30. Evelyn

Ich esse unaufhörlich. Als mein Popcorn alle ist, nehme ich mir einfach das von Zoe, die das nicht weiter interessiert. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Miles nicht sonderlich weit weg ist und zwischen ihm und ihr nur Ryan und ich sitzen.

Wo wir bei dem Grund für meine Fressattacke wären. Würde ich nicht essen, hätten meine Hände nichts zutun, außer unruhig zu zappeln und eventuell die Frage zu ergründen, wie sie Ryan Paxtons Hand in meiner anfühlen würde.

Es ist bestimmt der Stress, der mich momentan so angreifbar für solche lächerlichen Gedanken macht. Die Medikamente tragen ihren Teil dazu bei, auch wenn ich seit Tagen keine mehr Genomen habe. Und wenn ich schon dabei bin eine Ausrede zu finden: Die Sorgen um Amy verschlimmern das alles noch. Ist es da verwunderlich, dass ich mich nach ein wenig Nähe sehne und mit dem Gedanken gespielt habe, ihn zu küssen?

Nein, bestimmt nicht.

Es liegt alles an meiner Situation. Nicht an ihm.

Weder an seinen blauen Augen, noch an diesen himmlischen Duft nach frischem Gras und schon gar nicht an dem Charakter. Jeder Typ hätte dort stehen können und ich wäre in Versuchung geraten.

Es war ein winziger Augenblick, der mich ins Wanken gebracht hat. Ich kann nicht sagen, woran es lag, aber es war wenig später wieder verschwunden. Zumindest die Situation in der wir uns fast geküsst hätten, denn Ryan sah durchaus so aus, als würde er auch drüber nachdenken.

Aber das ist jetzt vorbei.

Ich sitze im Kino neben ihm und es ist alles gut.

Es macht mir überhaupt nichts aus, dass er so nah ist.

Wie gesagt, es war ein Moment, der kurz darauf wieder verflogen ist. Eine klitzekleine Gefühlsregung in meinem Magen, die ich jetzt mit Popcorn bombardiere, um sie zum Schweigen zu bringen. Außerdem versuche ich mich, vehement auf den Film zu konzentrieren, doch ich nehme nur einzelne Bilder und Silhouetten wahr. Keine Ahnung was der große Kerl dort redet und warum eine Frau am Heulen ist.

Schlussfolgerung: Mein Verschleierungsversuch fruchtet nur halbwegs.

Neben mir rutscht Ryan wieder in eine andere Sitzposition, sagt leise etwas zu Miles und ich presse die Lippen zusammen. Nein, ich werde nicht daran denken, wie sein heißer Atem sich an meinem Nacken anfühlt. Das ist nicht relevant für die kommenden Wochen und Tage.

Die Bilder weichen dem Abspann und langsam wird das Kino heller, während ich ein weiteres Stück Popcorn in meinen Mund schiebe. Normalerweise stopfe ich mir eine ganze Hand in den Mund, aber heute musste ich aufpassen, dass ich lange genug Nachschub habe. Daher kamen auch die fragenden Blicke von Zoe, die ich nur achselzuckend abgewehrt habe.

Ich habe die Hoffnung, dass sie nicht dran denkt. Genau wie die Tatsache, dass ich mit Paxton am Tisch saß und wir immer enger aneinandergerückt sind. Sollte das Glück heute auf meiner Seite stehen, wird sie so mit Miles beschäftigt sein, das sie alles andere vergisst.

Und ich bete, dass dem heute so ist.

»Ich habe den Film nicht verstanden«, brummt Ryan neben mir und erhebt sich. Ich würge das trockene Maiskorn herunter, als er sich streckt. Sein Pulli rutscht ein Stück nach oben, gibt den Blick auf den Ansatz seiner Boxershorts frei und ich klammere mich etwas fester an die Tüte auf meinem Schoß.

Bloß nicht drüber nachdenken.

Vergiss das hier einfach.

»Ich fand ihn gut«, murmelt Miles, dessen Augen auf Zoe gerichtet sind, die in ihre Jacke schlüpft.

»Hab schon besseres gesehen«, gähnt Dean und fährt sich durch das Haar. Ich zwinge mich, von Ryan abzulassen, der sich langsam in meine Richtung dreht und stehe auf. Dabei purzeln einige Körner von meiner Jeans. Die Leute setzten sich in Bewegung und zum Glück steckt Ryan lässig die Hände in die Hosentasche und schlendert gelangweilt hinter den anderen her, wobei er hin und wieder einen Kommentar zum Film gibt.

Wenn mich jemand nach dem Verlauf fragen würde, könnte ich nicht mal eine grobe Inhaltsangabe geben. Selbst die Bilder vom Trailer habe ich nicht mehr im Kopf. Absolut beschissen, um es noch freundlich auszudrücken.

»Was habt ihr jetzt noch vor?« Ich zucke vor Überraschung zusammen und blinzle einige Male, bis ich bemerke, dass Dean sich an mich gewandt hat.

»Nach Hause fahren«, gebe ich plump zurück und ärgere mich über die Aussage, die alles andere als ein vernünftiger Satz ist.

»Ihr wollt nicht mit was essen kommen?«, mischt Alex sich ein.

Mein Blick wandert zu Zoe, dann zu Miles und begegnet schließlich den Augen, denen ich nicht begegnen wollte in den nächsten Stunden. Ich kann Ryan ansehen, dass er das für keine gute Idee hält und ich blende fantastisch aus, dass etwas in seinen Augen funkelt, das ich eben im Flur gesehen habe.

»Nein, wir haben noch zu tun«, lehne ich ab und greife nach Zoe’s Arm.

»Wir haben zutun«, wiederholt Sophia langsam und zieht die Augenbrauen ein Stück nach oben. Ich kann förmlich sehen, wie die ganzen kleinen Rädchen in ihrem Kopf anfangen zu drehen.

»Tja, schade, aber da kann man wohl nichts machen.« Scheinheilig zuckt Ryan mit den Achseln. Er legt den Kopf leicht schief und schenkt uns allen ein herzliches Lächeln.

Wenn ich mich bloß auf etwas anderes, als diese Lippen konzentrieren könnte.

»Dann bis Dienstag«, verabschiedet Dean sich gähnend als erster. Alex gibt ein zustimmendes Murmeln von sich und Miles zeigt keine Reaktion, außer, dass er etwas verkniffener schaut.

»Meldet euch, falls ihr doch Gesellschaft haben wollt«, sind die letzten Worte von Ryan, die er mit einem Grinsen unterstreicht, das nicht so harmlos ist, wie es auf dem ersten Blick scheint. Ich bin mir sicher, dass der Satz in Kombination mit seinem Gesicht für feuchte Höschen sorgen kann. Ich weiß ganz genau, dass der Satz an mich gerichtet ist. Wahrscheinlich nicht auf diese zweideutige Art, aber auf unser kleines Geheimnis bezogen.

»Machen wir«, bringe ich irgendwie hervor, obwohl meine Lippen kribbelig sind. Dann gehen sie. Lediglich Miles bleit einen Moment länger stehen und sieht aus, als würde er noch etwas sagen wollen, doch da hat Ryan ihn bereits am Arm gepackt und zieht ihn mit.

Zoe beißt sich nervös auf die Unterlippe, als ich mich zu ihr drehe und Sophia scheint nicht zu wissen, was sie von der Situation halten soll.

»Also? Hat der Film deine Erwartungen übertroffen?«, wendet Sophia sich an Zoe, die ein paar Mal blinzelt, ehe die Frage zu ihr durchdringt.

»Er war okay«, erwidert sie achselzuckend, woraufhin beide Köpfe sich zu mir wenden. Damit wären ich dann in der perfekten Zwickmühle. Ich habe keinen blassen Schimmer, was passiert ist. Trotzdem läuft der Abend in meinem Kopf ab und ich schürze die Lippen.

»Er hat meine Erwartungen auf eine völlig andere Art und Weise erfüllt, als erwartet, aber ich habe keine Ahnung, warum.«

Es ist eine Teil-Wahrheit, was mein Gewissen ein wenig beruhigt. Natürlich könnte ich den beiden von den seltsamen Momenten berichten und davon, dass Ryan mich so aus dem Konzept bringt. Allerdings würde das voraussetzten, dass ich ihnen den Rest meiner ganzen Geschichte erzähle und dazu bin ich noch nicht bereit. Mir reicht es, dass einer außerhalb der Familie Bescheid weiß und ich bin mir sehr sicher, dass alles nur noch komplizierter werden würde, wenn ich mehr Leute einweihe.

Außerdem habe ich keine Ahnung, was das zwischen uns ist und ob ich es überhaupt jemandem sagen möchte.

»Ich fand ihn grottig«, unterbricht Sophia meine Gedankengänge und hakt sich bei mir ein. Sie streicht sich eine schwarze Strähne ihres Bobs aus dem Gesicht und zieht mich und Zoe mit.

»Grottig? Nein, so schlimm war er nicht«, protestiert Zoe und beide verfallen erneut in eine verrückte Diskussion, der ich nicht folgen kann, weil ich keinen blassen Dunst habe, wovon in Gottes Namen die beiden sprechen. Also nicke ich hin und wieder, rufe »Ja, sehe ich genauso« oder »Stimmt«, ein um keinen Verdacht zu erwecken.

Meine Gedanken sind irgendwo am Kinoeingang hängen geblieben und die Erinnerung, an Ryans Duft hängt mir auf eine diabolische Art in der Nase. Der wirkliche Vorteil davon ist, dass ich so auf mich konzentriert bin, dass ich keine Chance habe, über meine Umwelt nachzudenken in der eine Gefahr lauert, die sich jede Sekunde auf mich stürzen könnte. Obwohl es proppenvoll ist vor dem Kino, spüre ich nicht den Ansatz einer Panikattacke aufkommen und das wird mir erst bewusst, als wir uns von Zoe verabschiedet haben und ich neben Sophia im Wagen sitze.

»Alles gut bei dir?«, will meine Freundin wissen, während ich den Gurt anlege. Im selben Augenblick vibriert das Handy in meiner Tasche und ich sehe, dass ich eine Nachricht mit Anhang bekommen habe.

 

Ryan: Wie soll ich dem Typen jetzt klarmachen, dass er die Nachricht von einem Kerl bekommen hat?

 

Meine Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, als ich das Bild von einem Chat öffne, in dem der Typ eine sehr perverse Antwort auf Ryans Nachricht gibt, die kein Stück anständig ist. Meine Wangen färben sich ein wenig rot, als mir bewusst wird, dass wirklich Ryan diese Worte geschrieben hat.

Wie würde wohl so eine Nachricht an mich aussehen?

»Eve?«, holt Sophia mich aus meinem Kopf, der in eine andere Dimension abdriftet. »Was ist los?«

»Nichts«, erwidere ich leise, stecke das Handy zurück und versuche nicht an die Worte zu denken. »Es ist alles gut. Lass uns fahren.«

 

 

Das Wochenende und die darauffolgenden Tage sind viel zu schnell vergangen. Als Ryan mich Montagmorgen abholt ist es, als wäre absolut nichts in diesem Kino vorgefallen. Ich habe mich nicht getraut, auf seine SMS zu antworten, obwohl der Drang riesig war. Leider bin ich nicht sicher, ob ich mir selber vertrauen kann, und habe ein wenig Angst, dass das einfache Geplänkel von meiner Seite aus in einer heftigen Flirterei enden könnte. Ich würde sein selbstgefälliges Grinsen nicht ertragen können.

Daher bleibe ich die Tage ruhig und halte mich an unser festes Muster, das wir die letzten Tage bereits einstudiert haben. Es ist ein Ritual, mit dem ich gut umgehen kann und ich habe das Gefühl, dass es Amy auch guttut.

So läuft es gut und funktioniert.

Bis zu dem Moment, in dem ich mit dem Auto Dienstagabend alleine zum Training fahre.

Ich habe den Weg nur mit leichter Atemnot überstanden und es sogar hinbekommen den Motor auszustellen.

Allerdings sitze ich jetzt seit zwanzig Minuten in der gleichen Position und umklammere das Lenkrad. Ich glaube, das Training hat bereits angefangen und ich weiß, dass es Ärger geben wird, aber meine Muskeln protestieren bereits bei dem Versuch eine Bewegung zu machen.

Eine Möglichkeit wäre, dass ich wieder nach Hause fahre, aber ich muss in eine Art Schockstarre gefallen sein, wie es bei den Eidechsen ab einer bestimmten Temperatur geschieht. Sie sind nicht mehr in der Lage sich zu bewegen, egal ob sie der Fluchtinstinkt überrollt oder nicht.

Mist.

Ich komme mir vor wie eine verschreckte Sechsjährige.

Diese Empfindung wird eine Sekunde später bestätigt, als es am Fenster klopft, ich zusammenzucke und einen spitzen Schrei ausstoße.

Meine Finger bohren sich in die Verkleidung des Lenkrades und ich drücke mich, so tief es geht in den Sitz, während ich mit weit aufgerissenen Augen auf Ryan Paxton starre, der leicht schockiert meinen Blick erwidert. Einen Wimpernschlag verharren wir beide, dann löst er sich und reißt die Fahrertür auf.

»Verdammt, Jones. Was machst du hier?«, will er wissen und ich kann Sorgenfalten auf seiner Stirn erkennen.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, gebe ich überraschenderweise zurück, anstatt zu stammeln oder in Tränen auszubrechen. Ryan ist anzusehen, dass er ebenfalls nicht mir so einer Reaktion gerechnet hat. Er legt den Kopf schief, seine Brauen wandern ein Stück nach oben und sein Mund steht ein Stück offen.

Nicht. Auf. Die. Lippen. Schauen.

»Ich habe mein Wasser im Wagen vergessen und wollte dich anrufen, weil du nicht aufgetaucht bist.«

»Ich bin doch hier.«

»Aber nicht in der Halle.«

»Aber in Reichweite. Das zählt doch auch.«

»Ich fürchte nicht, wenn du Coach Kim fragst«, erwidert er leicht amüsiert.

Dabei fühle ich mich alles andere als belustigt.

»Nächstes Mal fahre ich dich doch«, seufzt Ryan und beugt sich unerwartet über mich. Seine langen Arme greifen nach der Sporttasche, die auf dem Sitz neben mir steht und ich wünschte, der Sitz würde noch ein Stück mehr nachgeben, damit seine Körperhitze mich nicht auf so eine angenehme Art in Beschlag nehmen könnte. Ich will die Luft anhalten, doch er ist zu nah und es kommt zu plötzlich, als dass ich ausweichen könnte. Seine Hand liegt neben meinem Oberschenkel, als er die Tasche über mich zieht und sich langsam wieder entfernt. Dabei streift sein Arm meinen und ein Stromschlag jagt hindurch bis in meine Fingerspitzen.

»Komm schon, Jones«, fordert er mich geduldig auf.

Ich hasse es, dass seine Stimme so sanft sein kann.

Denn sie alleine sorgt dafür, dass meine Muskeln ein Eigenleben entwickeln und ich aus dem Wagen steige. Angespannt bleibe ich vor Ryan stehen, der mir den Autoschlüssel aus der Hand nimmt und abschließt.

»Na los. Sonst werden die misstrauisch«, fordert er mich auf und mit einem gequälten Gesichtsausdruck, schließe ich mich ihm an. Seine Augen wandern immer wieder zu mir und ich bin mir sicher, dass er sich darauf vorbereitet mich einzufangen, sobald ich mich umdrehe, und anfange zu rennen. Zwar bin ich nicht langsam, doch ich habe die wage Vermutung, dass ich gegen ihn keine Chance habe.

Stattdessen muss ich also der eiskalten Realität ins Auge schauen, die sich mir in Form einer Tür zur Halle offenbart, die er mir aufhält. Schweigend laufen wir zu den Umkleiden und ich bin versucht mir Zeit zu lassen, doch Ryan würde nach einiger Zeit bestimmt schauen, ob alles in Ordnung ist. Daher ziehe ich mich so schnell es geht um und verdränge, dass er draußen an der Wand gelehnt auf mich wartet. Die Wasserflasche an mich gedrückt, geselle ich mich zu ihm und er zwingt mich vorzugehen.

Es ist alles irgendwie in Ordnung und ich kriege Luft, bin nur leicht aufgeregt.

Bis zu dem Moment, in dem ich über die Schwelle zur Halle trete.

Mein Magen dreht sich von innen nach außen und kalter Schweiß tritt mir auf die Stirn. Stimmen dringen echoartig an meine Ohren und der Boden unter meinen Füßen gerät ins Wanken. Jemand sagt meinen Namen, als die Wasserflasche mir aus den Händen gleitet und ich mich umdrehe. Ich presse die Hand vor den Mund und spüre Ryans Arm, der jedoch sofort loslässt, als er bemerkt was los ist.

Taumelnd renne ich zurück zur Umkleide, stoße die zu den Toiletten auf, die laut gegen die Wand knallt. Meine Knie geben in dem Moment nach, in dem die Toilette in Reichweite ist und ich lasse mich auf die kalten Fliesen fallen, während mein Magen sich entleert. Mit den zittrigen Händen stütze ich mich ab, als mein Zopf droht nach vorne zu fallen. Ich würde ihn gerne wegstreichen, ehe die zweite Welle der Übelkeit mich erreicht, doch ich schaffe es nicht.

Ich fühle mich absolut hilflos.

Die Vorstellung, dass einer aus dem Team mich gleich so sieht, treibt mir Tränen in die Augen. Meine Hände ballen sich dabei zu Fäusten, als aus dem Nichts meine Haare nach hinten genommen werden. Ich will mich umdrehen und fragen, doch da zieht mein Magen sich bereits erneut zusammen.

»Ich kümmere mich drum, Coach Kim«, vernehme ich Ryan Paxton zwischen meinem Würgen. Es gibt ein leises Gemurmel und obwohl mein Magen keine Ruhe gibt, bin ich furchtbar glücklich, dass er bei mir ist und niemand anderes. Erschöpft sacke ich ein Stück zur Seite und pralle gegen etwas hartes, warmes, das seine langen Arme um meinen Rücken schlingt, damit ich nicht zur Seite kippe. Die Toilettenspülung wird betätigt und das Rauschen des Wassers mischt sich mit den lauten Stimmen, die aus der Turnhalle kommen.

»Mensch, Jones. Was ist bloß los mit dir?«, flüstert Ryan nah an meinem Ohr, während er mich festhält, und meine Augen sich ein Stück schließen. Er hat die Frage eher an sich selbst gestellt, doch ich bin versucht zu antworten, als er mir mit einem feuchten Lappen den Schweiß von der Stirn wischt. Wo hat er den überhaupt so schnell herbekommen?

Seine Hand streicht sanft über meinen Rücken, während mein Kopf schwer wird und langsam gegen seine Brust sinkt. Ein gleichmäßiger Herzschlag findet den Weg in mein Ohr. Der feuchte Stoff fährt über mein Gesicht und entfernt den Angstschweiß. Schweigend findet meine Hand den Saum seines Shirts und meine Finger vergraben sich darin. Ich brauche etwas, um nicht den Kontakt zur Realität zu verlieren. Kurz hält er inne und sein Atem, der bis eben noch über meinen Hals gestrichen ist, stockt einen Atemzug. Seine Finger graben sich in meinen Rücken.

Ich schlucke schwer, doch diesmal ist es nicht die Übelkeit, die mir zu schaffen macht.

»Habe ich gerade irgendeine Grenze überschritten?«, kommt es krächzend aus meinem Mund, ohne das ich die Augen öffne.

Die Worte sind draußen, ehe ich darüber nachdenken kann, was ich gerade gesagt habe.

»Was?« Ryan löst sich aus seiner Starre und meine Mundwinkel verziehen sich ein Stück. Keinen blassen Schimmer weswegen, aber es geschieht. Wenn ich meine aktuelle Lage reflektiere, gibt es keinen Grund zum Lächeln. Ich sitze kotzend auf dem Klo in der Turnhalle, muss irgendwie noch eine Rechtfertigung für mein Zuspätkommen zurechtlegen und wahrscheinlich zerreißen sich so ziemlich alle darüber den Mund. Die Tatsache, dass Ryan jetzt bei mir sitzt, verbessert die Ausgangslage auch nicht wirklich. Ich denke viel mehr, dass es zu einer gigantischen Komplikation mit Zoe führen könnte, auch wenn zwischen ihm und mir nichts läuft.

»Keine Ahnung. Ich hänge nur seltsam in deinen Armen und kralle mich an deinem Shirt fest«, murmle ich mit schwerer Stimme. »Könnte ja sein, dass das so ein No-Go-Ding für dich ist, weil das eine Bindung oder so aufbaut.«

»Hast du dir den Verstand aus dem Kopf gekotzt oder was ist mit deinen Gehirnzellen passiert?« Seine Brust bebt leicht, als das beruhigendste Lachen, das ich je vernommen habe, durch den Raum schallt.

»Muss sie auf dem Weg von der Turnhalle zum Klo verloren haben.«

»Wenn du willst, beauftrage ich Dean und Miles nach ihr zu suchen.«

Seit wann ist ein Lächeln in der Stimme so verdammt schön?

»Keine Ahnung, ob sich das rentiert«, brumme ich und hole tief Luft, drücke meine Nase dabei etwas mehr gegen sein Shirt, das so verdammt gut riecht.

»Weil du zu wenige oder zu viele Hirnzellen verloren hast?«, will er wissen und versucht gar nicht erst, die Belustigung über dieses sinnlose Gespräch zu vertuschen.

»Ich glaube, ich hatte schon wenige und habe die restlichen auch verloren. Das würde zumindest erklären, warum ich mich an dich lehne und an deinem Shirt festhalte.« Kaum sind die Worte draußen, überfährt mich eine Welle der Peinlichkeit und lässt das Blut in meine Wangen schießen. Wenigstens habe ich die Augen geschlossen und kann beten, dass er das nicht bemerkt.

»Ich denke eher, dass du einen schwachen Moment hast und meiner starken, unglaublich männlichen Brust nicht widerstehen konntest.«

»Ich glaube, mir wird wieder schlecht«, grinse ich mit geschlossenen Lidern, als ich Finger unter meinem Kinn spüre. Sanft wird mein Kopf nach oben gedreht und ich weiß, dass mich diese verfluchten Augen erwarten werde, sobald ich die Lider aufschlage.

»Jones«, ermahnt Ryan mich langsam, als ich die Augen noch etwas fester zusammenkneife.

»Kann ich nicht noch einen Moment länger in der Dunkelheit bleiben? Die ist wirklich angenehm.«

»Jones«, kommt es bestimmender und nur widerwillig öffne ich die Augen. Obwohl ich auf dieses Blau eingestellt war, trifft es mich mitten in die Brust. »Geht’s wieder?«

Wie weit sind unsere Gesichter voneinander entfernt? Zehn Zentimeter? Und hat er immer so eine angenehme warme Haut?

»Ja«, presse ich hervor, während eine Gänsehaut über meine Wirbelsäule schießt, als sein Daumen sanft über mein Kinn fährt, wobei er mein Gesicht intensiv mustert.

Wenn das hier die Hölle ist, möchte ich gerne bleiben und für den Wunsch, würde ich mich am liebsten erhängen.

»Du bist noch ein wenig blass, aber ansonsten geht’s. Deine verlorenen Hirnzellen sieht man dir jedenfalls nicht an.« Sein Mund verzieht sich zu einem schiefen Grinsen.

Ryan Paxton sitzt neben mir, hält mich in den Armen und sieht dabei noch so verdammt süß aus, dass ich das Gefühl habe, an Diabetes zu erkranken. Auch wenn Typen es hassen so umschrieben zu werden, so fällt mir gerade wirklich nichts anderes ein.

Ich habe nicht nur ein paar Gehirnzellen verloren.

Mein ganzer Kopf scheint sich auf dem Weg in Luft aufgelöst zu haben.

»Dann glaubst du, dass ich so unter die Augen der anderen treten kann?«, will ich wissen und löse meine verkrampften Finger von seinem Shirt.

»Es fällt mir wirklich schwer, das jetzt auszusprechen«, seufzt er und nimmt seinen Arm von meinem Rücken. »Aber mir fällt kein Outfit ein, in dem du den Leuten nicht gegenüber treten könntest.«

Sekunde.

Ist das gerade ein Kompliment?

Ich blinzle verdutzt, starre auf Ryans Hand, die er mir hinhält, um mir aufzuhelfen.

»Ja, Jones. Das war positiv gemeint«, antwortet er auf meine unausgesprochene Frage, die mir wahrscheinlich ins Gesicht geschrieben steht.

»Sorry, ich bin’s nicht so gewöhnt, dass du mir Komplimente machst.« Ich räuspere mich und meide seinen Blick, als ich meine Hand in seine lege und mir helfen lasse.

»Falls du dich nicht erinnerst: Ich habe dir bei unseren ersten Begegnungen einen Haufen Komplimente gemacht.«

»Kam mir nicht vor, als wären die ernst gemeint gewesen«, erwidere ich, als der Raum sich etwas dreht und ich mich an Ryans Hand klammere, um nicht umzufallen.

»Glaub mir: Ich sage keiner Frau, dass ich mit ihr schlafen will, wenn ich es nicht wirklich so meine.« Die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme bewegt mich dazu, zum Waschbecken zu taumeln und den Blick abzuwenden. Ja, ich weiß, dass da vor mir gerade nicht der lustige Ryan Paxton steht, der immer dämliche Sprüche macht. Gerade hat er in den Männer-Paxton-Modus geschaltet, der meine Selbstsicherheit – die angeschlagen ist – ins Nichts vertreibt. Wie soll ich denn auf sowas antworten?

Ich versuche zu Schlucken, obwohl mein Hals sich in eine trockene Wüste verwandelt hat in der keine Oase, in Sicht ist. Das Rauschen des Wassers übertönt das Schweigen zwischen uns. Ich will etwas antworten, aber mir will kein Satz einfallen, der Sinn ergibt. Also spüle ich meinen Mund mit Wasser aus und versuche ruhig zu atmen in dem Wissen, dass er hinter mir steht und mich beobachtet. Ich kann seine Umrisse im Spiegel erkennen, obwohl ich mich nicht darauf konzentrieren will. Ich sehe die angespannten Sehnen seiner Arme, die er vor der Brust verschränkt hat. Die schmale Taille und die langen Beine, die auf dem Boden stehen, als würden sie genau so dahin gehören.

Kann der nicht wenigstens eine Sekunde mal zeigen, dass er verunsichert ist? Wie schafft er es bloß, dauernd so überzeugt zu sein?

Ich muss mir das von ihm abschauen. Bevor ich zurück in die Halle gehe und mich diesen ganzen Leuten stelle, muss ich genau so selbstsicher sein. Ansonsten werde ich zusammenbrechen oder dämlich stotternd vor Coach Kim stehen, während sie mir vielleicht die Hammelbeine lang zieht. Gut, sie hat mitbekommen, dass ich mich übergeben habe, aber reicht das?

»Willst du nach Hause?«

Ich hebe den Kopf und treffe auf Ryans Blick, der mich durch den Spiegel ansieht. Ich ignoriere den hübschen Oberkörper und die Augen, richte mich etwas mehr auf. So gern ich auch klein beigeben würde: Das werde ich jetzt garantiert nicht tun.

»Nein, ich gehe jetzt in die Halle zum Training.« Überzeugung schwingt in meiner Stimme mit und veranlasst mich den Rücken etwas gerade zu machen. Ich recke das Kinn in die Höhe, wie ich es immer getan habe, bevor ich auf die Matte gegangen bin.

»Das halte ich für keine gute Idee«, erwidert Ryan bedächtig, als ich mich zu ihm umdrehe. Zweifel ist in seiner Miene zu erkennen, aber das werde ich jetzt nicht an mich ranlassen.

Nach dem Training darf ich zusammenbrechen, aber Amy hat recht: Ich darf es mir ansonsten nicht anmerken lassen und muss weitermachen.

»Ich schon«, gebe ich etwas trotzig zurück und versuche, die letzten Brocken Angst herunterzuschlucken, als ich an ihm vorbeigehe. Ryan murmelt etwas, was wie ein leiser Fluch klingt, doch er hält mich nicht auf. Ich kann seinen Blick in meinem Rücken spüren und bin mir sicher, dass er versucht zu verstehen, was hier gerade mal wieder passiert.

Verdammt.

Ryan hat sowas schon viel zu oft bei mir mitgemacht, obwohl ich das gar nicht wollte und er hat sich nicht ein Mal beschwert. Wie soll ich das denn jemals wieder gut machen? Und um Amy kümmert er sich auch irgendwie.

Ich gebe ein Schnauben von mir und schiebe die Schuldgefühle, die sich wie Teer an meine Brust klammern beiseite, als ich die Tür zur Halle öffne. Einen Moment glaube ich, dass mich keiner bemerkt, doch dann werden die Stimmen leiser, bis sie ganz verstummen.

Kopf hoch.

Egal wie scheiße das hier gerade ist.

Ryan trottet hinter mir her, als ich zielsicher die Gruppe von Footballern ansteuere, bei der Coach Kim steht und irgendwelche Techniken erklärt. Mit gerunzelter Stirn beobachtet sie wie ich mich mit Ryan zu der Runde stelle und sie aufmerksam betrachte, als würde der Rest um mich nicht existieren.

»Habe ich euch dahinten irgendetwas von aufhören gesagt?!«, pfeffert Coach Kim plötzlich über die Köpfe hinweg zur anderen Seite der Halle, wo der Rest des Teams trainiert. Die Leute, die bis eben wie Ausstellungsstücke stehen geblieben sind, setzten sich hastig in Bewegung und das Gemurmel setzt wieder ein.

»Gut, hat noch wer fragen?«, will sie leicht kopfschüttelnd von den Leuten wissen, die um sie versammelt sind. Blicke werden getauscht und einige schütteln langsam den Kopf. »Schön. Dann legt mal los.« Ermutigt klatscht sie in die Hände, woraufhin die Masse sich langsam in Bewegung setzt und zu kleinen Gruppen zusammenfindet. Natürlich hat Coach Kim nicht vor, mich einfach davonkommen zu lassen. Nein, die Frau steuert mich direkt an und wie bei unserer ersten Begegnung, habe ich keinen Fluchtweg parat. Innerlich wappne ich mich für eine ordentliche Kopfnuss, aber stattdessen landet ihre Hand sehr behutsam auf meiner Schulter und sie mustert mich mit einem besorgten Ausdruck.

»Geht’s dir wieder besser?«, will sie leise wissen und ich bin von der sanften Stimme, die mir entgegenschlägt ein wenig entwaffnet. Ich bringe lediglich ein Nicken und so etwas wie ein zaghaftes Lächeln zustande. Einen unendlich langen Moment beobachtet sie mich, als würde sie darauf warten, dass ich jeden Augenblick in Tränen ausbreche. Doch das werde ich nicht tun. »Gut, gut. Dann gesellt euch mal zu Emily. Die kann noch einen Flyer und einen Scoop gebrauchen.«

»Klar«, stimme ich zu, dann dreht sie sich um und geht.

»Was kann Emily noch gebrachen?«, kommt es verwirrt von der Seite und ich schaue zu Ryan, der mich ansieht, als hätte ich eine Krankheit.

»Wirst du gleich merken«, sage ich, als wir uns in Bewegung setzten und zu Emily trotten, die noch drei andere Footballer bei sich stehen hat. Neugierig werden wir beäugt, als wir uns dazustellen. Doch keiner von ihnen lässt einen Kommentar fallen.

»Paxton, du kommst hier hin«, erklärt Emily sofort, deren rot-braune Haare heute in einem lockeren Dutt sitzen und deutet auf die Stelle vor sich. Dean und ein weiterer Footballer names David stellen sich gegenüber hin und mit einem Zittern im Magen stelle ich mich zwischen die Beiden.

»Okay, wir gehen von dem Hanging Drill hoch in den Elevator und danach wieder zurück«, erklärt Emily und schaut dabei fragend zu den Jungs, die ein wenig überfordert werden. Demonstrativ geht sie etwas in die Knie und tut so, als würde sie meinen Fuß halten, dann streckt sie sich, und drückt die Arme nach oben und geht danach wieder runter auf Schulterhöhe. »Und von da wieder zurück zur Ausgangsposition.«

»Und was soll ich machen?«, fragt Ryan hinter mir und starrt dabei auf meine Füße, als würden die irgendwelche Kunststücke können.

»Du gehst an die Fußgelenke und beim runtergehen fängst du ihren Arsch ab.«

Dean und David wenden sie zu Paxton, der einige Male blinzelt.

»Was meinst du mit Arsch abfangen?«

»Naja. Wenn sie runtergeht, gehst du mit den Händen an ihren Hintern, damit sie nicht nach hinten kippt.«

»Echt jetzt? Ich soll ihr an den Arsch packen?«

Seit wann ist der Herr denn so prüde?

»Ja, Paxton, du sollst und musst mir an den Arsch packen, damit ich nicht auf den Boden knalle«, sage ich und drehe mich dabei zu ihm um. Seine Augen treffen auf meine und ich kann das leichte Unbehagen darin aufflackern sehen.

»Ich habe also wirklich deine Erlaubnis.«

»Ja«, gebe ich kurz zurück, woraufhin er langsam nickt.

»Ich glaube, ich finde diesen Sport immer besser«, murmelt er, als ich mich umdrehe.

Vollidiot.

Trotzdem lächle ich.

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