25. Evelyn

Er sieht aus, als hätte er einen Geist gesehen. Zwar erinnert meine Gesichtsfarbe an einen, doch ich habe wirklich versucht, nicht völlig fertig auszusehen. Bei den Haaren habe ich aufgegeben, aber ich habe mich sogar dazu gezwungen, eine Jeans anzuziehen und ein wenig Wimperntusche aufzutragen. Immerhin wusste ich nicht, was mich in dem Schuppen erwartet und ich muss sagen, ich hatte recht.

Ryan Paxton steht neben einer hübschen jungen Frau mit blonden Haaren, die mir aus einem seltsamen Grund bekannt vorkommt. Auf der anderen Seite von ihm, ist eine andere Dame mit braunen Locken – ebenfalls hübsch.

Bin ich gerade in etwas reingeplatzt?

»Also nur wenn es geht?«, füge ich mit einem kurzen Blick auf die beiden unbekannten Frauen hinzu. Es dauert eine Sekunde, dann scheinen die Beiden wenigstens begriffen zu haben, was ich meine.

»Uagh! Was für eine widerliche Vorstellung!«, erklärt die mit den braunen Locken und verzieht das Gesicht. Mit so einer Reaktion habe ich nicht gerechnet.

»Also bei sowas störst du garantiert nicht«, fügt die Blondine hinzu und ein belustigter Ausdruck huscht über ihre Lippen. Ich ringe mir ein Lächeln ab und schaue zu Ryan, der sich nicht rührt. Ich hatte erwartet, dass er ebenfalls grinst oder irgendeinen dummen Spruch von sich gibt, wie er es meistens tut, doch er steht einfach nur mit halb geöffnetem Mund da und starrt mich an.

Vielleicht war das hier doch keine gute Idee.

»Sonst ein anderen…«

»Wir können hier reden. Scarlett und Kayla haben sowieso noch was zu erledigen und müssen danach das Lager aufräumen.«

Es ist eine schlechte Lüge. Die mit den dunklen Locken öffnet verwirrt den Mund, will protestieren, bekommt von der Blondine doch sogleich einen Hieb in die Rippen.

»Stimmt«, sagt sie langsam, als wäre ihr gerade der Geistesblitz gekommen. »Wir sind so in einer Stunde wieder da. Wenn wir viel Verkehr haben, kann es natürlich auch länger dauern.« Es ist eine Frage an Ryan, dessen Mundwinkel leicht zucken, während die Blonde ihre Jacke nimmt, die unter dem Tresen liegt.

»Ich denke, es ist nicht so viel Verkehr auf den Straßen. Aber falls es doch Stau geben sollte, werde ich euch natürlich sofort informieren.«

»Natürlich«, stimmt sie nickend zu und schiebt die Brünette vor sich her, die verwirrt zwischen den Beiden Hin und Her schaut, als wäre sie mit der Situation überfordert.

»Wie klappt die Kommunikation mit Ryan? Das verstehe ich immer noch nicht!«, zischt die Brünette verwirrt und streicht sich eine Locke aus dem Gesicht, als sie an mir vorbeikommen.

»Später, Kayla«, erwidert die Blonde und winkt mir mit einem freundlichen Lächeln, ehe sie die Bar verlassen. Der Wind zieht die Tür etwas stärker als sonst zu und dann wird es still im Raum. Ich höre den Regen, der gegen die Fenster prasselt und die Stimmen der Beiden, die gerade zu diskutieren scheinen, was passiert ist.

»Tut mir leid, wegen den Beiden. Die sind…« Ryan hat den Mund geöffnet, seine Stirn legt sich in Falten und er sucht nach einem Begriff, während er sich an die Theke lehnt. Mit den Händen umklammert er das Holz, das im Licht leicht schimmert. Schließlich schließt er mit einem grimmigen Ausdruck den Mund. »Die Beiden sind eben, wie sie sind.«

»Sind das ehemalige Bekanntschaften von dir?«, will ich wissen und vermeide es, den Begriff Bettgeschichten zu benutzen.

»Wenn dem so wäre, würde ich hier nicht arbeiten«, grinst er und holt eine Tasse unter der Theke hervor. »Du erinnerst dich an den großen Barkeeper? Er ist der Freund von Kayla, der mit den Locken und der andere ist mit Scarlett zusammen.« Er hebt den Kopf, lässt seinen Blick kurz über meine Erscheinung wandern und ich spüre die Nervosität aufsteigen. Meine Hände, die in den Jackentaschen stecken, krallen sich noch etwas mehr in den Stoff.

Wie ich wohl auf ihn wirke?

»Du kannst dich schon setzten«, sagt er mit einem Nicken zu den freien Tischen. »Kaffee oder lieber Wasser?«

Kaffee in meinem Zustand? Dann kann ich mir direkt eine Adrenalinspritze setzten.

»Wasser«, antworte ich und löse langsam meine verkrampften Hände, während ich zu dem Tisch gehe, der am nächsten steht. Mit zittrigen Fingern streife ich mir die Jacke ab, spüre dabei den stechenden Blick von Ryan.

Muss er mich auch noch so genau beobachten? Es ist nervenaufreibend genug, dass ich überhaupt hierhin gekommen bin.

»Woher wusstest du, dass ich hier bin?«, reißt er mich aus meinen Gedanken und kommt mit einer Flasche, einem leeren Glas und einer bereits gefüllten Tasse Kaffee zurück. Vorsichtig stellt er beides vor mir ab und ich klemme die Hände zwischen meine Oberschenkel, verdränge den Gedanken an das, was das letzte Mal passiert ist, als ich hier war.

»Amy hat gesehen, wie du hier rein gegangen bist.«

»Deine kleine Schwester treibt sich ziemlich viel herum.«

»Diesmal allerdings im Auftrag meiner Mum«, erkläre ich und Stuhlbeine rutschen über den Boden, als er mir gegenüber Platz nimmt. »Sie sollte Schokoladenkuchen besorgen.«

Meinen Lieblingskuchen, will ich hinzufügen, kann mir aber gerade noch so auf die Zunge beißen.

»Aus der Konditorei um die Ecke?«, will er wissen und lehnt sich entspannt zurück.

»Ja«, bestätige ich, als mein Blick auf die Wasserflasche fällt, die noch ungeöffnet vor mir steht. Meine Handflächen sind feucht, obwohl sie gegen den Jeansstoff drücken. Ich wünschte, Ryan hätte sich nicht direkt mir gegenüber gesetzt. Dann würde er jetzt nicht jede meiner Bewegungen mit Adleraugen verfolgen. Mir ist klar, dass er darauf wartet, dass ich mir Wasser eingieße.

»Wie war das Training?«, versuche ich ihn, zum Reden zu bringen, und löse meine Hände. Ich werfe Ryan ein flüchtiges Lächeln zu und greife hastig nach der Flasche, in der Hoffnung, dass er das Zittern nicht bemerkt. Doch es ist nicht zu übersehen und als ich versuche den Verschluss zu öffnen, fehlt es mir an der Kraft.

»Anstrengend. Bei den Jumps hat Dean sich eine Zerrung geholt.« Seine Stimme ist ruhig und ich versuche nicht, die Verzweiflung überhandnehmen zu lassen, als ich an dem Verschluss herumfummel, der sich einfach nicht lösen will. Zumal ich aus dem Augenwinkel sehen kann, dass er die Stirn runzelt. Das vertraute Brennen tritt hinter meine Augen und ich beiße mir auf die Wange.

Wenn ich jetzt anfange zu weinen, erschieße ich mich.

Wortlos greift Ryan plötzlich über den Tisch. Seine Hände umfassen die Flasche, streifen meine und zwingen mich aufzuschauen. Ich war nicht auf diesen intensiven Blick vorbereitet, der mich aus dem Nichts trifft und mich durchbohrt. Ein Schauer jagt mir den Rücken herunter, lässt mich erstarren.

»Ich mache schon«, sagt er, woraufhin ich die Flasche loslasse. Doch ich muss immer noch in dieses verfluchte Blau starren. Es fühlt sich an, als würde er durch jede Fassade, jedes vorgetäuschte Gefühl blicken und das macht mich wahnsinnig.

»Danke«, bringe ich hervor und ich senke eilig den Kopf, betrachte die Tischplatte, die einige Macken hat. Das Zischen der Wasserflasche schallt durch den Raum, ehe ich höre, wie er mir etwas eingießt.

»Zoe hat mir übrigens vorgeworfen, dass ich dir was in den Drink getan habe.«

»Was?« Diese Aussage lässt mich wieder den Kopf heben.

»Ja, ich glaube, sie dachte, dass ich dich umbringen will. Ich habe ihr dann allerdings gesagt, dass ich dich kotzend neben dem Auto gefunden und nach Hause gefahren habe. Als eine Art Nettigkeitsanfall«, erklärt er ruhig und schiebt mir das Glas ein Stück näher ran. »Und ich durfte dich nur fahren, weil es dir egal ist, ob ich krank werde oder den Super bowl verpasse.«

»Und das habe ich gesagt, weil…?«, versuche ich, die Aussage zu verstehen.

»Weil ich dich angegraben habe und du deinen Freunden nicht den Abend versauen wolltest.« Er zuckt mit den Schultern, während ich skeptisch die Geschichte durch meinen Kopf laufen lasse.

Hat Ryan Paxton mich wirklich gedeckt? Und dafür so eine Story aufgetischt?

Nachdenklich greife ich nach dem Glas und diesmal huschen seine Augen auf meine bebende Hand. Nur eine Sekunde, doch es reicht, um mir zu zeigen, dass ich es nicht verstecken kann. Ein Fluch liegt mir auf der Zunge, den ich eilig mit dem Wasser herunterspüle, ehe ich das Glas abstelle, und meine Hände wieder zwischen meinen Oberschenkeln vergrabe.

»Ich hätte gedacht, dass dir eine bessere Story einfällt«, versuche ich, die Stimmung zu lockern und erzwinge ein Lächeln, obwohl mir wahrlich nicht dazu zu Mute ist.

»Geht schlecht, wenn man daran denkt, wie jemand eine Panikattacke hatte.«

Ein Magenhieb.

So fühlt sich die knallharte Wahrheit an, die er mir an den Kopf wirft.

Ich zucke leicht zusammen und sehe in den Augen von Ryan Paxton nicht mehr diese Arroganz. Stattdessen ist er nachdenklich und ich meine, etwas wie Sorge in seinem Gesicht erkennen zu können.

»Wie…« Meine Stimme versagt auf halber Strecke und ich räuspere mich, versuche den Mut aufzubringen um die Frage zu stellen, die mir schon die ganze Zeit auf der Seele liegt. »Wie schlimm war die Panikattacke?«

Ich beobachte sein Gesicht. Jeder Muskel, ist angespannt und kurz wirkt er überrascht, dann verwirrt, als wüsste er nicht, wovon ich rede.

»Was meinst du damit?«

Es war eine absolut miserable Idee hier aufzutauchen. Kurz schließe ich die Augen und fordere den Rest Mut, den ich besitze, auf hervorzukommen.

»Ich habe ein paar Lücken«, gestehe ich, versuche die Stimme nicht brechen zu lassen, doch ich kann ihn nicht ansehen. Zu viel Angst habe ich vor dem, was mir gleich an den Kopf geworfen werden könnte. »Und von dem was ich weiß, weiß ich nicht, ob es real oder nur Einbildung ist.«

»Also kannst du dich gar nicht richtig dran erinnern?« Skepsis liegt in seiner Stimme, lässt mich erahnen, dass er sich gleich über mich lustig macht oder mich für verrückt erklärt. Was von Beiden es auch sein wird, schon jetzt bohrt sich ein Messer in meine Magengrube und dreht sich langsam im Fleisch.

Ich hasse es, dass ich jetzt so angreifbar bin und mir jedes Wort zu Herzen nehmen werde, was aus seinem Mund kommt.

»Wir waren an der Bar«, fängt er plötzlich an. Die Art wie er redet, lässt mich aufhorchen. Ryan Paxton hat sich nach vorne gelehnt, fixiert mich nicht länger. Stattdessen stiert er auf die schwarze Flüssigkeit in seiner Tasse und sein Blick wird leer, als wäre er nicht mehr wirklich hier.

»Du hast diesem schmierigen Typen eine verpasst und ich wollte dir einen Drink ausgeben, weil das wirklich ein hübscher Kinnhaken war. Wir hatten gerade bestellt und ich wollte dich was fragen, aber du warst plötzlich kalkweiß, hast irgendwas genuschelt, dass du jetzt wegmusst und bist rausgestürmt. Ich hatte keine Ahnung wo du hin wolltest, aber deine Tasche war noch bei Zoe, also habe ich sie mir geschnappt und bin dir hinterher. Eigentlich wollte ich sie dir nur geben, aber…«

Ryan Paxton stockt und in meinem Kopf sehe ich, wie ich aus der Bar taumle, es irgendwie über die Straße schaffe und noch angehupt werde. Eine Beleidigung wird mir an den Kopf geworfen, aber ich ignoriere sie, stolpere zu dem Auto. Nur geht die verfluchte Tür nicht auf.

»Du standest an deinem Wagen und hast an der Tür herumgerissen. Ich glaube, du hast gar nicht begriffen, dass das Auto noch abgeschlossen war. Als ich dich gerufen habe, sahst du aus, als würde dich jede Sekunde jemand umbringen wollen.« Er atmet stark aus, lehnt sich zurück und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Ryan wirkt gehetzt, aufgebracht, als würde ihn das selber durcheinanderbringen.

»Ich hab dich ins Auto gesetzt, weil du nicht mehr in der Lage zum Fahren warst. Keine Ahnung, ob du das überhaupt wirklich mitbekommen hast«, sagt er leise, presst die Lippen zusammen.

Doch, ich kann mich daran erinnern nicht vorm Lenkrad gesessen zu haben und dann…

»Plötzlich hast du geschrien, dass ich anhalten soll und ich dachte, wir überfahren gleich wen und habe eine Vollbremsung hingelegt. Dann konnte ich gar nicht so schnell gucken, wie du aus dem Wagen bist und…« Er stockt, lehnt sich nach vorne, beißt sich kurz auf die Lippe. »Und du hast gesagt, dass du keine Luft bekommst, warst am Hyperventilieren. Verdammt, du sahst aus, als würdest du jede Sekunde zusammenklappen und ich wusste nicht mal, wo das nächste Krankenhaus ist, falls das passiert wäre.«

Flackernd erkenne ich sein Gesicht vor mir, spüre die überwältigende Panik und seine Hände an meinen Armen. Ich sehe die Dunkelheit um uns herum, das Blau seiner Augen nah bei mir und dann höre ich seine Stimme. Verschwommen, aber sie ist da, lässt mich langsam vom Verfolgungswahn ab und sagt mir, dass ich atmen soll.

Perfekt. Er hat den Hochpunkt der Panikattacke mitbekommen.

»Irgendwann hast du dich beruhigt und ich hab dich wieder ins Auto gepackt und nach Hause gefahren. Ich glaube, deine Mum dachte, ich wäre dabei dich zu vergewaltigen oder sowas. Aber bevor ich was erklären konnte, bist du in Tränen ausgebrochen und hast gesagt«, er hebt den Kopf, blickt mich an, »Es fängt wieder an.«

Ich schlucke schwer, kann mich an dem Moment jedoch nicht erinnern. Das letzte, was wirklich präsent ist, ist der Moment in dem ich wieder ins Auto gesetzt werde. Dann spüre ich die kühle Glasscheibe an meiner Stirn und sehe die verschwommenen Lichter der Stadt. Es fühlt sich an, als hätten sie mich mitgerissen und meine Erinnerungen aufgesaugt.

»Deine Mutter hat dich nach oben gebracht und deine Großmutter hat mir einen Kaffee gemacht. Sie hat mich gefragt, was passiert ist und dann bin ich nach Hause.«

Da muss Mum mir die Tabletten gegeben haben. Bin ich sofort eingeschlafen? Wie lange habe ich geweint? Oder stand ich nur neben mir und war panisch, als ich im Bett lag? Einerseits will ich es wissen, andererseits habe ich Angst vor der Antwort, die Amy oder Mum mir liefern könnten. Das ist auch der Grund, aus dem ich nicht genauer nachgefragt habe. Letztendlich ist es nämlich egal. Es gibt nur eine wirklich wichtige Frage an diesem Abend.

»Kannst du mir sagen, was davor passiert ist? Also bevor wir zahlen wollten. War irgendwas seltsam oder …?« Ich will ihn fragen, ob mich, wer angerempelt hat, die Möglichkeit hatte an meine Hosentasche zu kommen, aber als ich seinen Blick sehe, stocke ich.

»Warum willst du wissen, was davor passiert ist?«

Ryan lehnt sich ein Stück nach hinten, während er mich aufmerksam betrachtet. Ich kann förmlich sehen, wie sein Hirn anfängt zu arbeiten und er versucht meine Frage in eine sinnvolle Konstellation zu dem Geschehenen zu bringen. Warum kann er nicht einfach ein dämlicher, unaufmerksamer Footballer sein, dem es egal ist?

Verflucht. Ich kann nicht weiter ins Detail gehen. Sonst wird er etwas ahnen.

»Vergiss es«, winke ich ab, versuche, die Enttäuschung herunterzuschlucken, und stehe schneller als nötig auf. »Danke, dass du mir geholfen hast und entschuldige, dass ich dich von der Arbeit abhalte.«

Hektisch wandert mein Blick umher, streift die Stelle, an der ich an dem Abend stand. Obwohl ich nicht den Rock trage, brennt die hintere Hosentasche und ich beiße mir auf die Zunge. Es ist alles in Ordnung. Keiner außer Ryan und mir ist hier. Meine Hände haben sich trotz des Gedankens nicht beruhigt, als ich meine Jacke überziehe und den Schlüssel aus der Tasche nehme.

»Jones«, setzt Ryan an, doch ich zwinge mich zu einem schnellen Lächeln, während das Klirren der zusammenschlagenden Schlüssel durch den Raum hallt. Wenn meine Hände bloß ruhig bleiben könnten!

»Schon gut. Wir sehen uns«, versuche ich, mich eilig zu verabschieden, ehe Ryan noch auf die Idee kommt weitere Fragen zu stellen, auf die ich ihm keine Antwort geben kann.

»Jones!«, sagt er plötzlich mit Nachdruck, als ich mich bereits umgedreht habe. Ich zucke kurz zusammen, spüre meinen Nacken, der verkrampft. Ein leiser Fluch kommt über meine Lippen, wird jedoch von dem Klirren der Schlüssel übertönt und ich drehe mich um.

»Gib mir die verdammten Schlüssel«, fordert er mich auf und hält seine offene Hand hin.

»Was?« Verwirrt schaue ich ihn an, versuche mich nicht, von seinem Blick einschüchtern zu lassen.

»So wirst du garantiert nicht Auto fahren«, sagt er mit einem kurzen Nicken zu meinen Händen, die nicht ruhig bleiben wollen. Verräterische Biester.

»Das …«

»Das geht nicht, Jones.« Es ist keine Frage, keine Bitte und auch kein Vorschlag. Ryan macht sich nicht mal die Mühe zu fragen, sondern greift einfach die Schlüssel und nimmt sie mir aus der Hand. Unter normalen Umständen hätte ich protestiert und sie mir zurückgeholt oder sie einfach weggezogen. Doch in meinem derzeitigen Zustand kann ich nur dort stehen und zusehen, wie er mir die Tür aufhält. »Kommst du?«

In meinem Kopf meldet sich eine Stimme, die lautstark widerspricht, aber mein Körper hat längst für mich entschieden und setzt sich in Bewegung. Ein Fuß wird vor den anderen gesetzt, während mein Mund ein Stück offen steht. Ich sehe in seinem Gesicht, dass es keinen Zweck hat zu widersprechen und ich weiß, dass er mir heute haushoch überlegen ist. Auch wenn mir dieses Wissen ziemlich gegen den Strich geht.

Meine Gedanken sind stumm, als ich ihn zu dem Auto führe und es ist seltsam, dass er wie selbstverständlich einsteigt. Tranceartig lege ich den Gurt an und er stellt den Sitz ein, der für ihn viel zu weit vorne ist. Kurz betrachte ich das Schauspiel, dann schaue ich auf die Straße vor mir, die von Laternen geziert wird.

»Wie geht’s Amy eigentlich?«, reißt Paxton mich aus der Leere und lässt mich langsam wieder in die Gegenwart finden. Der Motor erwacht zum Leben und die Lampen im Wagen leuchten auf.

»Weiß ich nicht«, gebe ich nach einer Weile ehrlich zu und wünsche mir noch im selben Augenblick, dass ich gelogen hätte.

Was geht es ihn schon an, dass wir derzeit Probleme haben?

»Ich meine, es geht ihr gut, sie ist nur seltsam drauf«, korrigiere ich mich eilig und knabbere auf meiner Unterlippe. Ich bin mit dem Kopf nicht hier. Warum muss er mich in ein Gespräch verwickeln? Mir wäre eine ruhige Fahrt lieber.

»Also weißt du immer noch nicht, warum sie sich auf dieser Party so betrunken hat und abgehauen ist?«

»Ich schiebe es auf das Alter, bis sie mir eine Antwort gib.« Die Aussage kommt über meine Lippen ohne, dass ich nachdenke. Ich bin von mir selber überrascht, bis mir klar wird, dass meine Handflächen nicht mehr feucht sind. Auch die verkrampften Muskeln, die mich bereits auf dem Hinweg überfallen haben, lösen sich. Mit jedem Meter, den ich mich weiter von der Bar entferne, komme ich ein wenig mehr zur Ruhe. Auch wenn Ruhe gerade nicht das ist, was andere Leute darunter verstehen.

»Schiebst du es auf das Alter, weil du selber so warst?«

Die Frage lässt mich aufhorchen. Ich runzle die Stirn, werfe einen Blick zu Ryan, der ganz entspannt das Auto lenkt. Seine Miene ist ruhig, lässt nichts erkennen, was mich angreifen könnte. Dennoch ist mir diese Frage nicht geheuer.

»Wie kommst du darauf?« Er zuckt mit den Schultern.

»Ihr seid euch sehr ähnlich.«

»Ich habe keine roten Haare«, erwidere ich stumpf und fühle mich in dem kleinen Auto seltsam geborgen.

»Nein, aber ihr beide redet ungern darüber, wie es euch wirklich geht.«

Das war’s dann auch mit dem Gefühl der Entspannung.

»Was?« Meine Stimme ist zu hoch, als das kurze Wort aus meinem Mund kommt, mein Rücken zu steif.

»Sind wir ehrlich: Wenn ich dich jetzt frage, wie es dir geht, was wirst du antworten?«

Der Wagen stoppt und etwas kaltes legt sich langsam über meinen Rücken. Mein Herzschlag nimmt ein unregelmäßiges Tempo an und ich kann nichts dagegen tun, als er den Kopf dreht: Ich muss in seine Augen schauen, in der Tiefe versinken.

Er kennt die Antwort, kann sie in meinem Blick lesen und es gibt mir das Gefühl, nackt zu sein. Ich hasse es, dass er mich so durchschaut, und meinen Körper in Alarmbereitschaft versetzt.

»Hast du es immer so mit Ehrlichkeit?«, zwinge ich mich zu fragen, doch der belustigte Ausdruck, den ich gern auf meinen Lippen hätte, kommt nicht.

»Ich bin wesentlich öfter ehrlich, als du es mir zutraust, Jones«, seufzt Paxton plötzlich und zieht den Schlüssel aus dem Zündschloss. Einige Male blinzle ich verwirrt, bis ich begreife, dass wir bereits vor unserem Haus stehen. Er schnallt sich ab und ich tue es ihm gleich. Wir steigen aus und schlagen die Türen zu. Ich versuche, meine wabbeligen Knie und das Pochen in meiner Brust, unter Kontrolle zu bekommen, als er bereits vor mir steht.

»Schick mir gleich deinen Stundenplan«, sagt er und reicht mir die Schlüssel, die in meinem Griff sofort wieder anfangen zu Klirren.

»Warum soll ich dir meinen Stundenplan schicken?«, frage ich verdutzt und bemerke, dass er sehr nah vor mir steht. Normalerweise macht es mir zum jetzigen Zeitpunkt etwas aus, wenn mir wer zu nah kommt. Doch bei Ryan muss ich an diesen Moment denken, in dem er mich beruhigt hat. Exakt diese Erinnerung hält mich von dem Schritt ab.

»Weil du in deinem Zustand weder Auto noch Bus fahren kannst. Also werde ich dich mitnehmen.«, erklärt er, als wäre es völlig selbstverständlich.

»Nein, das…«

»Es gibt genau zwei Dinge, die passieren werden, wenn du so fährst«, unterbricht er mich diesmal ungehalten. »Entweder gehst du irgendwann drauf oder halb San Diego. Und ob du es glaubst oder nicht, aber beide Optionen sind in meinen Augen nicht sonderlich von Vorteil.«

Hat er mir gerade ein Kompliment gemacht? Ein sehr Verworrenes?

»Das geht schon«, versuche ich abzuwinken, obwohl ich zu gut weiß, was er meint.

»Bis du mir nicht sagst, was es mit diesen Panikattacken auf sich hat und was sie auslöst, werde ich dich zum Wohle aller fahren«, hält er dagegen und hält mich fest im Blick. Seine Lippen sind zusammengepresst und der Kiefer ist angespannt.

»Vergiss es«, meldet sich plötzlich der Trotz in mir zu Wort.

»Gut, dann werde ich eben ab morgen um Sieben vor deinem Haus warten und dich abfangen.« Ich habe bereits den Mund geöffnet, doch er entzieht sich unserer Diskussion, dreht sich einfach um und geht los.

»Das wagst du nicht!«

»Wenn du meinst.«

»Paxton!«

»Bis morgen früh!«, ignoriert er meine Worte und wird zu einem Schatten, der von den Straßenlaternen verschluckt wird.

Das ist doch ein Witz gewesen, oder?

 

 

Entschuldigt, dass es etwas länger gedauert hat, aber ich bin heute nach Dänemark gefahren und das WLan ist nicht besonders gut in dem Ferienhaus. Dafür gibt es gleich zwei Kapitel unter anderem auch, weil ich mich für die ganzen lieben Kommis in der Lesenacht bedanken wollte. Ich hoffe, es hat euch gefallen und wir lesen uns nächsten Sonntag!

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