23. Evelyn

Mein Kopf schmerzt und meine Augen fühlen sich seltsam schwer an. Ein Stöhnen entweicht meiner Kehle und ich wage es nicht, meine Muskeln aufzufordern sich zu bewegen. Ich weiß nicht, wie sehr sie protestieren würden. Ein Fenster muss offen sein. Ich kann Vögel zwitschern hören und eine leichte Windbrise streicht über meine Haut. Es fühlt sich angenehm an. Ich hole tief Luft und versuche, in diesem Delirium zu verharren, keine Gedanken zuzulassen, mich nur auf körperliche Empfindungen zu verlassen.

Ich habe keine Chance.

Beim nächsten Atemzug werde ich in den Abgrund gerissen.

Das Bild eines kleinen Zettels taucht auf. Ich sehe den verschwommenen Weg zum Auto und die Verzweiflung, als die Tür nicht aufging, spüre ich weiterhin. Aus der Ferne höre ich meinen Namen und das Gefühl der Panik flackert wieder auf. Dann ist da das warme Auto und eine beruhigende Stimme. Eine ungewöhnliche Hitze breitet sich auf meinen Armen auf. Noch immer kann ich die Berührung spüren, die mich zurückgeholt hat.

Ich lasse die Augen geschlossen, versuche mich, auf die Ruhe zu konzentrieren.

Wer hat mich gestern nach Hause gefahren? Oder bin ich selber gefahren?

Ich sehe, wie jemand meine Tasche nimmt, wieder auf mich einredet. Ich werde in den Wagen geschoben, doch das Lenkrad ist nicht vor mir.

Nein, ich bin nicht selbst gefahren. Doch wer dann? War es ein Fremder? Aber ich kenne diese Stimme von irgendwoher.

Evelyn, höre ich meinen Namen und das Gesicht eines jungen Mannes mit schwarzen, kurzen Haaren, kantigem Gesicht und meeresblauen Augen, taucht vor mir auf. Ich sehe den fragenden Ausdruck, die Verwirrung, als er mich gefunden hat und die Angst, als ich das Gefühl hatte, zu ersticken.

Ein Eimer kaltes Wasser ergießt sich über mich, vertreibt alles andere.

Ryan Paxton war bei mir.

Ich schlage die Augen auf, hoffe, dass sich alles nur um einen wirren Traum handelt, aber dann erkenne ich die vertrauten Gesichtszüge meiner Schwester. Sie liegt neben mir, mustert mich abwarten und ein trauriges Lächeln umspielt ihre Lippen.

Nein. Das kann nicht passiert sein.

»Alles okay, Eve. Du bist zuhause«, sagt sie sanft und hält mich fest im Blick. Sie würde nicht so mit mir reden, wenn es nicht passiert wäre. Das weiß ich. Vor allem weil wir die letzten Tage sowieso kaum gesprochen haben.

»Nein«, hauche ich und setzte mich ruckartig auf. Daraufhin gerät die Welt gefährlich ins Wanken, doch gegen den leisen Protest von Amy, steige ich über sie drüber, falle unsanft auf den Boden und krieche zu dem Jeansrock, der auf dem Boden liegt. Diesmal sind meine Finger ruhig, als ich nach der hinteren Tasche greife und achtlos das Geld herausziehe. Scheine fallen zu Boden, während meine Augen nach dem kleinen weißen, zerknitterten Zettel suchen.

Dann habe ich ihn plötzlich in der Hand.

Ich kann ihn nicht schnell genug auseinanderfalten. Nervosität überkommt mich, während ich daran reiße. Ich höre das Knarren des Bettes, als Amy sich aufsetzt. Sie bereitet sich darauf vor, mich zu trösten. Doch das kann nicht sein.

Es darf nicht sein.

Doch da stehen sie. Die drei verfluchten Worte, die mich gestern Abend ausgeknockt haben. Sie sind über mich gekommen, wie eine Sintflut. Meine Haut fängt Feuer, ich lasse den Zettel los, starre auf das Papier, das langsam zu Boden fällt.

»Nein«, wiederhole ich. »Nein!« Ich will vom Boden aufspringen, doch ich kann nicht. Jede Kraft, die bis eben durch meine Adern gerauscht ist, hat sich innerhalb einer Sekunde verflüchtigt. Ein ungeheurer Druck legt sich mit dem Anblick des Zettels auf meine Brust, der die Tränen zu meinen Augen treibt. Meine Schultern sacken nach unten und ich lasse den Kopf hängen, spüre die Strähnen die sich um meine Wangen legen, in den Tränen verfangen. Dann ganz langsam, sammeln sie sich an meinem Kinn, fallen auf meine Oberschenkel.

»Eve.« Eine sanfte Hand auf meiner Schulter. Nicht so fest und beruhigend wie gestern, doch vertraut. So vertraut, dass es ihr gelingt mich zurück ins Bett zu dirigieren, während meine Sicht immer mehr verschwimmt. »Schlaf noch etwas«, fordert Amy mich auf, als mein Kopf auf das Kissen sinkt. Die Bettdecke wird über mich geworfen und ich höre ihre Stimme, kann nur nicht zuordnen, was sie sagt.

Es ist wie das Rauschen eines Wasserfalls, während eine Horde Jaguare hinter mir herjagt. Ich weiß, dass ich dort hinmuss, doch der Weg ist zu verworren, nicht klar zu erkennen. Die Raubtiere kommen dafür mit jeder Sekunde näher.

»Es ist alles gut. Ich bin da«, vernehme ich sie schließlich etwas deutlicher, als sie sich wieder zu mir legt. Immer noch rennen Tränen erbarmungslos über meine Wangen, tränken den Stoff auf dem ich liege. »Es ist alles gut«, wiederholt sie, während ich in einen unruhigen Schlaf gleite. Langsam von der Dunkelheit in Empfang genommen werde.

Doch es ist gar nichts gut.

 

 

Mein Kopf dröhnt nicht mehr. Das ist das Erste, das mir auffällt, als ich erneut wach werde. Die Vögel haben aufgehört zu singen und als ich die Augen aufschlage, ist der Himmel, den ich durch das Fenster sehen kann, Schwarz. Stattdessen spendet eine kleine Lampe neben meinem Bett etwas Licht. Das Bett knartscht, als ich mich auf die Seite rolle und in den Flur schaue, der ebenfalls leicht beleuchtet wird.

Ich weiß, dass sie das gemacht haben, damit ich keine Angst habe.

Wahrscheinlich hatte Amy sogar ein schlechtes Gewissen, weil sie mich alleine gelassen hat.

Leise Stimmen dringen durch das Treppenhaus bis zu mir. Es hat etwas beruhigendes und ich würde gerne erneut in der Leere des Schlafes versinken. Doch ich bezweifle, dass die Wirkung der Schlaftablette noch anhält. Damit wäre das Einzige, das mich erwartet, eine Reihe heftiger Alpträume.

Ein Seufzen entgleitet mir, mischt sich mit dem Knurren meines Magens.

Wie spät es wohl ist? Das letzte, das ich gegessen habe, war gestern Abend bei Zoe das Popcorn während wir uns fertig gemacht haben.

Ich will liegen bleiben.

Der Weg nach unten beinhaltet nämlich ein Gespräch mit Gran, Mum und Amy und das heißt, dass ich der bitteren Realität ins Auge schauen muss. Nur fühle ich mich nicht dazu bereit und wahrscheinlich würde jeder andere sagen, dass man es dann einfach vertagt. Allerdings weiß ich auch, dass ich nie dafür bereit sein werde. Also sollte ich das Ganze einfach möglichst schnell hinter mich bringen.

Die Welt dreht sich leicht, als ich mich aufsetzte. Ich versuche, die schmerzenden Muskeln zu ignorieren, und bin glücklich, dass Amy oder wer auch immer, mich in eine alte Jogginghose und einen Pulli gesteckt hat. Wenigstens habe ich es dann bequem, wenn ich dem Weltuntergang ins Auge blicke.

Trotz des Schwindels zwinge ich mich, aufzustehen. Meine Knie sind weich und ich versuche, den gestrigen Abend noch nicht allzu sehr überhandnehmen zu lassen. Immer wieder schieben sich Momente in meinem Kopf, versuchen mich, von den Stufen abzulenken. Doch das werde ich erst geschehen lassen, wenn ich unten bin und jemanden habe, der mir vielleicht ansatzweise sagen kann, was von diesen Bildern, echt ist.

Ich höre das Gemurmel, und ein angenehmer Duft steigt mir in die Nase, als ich unten ankomme und durch die offene Wohnzimmertür schaue. Normalerweise schließt Gran sie immer, wenn sie kocht. Es sei denn, sie möchte uns nach unten locken oder es geht einem schlecht.

Wenn ich ehrlich bin, ist schlecht noch untertrieben. Ich fühle mich absolut beschissen.

»Gut geschlafen?«, will Amy wissen, als sie mich entdeckt. Ich kann den neugierigen Blick aus der Küche spüren, während ich mich zu dem Sofa schleppe und mich leise stöhnen darauf niederlasse.

»Wie spät ist es?«, frage ich und ziehe die Decke über mich.

Warum war der Weg nach unten schon so anstrengend? Ich habe doch genug geschlafen. An den Weg zurück nach oben, will ich jetzt gar nicht mehr denken.

»Halb Acht.« Amy hilft mir, zieht die Decke über meine Füße, wofür ich mir ein dankbares Lächeln abringe, das sie nur halbherzig erwidert.

»Du hast fast elf Stunden geschlafen.«

Jetzt kann ich Gran nicht mehr ignorieren. Mit zusammengepressten Lippen hebe ich den Kopf, sehe sie an der Arbeitsplatte mit Schürze lehnen.

»Vielleicht hat Lynn dir zu viel Schlafmittel gegeben«, rätselt Gran und wirft einen kurzen Blick auf das, was in ihrer Pfanne brutzelt. Dann nimmt sie die Pfanne vom Herd, wischt sich die Hände an der Schürze ab.

Zu viel? Von mir aus hätte es die doppelte Dröhnung sein können.

»Die Panikattacke macht mich fertig. Nicht die Tabletten«, murmel ich.

Ich hoffe, dass sie mir sagen, dass mir einfach jemand was in den Drink gekippt hat. Dass sie lachen und mich fragen wovon ich überhaupt spreche. Von mir aus können sie mir auch sagen, dass ich einfach sturzbetrunken war und mir was eingebildet habe.

Mir wäre alles lieber als die dämliche Tatsache, dass ich diesen Zettel erhalten habe.

»Was ist gestern passiert?«, stelle ich die Frage aller fragen. »Ich habe nur ein paar Fetzen.«

Sie tauschen einen Blick. Einen, der mir sagt, dass ihre Vermutung, dass das eine verdammt heftige Attacke war, richtig ist.

»Ich würde gerne sagen, dass du Zoe oder Sophia fragen sollst, aber die beiden standen heute Morgen schon panisch vor der Tür und haben sich nach dir erkundigt. Also ist der Einzige, der dir eine Antwort geben kann, wohl der, der dich nach Hause gebracht hat.«

Nein.

»Er hat mir ein bisschen was erzählt, aber der arme Junge war ziemlich durch den Wind.«

»Welcher Junge, Gran«, zwinge ich mich zu fragen, obwohl ich die Antwort kenne. Doch wieder ist da dieser kleine Funke Hoffnung, der mir lauter andere Möglichkeiten ins Ohr flüstert.

»Ich meine, sein Name ist Ryan.«

Natürlich. Aus einer vollgestopften Bar ist es ausgerechnet der Kerl, der mich sieht und findet.

»Du solltest ihn anrufen«, sagt Gran und zieht somit meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Frage liegt mir bereits auf der Zunge, doch dann sehe ich den nachdenklichen Ausdruck. »Er war wirklich fertig. Wahrscheinlich hat er sowas noch nie erlebt und er alleine weiß, was gestern mit dir passiert ist.«

Was für fantastische Aussichten. Nicht, dass ich völlig am Ende bin, nein um überhaupt zu kapieren was gestern passiert ist, darf ich mich an Ryan Paxton wenden. Und zu allem Überfluss ist er vielleicht derjenige, der mitbekommen hat, wer mir den Zettel in die Tasche gesteckt hat. Denn eine Sache weiß ich: Ryan hat den ganzen Abend immer wieder zu mir geschaut. Zwar war das eher, um zu sehen, ob Miles Mist baut, aber er könnte etwas gesehen haben. Was für ihn völlig unbedeutendes und für mich von größter Wichtigkeit.

»Wann gehst du wieder zur Uni?«, reißt Amy mich aus meinen Gedanken.

Uni.

»Das Training!«, rufe ich verzweifelt und starre zu Amy, die meinen Blick irritiert erwidert.

»Deine Mum ist zur Arbeit und besorgt dir ein Attest und keine Angst«, beruhigt Gran mich, als ich mich aufsetzte und kommt zu mir rüber, um mich erneut auf das Sofa zu drücken. »Da wird drin stehen, dass du eine Magen-Darm-Grippe hast.«

»Das wird…«

»Oh, glaub mir, Eve. Der Präsident wird das akzeptieren. Dafür werde ich sorgen.« Ein grimmiger und entschlossener Ausdruck huscht über ihr Gesicht, dann gibt sie mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn. »Und jetzt werde ich noch schnell einkaufen. Kommt ihr kurz ohne mich klar?«

»Viel Spaß«, verabschiedet Amy sich und ich nicke stumm. Wir beide lauschen unserer Großmutter, wie sie in den Flur stampft, in ihre Schuhe schlüpft und sich eine Jacke überzieht. Ich höre den vertrauten leisen Fluch über ihre Haare, die nach dem Kochen nicht sitzen, als sie in den Spiegel schaut. Dann schlägt die Haustür zu und wir sind alleine.

Das Brutzeln der Pfanne ist noch zu hören, obwohl Gran sie bereits auf die Spüle gestellt hat. Draußen pfeift leise der Wind und das Knistern vom Fernseher ist zu hören, obwohl er aus ist. Und dann ist da noch all das, was plötzlich an Gesprächsstoff zwischen uns hängt. Amys seltsamer Absturz und ihre Veränderung. Meine Panikattacke und Ryan Paxton. Und die Frage, warum wir uns nicht alles erzählen.

»Willst du reden?«, durchbricht Amy die Stille.

»Nein. Du?«

»Nein«, antwortet meine kleine Schwester und steht auf. »Was hältst du von plötzlich Prinzessin

»Klingt gut«, stimme ich zu, während Amy den Film aus dem Regal zieht. Während ich dort liege, fällt mein Blick auf mein Handy, das auf dem Wohnzimmertisch liegt und mir bisher nicht aufgefallen ist. Reflexartig strecke ich die Hand aus, halte jedoch nur wenige Zentimeter davor inne.

Wer weiß schon, was dort steht? Wer mir geschrieben hat? Will ich das wirklich wissen?

»Soll ich für dich nachschauen?« Hitze saust durch meine Fingerspitzen, als ich Amy bemerke die vor mir steht. Hastig ziehe ich die Hand zurück, kann den Blick jedoch nicht von dem Handy reißen.

Natürlich sollte es mir nicht ausmachen und egal sein. Dennoch kann ich den Gedanken nicht ertragen in ein nächstes Loch gerissen zu werden. Das passiert zwar auch, wenn Amy mir sagt, dass ich eine Nachricht habe, doch dann habe ich sie nicht gelesen, und bin nicht alleine damit wie gestern Abend. Es könnte eine Art Puffer sein.

»Ja«, bitte ich leise. Sie zögert keine Sekunde, legt die Fernbedienung beiseite und schnappt sich das blinkende Ding. Eine Sekunde bin ich verwundert, dass sie meinen Code kennt, doch sie wäre nicht meine Schwester, wenn sie den nicht dauernd kennen würde.

Mein Magen zieht sich vor Anspannung zusammen, während ich Amys nachdenklichen Blick sehe, als sie durch die Nachrichten scrollt. Ich kriege kaum Luft, bereite mich auf das Schlimmste vor.

»Nichts. Nur tausend Nachrichten von Zoe, Sophia und sogar Asher.«

Ich kann einen erleichterten Seufzer nicht unterdrücken, als sie mir das Handy reicht und wieder nach der Fernbedienung greift um den Film zu starten. Während die Trailer starten, starre ich auf die zahlreichen Anrufe und Nachrichten. Obwohl Amy mir gesagt hat, dass dort nichts Unbekanntes ist, bin ich angespannt, bis ich selber alle gelesen habe.

»Eve?«

»Hm?« Leicht verwundert schaue ich zu Amy, die ihre Knie an sich zieht und stur auf den Bildschirm starrt.

»Dir ist klar, dass du keine Wahl hast? Du musst zur Uni gehen. Sonst hat er gewonnen.«

Ich schlucke schwer.

»Ich weiß«, presse ich zwischen den Zähnen hervor und will gerade das Handy weglegen, als mein Blick auf eine Nachricht fällt, die von Ryan Paxton kam. Ich habe nie drauf geantwortet. Trotzdem bin ich plötzlich glücklich darüber, dass ich seine Nummer habe.

Ich starre auf den Namen.

Wäre es wirklich besser gewesen, wenn mich jemand anderes gefunden hätte?

Ich denke an seine Berührung, die mich zurückgeholt hat, an seine Stimme und den Moment in dem er die Kontrolle übernommen hat um mich zu retten. Wahrscheinlich wäre ich vor einen Baum gefahren, wenn er nicht gewesen wäre.

Verflucht.

Das ist schon die zweite Sache, für die ich ihm, was schuldig bin.

»Leg das Handy weg«, fordert Amy mich auf und ich bekomme einen genervten Blick zugeworfen.

»Sekunde«, grummel ich und denke nicht darüber nach, als meine Finger über die Tasten hüpfen.

 

Danke.

 

Mehr schreibe ich nicht.

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