24. Ryan

»Dieses komische Rumgehüpfe bringt mich um«, stöhnt Miles, als wir uns auf die Bänke fallen lassen.

»Ich glaube, ich habe eine Zerrung«, brummt Dean und massiert seinen Oberschenkel, während er durch die Umkleide zu seinem Platz humpelt.

»Das ist Muskelkater, Dean. Den bekommt man, wenn man Sport treibt«, korrigiere ich ihn, als er seine Wasserflasche aus der Trainingstasche zieht und mir daraufhin den Mittelfinger zeigt.

»Willst du das wirklich als Sport bezeichnen?«, schnaubt Miles neben mir und zieht ein Handtuch aus der Tasche.

»Wir schwitzen. Also irgendwie müssen unsere Körper ja in diesen Zustand gekommen sein und ich glaube nicht, dass das auf dem Weg von der Halle bis zu den Umkleiden passiert ist.«

»Wenn du dich jetzt, auf deren Seite schlägst, bringe ich dich um«, sagt der Quarterback kopfschüttelnd und streift seine Schuhe von den Füßen.

»Stell dich hinten an. Du bist nicht der Erste, der mir droht«, grinse ich, während eine Reihe von Footballern meckernd zu den Duschen stampft. Allen voran John, der sich den Hintern reibt, der von seiner unsanften Landung nach einem dieser Jumps immer noch zu schmerzen scheint. Neben mir knurrt Miles etwas, wobei er in seiner Tasche kramt und nach irgendetwas zu suchen scheint.

Ich beobachte das wilde Treiben in der Kabine, bekomme mit einem Ohr ein paar der Diskussionen mit und sehe wie sich die Duschen füllen. Mit einem leisen Seufzer greife ich nach meinem Handy und lehne den Kopf an die kühle Wand hinter mir. Ich werde mich garantiert nicht in diese überfüllte Dusche quetschen. Da bin ich lieber der Letzte, der die Halle verlässt.

Kopfschüttelnd lausche ich den Rufen und dummen Witzen, die unter dem heißen Wasser erzählt werden. Gleichzeitig schalte ich das Handy an und sofort blinken unzählige Nachrichten auf. Eine ganze Menge von Frauen, denen ich schon längst gesagt habe, dass ich kein Interesse habe und ein paar dämliche Bilder und Witze aus Gruppen. Zusätzlich hat Ethan gefragt, ob ich eine Schicht übernehmen kann und dann ist da noch ein anderer Name, den ich nicht erwartet hätte. Stirnrunzelnd öffne ich den Chat mit Evelyn Jones, der bisher sehr leer ist.

 

Danke.

 

Mehr steht da nicht. Nur ein verfluchtes Wort. Dennoch beschleunigt sich mein Puls, als ich auf die fünf Buchstaben starre. Um mich herum wird es leiser und das Bild von ihr, wie sie völlig panisch vor mir stand, blitzt vor mir auf.

Glaubt sie, dass das reicht?

Ich will eine Erklärung für das, was da passiert ist! Natürlich weiß ich, dass es mich absolut nichts angeht, aber nachdem ihre Gran mich um sowas gebeten hat, brauche ich irgendetwas. Immerhin wäre es von Vorteil, wenn ich wüsste, wovor ich sie beschützen soll. Schließlich könnte alles Mögliche die Ursache für so eine Panikattacke sein. Also wie soll ich helfen, wenn ich nichts weiß?

Obwohl ich mich darüber ärgere, dass ich immer noch nicht schlauer bin, was ihren Ausbruch angeht, habe ich plötzlich das Gefühl eine Art Einverständnis erhalten zu haben. Klar, Elizabeth hat mich darum gebeten und ich bezweifle, dass sie es Evelyn erzählt hat, aber sie hätte sich nicht melden müssen. Sie hätte zu wem anders gehen können, aber ich glaube nicht, dass sie das getan hat.

Ansonsten hätte Zoe mich nicht das ganze Training über böse angestiert, was Miles natürlich aufgefallen ist und ihm ein wenig die Laune verdorben hat. Ich bin sehr sicher, dass niemand von diesen Panikattacken weiß. Und ich weiß auch, dass ich es nicht mitbekommen sollte. Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.

»Paxton!«, pfeffert jemand plötzlich vom Eingang und ich zucke zusammen. Die Hände in die Hüfte gestemmt, steht Zoe Wilson in der Umkleide und ignoriert die Pfiffe und Rufe der anderen Männer. Zornig blinzelt sie mich an, hinter ihrem Rücken versteckt sich so gut es geht Sophia, die ein paar Zentimeter größer ist. Im Gegensatz zu Zoe sieht sie aus, als wäre sie lieber woanders und verknetet nervös die Hände ineinander. »Was hast du mit Evelyn gemacht?!«

Die Anschuldigung in ihrer Stimme ist kaum zu überhören.

»Wie bitte?«, stelle ich mich, so gut es geht dumm.

»Du hast sie nach Hause gefahren und ihre Großmutter hat mir heute Morgen erzählt, dass sie einen Magen-Darm-Infekt hat. Also was hast du ihr in den Drink gemixt?!«

»Jetzt mach aber mal halblang, Wilson«, erwidere ich etwas ungehalten, befehle mir aber entspannt sitzen zu bleiben. »Bevor wir was trinken konnten, war ihr schlecht. Dann ist sie rausgestürmt und ich habe sie kotzend neben ihrem Transporter gefunden«, lüge ich. Es fällt mir erstaunlich leicht, obwohl ich immer wieder die Panik in den schokoladenbraunen Augen sehen kann.

»Und warum hat sie keinen von uns gebeten, dass wir sie fahren?«

»Ganz einfach: Weil sie euch gern hat und es sie einen Scheiß interessiert, ob ich krank werde oder den Super Bowl verpasse«, gebe ich gereizt zurück. Wahrscheinlich ist das gar nicht gelogen und vielleicht fühlt es sich deswegen so mies an, es auszusprechen. Auf Zoes Stirn bilden sich Falten.

»Warum hast du sie dann überhaupt gefahren?«

»Sie sah gut aus und ich hatte einen dieser Netten-Kerle-Momente. Außerdem hat sie mir das erst an den Kopf geworfen, als ich sie abgeliefert hatte.«

»Du hattest sowas wie Gentleman-Anfall?« Skeptisch zieht Sophia die Augenbrauen nach oben. Ich wusste gar nicht, dass die Kleine überhaupt redet.

»Ja, kannst es ruhig so nennen. Wenn eine Frau im kurzen Rock mit hübschen Beinen, kotzend am Straßenrand steht, meldet sich sogar bei mir so etwas wie Mitgefühl.«

»Du meinst, dein Schwanz hat sich bei dem kurzen Rock gemeldet«, erwidert Zoe kühl, verschränkt die Arme vor der Brust. »Ihre Nummer hast du dann wenigstens nicht bekommen.«

Nein, die hat ihre Großmutter mir gegeben.

»Tja, einen Versuch war’s doch wert«, gebe ich achselzuckend zurück, bemerke erst jetzt, dass es ungewohnt Still in der Umkleide geworden ist.

»Denk an die Abmachung, Paxton«, werde ich mit einem scharfen Blick erinnert.

»Ich denke, wir wissen beide, dass du dir bezüglich Jones keine Sorgen machen musst.«

»Wenigstens eine, die gerafft hat, was für ein Arsch du bist.« Ich bekomme ein letztes, zuckersüßes Lächeln geschenkt, dann drehen die Beiden sich um und verlassen so schnell wie sie gekommen sind, die Umkleide.

»Dir auch noch einen schönen Tag«, sage ich ins Nichts und umklammere das Handy etwas fester.

»Dein ernst? Du hast sie nach Hause gefahren?«, will Miles wissen, der sich mit Handtuch um die Hüfte an den neugierigen Footballern vorbeigedrängt, die wie angewurzelt stehen bleiben.

»Die Hoffnung stirbt halt zuletzt.« Ich zucke mit den Achseln.

»Langsam hast du, aber begriffen, dass du bei ihr keine Chance hast oder?« Der Quarterback sammelt sich frische Klamotten aus der Tasche, während ich einen letzten Blick auf das Handy werfe.

»Klar«, gebe ich gelassen zurück. »Ich weiß, wann ich verloren habe.«

Dabei hat das gerade erst angefangen. Was auch immer das ist.

 

 

Ich schlage die Wagentür zu und richte den Kragen meiner Lederjacke, während ich schaue, ob ein Auto kommt. Doch die Straßen sind um Viertel nach Neun verlassen, was unter anderem an dem gestrigen Spiel liegt. Regen liegt in der Luft, mischt sich mit dem Geruch nach Abgasen. Meine Muskeln schmerzen, als ich den vertrauten Weg zur Bar einschlage und ich massiere mir im Gehen kurz den Nacken.

Vielleicht hätte ich das Fitnessstudio heute Morgen weglassen sollen. Doch irgendwie musste ich einen klaren Kopf bekommen und das geht am besten, wenn ich Sport treibe, bis ich nicht mehr kann.

Als ich eintrete, fällt mir direkt die Musik auf, die lauter als sonst ist. Meine Augenbrauen wandern ein Stück nach oben, als ich zwei bekannte Gestalten entdecke, die aufgebracht durch die Gegend hüpfen und den Songtext gekonnt, aber sehr schief mit grölen. Ich bleibe wie angewurzelt stehen, während Kayla sich laut schreiend auf einen Stuhl stellt und mit dem Lappen in ihrer Hand herumwirbelt.

Heiliges Kanonenrohr. Wo bin ich denn gelandet?

»Dein Einsatz!«, vernehme ich plötzlich Scarlett, die auf mich zukommt und dabei im Takt mit der Putzmittelflasche in ihrer Hand wedelt.

Mein Einsatz?

»Komm schon, Ryan!«, fordert Kayla mich auf, doch in dieser Sekunde setzt bereits der männliche Part ein und beide lassen enttäuscht die Schultern hängen. »Spielverderber«, brummt Kayla, steigt langsam von ihrem Stuhl hinab und wirft mir einen giftigen Blick zu, als hätte ich ihr gerade den größten Spaß ihres Lebens verdorben.

»Du hattest das perfekte Timing mit dem reinkommen. Wenn du den Part gerockt hättest, wär dein Ansehen bei mir deutlich gestiegen.« Scarlett schüttelt mitleidig den Kopf, wobei ein paar Strähnen, die sich aus ihrem blonden Zopf gelöst haben, hin und her schwanken.

»Wenn mein Ansehen bei dir noch steigt, musst du Zac bald den Laufpass geben«, erkläre ich grinsend und ziehe mir die Jacke aus. Scar verdreht die Augen und macht eine wegwerfende Handbewegung.

»Ich glaube, ich muss mich übergeben«, vernehme ich Kayla, die hinter der Theke steht und die Musik leiser stellt.

»Nur weil du meine absolut fantastische Persönlichkeit nicht verträgst«, lache ich und lege Scar einen Arm um die Schulter. Zusammen schlendern wir zu Kayla, die die Augen verdreht und mich in Gedanken bereits verflucht.

»Du hast genug Selbstvertrauen für ganz Hollywood.« Kayla zieht eine Wasserflasche aus dem Regal, ohne mich eines Blickes zu würdigen.

»Stichwort Hollywood: Wo sind eure Superstars?«, will ich wissen und schaue mich in der verlassenen Bar um.

»Die haben Besseres zu tun, also wirst du dich heute mit uns vergnügen müssen«, erklärt Scar und stellt sich dabei neben Kayla. Beide legen ein hübsches Lächeln auf und blinzeln einige Male mit den Wimpern.

Für andere Kerle wäre das wahrscheinlich ein Traum. Allerdings kenne ich die beiden, weswegen aus dem Traum ein Alptraum wird.

»Verarscht mich nicht.« Leicht schockiert schaue ich zwischen der Blondine und der Brünetten hin und her.

»Was denn? Hast du keine Lust mit uns den Laden zu putzen?«, fragt Scar schockiert und Schalk blitzt in ihren Augen auf.

»Es gibt Dinge, die ich lieber tue. Zum Beispiel mir die Zähne ohne Betäubung ziehen lassen.«

»Oder ein hübsches Ding im Minirock nach Hause fahren und den Super bowl sausen lassen?« Ein gerissenes Grinsen hat sich auf Scars Lippen gelegt und ich kann nicht anders als mir auf die Zunge zu beißen. »Du lässt nie was mit Football sausen. Also wie kommt der Sinneswandel?«

Dieses kleine Biest.

»Ich habe keine Ahnung, wovon du redest«, versuche ich, alles abzustreiten, und greife demonstrativ nach dem Putzlappen, ehe ich den beiden Tratschtanten den Rücken zuwende.

»Oh, vergiss es, Ryan«, kommt Kayla nun dazu und drängt sich neben mich. »Wir wollen wissen, welche Unbekannte dich dazu bekommen hat, überstürzt die Bar zu verlassen.«

»Wisst ihr beide eigentlich, dass ihr unglaublich anstrengend und nervig seid?«, brumme ich und befeuchte den Lappen unter dem Wasserhahn, ehe ich ihn kräftig auswringe. »Zac und Ethan tun mir wirklich schrecklich leid. Wenigstens erinnert ihr mich regelmäßig daran, warum ich keine Beziehung will.«

»Autsch!«, sagt Kayla leicht gekränkt und verpasst mir einen kräftigen Schlag gegen die Schulter, was mehr wehtut, als ich gedacht habe.

»Das war fies!«, stimmt Scar zu und verpasst mir von der anderen Seite einen Hieb.

»Ja, das sollte es auch. Habt ihr nichts zu tun? Oder irgendwelche Geschenke zu organisieren für Ethan und Zac? Zum Valentinstag oder Geburtstag oder sowas?«, versuche ich, mich zu retten, und weiß nicht, wer von beiden gefährlicher für mich sein könnte.

»Valentinstag ist längst organisiert«, erklärt Kayla augenverdrehend.

»Darum interessieren wir uns ja dafür, was du Valentinstag machst.«

»Das Übliche: Feiern gehen, eine Frau mit nach Hause nehmen, Sex haben und verkatert aufwachen.« Für meine Antwort kassiere ich zwei weitere Schläge von jeder Seite.

»Du bist unmöglich!«

»Irgendwer muss die armen Frauen da draußen ja beglücken!«, protestiere ich, kann jedoch nicht verhindern, dass meine Mundwinkel zucken.

»Ich weiß wirklich nicht, welche Frau mit dir mitgehen würde.«

»Oh, keine Angst. Ich kann charmant sein, wenn ich will«, erkläre ich mit einem schiefen Lächeln und beuge mich ein Stück zu Kayla, um ihr eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen. Doch meine Hand kommt nicht mal in Reichweite ihres Gesichts, da hat Scarlett bereits draufgehauen.

»Au!«, beschwere ich mich und ziehe schnell meine Finger zurück.

»Du baggerst weder Kayla noch mich an!«, ermahnt sie mich mit erhobenem Finger.

»Nur wenn ihr mich jetzt endlich in Ruhe lasst! Sonst muss ich nämlich zu noch schlimmeren Mitteln greifen!«, drohe ich, woraufhin beide die Arme vor der Brust verschränken und einen Blick tauschen. Ich habe keine Ahnung wie das bei den Beiden funktioniert, aber irgendwie scheinen sie so ein ziemlich langes, stummes Gespräch zu führen, das beide wirklich verstehen.

»Nur wenn du bei den nächsten Liedern den männlichen Part übernimmst.«

»Mit Tanzshow«, fügt Kayla hinzu. »Sonst macht das keinen Spaß.«

»Wenns sein muss«, stöhne ich und kapituliere, was beiden einen triumphierenden Ausdruck auf das Gesicht treibt. »Aber ich werde mich nicht verkleiden«, verkünde ich und drehe mich um, um ein paar Lappen aus dem Schrank zu holen.

»Ganz kurze Frage«, kommt Scar plötzlich von der Seite und lehnt sich gegen die Theke, während ich die Utensilien zusammensuche. »Die Unbekannte, die du rausgebracht hast. Die war nicht zufällig relativ klein, hatte braune Locken, hübsche Augen und so wie es in dieser Jeans aussieht, ziemlich ansehnliche Beine?«

»Ich dachte, wir hätten das Thema beendet!?«, knurre ich und schaue zu Scarlett, deren Blick jedoch auf etwas anderes als mich gerichtet ist. »Woher weißt du…?«

Doch die Worte bleiben mir im Hals stecken, als ich aufstehe und Scars Blick folge.

Mitten in der Bar steht sie.

Die Haare sind zerzaust, sie hat Ringe unter den Augen und eine ungesunde Gesichtsfarbe. Die Jeans sitzt locker an ihren Beinen ebenso wie der graue Pullover und die Bomberjacke, die sie trägt. Automatisch wandert mein Blick zu den Schuhen und ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht an den hübschen Körper zu denken, der mir bei dem Anblick wieder in den Kopf kommt.

»Hi, Ryan«, murmelt Evelyn Jones und spielt nervös mit ihren Fingern. »Können wir reden?«

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