27. Ryan

»Was?!«, kommt es verwirrt von Evelyn, die stehen bleibt und mich mit Falten auf der Stirn ansieht, als würde ich ihr einen dummen Witz erzählen.

»Falls du eine andere Erklärung für eine Zahlenfolge mit einem Smiley hast, bin ich bereit sie mir anzuhören.« Langsam drehe ich den Becher, sodass sie das Gekritzel sehen kann. Überrsaschung huscht über ihr Gesicht, dann wandern ihre Mundwinkel ein Stück nach oben.

»Er hat mir seine Nummer gegeben«, stellt sie fest.

»Ja, aber meiner Meinung nach auf eine ziemlich feige Art und Weise.«

»Ich finde es charmant«, kontert sie und will nach dem Kaffeebecher greifen, den ich aus ihrer Reichweite ziehe.

»Vergiss es, Jones. Da ist noch mein Kaffee drin«, erinnere ich sie und bemerke, dass ihre Hände nicht mehr so zittern wie bisher. Sie sind beinah ruhig.

Liegt es daran, dass sie an etwas anderes denkt?

»Du willst mir nur nicht die Nummer geben.«

»Warum sollte ich sie dir nicht geben wollen?« Ich nehme einen Schluck von dem heißen Kaffe, wobei ich mir fast die Zunge verbrenne.

»Um mich zu ärgern oder zu nerven?«, schlägt sie vor und wirft mir einen anklagenden Blick zu.

»Netter Gedanke, aber diesmal geht es mir wirklich um den Kaffee.«

»Also bekomme ich den Becher?«

»Ja, direkt nach…«, setzte ich an, doch ein Gedanke lässt mich anhalten. Langsam blinzle ich.

Ich habe die ganze Zeit nach einer Möglichkeit gesucht Evelyn wieder nach Hause fahren zu können. Zwar hatte ich einige Gedanken, die sie dazu hätten bewegen können, aber vielleicht hat Jax mir gerade etwas geliefert, was viel effektiver ist.

»Direkt nach…?«, hakt Evelyn nach und zieht die Augenbrauen nach oben. Ich kann nichts dagegen tun, dass sich ein Grinsen auf mein Gesicht schleicht. »Das sieht nicht gut für mich aus«, kommentiert sie meine Reaktion.

»Du bekommst die Nummer. Stück für Stück.«

»Stück für Stück?«, wiederholt Evelyn.

»Ja, jedes Mal, wenn ich dich wieder nach Hause bringe, bekommst du eine Ziffer.«

Sie blinzelt.

Zu gern würde ich ihr sagen, dass sie mich richtig verstanden hat.

»Paxton, das ist nicht lustig.« Sie sieht wütend aus und ich bin eine Sekunde in Versuchung die Idee zurückzunehmen. Doch da sehe ich, dass sie nicht zittert. Ihre Augen funkeln vor Zorn und ich kann spüren, dass sie mir gerne den Hals umdrehen würde.

Verdammt. Vor mir steht Evelyn Jones. Die Version, die halbnackt aus dem Haus spaziert ist.

Endlich.

»Ich würde mich niemals über dich lustig machen, Jones«, gebe ich grinsend zurück und setzte mich in Bewegung, sodass sie schnell gehen muss, um Schritt zu halten.

»Natürlich nicht«, schnaubt sie.

»Du bekommst jeden Tag eine Ziffer unter der Voraussetzung, dass ich dich abholen und zurück nach Hause fahre.«

»Eben hieß es nur, dass du mich nach Hause fährst!«, protestiert sie leise, als ein paar verschlafene Studenten an uns vorbeitrotten.

»Tja, ich habe meine Meinung gerade geändert.«

»Du bist ein Arschloch.«

»Deine Beleidigungen reißen mir das Herz heraus.« Mit der freien Hand fahre ich mir an die Brust und verziehe das Gesicht, als würde ich Todesqualen erleiden. Dabei ist das hier gerade eine der schönsten Unterhaltungen seit langem und ich habe mich noch nie so sehr über Beschimpfungen gefreut.

»Ich kann auch einfach selber zu Jax gehen und ihn nach der Nummer fragen.« Sie hat nicht wirklich über ihre Worte nachgedacht, doch ich kann nur den Hut vor ihr ziehen, als ich sehe wie schnell sie das überspielt. Doch ich spiele diese Dinge genauso gut. Macht es mir vielleicht deswegen so viel Spaß?

»Gut«, sage ich lässig und nippe an dem Kaffee, wobei ich darauf bedacht bin die Nummer mit der Hand zu verdecken. Ich traue es ihr nämlich durchaus zu, dass sie sich die Zahlen merkt oder mir den Becher einfach entreißt. Zumindest wenn sie die Evelyn Jones in den Boots ist. »Du weißt ja, wo du ihn findest.«

Ich bleibe stehen, wende mich interessiertem Ausdruck zu Evelyn. Sie beißt sich auf die Lippe und es kostet mich Kraft, nicht genauer hinzusehen. Der Moment in dem Flur hat mich schon einigermaßen außer Gefecht gesetzt. Sowas kann ich jetzt nicht nochmal gebrauchen. Zumal sie ja an dem guten Jax interessiert ist, dessen Nummer ich in den Händen halte.

Doch Evelyn bleibt stehen, ihre Lippen pressen sich zusammen und sie wirft einen nervösen Blick zu dem Café, das ein Stück hinter uns liegt.

»Und was soll ich ihm deiner Meinung nach sagen, warum ich ihm erst eine Woche später schreibe?!«, faucht sie plötzlich und in meinem Magen kocht Triumph auf. Ich habe Evelyn Jones in der Hand.

»Zum einen mögen Männer es, wenn man sie zappeln lässt, aber du kannst natürlich auch behaupten, dass du einfach Angst hattest ihm zu schreiben. Das mit der Schüchternheit hast du ihm eben immerhin sehr deutlich gezeigt.«

Ihre Hände sind still.

Dafür bebt Evelyn vor Zorn.

Und ich habe selten etwas Schöneres zu so einer frühen Morgenstunde gesehen.

Ihre Iris funkelt und die braunen Locken wehen im Wind. Sie malmt mit dem Kiefer, als würde sie eine Verschwörungsformel murmeln, doch ich bin mir sehr sicher, dass sie sich eine passende Rede zusammenlegt, die mich in die Schranken weisen soll. Bei anderen mache ich mir nie Gedanken, aber bei ihr bin ich sehr sicher, dass sie das hinbekommen könnte.

Was sie machen würde, wenn ich sie einfach küssen würde? Mitten in ihrer Standpauke?

Der Gedanke kommt unvorbereitet, überfällt mich und lässt meine Fingerspitzen seltsam kribbeln. Es bringt mich aus dem Konzept und ich kann nichts dagegen tun, das meine Maske eine Sekunde fällt.

Sie bemerkt meine Verwirrung, doch zum Glück nicht die tausend Ameisen, die meinen Nacken heraufkrabbeln. Evelyn holt Luft, will meinen schwachen Moment nutzen, in dem ich zu ihren Lippen schaue, die sanft geschwungen sind.

»Mrs. Jones, Mr. Paxton, auf ein Wort!«, wird der zweite seltsame Moment heute Morgen unterbrochen. Im Gegensatz zum ersten, bin ich diesmal sehr dankbar. Ich nutze die Gelegenheit, wende rasch den Kopf zu Mr. Thompson, der in einem schnellen Schritt auf uns zukommt.

Gut, das ist jemand, mit dem ich umgehen kann. Auch wenn ich immer noch sauer bin, dass er sich von meinem Dad so verarschen lässt.

»Guten Morgen, Mr. Thompson!«, erwidere ich gut gelaunt, ignoriere die Evelyn, die leicht empört nach Luft schnappt, als könnte sie nicht fassen, dass ich ihr die Möglichkeit nehme, mich zur Schnecke zu machen.

»Ich hoffe für sie, dass ihre Unterhaltung nicht das ist, wonach es aussah?!« Seine stechenden Augen wandern zwischen uns hin und her, als er vor uns stehen bleibt. Obwohl er hochschaut, habe ich vor dem kleinen Mann Respekt. Auch, wenn ich ihm gegenüber immer ein paar doofe Sprüche auf den Lippen habe.

Vielleicht weil er mich manchmal an meinen Vater erinnert und ich ihm gegenüber genauso bin.

»Wonach sah es denn aus?«, will ich lächelnd wissen und hoffe nicht, dass man mir meinen komischen Gedanken angesehen hat.

»Nach einem Streit«, gibt er ruhig zurück.

»Es war eine Diskussion über Kaffee und Tee«, kommt Evelyn mir plötzlich zuvor. Die Brauen des Präsidenten ziehen sich ein Stück zusammen, dann verengen seine Augen sich.

»Sie waren gestern nicht beim Training.« Es ist eine Feststellung. Er weiß es. Das heißt, dass die Coaches nicht gelogen haben, als sie sagten, dass sie die Anwesenheitslisten an den Präsidenten geben.

»Ich war krank.«

»Krank. Sie sehen mir nicht krank aus.«

»Sie lügt nicht. Ich habe, sie bei dem Super bowl nach Hause gefahren, weil es ihr so schlecht ging und heute Morgen drauf bestanden, dass ich sie fahre, weil ich der Meinung bin, das sie noch im Bett bleiben sollte.« Bei den letzten Worten werfe ich Evelyn einen scharfen Blick zu. Kurz zögert sie, dann sehe ich, wie ihr Kopf schaltet. Sie verdreht genervt die Augen.

»Und ich habe dir gesagt, dass ich mich besser fühle.« Ein leicht anklagender Unterton schwingt in ihrer Stimme mit, als sie meinen Blick erwidert.

»Sie haben Sie abgeholt?«, richtet Mr. Thompson das Wort an mich. Er versucht nicht mal, die Verwunderung in seiner Stimme, zu verbergen. Als wäre es so ein Spektakel, dass ich freundlich zu einer Dame bin.

»Ja, habe ich«, bestätige ich langsam und schlucke die leichte Verärgerung über die Reaktion herunter. »Und ja, ich kann auch freundlich sein«, füge ich etwas trotziger hinzu und nehme einen großen Schluck von dem Kaffee.

»Kann er das?« Mr. Thompson schaut zu Evelyn, die mit den Schultern zuckt.

»Hin und wieder schon.«

»Hin und wieder?!«

»Ist ja auch egal«, wird mein Protest unterbrochen. »Ich möchte, dass Sie das Attest bei mir im Büro abgeben. Ansonsten muss ich mir eine Strafarbeit oder einer eine Suspendierung überlegen.«

»Natürlich. Das mache ich direkt nach der Vorlesung.«

Mr. Thompson nickt, dann werden wir noch ein Mal skeptisch gemustert, ehe er sich abwendet. Ich nehme einen weiteren Schluck aus dem Becher, während ich dem Mann nachsehe, der in schnellen Schritten über den Campus rennt und dem der ein oder andere Student ehrfürchtig ausweicht.

»Ich gehe jetzt«, informiert Evelyn mich und geht los.

»Hey, Jones. Was meintest du mit Hin und Wider?«, rufe ich ihr interessiert nach. Zu meiner Überraschung dreht sie sich kurz um und schenkt mir ein leichtes Lächeln.

»Alleine bist du erträglich, aber nicht, wenn deine Jungs dabei sind.«

Vielen Dank auch.

»Was meint sie denn damit?«, vernehme ich plötzlich Dean. Ich ignoriere die Tatsache, dass er aus dem Nichts kommt und vielleicht zu viel mitbekommen haben könnte. Wenn ich drauf eingehe, könnte es viel schlimmer werden.

»Keine Ahnung«, sage ich schulterzuckend und wende mich zu ihm. Der Geruch von Gras steigt mir in die Nase und ich kann nicht verhindern, dass ich das Gesicht verziehe. »Dein ernst, Dean? Vor den Vorlesungen?«

»Entspann dich«, sagt er mit geröteten Augen und selig lächelnd, als wir uns zur Vorlesung auf machen.

 

 

Der Tag zieht sich in die Länge. Die Vorlesungen fühlen sich an wie Kaugummi. Jeder Dozent scheint heute ein extra langweiliges Thema ausgewählt zu haben und das draußen die Sonne scheint, macht es nicht besser. Leider wächst dadurch der Wunsch, den Saal zu verlassen und mich nach draußen auf das Spielfeld zu stellen. Zwar ist es noch kalt, doch der strahlend blaue Himmel, stellt die Tatsache in den Schatten.

Ich schaue zu der Tafel, an die der schlaksige Dozent etwas kritzelt, während er mit sich selber spricht. Unruhe ist zwischen den Studenten ausgebrochen und neben mir hat Dean – mit dem ich dieses Semester eine Menge Kurse habe – den Kopf auf den Tisch gelegt und schläft seinen Rausch aus.

Ich runzel die Stirn und betrachte ihn einen Augenblick, ehe ich mich abwende.

So langsam fange ich mir an, mich um ihn zu sorgen. Zwar war Dean schon immer gerne mit seltsamen Substanzen unterwegs, doch in letzter Zeit hat es stetig zugenommen. Vielleicht sollte ich ihm demnächst mal die Leviten lesen. So wird er nämlich nicht mit aufs Spielfeld kommen.

Ob Evelyn auch mal solche Probleme hatte?

Ich denke nicht nach, als ich das Handy zücke und auf ihren Namen starre.

Würde ich von ihr eine ehrliche Antwort erhalten, wenn ich sie fragen würde? Bestimmt nicht. Außerdem hatte ich mir vorgenommen, dass ich ihr die Wahl lasse. Wenn sie bereit ist mir etwas zu sagen, dann wird sie das tun. Falls das überhaupt mal passieren würde.

 

Ryan: Wann hast du Schluss?

 

Meine Finger sausen über das Display und ich drücke auf Senden, ehe ich es mir anders überlegen kann. Zwar hatte ich gehofft, dass sie mir noch schreiben würde, doch bisher hatte ich nichts von ihr gehört. Was wenn sie bereits bei Jax war und sich einfach seine Nummer geholt hat? Wenn sich unsere Abmachung einfach erledigt hat? Dann könnte ich nicht mehr so einfach auf sie aufpassen, wie ich es ihrer Großmutter versprochen habe.

Ein kalter Stein landet bei dem Gedanken in meinem Magen. Doch er wird sofort vertrieben, als eine Sekunde später das Handy in meiner Hand vibriert.

 

Evelyn: In einer halben Stunde.

 

Sie ist kurz angebunden, wie so ziemlich immer.

 

Ryan: Ich habe in zehn Minuten Schluss. Wo hast du deine Vorlesung?

 

Evelyn: Du wirst mich nicht abholen. Wir treffen uns am Auto.

 

Ärger durchfährt mich.

 

Ryan: Soll ich im Büro nachfragen oder Zoe schreiben?

 

Evelyn: Ich bringe dich um, Paxton.

 

Meine Mundwinkel zucken. Ich kann es gut leiden, wenn sie so drauf ist. Allerdings sollte ich es mir jetzt nicht mit ihr verscherzen. Immerhin sitze ich gleich mit ihr im Auto und eine geladene Evelyn Jones, könnte wirklich meinen Tod bedeuten. Also stecke ich das Handy weg und versuche die letzten Minuten aufzupassen.

Natürlich gelingt es mir nicht. Stattdessen nutze ich den Kugelschreiber und die letzten Minuten, um Dean, der komplett weggetreten ist, in einen Piraten zu verwandeln. Mit Namen, Augenklappe und vielen anderen Schönheitsidealen. Ich muss die Lippen zusammenpressen, um nicht zu lachen, und als die Vorlesung schließlich beendet wird, packe ich meine Sachen zusammen, ehe ich Dean wecke.

Es kostet mich einige Mühe ein neutrales Gesicht aufzusetzen und seine Fragen, als Leute lachend auf ihn zeigen, schulterzuckend zu beantworten. Wie lange es wohl dauert, bis er begreift, dass ich ihn angemalt habe?

Zum Glück hat Dean keine weiteren Fragen über Evelyn gestellt, was wahrscheinlich auch daran lag, dass er so high war. Seinen Rausch hat er in der letzten Vorlesung halbwegs ausgeschlafen und er wirkt wieder einigermaßen fit, als wir uns verabschieden. Ich bin ein wenig erleichtert, als er zu einem anderen Parkplatz abbiegt, während ich zu meinem Auto trotte. Allein der Gedanke daran es Dean und schließlich dem Rest irgendwie erklären zu müssen, bereitet mir etwas Magenschmerzen. Zwar habe ich die ein oder andere Ausrede, aber jemand wie Miles wird seine Zweifel haben. Und ich bin nicht bereit einen von ihnen zu erzählen, dass Evelyn Panikattacken hat und ihre Großmutter mich gebeten hat, auf sie aufzupassen.

Als ich die Wagentür zuschlage, lasse ich den Kopf entspannt gegen die Lehne sinken und massiere mir den Nacken, während ich die Heizung etwas runtergehe. Die Sonne hat den Wagen ziemlich aufgeheizt und ich schließe kurz die Augen. Die Luft hier drin macht mich schläfrig und lässt mich zu den hübschen braunen Augen gleiten. Ich kann ihre Lippen vor meinem Auge sehen.

Warum gefällt mir bloß der Gedanke so gut, über sie herzufallen? Ich sollte nicht so denken. Egal wie attraktiv sie auch sein mag. Sie ist und bleibt Tabu für mich.

Plötzlich geht die Autotür auf.

»Da bist du ja…«, setzte ich an und öffne die Augen. Doch ich finde nicht das, was ich erwartet habe. Anstatt brauner Augen, starren mich Blaue an und auch das lockige Haar ist nicht zu finden.

Neben mir sitzt Katie.

»Was denn? Hast du schon so verzweifelt auf mich gewartet?« Ich öffne den Mund, schließe ich gleich wieder.

Verdammt, was macht sie hier?!

»Nein, ich…« Weiter komme ich nicht, da beugt sie sich bereits über die Mittelkonsole und zieht mich an der Jacke zu sich herüber. Unsere Lippen prallen aufeinander und normalerweise würde mir die Szene blendend gefallen. Doch es gibt zwei Dinge, die dagegen sprechen. Zum einen gibt es eine Abmachung, die ich nicht brechen werde und zum anderen, kann Evelyn jeden Moment kommen.

Meine Hände wandern zu Katies Fingern, die ich langsam umfasse, während sie versucht, ihre Zunge in meinen Mund zu schieben. Es ist ein unangenehmes Gefühl und ich kann mich viel leichter losreißen, als gedacht.

»Nein, Katie«, unterbreche ich ihren Überfall und ziehe ihre Hände von meinem Kragen. »Ich habe dir gesagt, dass die Sache zwischen uns auf Eis gelegt ist.«

»Und wir wissen beide, dass es ein großer Fehler von dir war.« Ich unterdrücke ein Stöhnen, das sie definitiv falsch deuten könnte, als sie mit der Zunge über ihre Lippen fährt. Früher hätte es mich ziemlich heiß gemacht. Nur leider kommen mir bei dem Anblick Evelyns Lippen in den Sinn, die wesentlich einladender sind.

»Das war kein Fehler und jetzt sieh zu, dass du verschwindest.«

»Ich warte nicht ewig, Ryan«, zischt sie und ich kann die Wut in ihren Augen sehen, die nicht so hübsch funkeln wie die von Evelyn.

Shit. Diese Vergleiche müssen dringend aufhören.

Ich lehne mich zurück, fahre mir unruhig mit der Hand durchs Haar und bringe Abstand zwischen ihr und mir.

»Aber du wirst warten, bis ich dich anrufe«, gebe ich kühler als nötig zurück. Der Blick, den ich ihr zuwerfe, ist schärfer, als beabsichtigt und kurz bin ich am überlegen, ob ich mich nicht entschuldigen soll. Doch dann fällt mir ein, dass sie das hier gegen meinen Willen veranstaltet.

Ihre kalten Augen ruhen einen langen Augenblick auf mir und sie streicht sich eine schwarze Haarsträhne aus dem Gesicht, wobei mir ihre knallroten, manikürten Nägel auffallen. Sie gibt ein lautes Schnauben von sich, dann reißt sie die Tür heftiger als nötig auf und schlägt sie mit aller Kraft zu.

Ich hoffe, die Tür fällt nicht ab, wenn Evelyn gleich einsteigen will.

Von weitem sehe ich, wie Katie an einer Gebäudeecke verschwindet und ich seufze erleichtert. Warum muss diese Sache mit den Frauen immer so schwer sein? Können die nicht einfach akzeptieren, wenn ich eine Grenze ziehe? Und einem einfach sagen, wenn man Mist baut? Müssen die immer solche Shows abziehen?

»Das war aber sehr schnell zu Ende.«

Ich zucke zusammen, als die vertraute Stimme neben mir ertönt. Verwundert blinzle ich, stelle fest, dass Evelyn dort sitzt, wo eben Katie gesessen hat.

»Was soll das denn heißen?«, will ich wissen und überspiele meine Überraschung.

»Naja. Entweder warst du sehr schnell am Ende oder du hast ihr etwas gesagt, was sie nicht zufrieden gestellt hat.« Ein Seufzer entweicht Evelyn, als sie den Kopf an die Kopfstütze lehnt und die Augen schließt.

»Jones, ich bin, was diese eine Sache angeht, nie schnell.«

»Das behauptet doch jeder von sich«, murmelt sie ohne die Augen zu öffnen. Ich bin dabei zu einer Antwort anzusetzen, als mir auffällt, wie erledigt sie aussieht. Sie ist noch blasser als heute Morgen und die Ringe treten deutliche hervor. Wenigstens sind ihre Lippen zu einem kleinen Lächeln verzogen, als würde sie sich über etwas köstlich amüsieren. Ich brauche nicht zu fragen, um zu wissen, dass ich der Grund dafür bin. Seltsamerweise macht es mir absolut nichts aus.

»Anstrengender Tag?«, frage ich sie, anstatt eine Diskussion anzufangen, und krame aus dem Seitenfach meines Wagens zwei Schokoriegel, die ich dort bunkere und regelmäßig auffülle. Für Tage wie diese oder nach einem beschissenen Training sind die Dinger nämlich wirklich gut.

»Es ist immer anstrengend auf gut gelaunt und normal zu machen, wenn’s nicht so ist«, seufzt sie, während ich die Packung aufreiße.

Sie ist ehrlich. Zum einen wundert es mich und zum anderen, bin ich verdammt froh darüber.

»Hier«, fordere ich sie auf und halte ihr den Riegel hin. Sie schlägt die Augen auf, nimmt ihn dann ohne ein weiteres Wort entgegen.

»Was ist das mit euch beiden?«

»Was anstrengendes«, brumme ich und beiße von dem Riegel ab.

»Kenne ich«, murmelt sie und isst ebenfalls die Schokolade.

Ich würde gerne fragen, was sie meint, doch bevor ich das kann, ist sie eingeschlafen.

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