29. Ryan

Ich habe das Falsche gesagt.

Evelyn sitzt mir starr gegenüber und sieht einen Moment lang so aus, als hätte ich ihr offenbart, dass ich mich morgen zu Fuß aufmache um den Mond zu besiedeln. Kleine Falten sind auf ihrer Stirn zu sehen, Skepsis mischt sich mit etwas anderem in ihren Augen.

Verdammt. Hätte ich bloß meine Klappe gehalten.

Ich bewege mich nicht, obwohl die Anspannung in eine unangenehme Höhe wächst. Zu gern würde ich die Hände bewegen, die Position ändern oder mir mit der Hand durchs Haar fahren, aber alles würde ihr zeigen, dass ich verunsichert bin. Und bei einer Evelyn Jones kann das tödlich sein. Also zwinge ich mich ruhig zu bleiben, ihren Blick zu erwidern.

Warum habe ich nicht damit gerechnet, dass sie seltsam reagieren würde? Ich habe gezögert. Das war ein klares Indiz dafür, dass es eine miese Idee ist, es auszusprechen.

»Freunde?«, kommt es leise über ihre Lippen. Ich beiße die Zähne zusammen, versuche meine Muskeln, dennoch entspannt zu lassen.

Nur nicht zeigen, dass du verunsichert bist.

»Du kannst auch gerne eine andere Bezeichnung in den Raum werfen«, gebe ich so lässig wie möglich zurück, obwohl sich mir der Magen umdreht. Meist macht es mir nichts aus, wenn Leute sich über mich lustig machen oder ich eine doofe Reaktion bekomme. Doch das hier, ist auf eine verrückte Art etwas ganz anderes.

»Hättest du noch eine andere?« Sie beugt sich leicht nach vorne, ich sehe, wie sie unruhig an ihrem Fingernagel knibbelt. Gut, dann werde ich gleich nicht auseinandergenommen.

»Du erinnerst mich an wen«, gestehe ich, woraufhin ich mir direkt auf die Zunge beißen könnte. Schon wieder kann ich nicht einfach ruhig sein. Neugierig lehnt sie den Kopf zur Seite und eine Strähne fällt ihr leicht ins Gesicht. Ihre hübschen Lippen bleiben geschlossen. Sie wartet auf eine vernünftige Erklärung von mir. »An eine Freundin.«

»Eine Freundin wie Katie?«, will sie scharf wissen und ich kann nicht verhindern, dass meine Mundwinkel zucken. Denkt sie wirklich, ich würde Katie als Freundin sehen?

»Katie ist nicht meine Freundin. Egal in welcher Hinsicht.«

»Also ist sie nur was für zwischendurch.«

Keine Frage, eine einfache Feststellung. Die Verunsicherung, von der ich geglaubt habe, sie bis eben an ihr zu sehen, scheint völlig verflogen.

»Und sie hat kein Problem damit«, erwidere ich etwas fester, spüre diese Spannung zwischen uns wie jeden Morgen. Nur fordere ich sie diesmal nicht bewusst heraus wie sonst, damit sie nicht verängstigt über den Campus rennt.

»Das sah aber anders aus, als du sie aus dem Wagen geschmissen hast.«

»Sie ist nicht besonders glücklich darüber, dass ich mich an die Regeln halte, die wir aufgestellt haben.«

»Hältst du dich wirklich dran oder erzählst du mir das nur?« Sie zieht die Nase kraus. Ich kann ein paar winzige Sommersprossen erkennen, die mir bisher nicht aufgefallen sind. Habe ich mich nach vorne über den Tisch gelehnt? Oder war sie das?

»Warum sollte ich dich anlügen?« Meine Stimme ist leiser geworden, aber ich brauche auch nicht lauter Reden, weil sie so nah ist.

Wann sind wir so aneinander gerutscht?!

Ich muss mich beherrschen, um keinen Blick auf die Lippen zu werfen. Die werden wohl auf ewig mein Todesurteil bleiben. Also fixiere ich ihre braunen Augen, die mich in dem Licht an Brownies erinnern. Als das Ziehen in meinem Magen stärker wird, bin ich allerdings nicht davon überzeugt, dass das die bessere Option ist.

»Lügst du mich denn an?«, versuche ich, die Spannung zu vertreiben, die sich immer weiter um uns herum aufbaut.

»Ich?« Sie blinzelt verwirrt, ich kann mich losreißen und verziehe die Lippen zu einem Lächeln, was der Erleichterung geschuldet ist. Evelyn darf weiterhin glauben, dass ich mich über sie amüsiere. Das macht das Ganze für mich wesentlich einfacher.

»Vielleicht spielst du mir das alles nur vor, damit ich dich Jungfrau in Not retten will und du mich ins Bett bekommst.«

Der Satz lässt das zwischen uns wie ein Ballon platzen.

Evelyn lehnt sich kopfschüttelnd zurück, verdreht die Augen, als würde sie sich über einen kleinen Jungen ärgern. Mein Grinsen wird breiter und ich atme ruhig ein, als ich die Arme vor der Brust verschränke.

»Du musst dir dringend einen Spezialisten suchen, der sich mit Selbstüberschätzung auskennt.« Die verärgerten Worte verlieren ihre Wirkung, als ich sehe, dass sich ein Lächeln auf ihr Gesicht schleicht. Ja, so gefällt mir das schon besser. »Also los, was ist deine erste Herausforderung?«

»Eigentlich lasse ich immer der Frau den Vortritt.«

»Und ich dem schwächeren Geschlecht«, pfeffert sie zurück und jeder Konter bleibt mir im Hals stecken. Ihre Augen funkeln, als sie mein Zögern bemerkt. Ich beiße mir auf die Lippe, versuche, etwas in meinem Kopf zusammenzureimen, aber es will nichts kommen.

»Gut«, kapituliere ich schließlich mit einem leichten Seufzer und fahre mir unruhig mit der Hand durchs Haar, wobei ich den Blick durch den Raum schweifen lasse.

In den Momenten, in denen ich von ihr so einen Seitenhieb bekomme, wünsche ich mir, dass ich das nicht so verflucht gerne hätte. Ganz davon abgesehen, dass ich es heiß finde, nicht dauernd ja und Amen zu hören. Allerdings verdränge ich den Gedanken, so schnell es geht. Evelyn Jones ist keine für sowas, für das ich offen bin. Zumindest bin ich davon überzeugt. Außerdem gibt es die Vereinbarung, sie hat genug anderen Kram um die Ohren und steht auf Jax. Ich will nur der Bitte ihrer Großmutter nachkommen, also ist es schon Wahnsinn, dass ich solche Gedankengänge überhaupt habe.

»Und?«, reißt Evelyn mich aus meinem wirr war. Dennoch schaue ich ihr nicht in die Augen. Rasch schiebe ich alles beiseite und beobachte den Typen, der hinter dem Tresen steht und gelangweilt an seiner Cola Flasche nuckelt.

Er müsste etwas jünger als wir sein. Wahrscheinlich einer, der sich für ziemlich cool hält, aber es nicht drauf hat.

»Wenn ich du wäre«, fange ich langsam an, und traue mich wieder in das schokoladenbraun zu schauen. »Würde ich den netten Typen hinter dem Tresen nach seiner Nummer fragen.«

»Du denkst wirklich, dass ich mich das nicht traue?«, will sie zögerlich wissen und wirft einen Blick auf den jungen Kerl.

»Du traust dich auch nicht, Jax nach seiner Nummer zu fragen, und erträgst stattdessen lieber mich.«

»Das«, sagt sie langsam, deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger anklagend auf mich. »Ist etwas völlig anderes und das weißt du.«

»Findest du? Eigentlich musst du doch nur zu jemandem gehen und ihm eine Frage stellen.« Ich versuche die Belustigung, die mich bei ihrem fassungslosen Gesicht überkommt, zu verbergen. Das ist die Rache für das schwache Geschlecht. Evelyn beißt sich auf die Lippe, ich kann sehen, dass sie mit sich selber diskutiert, überlegt, ob sie mich nicht doch besser umbringt oder geht.

Doch sie wird bleiben.

Gerade ist sie die Evelyn, die meine Herausforderungen annimmt. Das sehe ich ihr an und es macht mir ungeheuren Spaß.

Sie gibt ein wütendes Schnauben von sich und steht auf. Würde unter uns kein Teppich liegen, gäben die Stuhlbeine bestimmt ein Quietschen von sich, das mir in den Ohren wehtut. So jedoch bleibt es ruhig und nur die gedämpften Schritte sind zu hören, als sie den Raum durchquert.

Ich betrachte ihre Beine, die in einer engen Jeans stecken und die schwarz-weiß gestreifte Bluse, die locker an ihren Schultern sitzt. Natürlich trägt sie wieder ihre Boots und ich muss schwer schlucken, um die aufblitzenden Bilder zu verdrängen. Zwar hatte ich gehofft, dass die Boots mit der Zeit ihre Wirkung auf mich verlieren würden, aber ich muss ihr einfach jeden Morgen zusehen, wie sie sie anzieht und jeden verdammten Morgen, kann ich an nichts anderes denken.

Es ist Fluch und Segen zugleich.

Sie beugt sich über den Tresen und ihre Haare fallen ein Stück nach vorne. Mit der Hand streicht sie sich ein paar Strähnen hinter das Ohr. Sie verlagert ungeduldig das Gewicht auf ein Bein, man kann ihr ihre Unsicherheit ansehen. Ich stütze das Kinn auf die Hand, als ihr Lachen leise bis zu mir kommt. Ein Kribbeln jagt über meine Arme und ich runzle die Stirn, während der Typ ein wenig rot anläuft. Er wird hektisch und sagt etwas. Wieder schallt das Lachen durch den Raum und ich werfe einen Blick über die Schulter zu Zoe und Miles, die immer noch am Diskutieren sind, damit ich mich nicht auf ihre Stimme konzentriere. Doch meine Ohren nehmen jeden ihrer Schritte wahr, als sie zurückkommt. Dabei will ich gar nicht so genau hinhören.

»Bitteschön«, sagt Evelyn und knallt mir den Zettel auf den Tisch, während sie sich auf den Stuhl fallen lässt.

»Ich bin beeindruckt«, gebe ich grinsend zurück und betrachte das Stück Papier mit der Nummer drauf, die eindeutig hektisch geschrieben wurde. Der Kleine scheint ziemlich nervös gewesen zu sein. Aber wer wäre das nicht, wenn eine wie sie nach der Nummer fragt? Das würde sogar mich aus dem Konzept bringen. Nur sollte sie das besser nicht wissen. Außerdem habe ich ihre Nummer bereits.

»Gut und jetzt bin ich dran.« Ihre Lippen verziehen sich zu einem fiesen Grinsen. Das ist eindeutig kein gutes Zeichen. Ich warte ab, bewege mich nicht und sie lehnt sich etwas nach vorne. Dabei verrutscht ihre Bluse und gibt etwas mehr Dekolletee frei. Gerade so schaffe ich es, dass ich nicht dort hinschaue. Bestimmt würde sie mir die Augen auskratzen.

»Wenn ich du wäre, würde ich dem Typen jetzt eine Nachricht schreiben, in der ich ihm mitteile, wie sehr ich mich bereits auf ihn freue.«

Ich brauche nicht fragen, um zu wissen, dass das eine sehr anstößige Nachricht werden soll.

»Ich nehme an, die Nachricht soll nicht von deinem Handy aus verschickt werden?«

»Du bist gar nicht so dumm, wie du aussiehst, Paxton.« Wäre das Funkeln nicht in ihren Augen, würde ich etwas erwidern, doch sie sieht so ruhig aus, so wie sie selbst, dass ich das Handy aus meiner Tasche ziehe und zu tippen beginne.

Dabei ruht ihr Blick auf mir, nur hin und wieder schaut sie mir über die Schulter und beobachtet Zoe und Miles. Ich kann mich nicht so gut konzentrieren. Zu sehr lenkt es mich ab, dass sie mich genau ansehen kann. Nachdenklich runzle ich die Stirn und überlege, was ich schreiben könnte. Es ist nicht so, dass ich nicht weiß, wie ich es formuliere oder wie solche Nachrichten aussehen – ich habe schon zahlreiche erhalten – aber es ist etwas anderes, wenn sie es danach liest. Ich unterdrücke einen leisen Seufzer und rutschte auf meinem Stuhl ein Stück nach vorne.

»Ich hätte nicht gedacht, dass dir das solche Probleme bereitet«, sagt sie und ich kann das Grinsen in ihren Worten hören.

Tja. Die Nachricht an sich bereitet mir keine Probleme, aber das behalte ich für mich und lasse als Antwort nur ein Schnauben los.

Ich sollte nicht so viel drüber nachdenken. So wie ich sie kenne, wird sie bemerken, dass ich darin nicht ungeübt bin. Warum mache ich mir darüber überhaupt so einen Kopf? Dafür habe ich keinen Grund. Also atme ich tief ein, stelle mir vor, ich wäre Katie und würde mir eine Nachricht schreiben. Meine Finger fliegen über die Tasten, als ich sehe, wie sich Zoe und Miles hinter Evelyn erheben. Ich halte inne, beobachte, wie die beiden näher kommen.

»Ich schreibe sie nachher zu ende und schicke dir einen Screenshot«, murmle ich, als sie fragend die Brauen hebt. Sie legt den Kopf leicht schief und spielt gedankenverloren mit einer Strähne, als die beiden Streithähne an unseren Tisch treten. Ein wenig überrascht, öffnen sich ihre Lippen ein Stück, als sie Zoe bemerkt, die auf der Wange kaut und leicht betreten ihre Schuhspitzen anstarrt. Ich nutze den Moment, in dem die Beiden sich auf Evelyn zu konzentrieren scheinen und beobachte das Profil. Die gerade, kleine Stupsnase und die vollen Lippen. Ihre schwarzen Wimpern und die Locken die hinter ihrem Ohr hängen.

»Muss ich ihn umbringen?«, will Evelyn wissen und hebt den Finger, um damit auf Miles zu deuten, der die Hände in den Hosentaschen vergraben hat. Leicht empört schaut er auf und holt bereits für den Protest Luft.

»Vielleicht wann anders, aber nicht jetzt.« Zoe wirft einen flüchtigen Blick zu dem Quaterback, woraufhin dieser schnell wegschaut und sich ihre Wangen verfärben. Evelyn schaut instinktiv zu mir und ich kann nichts gegen das Grinsen tun, das sich dabei auf meine Lippen schleicht und von ihr erwidert wird.

»Wir haben alles geklärt, okay?«, wird unser Blickkontakt von Miles unterbrochen, dessen Adamsapfel nervös auf und ab hüpft, während er versucht mir in die Augen zu schauen.

»Also hört dieser nervige Zickenkrieg zwischen euch auf?«

»Ja, hört er«, sagt er mit Nachdruck, wobei sich sein Kiefer anspannt.

»Die Abmachung gilt immer noch«, erinnert Evelyn und es sieht aus, als würden beide in Zeitraffer knallrot anlaufen. Sie bewegen und sagen nichts, werden nur in einer rasenden Geschwindigkeit rot.

»Schon klar«, brummt Miles schließlich. Dann dreht er sich um, greift aus dem Nichts nach Zoes Hand und verschränkt seine Finger mit ihren. Falls es möglich ist, wird sie noch röter und presst die Lippen zusammen, als er sie mitzieht und sie in zurück in den Kinosaal gehen.

Händchen haltend.

Scheiße. Ich habe Miles noch nie Händchen halten sehen.

»Damit habe ich nicht gerechnet«, gesteht Evelyn leise.

»Nein, ich auch nicht«, gebe ich zu und sehe wie die Beiden etwas enger als nötig laufen und er ihr die Tür aufhält.

»Die werden sich keine zwei Stunden an die Abmachung halten«, seufzt Evelyn und steht auf.

»Wie gut, dass sie uns als Puffer haben.«

»Für einen Kinofilm. Das ist nicht besonders viel.«

»Wir könnten uns ja dauerhaft an ihre Fersen kleben«, schlage ich schulterzuckend vor, während Evelyn ihre Bluse glattstreicht und den Ausschnitt damit ungewollt etwas weiter nach unten zieht.

»Wenn Zoe etwas will, kriegt sie es. Da bringt es auch nichts, wenn ich mit ihr aufs Klo gehe.«

»Ich glaube, Miles hätte auch so seine Probleme, wenn ich mich nachts plötzlich zu ihm ins Bett legen würde.«

Ein Lachen entweicht Evelyn, lenkt mich von dem Ausschnitt ab, den ich vergessen wollte. Tatsächlich fällt es mir gerade ganz leicht mich auf die feinen Falten um ihre Augen zu konzentrieren und den Rest zu vergessen. Habe ich sie schon mal so lachen sehen? Mir will kein Augenblick einfallen.

»Was ist?«, fragt Evelyn und behält das Lächeln auf den Lippen und ich komme nicht umher es zu erwidern.

»Ich glaube, ich habe dich noch nie lachen hören«, spreche ich meinen Gedanken aus, der sie zum Glück nicht dazu bringt das Gesicht zu verziehen.

»Bestimmt. Du kannst dich nur nicht dran erinnern«, sagt sie kopfschüttelnd und wendet sie ab, um Miles und Zoe in den Kinosaal zu folgen. Ich bin versucht weiter zu sprechen, noch mehr von den seltsamen Dingen preiszugeben, die in meinem Kopf sind. Doch als ich sehe, wie sie fast tänzelnd zu der Tür läuft und ich ihr folge, bleiben die Worte in meinem Hals.

Nein, diese fröhliche, unbeschwerte Evelyn habe ich noch nie zu sehen bekommen. Daran würde ich mich garantiert erinnern.

»Komm schon, sonst sind die beiden übereinander hergefallen, ehe wir uns gesetzt haben«, werde ich aufgefordert, als sie die Tür aufhält. Das Lachen hat sich zu einem Grinsen verwandelt und ein ungewohnte, gute Laune geht von ihr aus.

Es ist mir egal, ob sie übereinander herfallen.

Komplett egal.

Von mir aus kann in dem ganzen Kinosaal eine Orgie starten, solange ich diese Evelyn einen Moment länger behalte.

Und das ist nicht gut. Gar nicht gut.

Mein Nacken verspannt sich und ich presse die Lippen zusammen. Mein Magen zieht sich fast schmerzhaft zusammen bei ihrem Anblick, sodass ich eilig zu dem Typen vom Popcornstand schaue.

»Glaub nicht, dass ich vergesse, dass du ihm eine Nachricht schreiben musst.«

Die Versuchung in ihre hübschen Augen zu schauen, ist gigantisch. Ich stecke die Hände in die Hosentasche und gebe einen gespielten Seufzer von mir.

»Ich habe nur Mitleid mit dem Jungen. Der Kleine wird sich sein Leben lang nach mir verzehren.«

»Wegen einer blöden Nachricht? Das bezweifle ich, Paxton.« Belustigt lehnt Evelyn sich ein Stück nach hinten und ich reiße mich von dem Kerl los. Gewappnet, dass ich gleich in diese Augen schauen werde, die mich irgendwie schwummrig machen, laufe ich zu Evelyn und bleibe direkt neben ihr stehen.

Ich habe gelernt, dass Angriff die beste Verteidigung ist. Daher bücke ich mich ein Stück zu ihr herunter. Ihre Augen weiten sich vor Überraschung und das Lächeln verrutscht ein Stück, während mir der feine Geruch nach Erdbeeren in die Nase steigt.

»Ich schwöre dir, Jones. Eine meiner Nachrichten kann dein Leben verändern«, scherze ich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen.

Sie atmet aus und erst da wird mir klar, wie nah ich ihr bin. Vielleicht würde noch ein dickes Buch zwischen uns passen, aber kein Zentimeter mehr. Mein Lächeln entgleitet mir, ein Stein legt sich auf meine Brust und ich muss schwer schlucken.

Plötzlich ist der Scherz verflogen, etwas anderes hängt in der Luft.

Ich sehe, dass sie es spürt.

Keiner von uns bewegt sich und ich will nicht, aber ich muss auf ihre Lippen schauen. Diese sanften Biegungen untersuchen und die Sommersprossen zählen, die auf ihrer Nasenspitze sitzen.

Ob sie wohl nach Popcorn schmeckt?

Bei dem Gedanken fliegen meine Augen zu ihren. Zu spät schaut sie auf, sodass ich die Gelegenheit habe, zu bemerken, dass sie meinen Mund genaustens betrachtet hat. Ob ihr die Bartstoppeln aufgefallen sind?

Warum bewegt sich keiner von uns? Warum bewege ich mich nicht?!

Sie beißt sich auf die Lippe. Unbewusst, aber es reicht, um mir klar zu machen, dass meine Selbstbeherrschung auf Messersschneide steht.

Verdammt, Jones. Beweg dich! Führ mich doch nicht so in Versuchung!

Erst als ein Knall aus dem Kinosaal dröhnt, zucken wir beide zurück. Eilig senke ich die Augen, schaue auf ihre Hände, die sich an der Klinke festhalten und weiß angelaufen sind.

Ich muss den Moment umdrehen, aber mir fällt nichts ein, was aus der Situation etwas anderes machen könnte, als es war. Kein Spruch, keine Bewegung, keine Handlung. Mir bleibt nichts anderes übrig, als wie ein Vollidiot stehen zu bleiben und zu dem Kinosaal zu schauen.

»Vielleicht sind Miles und Zoe gerade übereinander hergefallen«, kommt es von Evelyn, doch ihre Stimme ist nicht so fest wie sonst.

»Oder einer von den Jungs hat sich auf Miles gestürzt, ehe der eine Dummheit begehen kann.« Die Worte kommen nur schwer aus meinem Mund und gleiten über meine Lippen, als wäre ich betrunken. »Na los, wir sollten reingehen.«

Ich halte die Tür auf, von deren Klinke Evelyn die Hände löst. Dabei achte ich strickt darauf, sie so gut es geht, nicht anzusehen. Stattdessen richte ich meinen Blick auf das Flackern der Leinwand, das auf dem Boden zu erkennen ist. Das kann mich wenigstens nicht in Versuchung führen.

Jones geht vor und zum ersten Mal seit langem ärgere ich mich, dass ich hinter einer Frau laufen muss. Jetzt habe ich nämlich keine andere Wahl, als ihre Schuhe, Beine oder den Hintern anzusehen und meine Augen können sich nicht entscheiden, was sie anstarren wollen.

Ich bin schlimmer, als ein Fünfzehnjähriger, der scharf auf seine Klassenlehrerin ist und ihr bei jeder Gelegenheit in den Ausschnitt schaut.

Mit mehr Abstand als nötig, drängen wir uns durch die Reihe. Ich kann den fragenden Blick von Dean und Alex spüren, als ich an ihnen vorbeigehe, beachte sie aber nicht weiter. Evelyn nimmt sich ihr Popcorn und lässt sich auf den Sitz fallen. Ich setzte mich auch und will gerade Luft holen, als ich im Augenwinkel sehe, wie sie sich ein Stück zu mir beugt.

»Popcorn?«, flüstert sie, wobei ihr heißer Atem über mein Ohr streicht.

»Bin eher der Tortilla-Typ«, lüge ich und rutsche daraufhin an die andere Seite des Sitzes. Leider bewahrt es mich nicht davor, dass ihr Bein leicht an meins stößt und ich hinsehe, als ihre Lippen sich um ein Popcorn schließen, dass sie sich langsam in den Mund schiebt, während sie auf die Leinwand schaut.

»Paxton, das halte ich nicht aus«, flucht Miles leise neben mir und rutscht auf seinem Sitz wieder hin und her.

»Reiß dich einfach zusammen«, knurre ich, doch die Aufforderung gilt eher mir selber.

Wieder berührt ihr Bein leicht meines, als sie sich anders hinsetzt. Ich unterdrücke ein Stöhnen, als sich plötzlich etwas zwischen meinen Beinen regt. Mitten im verdammten Kino, als wäre ich ein notgeiler Teenager.

Ich brauche dringend eine kalte Dusche und meine Hand.

Oder Evelyn Jones nackt auf meinem Schoß.

Aber das wird wohl nie passieren.

Weiter zu Kapitel 30. Evelyn

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