28. Evelyn

Ich habe kapituliert und Ryan meinen Stundenplan gegeben und es hat sich als katastrophale Entscheidung erwiesen. Denn anstatt jeden Morgen pünktlich vor der Tür zu stehen, ist er bereits eine halbe Stunde früher da und meine Familie hat ihn mit offenen Armen empfangen. Gran weiß mittlerweile wie er seinen Kaffee am liebsten trinkt und ich bin mir sicher, dass Amy ihm mehr anvertraut, als einem anderen von uns. Sicher bin ich mir nicht, weil ich jedes Mal sobald ich im Auto sitze, abschalte. Ryan hat das mittlerweile akzeptiert und unterhält sich mit Amy. Ich weiß nicht, ob er Spaß daran hat, es macht, weil er höflich sein will oder weil er von mir ablenken will. Mir ist es egal, solange es funktioniert. Jeden Morgen lässt er Amy raus und danach wird es still im Wagen. Ich habe damit gerechnet, dass er das Radio anschalten würde, denn vielleicht würde das meine Gedankenstrudel etwas besänftigen. Doch es scheint so, als würde er wollen, dass ich mich wirklich damit befasse. Auch wenn er nicht weiß, womit mein Kopf beschäftigt ist.

Die letzten Tage habe ich mich nicht getraut, in das Café zu gehen. Also warte ich im Auto, bis Ryan mich abholt und mir den Tee gibt. Ich lege ihm jedes Mal das Geld auf den Sitz und jedes Mal finde ich es in meiner Jackentasche wieder. Keine Ahnung was passieren muss, damit er nicht dauernd zahlt.

Sobald ich den Tee habe, taue ich auf und Ryan trägt mehr dazu bei, als mir lieb ist. Jeden Morgen treibt er mich in den Wahnsinn und jedes verdammte Mal bin ich froh darüber, wenn ich im Vorlesungssaal sitze. Zwar vergeht das flaue Gefühl in meiner Magengegend nicht, aber dadurch, dass ich so wütend bin, stampfe ich selbstbewusst in den Raum und an den anderen Studenten vorbei.

Ich würde gerne behaupten, dass das alles nur Zufall ist, aber die Art wie er mit mir umgeht, mich beobachtet, entgeht mir nicht. Er hat ein feines Gespür, dass ich ihm nie zugetraut hätte und es wurmt mich. Mit dem großkotzigen, arroganten Kerl konnte ich umgehen, doch bei ihm bin ich verunsichert. Vor allem seit ich merke, was er für eine beruhigende Wirkung auf mich hat.

Er hält auch sein Versprechen und gibt mir jeden Tag eine Zahl der Telefonnummer und mit jedem Tag, vergeht der Drang sie zu bekommen. Dafür warte ich jeden Morgen – auch wenn ich ihn jeden Morgen mit einer grimmigen Miene und einem Brummen begrüße – auf ihn.

Ich weiß jetzt schon, dass es nicht gut ist. Doch es ist das Einzige, das mir derzeit hilft, also klammere ich mich an den Tee, die stumme Autofahrt und seine Kabbelleien. Zu meinem Glück scheinen alle anderen zu sehr mit ihrem eigenem Leben beschäftigt zu sein, um nachzufragen und wenn es wem auffällt, nutzen wir die gleiche Ausrede: Wir hängen so viel zusammen rum, um den Präsidenten zu zeigen, dass wir uns bemühen.

Als er mich gestern abgesetzt hat und ich wusste, dass wir uns ein paar Tage nicht sehen, gab es ein seltsames Ziehen im meinem Magen, das ich rasch ausgeblendet habe. Und bevor ich weiter über diesen seltsamen Typen nachdenken kann, habe ich beschlossen Zoe und Sophia mal wieder zu belagern. Zwar hatte ich keinen guten Plan, was wir unternehmen könnten, aber zum Glück hat Zoe sofort aufgeschrien, dass sie in irgendeinen Kinofilm gehen möchte. Ich weiß nicht mehr den Namen, habe aber die Hoffnung, dass der dunkle Kinosaal mich etwas entspannt. Denn dort kann mich keiner sehen.

»Was machst du denn hier?«, werde ich aus meinen Gedanken gerissen und zucke überrascht zusammen, als Asher in einem blauen, mit Öl beschmierten Overall in die Küche tritt.

»Ich warte auf Sophia. Sie wollte sie kurz umziehen«, erkläre ich gedankenverloren und versuche, meine Konzentration auf den Moment zu lenken. Asher bleibt im Türrahmen stehen und Furchen bilden sich auf seiner Stirn, als er die Treppe hochsieht. »Eure Mutter schläft noch.«

Ich bin davon ausgegangen, dass meine Worte ihn beruhigen, doch seine Miene bleibt hart.

»Was habt ihr vor? Doppeldate?«

»Wir gehen mit Zoe ins Kino.« Meine Mundwinkel zucken, als ich sehe wie er sich bei meinen Worten entspannt. Er ist und bleibt der große Bruder und Beschützer von Sophia. So war es schon immer und so wird es wohl auch bleiben. »Es wird also ein langweiliger Frauenabend bei dem wir in einen Film gehen, den nur Zoe unbedingt sehen will.«

»Hat sich nicht viel verändert, was?« Ein leichtes Lächeln umspielt Ashers Lippen, während er die Brille auf seiner Nase zurechtrückt.

»Nein, Zoe ist und bleibt wohl immer das treibende Element in unserer Runde«, gebe ich achselzuckend zu.

»Zumindest wenn es darum geht, dass ihr das Haus verlasst.«

Dann wird es still zwischen uns. Ich erwidere das vertraute Lächeln, fühle mich unter seinem Blick geborgen. Vielleicht würden manche die Nase angewidert verziehen, wenn sie das Haus betreten würden. Die Möbel sind alt, an manchen Stellen zerstört. Doch mich erinnert die Macke in der Arbeitsplatte daran, wie Sophia die Pfanne hat fallen lassen, als Asher sie erschreckt hat. Das Stuhlbein, das so verdächtig knarrt und bedürftig wieder geflickt wurde, lässt vor meinen Augen aufblitzen, wie Asher sie so weit zurückgelehnt hat, um Sophias Bewurf durch Popcorn auszuweichen. Er hat keine zwei Sekunden später laut fluchend auf dem Boden gesessen. Und obwohl ich nicht so viel Zeit hier verbracht habe, wie Sophia bei mir, hängen in diesem Haus unzählige Erinnerungen rum. Ich weiß nicht, ob Asher dasselbe denkt, während er dort steht und mich anlächelt, aber ich bin mir fast sicher, dass es so ist. Immerhin habe ich auch ihn aufwachsen sehen und vielleicht das ein oder andere Mal etwas genauer hingesehen. Denn wer verguckt sich nicht mal in den großen Bruder der besten Freundin? Allerdings bin ich sehr froh, dass ich jetzt nicht mehr knallrot anlaufe und das Bedürfnis habe im Boden zu versinken.

»Asher? Was machst du denn schon hier?« Die plötzliche Kälte, die in Sophias Stimme mitschwingt, lässt das Lächeln auf seinem Gesicht verblassen. Die Miene wird hart und ein kalter Schauer überfällt mich, als ich sich die beiden gegenübertreten.

»Ich habe den Wagen früher fertig gehabt, als erwartet und durfte gehen«, erklärt er ruhig, doch seine Körperhaltung ist alles andere als das. Zoes Lippen werden zu einer schmalen Linie, dann streckt sie den Rücken durch und dreht sich zu mir.

»Kommst du, Eve?« Ihre Lippen sind verzogen, doch es erreicht nicht ihre Augen. Eine Kälte, die ich nicht von ihr kenne, schlägt mir entgegen und lässt mich frösteln. Dennoch reiße ich mich zusammen und stehe auf.

»Klar«, stimme ich zu und dränge mich an Asher vorbei. Eine Sekunde unterbricht er den Augenkontakt zu seiner Schwester und unsere Blicke treffen sich. Ich kann nicht sagen warum, doch er geht mir durch Mark und Bein. Das frösteln wird zu einem Kälteschock und, woraufhin ich mich beeile zur Tür zu gehen. Hinter mir spüre ich Sophia, die ein leises Schnauben von sich gibt. Ich greife hastig nach meiner Jacke, die an der Garderobe hängt und nehme sie mit. Das seltsame Gefühl, das Haus so schnell es geht zu verlassen, überkommt mich aus dem Nichts.

»Bis dann, Asher«, brumme ich noch, schaue jedoch nicht zurück. Als ich nach draußen komme, hilft die Kälte nicht den Frost in meinen Knochen zu verdrängen. Stattdessen werden meine Muskeln schlagartig kühl und ich presse die Lippen zusammen, als ich das vertraute Gefühl von Panik aufsteigen spüre.

Warum zum Teufel jetzt?!

Ich hole zittrig Luft, als die Tür laut zugeschlagen wird.

Der Schock schiebt die Panikattacke in den Hintergrund und ich drehe mich blinzelnd zu Sophia, die tief Luft holt und starr nach vorne schaut.

»Er geht weg«, sagt sie aus dem Nichts. »Er hat einfach beschlossen die Stadt zu verlassen und mich nicht mal gefragt.«

Ich starre sie an.

Sophia ohne Asher? Alleine mit ihrer Mutter? Das ist doch völlig verrückt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Asher seine Schwester jemals alleine lassen würde. Gerade eben hat er mir doch wieder – wenn auch ungewollt – gezeigt wie viele Sorgen er sich um sie macht?

Und dann wird mir etwas klar: Asher hat die ganze Zeit dafür gesorgt, dass Essen und Geld da ist, hat sich um deren Mutter gekümmert. Wenn er geht, muss Sophia das übernehmen.

»Hat er das mit dir besprochen?«

»Nein«, presst sie zwischen den Zähnen hervor.

Schweigend machen wir uns auf dem Weg. Ich traue mich nicht, etwas zu sagen.

 

 

»Ich nehme eine Fanta. Wollen wir uns ein Popcorn teilen?«, wendet Zoe sich an mich, während ich einen nervösen Blick auf den fremden Typen werfe, der an uns vorbeigeht. Ich weiß, dass ich diese Paranoia dringend abstellen muss, aber mein Wille reicht leider nicht aus, um meinen Reflexen einhalt zu gebieten. Dabei könnte ich mir sofort auf die Zunge beißen, weil ich genau weiß, dass ich falsch reagiere. Ich muss es ignorieren und tun, als würde mir das hier alles kein bisschen ausmachen.

»Ich hätte lieber Nachos«, vernehme ich Sophia, die gedankenverloren eine kurze, schwarze Haarsträhne um ihren Finger wickelt.

»Nur wenn es süßes Popcorn ist«, brumme ich und reiße mich von den Leute los, die sich gerade in einer Ecke treffen.

»Zum Glück will Sophia Nachos, sonst gäbe es wieder diese doofe Süßes-oder-Salziges-Popcorn Diskussion«, grinst Zoe.

»Ihr beide habt einfach keinen Geschmack«, erwidert die Schwarzhaarige und lässt ihr Haar los.

»Ich fürchte, hierbei steht es zwei zu eins.«

»Geschmack kann man nicht abstimmen«, gibt Sophia zurück und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Das ist Ansichtssache.«

Ich bekomme nichts weiter mit von der darauffolgenden Diskussion oder wie wir bestellen. Auch der Weg zu den Toiletten und zum Kinosaal nehme ich nicht wirklich wahr. Die Bilder laufen durch meinen Kopf, während die Unsicherheit mich in seine Klauen nimmt. Ich will mich nicht dauernd umsehen, die Leute aus dem Augenwinkel betrachten und Gesprächsfetzen auffangen, aber ich kann nichts dagegen tun.

Der Reflex hat einfach überhandgenommen.

Selbst als wir uns auf die Sitze fallen lassen und ich mich aus meiner Jacke schäle, bin ich mit dem Kopf woanders. Zu meinem Vorteil sind Sophia und Zoe völlig abgelenkt, sodass ich etwas tiefer in den Sitz sinken und Luft holen kann.

Ich schließe die Augen.

Eins.

Zwei.

Drei.

Und jetzt ist es genug mit diesem dämlichen umschauen. Ich bin nicht alleine hier. Zoe und Sophia sind bei mir und ein Haufen anderer Menschen befinden sich in diesem Gebäude. Es wird nichts geschehen.

Meine Lider fliegen auf und der Geruch von frischem Popcorn steigt mir bewusst in die Nase. Erst jetzt bemerke ich das Papier an meinen Händen und die Packung, die sich auf meinem Schoß befindet. Wann hat mir jemand das in die Hand gedrückt?

»Also ist es genetisch bedingt, dass ich nur Idioten abbekomme?«, höre ich Zoe an Sophia gewandt sagen, die sich gerade ein Hand voll Popcorn in den Mund schiebt.

»Naja, in manchen Familien tritt es eben besonders häufig auf, dass sie Partner wählen, die ihnen nicht guttun.«

»Woher soll ich denn wissen, ob mir jemand gut tut oder nicht?«

»Gute Frage«, erwidert Sophia nachdenklich und schürzt die Lippen. Sie öffnet den Mund und fügt etwas hinzu. Ich weiß nicht, ob es eine Frage oder eine Antwort ist, denn meine Ohren wenden sich etwas anderem zu, dass sich gerade hinter mir befindet und immer näher kommt.

Zu oft habe ich in den letzten Tage diese Stimme gehört, als das ich sie jetzt ignorieren könnte. Doch sie ist nicht alleine und ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer gerade dabei ist sich auf uns zuzubewegen.

Meine Augen huschen zu Zoe, deren Stirn sich zusammenzieht.

Sie ist mit Zoe beschäftigt. Also kann ich einen Blick über die Schulter wagen, wobei ich sehr darauf bedacht bin, nur den Kopf zu bewegen. In der Sekunde, in der ich mich umdrehe, verstummen die Stimmen.

Ryan steht keine zwei Meter von mir entfernt. Dicht hinter ihm ist niemand anderes als Miles. Trotz der Dunkelheit begegne ich Ryans Blick und meine Überraschung spiegelt sich in seinem Gesicht wieder. Dann schaut er auf sein Ticket und auf die Sitznummer.

So viel Zufall kann es nicht geben.

Ich tippe Zoe an, die die Unterhaltung mit Sophia unterbricht und sich umdreht.

»Warum wolltest du unbedingt in diesen Film?«, flüstere ich so leise es geht, während ihre Augen sich ein Stück weiten. Sie schluckt schwer und presst die Lippen zusammen.

»Ich habe die Karte vor einer Weile gekauft, weil Miles auch in den Film wollte«, presst sie hervor und das schlechte Gewissen ist ihr ins Gesicht geschrieben.

»Du wusstest, dass er kommt?!«

»Nein«, gibt sie so energisch zurück, wie es in leisem Ton möglich ist.

»Ich dachte, er würde nicht kommen.«

»So wie du nicht gekommen bist?«, frage ich nach und spüre, dass sich jemand neben mich setzt.

Zoe antwortet nicht. Sie schrumpft in dem Sitz zusammen und drückt das Popcorn an sich. Ihre Wangen werden rot und ich kann mir ein genervtes Stöhnen nicht verkneifen, während Sophia etwas verdutzt da sitzt und sich wohl darüber wundert, weswegen die Diskussion so schnell beendet wurde.

Ungehalten greife ich nach etwas Popcorn und verdränge die Unsicherheit, die mich überkommt, weil ich genau spüre, dass Ryan neben mir sitzt. Ich weiß nämlich nicht, wie ich mich Verhalten soll. Sage ich Hallo? Frage ich ihn wie es ihm geht oder ignoriere ich ihn einfach weiterhin?

Ich beiße mir auf die Lippe, nehme wieder etwas Popcorn.

Warum kommt es mir nur zu schwer vor eine Antwort darauf zu finden?

»Ich nehme an, du hast auch nichts davon gewusst?«

Heißer Atem streicht über meinen Hals und ich spüre seinen Arm, der gegen meinen drückt. Seine Stimme ist leise, wirkt heiser und jagt ein Kribbeln über meine Wirbelsäule. Mein Nacken verkrampft und ich umfasse die Tüte vor mir etwas fester.

»Nein«, sage ich leise.

»Hätte mich auch gewundert.« Ein Seufzer entfährt ihm, der mir nur allzu gut bewusst wird, als er über meine Haut gleitet. Ryan lehnt sich nach hinten und ich kann hören, wie er von der Cola trinkt, die er sich scheinbar gekauft hat.

Immer noch spüre ich seinen Arm an meinem, während Zoe neben mir nervös auf ihrem Platz hin und her rutscht. Irgendwie glaube ich, dass Miles ähnlich unruhig ist und ich hoffe, dass die Spannung, die in der Luft hängt, sich in den nächsten Minuten auflöst.

Keine Ahnung wie ich mich sonst die nächsten Stunden auf die Leinwand konzentrieren soll.

 

 

Es ist der reinste Horror. Ich weiß zwar nicht, ob es Sophia auffällt, aber die Unruhe von Zoe überträgt sich auf mich. Von dem Film, den ich eh nicht sehen wollte, bekomme ich nichts mit. Stattdessen ist mir sehr bewusst, dass Zoe sich alle zwei Minuten eine neue Sitzposition sucht und das Popcorn zwei Mal zwischen den Fingern dreht, ehe sie es sich in den Mund steckt. Ryans Bein ist seit Beginn bereits zehn Mal gegen meins gestoßen und er hat Miles schon acht Mal angeknurrt, dass er mit dem Zappeln aufhören soll.

Ich habe mich keinen Zentimeter bewegt.

Nicht, weil ich erstarrt bin, sondern weil ich nicht weiß, was ich tun soll.

»Gott, die machen mich wahnsinnig«, knurrt Ryan und sein Bein stößt ein weiteres Mal gegen meins, als er sich ein Stück rüber lehnt. »Wie kannst du so ruhig bleiben?«

Ich blende den angenehmen Duft nach Heu aus, der mir in die Nase steigt.

»Ich bin nicht ruhig«, gebe ich leise zurück und wage es mich ein Stück zu ihm zu legen. »Ich habe einfach nur keine Ahnung, wie ich die Unruhe loswerden soll.«

Ich tue etwas dummes und drehe meinen Kopf zu ihm.

Sein Gesicht ist nur ein paar Zentimeter von meinem entfernt. Hat er sich gerade erst umgedreht oder sieht er mich die ganze Zeit an, wenn er etwas zu mir sagt? Meine Augen erkunden das Gesicht, das mir vertraut ist und doch finde ich Lachfalten um seine Augen, die mir noch nie aufgefallen sind. Ich kann die Bartstoppeln sehen, die an den Wangen an zwei Stellen weniger dicht sind und, dass seine Lippen etwas rau sind.

Mein Magen zieht sich zusammen, während sich um Ryans Nase Falten bilden und er einen kurzen Blick zu Zoe wirft, die sich wieder neu ordnet.

»Los, schnapp dir Zoe, ich nehme Miles. Das Chaos halte ich keine Sekunde länger aus«, murmelt er und zieht sich so schnell zurück, dass ich keine Zeit habe zu antworten. In der gleichen Sekunde löst sich die Anspannung in meinem Magen und ich ziehe viel Luft, so leise es möglich ist, ein.

Momentan bin ich viel zu anfällig für Typen, die nett zu mir sind.

»Zoe«, zwinge ich mich, zu sagen und ziehe an ihrem Shirt, als Miles und Ryan neben mir aufstehen und sich an Dean und Alex vorbeidrängen, die aufmerksam den Film schauen. Ich nicke mit dem Kopf und deute ihr mir zu folgen. Das Unbehagen ist ihr anzumerken, als sie zögerlich aufsteht und das Popcorn abstellt. Ich tue es ihr gleich, dann drängen wir uns durch die schmale Gasse und werden neugierig von Dean beäugt.

Eine gute Sache haben die Autofahrten mit Ryan gehabt: Ich habe alle möglichen Footballer gesehen und deren Namen kennengelernt.

Wir gehen weiter, tasten uns durch die dunkle Gasse hinaus aus dem vollen Kinosaal. Die Tür ist am zufallen, als ich sie zu packen bekomme und sie erneut aufziehe. Ich versichere mich, dass Zoe nicht Reißaus genommen hat, dann gehen wir durch die Tür.

»…was soll das, Ryan?«, schlägt es uns entgegen und ich entdecke die beiden Männer, die leise diskutierend in der Lobby stehen.

»Schalt dein Köpfchen an, Miles«, erwidert Ryan müde und schaut zu uns. Neben mir erstarrt Zoe und ich muss sie am Arm packen, damit sie weitergeht. Miles tritt ein panischer Ausdruck auf das Gesicht, als wir näher kommen und schließlich stehen bleiben.

»Ihr zwei«, beginnt Ryan kaum, dass wir bei ihnen sind, »werdet das zwischen euch jetzt klären, weil Jones und ich sonst noch verrückt werden.« Sein Blick ist messerscharf, als er die beiden nacheinander anschaut. »Da hinten ist eine ruhige Ecke, wir setzten uns weiter weg, damit ihr reden könnt. Und mit reden ist reden gemeint, kein Geschrei und kein Gezicke. Verstanden?«

Ich bin etwas überrascht von der Autorität, die in seiner Stimme mitschwingt und noch mehr verwundert es mich, als beide nicken. Für mich ist Ryan bisher immer der Klassenclown gewesen. Keiner, der Verantwortung übernimmt oder andere in die Schranken weist, wenn es von Nöten ist.

»Komm, Jones«, wendet er sich an mich und ich streiche Zoe ein letztes Mal ermutigend über den Arm, ehe ich zu Ryan gehe, der zielstrebig auf einen kleinen Tisch zusteuert. Ich lasse mich auf den weißen Plastikstuhl nieder, als er bereits sitzt und das Kinn entspannt auf die Hand stützt, während sein Blick auf den Streitenden liegt.

»Wolltest du den Film sehen?«, will er wissen, als ich seufze und zu Zoe schaue, die die Lippen zusammenpresst, während Miles auf sie einredet.

»Nein. Zoe hat drauf bestanden.«

»Miles hat mich auch mitgeschleppt. Alex und Dean haben ihm als Begleitung nicht gereicht. Jetzt weiß ich auch wieso.« Leicht verärgert verziehen sich seine Brauen.

»Ich hätte gedacht, dass Zoe so intelligent ist und den Film sein lässt.«

»Es sind zwei Sturköpfe. Da werden wir nichts dran ändern können«, erklärt er ruhig und lehnt sich ein Stück zurück um sich zu strecken. »Woran wir aber was ändern können, ist dieser langweilige Abend.«

Schalk blitzt in seinen Augen auf.

Das kann nichts Gutes für mich heißen.

»Ich bin wirklich nicht an Aufmerksamkeit oder Chaos interessiert, Ryan«, sage ich langsam.

»Hör dir doch erst mal meinen Vorschlag an, Evelyn.« Er betont meinen Namen, spricht ihn bedächtig aus. Ich kann nichts gegen das Magenziehen machen, das sich wieder meldet und es ärgert mich. Ich will nicht, dass er so etwas bei mir auslöst. Dafür hatte ich eigentlich Jax vorgesehen.

»Deine Vorschläge sind meistens mies«, gebe ich zurück und verschränke die Arme in der Brust, während seine Augen an mir haften, mich in Beschlag nehmen.

»Oft, aber nicht immer.« Seine weißen Zähne blitzen auf, als er mich anlächelt.

»Bitte«, seufze ich, ehe wir ein Blickduell starten, dass ich bestimmt verlieren würde. Die Öffentlichkeit macht mich viel zu angreifbar. Auch wenn keiner außer uns hier ist.

»Wir spielen Wenn-ich-du-wäre.«

»Wenn-ich-du-wäre?«

»Genau, ich sage zum Beispiel: Wenn ich du wäre, würde ich ein Gummibärchen klauen. Wenn du es machst, geht die Runde an dich.«

»Das klingt nach einem Spiel, mit dem du Frauen dazu bewegst sich auszuziehen.« Meine Laune sackt nach unten, als mir der Gedanke kommt, dass er das mit Katie gespielt haben könnte.

»Das Spiel spiele ich nie mit irgendwelchen Frauen, Jones«, erwidert er ohne zu zögern.

»Sondern?«

Er hält inne, schaut mich einen langen Moment an.

»Mit Freunden.«

Ich ignoriere, dass mein Herz aussetzt.

Weiter zu Kapitel 29. Ryan

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