32. Ryan

»Du wirst verfolgt«, wiederhole ich und versuche die ganzen seltsamen Situationen mit ihr zu verstehen, die ich hatte.

»Verfolgt von einem Stalker, ja.« Sie klingt erschöpft, schließt einen Moment die Augen, während ich die Toilettenspülung betätige, nur um irgendetwas zu tun.

»Ein Stalker«, sage ich leise, um es mir selber klarzumachen, weil es völlig verrückt klingt. Meine Ungläubigkeit oder etwas anderes lässt die Mundwinkel von Evelyn zucken.

»Einer wie in einem beschissenen Krimi oder Thriller. Kaum zu glauben, was?«

Ich habe keine Antwort parat. Nicht ein Wort, ein Satz, der irgendwie zu dem Moment passt. Normalerweise gibt es Standardsprüche für alle möglichen Momente, aber was zum Teufel soll ich einer Frau sagen, die verfolgt wird?

Mach dir nichts draus?

Der ist bestimmt hässlich?

Könnte schlimmer sein?

»Eve?!« Der Ruf wird durch polternde Schritte begleitet, woraufhin Amy mit Sorgenfalten auf der Stirn die Treppe heruntergepoltert kommen. Bevor ich einen Gedanken daran verschwenden kann, etwas zu sagen, entdeckt Amy den Korb mit den Muffins, die über den Boden verteilt sind. Kurz Verwirrung huscht über ihr Gesicht, doch dann scheint sie ein Detail zu bemerken, dass mir einfach nicht einfallen will.

»Sag mir, dass der von dir ist und ich mich irre«, wendet Amy sich atemlos an mich.

Zu gerne würde ich jetzt mit ja antworten, doch mir bleibt nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln.

»Wenn er von ihm wäre, wäre mir zwar auch die Galle hochgekommen, aber ich würde nicht aufm Boden hocken, Amy«, mischt Evelyn sich trocken ein und öffnet träge die Augen. Sie erinnert mich an eine Betrunkene. Nur ist es nicht der Alkohol, der sie in so einen Zustand versetzte. Vielleicht Angst? Panik? Oder das Adrenalin, das bestimmt durch ihre Adern prescht, wie das Wasser, das vom Niagara fällt.

»Gran!«, schreit Amy die Treppe hinauf und es dauert nicht lange, da ertönen die nächsten Schritte. Elizabeth Jones kommt in mein Sichtfeld, als sie langsam die Stufen hinabsteigt, als wäre es ein Laufsteg. »Er ist zurück.«

Amys Worte unterbrechen den glamourösen Auftritt. Das nette Lächeln wird von ihrem Gesicht gewischt, sie erstarrt einen Wimpernschlag lang. Dann findet ihr Blick auch den Korb und schlagartig legt sich ein panischer Ausdruck in ihre Augen. Die langsamen, eleganten Schritte, werden zu schnellen, als sie die Treppe nach unten rennt und in das Bad schaut.

»Mach es nicht dramatischer, als es ist«, brummt Evelyn vom Boden, als Gran sich an dem Türrahmen stützt und zu ihrer Enkelin schaut.

»Es ist dramatisch«, entgegnet Gran heiser. »Amy, ruf deine Mutter und anschließend die Polizei an.«

»Lass Mum in Ruhe arbeiten. Sie wird es früh genug erfahren.«

»Das Thema hatten wir bereits, Evelyn«, poltert ihre Großmutter dazwischen und nichts erinnert mich mehr an die gelassene Frau, die sie eigentlich ist. »Deine Mutter will sofort informiert werden und dem Wunsch werde ich ihr nicht untersagen. Egal in was für einer unverständlichen Midlife Crisis sie sich gerade befindet.«

Plötzlich bricht das Chaos aus. Gran und Amy reden hektisch miteinander, während sie durch die Wohnung stürmen. Ich versuche, ihnen zu folgen, will etwas tun, bis mein Blick auf Evelyn fällt, die immer noch in der Ecke sitzt. Sie wirkt wie ein angeschossener Soldat. Jemand, der nicht in der Lage ist, etwas an der Situation zu ändern.

Und verdammte scheiße, in dieser Sekunde tut sie mir unfassbar leid.

Ich lasse die beiden Frauen ihren Notfallplan besprechen, während sie Nummern wählen, und überbrücke die letzten zwei Meter zwischen uns.

Ich habe tausend Fragen und wahrscheinlich kommen mit jeder Antwort drei neue hinzu. Trotzdem schaffe ich es, mich zurückzuhalten und Evelyn die Hand hinzuhalten.

»Der Boden ist ziemlich kalt.«

Meine Worte bringen sie dazu, aufzuschauen.

»Stimmt«, erwidert sie leise und starrt auf meine Hand, als wäre das ein schlechter Scherz.

»Ich glaube, es wäre sinnvoller, wenn du dich aufs Sofa setzt. Vielleicht mit einem starken Drink?«

Ich gebe mir größte Mühe normal zu wirken. Als wäre das eine der üblichen Unterhaltungen oder Diskussionen, die wir führen. Es ist schwer, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass über ihrem Kopf gerade eine Menge zusammenkracht und auch, wenn Amy und Elizabeth es nur gut meinen, wäre ein Drink besser für sie. Wahrscheinlich würde Evelyn danach alles selber in die Hand nehmen. Zumindest würde ich sie so einschätzen.

»Ich glaube, Gran versteckt noch einen alten Gin von Grandpa in der Küche«, sagt sie leise, als sie ihre Hand in meine legt. Ihre Haut ist sanft und eiskalt, als ich zugreife und sie hochziehe. Ich ignoriere die Bienen, die durch meine Adern summen und schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln.

»Okay, dann klaust du den jetzt heimlich und ich hole gerade den Wagen von der Turnhalle ab. Es macht keinen Sinn, wenn ich hier noch im Weg stehe, wenn gleich wirklich die Polizei kommt.« Meine Stimme ist nur ein Hauch und ich beuge mich etwas weiter zu Evelyn, damit ihre Großmutter und ihre Schwester uns nicht hören.

»Du kommst wieder?«

Ihre Frage überrascht mich, lässt mich verdutzt blinzeln.

Verdammt. Ich habe ihr keine Wahl gelassen.

»Nur, wenn es dir recht ist«, lege ich eilig nach, um sie nicht noch mehr in eine Ecke zu drängen.

Ich schaue in diese hübschen Augen, die so unergründlich sind, als sie langsam nickt.

»Evelyn, die Polizei ist in fünf Minuten hier und deine Mum macht sich sofort auf dem Weg«, informiert Elizabeth uns, was dazu führt, dass Evelyn einen langen Moment die Augen schließt.

»Beeil dich, bitte«, murmelt sie und drückt meine Hand etwas fester, ehe sie loslässt und eine seltsame Kälte zurücklässt. Dabei waren ihre Hände doch eisig, oder?

»Ryan? Willst du was trinken?«, wendet Elizabeth sich an mich, während Evelyn mit Amy in die Küche geht und aus meiner Reichweite verschwindet.

»Nein, ich fahre jetzt zur Turnhalle und hole ihren Wagen ab«, erkläre ich und steige über die umgefallenen Muffins.

»Dann steht dein Wagen doch dort?«

»Schon gut, ich nehme den Bus.«

»Um die Zeit? Das ist doch Schwachsinn. Ich fahre mit.«

Ich wage es nicht zu widersprechen. Die Frau hat einen Ausdruck auf dem Gesicht, der mich ein wenig einschüchtert. Irgendeine Mischung aus Entschlossenheit und Beschützerinstinkt, der nicht an eine alte Dame erinnert.

Sie schlüpft in eine Jacke, die an der Garderobe hängt und steigt in ein paar Stiefel. Ihre Handtasche ist bereits griffbereit und sie ruft Amy noch etwas zu, als sie die Tür hinter sich zuzieht. Dann stampft sie mit erhobenem Haupt und Adlerblick los. Ich bin erst verwirrt, doch dann verstehe ich, warum sie jeden Grashalm im Vorbeigehen untersucht, denn mich überkommt dasselbe Bedürfnis.

Ich will sichergehen, dass der Kerl sich nirgendwo in der Nähe aufhält.

»Sollten wir nicht warten, bis die…«

»Er hat sich noch nie blicken lassen und Amy weiß, wie man sich mit einer Pfanne verteidigt. Außerdem besitzt Mr. Jenkins eine Schrotflinte, die er abends immer bereithält. Sollte etwas sein, brauchen die beiden nur schreien und rüberrennen«, erklärt sie im Gehen.

Ich werde niemals nachts um deren Haus schleichen.

Meine Muskeln sind angespannt, als ich Elizabeth die Schlüssel gebe und auf der Beifahrerseite einsteige. Paranoia hat sich um meinen Nacken geschlungen und zwingt mich weiter Ausschau zu halten. Dabei ist der Typ doch längst weg, oder?

Der Motor fängt viel zu sanft an zu Summen für so einen chaotischen Abend. Das gleichmäßige Geräusch passt nicht ansatzweise zu den Fragen und Gedanken, die durch meinen Kopf schießen. Unruhe überfällt mich und meine Finger tippen in einem schnellen Takt auf die Armatur. Ich versuche Momente, Aussagen und Unterhaltungen zu ordnen, aber es fällt mir schwer, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Bis sich eine Sache klar herauskristallisiert.

»Deswegen haben Sie mich gebeten auf Evelyn aufzupassen.« Meine Worte sind kaum lauter als die des Wagens, doch ich sehe, wie Elizabeth mir einen Blick zuwirft, der mit Schuldgefühlen überladen ist.

»Tut mir leid«, seufzt sie und umfasst das Lenkrad etwas fester. »Ich hätte dich damals einweihen sollen.«

»Nein, es ist besser, dass sie es nicht getan haben.«

»Aber vielleicht wäre dir dann etwas aufgefallen«, entgegnet sie leise, während sie vor einem Stoppschild hält.

Nein, wäre es nicht. Ich hätte Evelyn nicht aus dem Haus gelassen oder wäre ihr wie ein dämlicher Wachhund überall hingefolgt. Allerdings sind das Gedanken, die nicht für ihre Ohren bestimmt sind. Ich presse die Lippen zusammen und schlucke das Gefühl herunter, das mit jedem Meter, der mehr zwischen Evelyn und mir liegt, in mir aufsteigt und schlimmer wird.

»Warum hat die Polizei den Kerl noch nicht geschnappt?«, übergehe ich ihre Aussage, um nicht weiter darüber Grübeln zu müssen, wieso ich mich so fühle, wie ich mich fühle.

»Es gibt keine Spuren. Wer auch immer er ist, er weiß es, sich versteckt zu halten.«

»Garnichts?«

»Garnichts.«

»Hat Evelyn denn keinen Verdacht oder…«

»Ich kann dir keine deiner Fragen beantworten«, werde ich sanft unterbrochen, als der Wagen zum Stehen kommt. »Evelyn spricht nicht gerne über das Thema und sie hat uns alles nur ein Mal erzählt, nachdem sie es der Polizei mitgeteilt hat.« Traurigkeit huscht über das sonst so fröhliche Gesicht.

»Sie hat nie mit euch gesprochen, wer es sein könnte?«

»Nein, ihre Vermutungen hat sie der Polizei mitgeteilt, aber das scheint zu nichts geführt zu haben. Sonst wäre er nicht wieder aufgetaucht.«

Wie ist sowas möglich? Es muss doch irgendetwas geben, was zu dem Kerl führt?

»Vielleicht spricht sie mit dir.«

»Mit mir?!« Meine Augenbrauen schießen in die Höhe. »Ich glaube nicht, dass sie mit mir spricht, wenn sie schon nicht mit euch redet«, gestehe ich zweifelnd.

»Das Schlimmste, das passieren kann, ist das sie nichts sagt, oder?«

 

 

Elizabeth Jones hat mich an der Turnhalle rausgelassen und ist mit meinem Wagen zurückgefahren. Ich habe den anderen genommen und habe auf dem Rückweg noch zwei Stopps eingelegt. Zum einen bin ich nicht besonders scharf darauf, in eine Befragung zu platzen und zum anderen, musste ich erstmal das mulmige Gefühl im Magen loswerden, das leider stärker wird, seit ich mich dem Haus nähere.

Die Gegend, die mir immer so ruhig und friedlich erschien, hat plötzlich eine sehr bedrohliche Ausstrahlung angenommen und während ich an der Straße halte, frage ich mich, wann der Typ hier war, um den Korb abzustellen. Hat er gewartet und uns beobachtet? Ist er schnell verschwunden? Hat er versucht, ins Haus zu kommen?

Ich schüttle den Kopf, um die wirren Vorstellungen loszuwerden und greife mir die zwei Tüten, die auf dem Sitz neben mir stehen. Die Vorhänge am Haus sind zugezogen und verdecken das, was innen geschieht. Ob die Polizisten noch da sind?

Ich steige aus dem Wagen, werfe einen ausschweifenden Blick in die Nachbargärten, ehe zu der Haustür gehe. Mein Nacken kribbelt verdächtig dabei, aber ich unterdrücke den Drang zurückzuschauen.

Verflucht.

Ich fühle mich schon so seltsam. Wie geht es dann wohl Evelyn dabei?

Mit angespannter Miene drücke ich die Klingel und kurz darauf, wird die Haustür geöffnet. Wortlos lässt Amy mich eintreten und schließt die Tür hinter mir. Anschließend beginnt sie eine Reihe von Türschlössern zu verriegeln, die mir bisher nie aufgefallen sind. Ich will fragen, doch das Wort bleibt mir im Hals stecken. Also lasse ich sie ihre Arbeit machen und gehe in das Wohnzimmer, von dem eine unbekannte Schwankung ausgeht, die nichts mehr mit dem Chaos zutun hat, das ich von sonst kenne. Es läuft keine Musik, niemand redet und auf dem Herd ist auch nichts am Kochen. Am Esstisch sitzen lediglich zwei Gestalten, die ihren Gedanken nachzuhängen scheinen.

Hier ist es schlimmer als auf jedem Friedhof.

»Ich wusste nicht, ob ihr was bestimmtes mögt, also habe ich einfach ein paar Sachen mitgebracht«, sage ich und stelle die Plastiktüte auf dem Tisch ab. Die Frauen scheinen aus ihrer Trance zu erwachen, während ich verschiedene Verpackungen öffne und auf dem Tisch ausbreite. Ich bemerke die neugierigen Blicke, als ich eine Wein hervorziehe und sie ebenfalls abstelle. »Ich dachte mir, dass ein Schlummertrunk angebracht ist«, erkläre ich, woraufhin Elizabeth überrascht die Augen hochzieht. »Sollte einer von euch trockener Alkoholiker sein, nehme ich den natürlich sofort wieder mit.«

»Um Gottes willen, nein. Lass den bloß hier!«, stöhnt Lynn und greift nach der Flasche, während sie sich erhebt. Ich schaue zu Amy, die mir ermutigend zunickt. Scheinbar habe ich das hier also richtig gemacht.

Allerdings fehlt Evelyn.

»Sie ist oben in ihrem Zimmer«, liest Amy meine Gedanken und öffnet dabei eine Schachtel, aus dem eine kleine Dampfwolke steigt. »Nach dem Gespräch mit der Polizei ist sie hochgegangen und hat sich eingeschlossen.«

Weingläser klirren leise hinter mir und ein Scharnier quietscht, als Lynn eine Schranktür schließt. Papier kratzt über den Tisch, während ich unschlüssig innehalte.

Sie wollte, dass ich wiederkomme. Hat sie ihre Meinung geändert?

»Ihr Zimmer ist ganz oben. Das auf dem keine Schilder kleben, die jedem vor dem Eindringen warnen«, murmelt Elizabeth und nimmt ein Glas von Lynn entgegen, die sich langsam auf einen Stuhl gleiten lässt.

Ich bin mir sicher, dass diese Aussage unter normalen Umständen zu einer Diskussion geführt hätten, doch Amy bleibt stillschweigend über ihr Essen gebeugt. Ich bringe ein Nicken zustande, während sich ein dicker Kloß in meiner Speiseröhre festsetzt, obwohl ich noch nichts gegessen habe. Ich setzte mich mit der Tüte in der Hand, in Bewegung und steige die Treppe hinauf. Dabei überkommt mich das Gefühl in eine fremde Welt einzutauchen. Es war etwas anderes Evelyn in der Uni oder beim Training zu sehen. Dann wieder etwas Neues, als ich morgens das erste Mal in die Küche gekommen bin. Doch jetzt gerade bin ich dabei in ihre eigene Welt einzutreten.

Wie sieht wohl ihr Zimmer aus? Rose oder war sie eher der Orange-Typ? Kleben noch alte Poster an der Wand oder hat sie alles verändert, seit sie wieder hier ist?

Meine Gedanken überschlagen sich, als ich im obersten Stock ankomme und vor der verschlossenen Tür stehen bleibe. Nervös reibe ich die Finger, ehe ich mich überwinde zu klopfen.

Hoffentlich ist sie nicht am Weinen.

»Ich will nicht reden, Amy«, kommt es im barschen Ton durch die Holztür.

»Also ich habe keine roten Haare und wollte auch eigentlich nur …«

Bevor ich den Satz beenden kann, wird die Tür aufgerissen. Dann steht Evelyn mir gegenüber. In einem dunkelgrauen Schlabberpulli und der Leggins, die sie noch vom Training anhat. Das braune, lockige Haar ist in eine wilde Frisur gesteckt und dunkle Mascaraspuren hängen wie ein Schatten unter ihren großen Augen, die mich anstarren und den Atem anhalten lassen.

Reiß dich zusammen. Sie ist eben von der Polizei befragt worden!

»Lässt du mich rein?«, frage ich leise und ermahne mich nicht auf die Lippen zu schauen. »Ich hab auch was dabei, wofür sich das lohnt.«

Ihre Mundwinkel zucken leicht.

»Ich dachte, du kommst nicht wieder.« Sie macht einen Schritt zur Seite und lässt mich eintreten.

»Doch. Ich musste nur noch zwei Zwischenstopps einlegen«, erkläre ich, während meine Augen gierig das aufsauegen, was sie zu sehen bekommen. Das Bett mit den zerwühlten Laken, den alten Schreibtisch und den Stuhl, der davor steht. Die knallorangene Wand und die noch gepackten Kartons, die in der Ecke stehen.

»Zwischenstopps?«, wiederholt Evelyn und verschließt die Tür hinter mir.

»Ich dachte, dass du vielleicht etwas essbares vertragen kannst.« Ich gehe zum Schreibtisch und packe die kleinen Schachteln aus, die ich gekauft habe. »Hast du den Gin von deinem Grandpa gefunden?«, will ich wissen, als sie neben mich tritt.

»Ähm. Nein, Gran hat mich sofort aufs Sofa gezogen und mir Wasser hingestellt, als wäre ich psychisch labil.«

»Gut, dann wirst du wohl Whiskey oder Wein nehmen müssen. Was ist dir lieber?« Ich greife die Flaschen und drehe mich mit jeweils einer in jeder Hand zu ihr.

Ich habe keine Sekunde Zeit, um ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. In einer ungeheuren Geschwindigkeit, schlingt Evelyn ihre Arme um meinen Bauch und drückt ihren Kopf gegen meine Brust.

Und ich? Ich stehe wie der Idiot mit den zwei Flaschen in der Hand da und habe keinen blassen Dunst, was ich tun soll.

Mein Herz pocht verdächtig in meiner Brust, während ihr Körper sich an meinen drückt. Der Geruch von Erdbeeren steigt mir in die Nase und ich kann nichts dagegen tun, das mein Magen eine Achterbahnfahrt macht, wobei ich die Augen schließe.

Das fühlt sich gut an. Viel zu gut.

»Ich tausche«, dringt ihre leise Stimme an meine Ohren, obwohl sie gegen meine Brust spricht und ihr warmer Atem auf meine Haut trifft.

Nicht gut.

»Du tauscht?«, zwinge ich mich, möglichst ruhig zu wiederholen, als Evelyn sich langsam löst. Ohne mir ins Gesicht zu schauen, läuft sie zu einem Karton, der in einer Ecke steht und beginnt darin zu wühlen, wobei sie ihren viel zu hübschen Hintern in meine Richtung streckt, der in einer Leggins steckt.

Ich sollte keine Gedanken haben, die in eine nicht jugendfreie Richtung abdriften, aber es passiert. Die Lippen zusammengepresst, versuche ich nicht, daran zu denken, wie sich dieser Hintern wohl anfühlt, wenn…

Genug jetzt!

Diesen Gedanken kann ich nachhängen, wenn ich alleine zuhause oder unter der Dusche bin.

»Wein gegen die Kiste«, unterbricht Evelyn meinen inneren Zwiespalt, der sofort verstummt, als sie mich mit einem gequälten Lächeln ansieht.

»Was ist da?«, will ich wissen, während sie näher kommt.

»Schau rein.« Auffordernd streckt sie mir die Kiste entgegen, weswegen ich die beiden Flaschen abstelle und ihr sie abnehme. Ein ungutes Gefühl jagt durch meine Finger, als ich das Holz umschließe und sehe, wie Evelyn schwer schluckt.

»Sicher?«, hake ich nach, woraufhin Evelyn entschlossen nickt.

Was wird das hier?

Vorsichtig öffne ich die Kiste und finde Bilder, Briefe und Rosen wieder. Ein Schauer fährt über meinen Rücken, als ich eine verwelkte Rose nehme und sie vorsichtig halte.

»Was ist das, Evelyn?«, will ich wissen.

»Das ist der Anfang«, erwidert sie ruhig, doch ihre Augen schreien.

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