26. Evelyn

Es gibt genau zwei Gründe aus denen Amy, Mum und Gran und ich vor dem Küchenfenster hängen.

  1. Mr. Jenkins bekommt einen Wutanfall.
  2. Einer von uns wird von einem Mann abgeholt oder nach Hause gebracht.

Ich habe es in den Jahren, die ich hier gewohnt habe, größtenteils vermieden, mich nach Hause bringen zu lassen und wenn darauf bestanden, dass ich an der Straßenecke herausgelassen werde, die außerhalb des Sichtbereichs liegt. Denn Privatsphäre gibt es in diesen vier Wänden mit den Mitbewohnern nicht.

Als ich an diesem Morgen noch etwas verschlafen die Küche betrete und mich an den Esstisch setzte, fällt mir die Abwesenheit der anderen gar nicht auf. Ich reibe mir die Augen, hoffe, dass die Wimperntusche nicht verwischt, und schaue verwirrt zu den leeren Plätzen. Ich kann ihre Stimmen hören und auch leises Gelächter, aber keiner sitzt vor mir.

Stirnrunzelnd drehe ich den Kopf und finde alle drei – wie die Hühner auf der Stange – vor dem Küchenfenster hockend. Ich gähne und schleppe mich zu dem Fenster, wo ich mich zwischen Amy und Gran schiebe und ihre Unterhaltung unterbreche.

»Was gibt es hier heute Morgen zu sehen? Hat Mr. Jenkins wieder den Postboten verjagt?«, will ich wissen und werfe einen Blick zu dem leeren Garten des Nachbarn. Doch bevor ich das Grundstück weiter absuchen kann, finden meine Augen einen Wagen, der mir ziemlich vertraut ist.

Vielleicht hat er nur den Wagen abgestellt?

Doch noch bevor ich diese Hoffnung in meinen Kopf bekomme, erkenne ich eine vertraute Silhouette im inneren des Wagens.

Es war kein dämlicher Witz.

»Er steht da schon, seit Viertel vor Sieben«, erklärt Gran und ich kann den neugierigen Blick auf mir spüren.

»Also schon seit fast einer Stunde.« Mum nippt an dem Kaffee, den sie in der Hand hält.

Warum bin ich heute nicht als Erste aufgestanden? Ich hätte wissen müssen, dass er keine Scherze macht. Allerdings habe ich nicht erwartet, dass er wirklich kommen würde, geschweige denn, dass er sogar noch früher auftaucht.

Was würde er wohltun, wenn ich einfach an ihm vorbeigehe?

Neben mir herfahren und hupen? Mich einfangen? Oder den Wagen stehen lassen und sich mir anschließen? Bestimmt eines der Dinge und ich könnte, meine Hand dafür ins Feuer legen, dass er die erste Variante wählen würde. Also habe ich keine andere Wahl, als dem Unglück ins Auge zu schauen und jedem Verdacht vorzubeugen.

Wortlos drehe ich mich um, stampfe durch den Flur, wobei ein paar unschöne Beschimpfungen über meine Lippen kommen. Ich bin kurz davor ihm den Kopf abzureißen, aber mir bleibt keine andere Wahl, wenn ich die nächsten Wochen nicht mit wirren Theorien genervt werden will.

Ich reiße die Haustür auf und kann sehen, dass Ryan die Bewegung wahrnimmt. Meine Hand schließt sich fest um den Türknauf, als ich zur Seite trete und ihm ohne Aufforderung die Tür aufhalte. Die frische Luft streift meine Wangen und erste Sonnenstrahlen blenden mich leicht, lenken mich jedoch nicht von der zufallenden Autotür ab oder dem Geräusch von Schritten, die immer näher kommen.

Vor der Schwelle bleibt er stehen und ich hasse ihn dafür.

Ich zwinge mich weiter starr auf die weiße gegenüberliegende Wand zu schauen und den großen Kerl zu ignorieren, der mit den Händen in der Hosentasche neben mir steht und wartet. Ich spüre seinen Blick und wie er jeden Zenitmeter meines Gesichts mustert.

Keiner von uns regt sich.

Von der Straße muss es ziemlich skurril aussehen und ich presse bei dem Gedanken die Lippen ein wenig mehr zusammen. Die ganze Situation wird auch nicht besser, als Gran, Amy und Mum einen Blick um die Ecke werfen, ehe sie wieder in der Küche verschwinden wo sie bestimmt erörtern was hier gerade passiert.

Mein Nacken verkrampft und die Kälte kriecht langsam meine Füße hoch, die nur in Socken stecken. Dass die Jeans an einigen Stellen Löcher hat, macht es nicht besser und ich überlege, ob ich nachher nicht zusätzlich einen dickeren Pullover anziehen soll. Der, den ich jetzt trage, ist bequem, aber hält nicht die Kälte ab, die ins Haus kommt und sich um mich legt.

Ich werfe einen kurzen Blick zu Paxton, der mich entspannt mustert, die Hände dabei in den Taschen seiner dunkelgrauen Jeans vergraben hat. Die schwarzen Sneaker wirken nicht besonders warm und auch der weiße Pullover kann nicht warm sein. Ganz davon abgesehen, dass er an dem Morgen gut und weitaus fitter aussieht, als ich, macht es mich kirre, dass er so entspannt bleibt.

»Komm schon rein«, brumme ich schließlich, als die Kälte immer schlimmer wird.

»Dir auch einen guten Morgen«, erwidert er, wobei seine Mundwinkel zucken, und tritt ein. Ich knalle die Tür hinter ihm zu und gehe, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, an ihm vorbei.

Warum kann er nicht einfach reinkommen? Muss er daraus so eine große Show machen?

Als ich mich an den Tisch setzte und nach einer Scheibe Toast greife, habe ich das Kinn trotzig erhoben. Hinter mir höre ich das Gemurmel, das schlagartig verstummt, als Ryan eintritt. Ohne hinzusehen, kann ich mir denken, dass er sein charmantes Lächeln aufgesetzt hat und Amy sich direkt an seine Beine hängen wird. Mir ist nämlich weiterhin bewusst, dass er durchaus attraktiv ist und daher ist er für Amy besonders interessant. Ein heißer Student. Das kommt ihr bestimmt wie eine Teenieromanze vor.

»Guten Morgen«, dröhnt seine Stimme sanft durch das Wohnzimmer, das nur von dem Geräusch der Kaffeemaschine beschallt wird.

»Guten Morgan«, kommt es von Mum als erste, ehe sie sich langsam auf den Stuhl neben mir gleiten lässt, während ich nach der Marmelade greife. Unsere Blicke treffen sich und ich kann die Fragen sehen, die ihr durch den Kopf schwirren. Nur kann ich ihr jetzt keine Antwort darauf geben.

»Amy«, begrüßt Ryan meine Schwester, die bis dato sehr still geblieben ist. Ich kann ihr Genuschel nicht verstehen, doch sie setzt sich mit rotem Kopf neben Mum.

»Morgen, Ryan. Was machst du denn in aller Frühe hier?«

Ja, Ryan, was machst du in aller Frühe hier?

Als Gran die Frage ausspricht, halte ich in der Bewegung inne, die Marmelade fällt vom Messer aufs Toast.

Was wird er jetzt sagen? Wird er verkünden, dass er die Welt vor einer verrückten beschützen will? Oder spielt er den Netten, der am Ende eine hohe Rechnung für seine Dienste ausstellt?

»Ich wollte Evelyn abholen, aber sie hat sich gestern geweigert mir zu sagen, wann ich hier sein soll.«

»Ach? Hat sie das?« Mums Augenbrauen wandern ein Stück nach oben und sie greift nach der Tasse, die vor ihr steht. Ihr anklagender Blick entgeht mir nicht, doch ich beiße in aller Ruhe von dem Toast ab und ignoriere das Schauspiel um mich herum so gut es geht.

Kann er nicht einfach lügen? Das würde eine Menge einfacher machen.

»Setzt dich. Möchtest du einen Kaffee, Ryan?«

Ich schieße einen bösen Blick auf Gran, die dem Typen ohne weitere Nachfragen einen Platz anbietet. Warum kommt den keiner auf den Gedanken, dass er mich belästigt? Immerhin tut er das gegen meinen Willen, aber das ist scheinbar nicht sonderlich wichtig.

»Ein Kaffee wäre wunderbar, Mrs. Jones.«

Schleimer.

Grans Mundwinkel zucken, als sie sich umdreht. Super. Er hat sich gerade, meine stärkste Verbündete in der Runde geschnappt. Wenn sie auf seiner Seite ist, habe ich keine Chance. Auf Amy brauche ich nicht zu setzten, aber vielleicht ist Mum die letzte Mauer, die sich schützend vor mich stellt.

Er zieht den Stuhl neben mir zurück und lässt sich geschmeidig darauf nieder. Amy läuft ein wenig mehr rot an, während die Skepsis in Mums Augen deutlicher wird. Ein erleichterter Seufzer überkommt mich und ich schenke ihr ein kurzes Lächeln, das sie gar nicht wahrnimmt, weil sie ihn im Auge behält. Von der Begeisterung, die sie an dem einen Abend hatte, ist nichts mehr zu erkennen. Vielleicht weil er aus dem nichts aufgetaucht ist und diesmal keine von uns dabei hat.

»Gibt es einen bestimmten Grund, aus dem Sie meine Tochter abholen wollen?«

Ich lasse den Toast sinken und kann nicht mehr wegschauen. Die Antwort auf die Frage hängt in der Luft, zum Greifen nah und doch weiß ich nicht, was er sagen wird.

Ich bin wesentlich öfter ehrlich, als du es mir zutraust, Jones.

Seine Worte von gestern klingen mir noch in den Ohren.

Ich halte den Atem an, als er sich plötzlich mir zuwendet. Fragend heben seine Augenbrauen sich und ich muss schwer schlucken, als ich begreife, was er da tut. Mums Augen wandern interessiert zwischen uns hin und her, verfolgen die stille Unterhaltung, die sie nicht hören kann.

Dabei ist es keine wirkliche Unterhaltung. Es ist nur eine einzige Frage.

Welche Antwort willst du ihnen geben?

Mein Mund öffnet sich ein Stück, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Nicht weil ich keine Antwort weiß, sondern weil er mich so überrascht. Das ist genauso seltsam wie die Sache mit der dämlichen Tür.

»Bitte, mein Lieber«, sagt Gran und reicht ihm den Kaffee. Wieder kommt das strahlende Lächeln zum Vorschein und ich könnte schwören, dass erneut ein Hauch von Rosa auf ihre Wangen tritt.

»Vielen Danke.« Seine raue Stimme jagt mir aus dem Nichts einen Schauer über den Rücken. Ich spüre ein seltsames Kribbeln in den Fingerspitzen und schaue hastig zu dem Toast, ehe ich wieder in den blauen Augen versinken kann.

»Mir ging es gestern nicht besonders gut.« Ich räuspere mich, spüre die Stimmung, die schlagartig umschwenkt. »Ryan hat es bemerkt und darauf bestanden mich zu fahren, bis es mir besser geht.«

»Das ist sehr nett von Ihnen.« Mums Stimme verliert an Misstrauen. Sie wirkt überrascht und der Anflug eines Lächelns ist zu erkennen. Ich beiße mir auf die Zunge und Ryan nippt an der Tasse, versucht die Belustigung zu verbergen, die ihm mein Ärger bereitet. Die Augen meiner Mutter finden mein verzogenes Gesicht und ich senke eilig den Kopf.

Wundervoll.

Er hat alle um den kleinen Finger gewickelt.

Dafür würde ich ihm am liebsten den Kopf abreißen.

»Auf welche High School gehst du, Amy?«

Meine Schwester zuckt zusammen, als er sie anspricht. Ihre Gesichtsfarbe nimmt einen ähnlichen Rotton an wie ihre Haare. Meine Augenbrauen wandern ein Stück nach oben, als Amy die Hände vom Tisch nimmt und einen kurzen Blick zu Ryan Paxton wirft.

»Auf die Clairemont High School«, sagt sie in einem leisen und schüchternen Ton, den ich nicht von ihr kenne.

»Wenn du willst, können wir dich absetzten.«

Amy reißt die Augen auf und ihr Blick trifft meinen. Ich bin genauso überrascht und schaue zu Ryan, der sich entspannt zurücklehnt und strahlend in die Runde schaut. Wie kann man morgens nur so fit und fröhlich sein? Und das, obwohl man fast eine Stunde in einem kalten Auto auf mich gewartet hat.

Seltsamerweise trifft mich die Erkenntnis aus dem Nichts.

Er hatte auf mich gewartet. Wegen mir gefroren und war extra früher aufgestanden. Zwar ist das alles ohne meine Zustimmung geschehen, doch wenn ich daran dachte, wie aufgewühlt er gestern ausgesehen hatte, schien es ihm wirklich wichtig zu sein.

Unbehagen überfällt mich. Der Toast in meinem Mund wird trocken und das Schlucken fällt mir schwer. Irgendwie würge ich alles herunter. Das Bedürfnis zu verschwinden, breitet sich in mir aus und ruckartig erhebe ich mich.

»Wir müssen los. Wenn du mit willst, hol deine Sachen«, bringe ich hervor, ohne jemandem ins Gesicht zu schauen. Augenpaare hängen an meinem Rücken, als ich den raum verlasse. Ich fühle mich schwummrig und beeile mich zur Treppe zu kommen. Meine Finger umfassen das Geländer, als ich mich auf die Stufe sinken lasse. Schritte kommen näher, automatisch weiche ich ein Stück zurück und lasse Amy nach oben, die bestimmt ihre Tasche holen will. Währenddessen konzentriere ich mich auf meine alten, vertrauten Boots, die in Reichweite stehen und ziehe sie heran. Ich schlüpfe in das vertraute Leder, als Ryan langsam ankommt. Lässig lehnt er sich gegen das Geländer, beobachtet wie ich meine Schuhe anziehe. Normalerweise würde ich Typen dafür einen blöden Spruch reindrücken. Doch momentan, fällt mir das mit der Schlagfertigkeit deutlich schwerer, also schweige ich.

»Hast du eigentlich noch andere Schuhe?« Seine Worte sind leise, lassen mich aufhorchen. Ich presse die Lippen zusammen und binde die Schnürsenkel zu, wage es nicht, aufzuschauen.

»Ja«, gebe ich kurz angebunden zurück. »Aber in denen fühle ich mich nicht so sicher.«

Die Worte sind raus, ehe ich mich selber aufhalten kann.

Ich schließe die Augen, hole tief Luft.

Super. Wie viel mehr wollte ich noch preisgeben?

Zu meiner Verwunderung sagt Ryan nichts. Dafür spüre ich den stechenden Blick auf mir, während ich aufstehe und nach meiner Jacke greife, die über dem Geländer hängt. Seine Hand liegt auf dem Stoff, den ich nehmen will. Er regt sich nicht, obwohl ich daran ziehe. Meine Brust zieht sich zusammen, als ich den Kopf hebe.

Er will, dass ich ihm ins Gesicht schaue.

Und als ich das tue, bemerke ich, wie nah er ist.

Ich kann jeden Farbsprenkel in seiner Iris erkennen. Die hellblauen Punkte, die mich an einen Sommerhimmel erinnern und die dunkelblauen, die mir wie eine sanfte Nacht erscheinen. Der Duft von frischem Gras umgibt mich, als ich Luft hole und seine Nähe bemerke. Zwischen unseren Gesichtern sind vielleicht noch zwanzig Zentimeter und jede Lachfalte, ist sichtbar. Ohne das ich es will, mustere ich sein Gesicht und versuche dem drängenden Blick auszuweichen, mit dem er mich festhält. Stattdessen begutachte ich die schmalen Lippen, die leicht geöffnet sind. Ich kann die weißen Zähne erkennen, die sich dahinter verbergen und die einzelnen Bartstoppeln, die sich langsam zeigen, als hätte er sich das letzte Mal vor ein paar Tagen rasiert.

Was er wohl bei mir sieht?

Angst? Panik? Oder nur die Augenringe und die blasse Haut? Kann er sehen, dass ich völlig verunsichert bin und meine Nerven blank liegen, obwohl ich auch gestern versucht habe es so gut es geht zu überspielen?

Ich presse die Lippen zusammen, kralle mich etwas fester an der Jacke fest.

Ich will den Kopf wegdrehen. Doch es geht nicht. Verdammt, warum geht das nicht?!

Er kneift die Augen ein Stück zusammen, als würde er ein Fundstück begutachten, dann weicht er ein Stück zurück. Seine Hand gleitet von dem Stoff und von oben höre ich vertrautes Fußgetrappel.

Es ist, als würde er mich freigeben.

In der Sekunde, in die er sich zurückzieht, kann ich Luft holen und wegsehen. Mein Herz schlägt vor Aufregung in meiner Brust, bereit, jederzeit herauszuspringen. Die Jacke gleitet vom Geländer, als Amy herunterkommt und ich wende Ryan den Rücken zu, als ich eine unangenehme Hitze in den Wangen bemerke.

Werde ich gerade rot?

»Bereit?«, tönt die raue Stimme von Ryan durch den Flur und wieder gleitet etwas über meine Wirbelsäule.

»Klar«, murmelt Amy, während ich schnell die Jacke überziehe und meine Tasche nehme, die an der Treppe lehnt. Hinter mir unterhalten die beiden sich, doch ich nehme nichts davon wahr. Das Blut rauscht auf eine seltsame Art und Weise durch meine Ohren und es kostet mich Kraft, mich nicht zu Ryan umzudrehen, als ich das Haus verlasse und zu seinem Wagen laufe.

Meine Gedanken hängen an seinen Augen, seinem Geruch und das verwirrt mich.

»Wann hast du denn Schulschluss, Amy?« Ryan läuft um das Auto herum und ich kann ihn durch die Fensterscheibe erkennen. Neben mir öffnet meine Schwester die Tür, als wäre es das Normalste der Welt und lässt sich auf den Rücksitz gleiten.

»Um Vier, aber Mum holt mich von der Schule ab.«

»Liegt es für sie auf dem Weg?«, fragt Ryan, als ich die Tür zuziehe und das Zittern der Hände wieder beginnt.

Von der einen auf die andere Sekunde.

Ich starre verwirrt auf meine Hand, die versucht den Anschnaller ruhig zu halten.

Es geht nicht.

Ein frustrierter Laut entkommt mir, der die Aufmerksamkeit von Ryan auf mich zieht, der gerade den Motor startet. Er sieht die Unruhe in meinem Blick, aber wenigstens ist er diesmal weit genug weg, dass er mich nicht in eine Starre verharren lässt. Eilig senke ich den Kopf, hoffe, dass Amy das nicht auch bemerkt.

Mum würde mich direkt wieder zum nächsten Psychologen schicken, der eine Menge Geld kostet und mir bisher nichts gebracht hat, außer dass ich zig Pillen habe, die ich schlucken kann, um mich auszuknocken.

»Nein, Mum hat heute frei, aber sie ist immer noch böse wegen… Naja, du warst ja dabei«, ein peinliches Hüsteln entweicht Amy, als Ryan sich umdreht um nach Hinten zu schauen. Mit einem charmanten Lächeln auf den Lippen, drückt er sich weiter als nötig zu mir rüber. Kurz bin ich verwirrt, dann sehe ich wie seine Finger meine umschließen und er mich anschnallt. Ich ziehe die Hände nicht weg, bekomme auch nicht mit, was er zu meiner kleinen Schwester gesagt hat.

»Dann wollen wir mal.« Ein kurzer Seitenblick von ihm. Der bringt mich dazu, mich hastig normal hinzusetzten.

Warum hilft er mir nur dauernd?

Fragen brennen mir auf der Zunge, doch sie werden zunichtegemacht, als sich eine Tatsache in meinen Kopf brennt: Ich bin auf dem Weg zur Universität. Gleich werde ich in Vorlesungen mit hundert Anderen sitzen, der Öffentlichkeit ausgeliefert.

Er könnte überall lauern. Bereit sich auf mich zu stürzen.

Halt. Falscher Gedanke.

Ich hole langsam Luft, schließe die Augen.

Er wird mir nichts tun. Zumindest nicht sofort. Letztes Mal hat es lange gedauert, bis etwas passiert ist. Diesmal hat es wieder mit einer einfachen Nachricht angefangen. Ich weiß, dass ich mich darauf einstellen muss, dass er herausfindet, wo ich wohne oder es vielleicht schon weiß so wie letztes Mal.

Doch diesmal weiß ich was passiert und was ich tun muss.

Ich werde mich nicht verkriechen, das wird ihn noch mehr anstacheln. Ich werde seine Sachen demonstrativ in den Müll schmeißen und hoffen, dass er es sieht. Ich werde die Polizei informieren, falls Mum es nicht schon längst getan hat und ihnen erzählen, was an dem Abend passiert ist. Vielleicht erinnere ich mich an etwas, wenn ich noch mal in die Bar gehe und den Abend – auch wenn mir bei dem Gedanken eiskalt wird – Revue passieren lasse.

Vielleicht bin ich diesmal schneller.

Ich muss schneller sein.

Irgendwie muss ich es hinbekommen. Es darf sich nicht wiederholen. Das in Mississippi war zu heftig, als das ich es ein weiteres Mal ertragen würde.

»Bis dann, Amy«, reißt Ryan mich aus den Gedanken und ich zucke zusammen. Ich will ebenfalls etwas sagen, doch da ist Amy schon aus dem Auto gestiegen und verschwindet in der Schülermasse, die sich langsam zu dem Haupteingang der High School schiebt.

»Willst du hierbleiben oder wieder in deinen Gedanken versinken, Jones?«

Ich blinzle verwirrt, lasse von Amy ab, deren roter Zopf auf und ab hüpft. Ryan sieht mich nicht an, er setzt den Blinker, lässt mir Gelegenheit, mich zu sammeln.

»Mir wäre es ganz lieb hierzubleiben«, gebe ich leise zu, wende mich der Straße zu und starre auf das Nummernschild des Autos vor uns.

»Gut, dann erklär mir mal, wie es funktioniert, dass du mit drei Generationen unter einem Dach wohnst. Mich macht alleine der Gedanke verrückt.«

»Gran macht hervorragenden Hackbraten und super Pancakes. Das macht einiges wieder wett«, erkläre ich und die Schnur, die sich bis eben um meine Mitte gezogen hat, löst sich langsam.

»Du stehst auf Hackbraten?« Sein kehliges Lachen dringt durch das Innere des Fahrzeugs und ich kann besser Atmen.

»Für ihren würde ich alles tun. Allerdings weiß Gran das auch. In der Nacht in der Amy so abgestürzt ist, habe ich sie als alt bezeichnet, damit sie sich da raushält. Seitdem kriege ich keinen mehr.«

»Ziemlich eitel, deine Großmutter«, stellt er grinsend fest.

»Und stolz.«

»Dann hast du ziemlich viel von Ihr mitbekommen.«

»Nicht nur ich. Mum und Amy sind genauso. Amy ist vielleicht noch etwas extrovertierter und Mum hat gerade ihre Midlife Crisis, aber eigentlich sind wir uns, was das angeht, sehr ähnlich.«

»Ist das nicht schwer?«

Ich weiß nicht warum, doch plötzlich muss ich an dem Abend denken, an dem Gran und Mum auf der Treppe saßen und mich gelöchert haben wegen Ryan. Meine Mundwinkel wandern unerwarteterweise nach oben.

»Nein, es ist manchmal anstrengend, aber das ist es doch überall.«

»Seltsam. Die Meisten, die ich kenne, wollen so schnell es geht von der Familie weg und du bist glücklich darüber, dass du mit ihnen wieder zusammen bist.«

»Naja, ich hatte ja auch keine besonders große Wahl.« Wieder rutschen mir Worte heraus, die ich besser für mich behalten hätte. Ich beiße mir auf die Lippe, starre wütend auf mich selber nach vorne.

Warum habe ich nur so ein lockeres Mundwerk in seiner Nähe?!

»Miles dreht übrigens völlig am Rad.«

Verwirrung überfällt mich und meine Stirn legt sich in Falten.

Was war das denn für ein Themenwechsel.

»Und langsam macht diese Sache mit Zoe mich wahnsinnig. Ernsthaft, der ist zu nichts mehr zu gebrauchen. Dauernd ist er schlecht gelaunt und ich glaube, er würde jeden Kerl gerne umbringen, der auch nur mit ihr redet.«

»Zoe war auch nicht besonders begeistert von dem Bild, das er gepostet hat«, erwidere ich ruhig und entspanne mich etwas.

»Das hat der Idiot auch nur gemacht, um sie auf die Palme zu treiben.«

»Habe ich mir bereits gedacht.«

»Ich nehme an, dass es deine Idee war in die Bar zu kommen und sie auf den armen Kerl loszulassen?«

»Armer Kerl?«, will ich leise lachend wissen. »Er saß da mit mehreren Frauen auf dem Schoß.«

»Das hatte sich in dem Moment erledigt, als du die gute Zoe reingeschickt hast.«

»Dann hat es wenigstens funktioniert.«

»Das war hinterhältig«, kommt es im anklagenden Ton von Ryan, als er in eine Parklücke fährt.

»Damit kennst du dich doch bestens aus.«

»Und wie es aussieht, habe ich schon längst Konkurrent bekommen.« Es ist das erste Mal, das er mich wieder ansieht. Schalk blitzt in seinen Augen auf, die Lippen sind zu einem schelmischen Lächeln verzogen. Vor mir steht der Ryan Paxton von unserem ersten Treffen – selbstbewusst und immer einen dummen Spruch auf lager.

Der Gedanke beruhigt mich.

Dass er sich so verhält, bedeutet nämlich, dass er mich nicht wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe behandeln wird. Nein, er tritt mir genau so gegenüber wie vorher.

»Und bevor ich jetzt was von dir um die Ohren bekomme: Was hältst du von einem Tee zur Beruhigung, bevor du zu deiner Vorlesung gehst?« Seine Augen huschen für einen Moment zu meinen Fingern, die wesentlich weniger am Beben sind, aber es ist dennoch zu sehen.

Keine Ahnung, warum ich die Hände nicht sofort vergrabe, damit er sie nicht sieht. Ich zucke mit den Schultern, schaue selber zu meinen Fingern, obwohl ich es meistens vermeide.

»Wäre wahrscheinlich gut. Vorausgesetzt das schwappt nicht über.«

»Wird es schon nicht. Wir machen einen Deckel drauf und dann klappt das schon.«

Ein letztes aufmunterndes Lächeln, dann steigt Ryan aus.

Ich versuch,e den Gedanken an die Menschenmasse beiseitezuschieben, als ich aussteige, doch ich kann nichts gegen die Nervosität tun, die sich um meinen Hals schlingt. Angst kriecht dennoch meinen Rücken herauf und eine unangenehme Übelkeit breitet sich in meinem Magen aus.

»Alles klar, Jones?«, fragt Ryan, als ich die Tür zuschlage und zu ihm komme. Natürlich bemerkt er, dass meine Stimmung sich geändert hat.

»Geht schon«, gebe ich kurz angebunden zurück und schweigend laufen wir über den verlassenen Parkplatz.

Ich versinke wieder, während wir die Straße entlanggehen. Die Laternen um uns herum erlöschen langsam und mit ihnen scheint meine Zuversicht zu verschwinden. Ich vergrabe die Hände in den Taschen, und versuche das Zittern nicht zu beachten, das sich plötzlich wieder so ausbreitet. Autos jagen an uns vorbei, tragen kalten Wind mit sich und lassen meine Haare herumwirbeln. Wahrscheinlich sollte ich mich darüber ärgern, dass mein Haar wieder Knoten bildet, doch ich trottet wortlos weiter neben Paxton her bis wir in das Café kommen, das mich mit dem vertrauten Duft von Kaffeebohnen umgibt.

Rasch finde ich meine Konzentration wieder, lasse den Blick über jeden einzelnen Gast wandern, der hier ist. Zwar sind es nur wenige, doch ich kann nichts gegen das Misstrauen tun, das sich in meinen Kopf geschlichen hat.

»Morgen, Jax. Ein Kaffee und einen grünen Tee zum Mitnehmen.«

Die Worte von Ryan lassen mich zu dem Mann hinter der Theke schauen.

Seine Augenbrauen sind ein Stück hochgezogen, als er uns beide mustert.

»Ich wäre nicht mit ihr hier, wenn es nicht um Football ginge«, sagt Ryan plötzlich und es dauert, bis ich begreife, das das Bild für Jax gerade ganz anders ausgesehen haben muss.

»Und der Tee ist für…?«

»Mich«, kommt Paxton mir erneut zuvor. Langsam schließe ich den Mund, versuche mir die Überraschung über die Situation, nicht anmerken zu lassen. »Ich hab mir wohl den Magen verstimmt.« Jax nickt langsam, wobei seine blonden Locken leicht mitwippen.

Obwohl ich mich nicht besonders gut fühle, bringe ich ein schiefes Lächeln zustande, das an Schüchternheit jedoch kaum übertroffen werden kann. Zu meiner Erleichterung erwidert er es für einen Moment, dann wendet er sich ab. Ich will etwas sagen, doch ich bringe es nicht über mich. Stattdessen stehe ich dumm da, beobachte wie er unsere Getränke zubereite und versuche irgendeinen Satz zu bilden, der vernünftig klingt. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass ich – selbst wenn ich etwas hätte, das ich sagen könnte – nur stottern würde.

»Bitteschön.« Jax stellt zwei Becher vor uns ab und Ryan legt ohne ein Wort das Geld hin. Er nimmt die beiden Getränke und ich versuche ein letztes Mal die Aufmerksamkeit von Jax zu bekommen, doch er wendet mir eilig den Rücken zu, als würde er mich nicht anschauen wollen.

Super.

Ein Kerl, den ich mag und ich schaffe es, ihn sofort zu vergraulen.

Ich versuche den Seufzer weitestgehend zu Unterrücken, als ich Ryan nach draußen folge. Dennoch hat sich Ärger in meinen Magen gegraben, vertreibt das Gefühl der Angst.

»Hier.« Ryan reicht mir im Gehen den Tee und nippt an seinem Becher, aus dem Dampf steigt.

»Danke«, brumme ich und versuche das Gefühlschaos, das sich seit heute Morgen in mir abspielt auf die Reihe zu bekommen. Allerdings scheinen mein Körper und mein Kopf sich nicht für eine Variante entscheiden zu können. Heute Abend werde ich daher also tot ins Bett fallen.

»Keine Angst, er mag dich noch«, reißt Ryan mich aus den Gedanken, während wir über den Campus laufen, der sich langsam mit Studenten füllt.

»Sah nicht danach aus«, gestehe ich und versuche den Becher in meiner Hand, ruhig zu halten.

»Dann frage ich mich, warum er auf deinen Kaffeebecher seine Nummer geschrieben hat?«

Weiter zu Kapitel 27. Ryan

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