die schwankenden Personen. Ich kann nicht den nervösen Ausdruck verhindern, als die lauten Schluchzer von Evelyn wieder durch den Flur schallen und bis an meine Ohren kommen. Meine Schultern sacken ein Stück nach unten und ich schaue den beiden nach, bis sich den oberen Flur erreichen und aus meinem Sichtfeld verschwinden.

Ich fühle mich hilflos.

Das war ich bisher nie.

»Du siehst beschissen aus.« Die Worte von Evelyns Großmutter reißen mich aus meinem Gefühlschaos und zwingen mich zu der Frau zu schauen, die direkt vor mir steht. Ihre sanften braunen Augen wandern über mein Gesicht, nehmen einen traurigen Ausdruck an, als sie zur Seite tritt. »Komm rein. Du brauchst einen Moment Ruhe und vielleicht kannst du erzählen, was passiert ist.«

Ich bin zu überrumpelt, um abzulehnen.

Dieses Mal habe ich niemanden auf dem Arm, als ich über die Schwelle trete. Keine Evelyn begleitet mich, als ich ihrer Großmutter in die Küche folge. Und diesmal lege ich niemanden auf das Sofa. Ich werfe keine verstohlenen Blicke zu Evelyn und habe nicht das Glück ihr Lachen zu sehen.

»Setz dich erstmal. Kaffee oder was Stärkeres?«

»Kaffee«, kommt es leise über meine Lippen, während ich mich auf einen Stuhl am Esstisch setzte. Ich beobachte, wie die Frau erst den Fernseher ausstellt, und erhasche einen kurzen Blick auf das Spielfeld. Jedoch ist mein Kopf zu voll, als das er jetzt zusätzliche Informationen aufnehmen könnte. Dann beginnt die Kaffeemaschine zu rattern und der Raum wird von einem angenehmen Geruch erfüllt.

»Dir geht es gut?«, werde ich aus dem Nichts gefragt und hebe den Kopf.

»Ich denke schon«, sage ich langsam und lehne mich etwas zurück.

»Kannst du mir sagen, was passiert ist?« Sie gießt den Kaffee in eine große Tasse und hält fragend Zucker und Milch in die Höhe. Ich schüttle leicht den Kopf. Ich brauche irgendetwas, was meinen Kopf gerade wieder klar macht. Sie nickt kurz, dann kommt sie mit zwei Tassen herüber und setzt sich mir gegenüber.

Wie war noch gleich ihr Name?

Er hat mich an irgendeinen Film erinnert. An Fluch der Karibik. Nur warum?

Ich schaue auf die Finger, die mit Ringen überseht, sind. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Elizabeth. So heißt sie.

Ruhig sitzt sie mir gegenüber, wartet auf meine Antwort. Dabei kenne ich die selber nicht.

»Wir waren an der Bar«, erinnere ich mich langsam und umschließe die Tasse mit den Händen. »Vorher hat sie ein schmieriger Kerl angebaggert, aber er ist aus der Bar geflogen. Wir haben gelacht.«

Warum haben wir gelacht?

Der Abend scheint mir unendlich lange her zu sein. Dabei kann es sich höchstens um eine Stunde handeln. Das Bild von Evelyn wie sie ausholt taucht vor meinem Auge auf.

»Sie hat dem Typen einen Kinnhaken verpasst. Ich habe ihr einen ausgegeben, weil der Schlag so gut war. Zumindest wollte ich das. Doch plötzlich hat sie gesagt, dass sie nach Hause muss und ist rausgerannt.« Ich halte inne, nehme einen Schluck und verbrenne mich beinah an der heißen Flüssigkeit. »Sie hat ihre Tasche vergessen, also bin ich ihr nach und wollte sie ihr bringen. Ich habe sie am Auto gefunden. Sie war völlig…«, ich suche nach einem Begriff, doch die Zunge klebt schwer an meinem Mund.

»Panisch? Verängstigt?«, hilft Elizabeth mir auf die Sprünge.

»Ja«, stimme ich leise zu.

»Ist irgendwas zwischen dem Kinnhaken und eurer Bestellung passiert?«

»Sie wollte zahlen und hat das Geld aus der Tasche von ihrem Jeansrock gezogen.«

Ich schaue auf. Unsere Blicke treffen sich.

»Was hat ihr so eine Angst gemacht?«, spreche ich eine der tausend Fragen aus, die mir durch den Kopf jagen.

»Es liegt nicht an mir, dir das zu sagen«, werde ich sanft aber bestimmt abgewiesen.

»Sie hat keine Luft mehr bekommen«, setzte ich nach um irgendeine Information zu kriegen. »Wir mussten anhalten und sie ist aus dem Auto gefallen. Wir haben am Straßenrand gestanden und hyperventiliert.«

»Weißt du nicht, was es war?«

Doch. Ich weiß es. Zwar habe ich es bisher nur ein Mal bei einem Spiel erlebt, doch ich kenne diese Symptome.

»Eine Panikattacke«, bringe ich leise hervor, was ein bitteres Lächeln auf die Lippen von Evelyns Großmutter treibt. Dann wird es still. Müdigkeit überfällt mich aus dem Nichts und ich starre auf den Kaffee. Mein Kopf fühlt sich an, als wäre er so groß wie ein Kürbis und er dröhnt verdächtig.

»Ich sollte nach Hause«, sage ich schließlich und stehe auf.

»Du kannst hier schlafen, wenn du willst.«

Das Angebot überrascht mich und ich blinzle einige Male verwirrt.

»Nein, ich muss ein wenig an die frische Luft«, gestehe ich und bin froh, dass ich einen verständnisvollen Blick ernte. »Schon gut, ich finde alleine raus«, sage ich eilig, als ich sehe, dass Elizabeth aufstehen will. »Vielen Dank für den Kaffee.« Dann schiebe ich den Stuhl beiseite und stehe auf. Zurück werde ich den Bus nehmen und ich habe mich selten so sehr auf eine Fahrt gefreut. Mit einem letzten Lächeln, das mich enorm kraft kostet, wende ich mich ab und schlendere aus dem Wohnzimmer. Ich spüre den Blick der alten Frau im Rücken und weiß, dass sie mich beobachtet als ich die Treppe hochsehe. Zu gern würde ich sehen, wie es ihr geht. Dennoch reiße ich mich los, verlasse das Haus und ziehe die Tür hinter mir zu.

»Ryan!«, vernehme ich meinen Namen, nachdem ich nur wenige Schritte gegangen bin. Ich bleibe stehen und drehe mich zu der Haustür, an der die Frau mit einem leicht gequälten Ausdruck steht. »Ich weiß, dass es jetzt extrem viel verlangt ist«, fängt sie langsam an. »Aber kannst du auf Evelyn aufpassen? Überall da, wo wir es nicht können?«

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