33. Evelyn

Emotionen überrollen mich wie ein LKW, als ich vor Ryan stehe, der die vertrocknete Rose und Kiste in den Händen hält. Ich weiß nicht was überwiegt. Trauer, Wut oder Angst. Dazwischen trudelt Freude und Hoffnung darüber, dass ich bei meiner Familie bin und gerade Ryan ins Vertrauen ziehe. Darunter zischt Misstrauen und Zweifel lang, weil ich immer noch nicht weiß, wer er denn ist.

Es ist das reinste Chaos. Und da ist dieses seltsame Kribbeln, das bei Ryan auftaucht nicht mal einberechnet.

Ich muss den Blick abwenden, kann nicht länger seinen Augen standhalten, die mich durchschauen. Nervosität wirbelt durch meinen Kopf, als ich mich umdrehe und zu meinem Bett gehe. Meine Knie werden weich, während ich mich auf die Matratze fallen lasse.

»Du musst nicht drüber reden«, vernehme ich diese sanfte Stimme, die mich aus Panikattacken reißen kann. Ein wehmütiges Lächeln schleicht sich auf meine Lippen, während ich mich zurücklehne und an die weiße Zimmerdecke starre, um ihn nicht anschauen zu müssen.

Ich schäme mich und es ärgert mich zu Tode.

»Ich weiß, dass ich nicht muss«, murmle ich, als er näher kommt und die Kiste mit ihm. Ich kann nichts gegen das tun, was durch meinen Kopf schießt. Die Bilder werden zu Worten, die über meine Lippen sprudeln.

 

 

Die Sonne geht langsam unter, während ich die Tür zum Wohnheim aufdrücke. Ich rücke die Trainingsjacke etwas zurecht, als ich den langen Flur entlang gehe und mir einige Leute entgegenkommen. Neugierige Blicke bleiben an mir hängen und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Die weiße Schleife in meinem Haar sitzt straff und das Make-Up ist noch genau so wie in dem Moment, in dem ich es aufgetragen habe, obwohl wir den ganzen Tag an der Sideline standen. Ich fühle mich verdammt gut, als ich um die Ecke biege und meine Zimmertür sehe.

Mein Handy piept, während ich mich frage, was dort vor der Tür liegt. Interessiert lege ich den Kopf schief, gehe etwas schneller, bis ich die rote Rose erkenne. Im gleichen Moment ziehe ich das Handy hervor und bücke mich. Meine Finger umfassen den Stiel und der sanfte Duft steigt mir in die Nase.

Liegt die an der falschen Tür? Oder hat sie jemand verloren?

Ich entsperre den Bildschirm und klicke die SMS an, die ich von einer unbekannten Nummer bekommen habe.

 

Die Rose kann lediglich einen Bruchteil deiner Schönheit wiedergeben.

 

Ich starre auf die SMS, lese sie mehrmals. Dann schaue ich hoch, spüre ein leichtes Kribbeln im Magen und hoffe in dem Gang jemanden zu erblicken. Doch ich stehe hier alleine und weiß, dass die Rose für mich ist.

Das Lächeln auf meinem Gesicht wird etwas breiter.

Was für ein schöner Tag.

 

 

»Du hast dir nichts gedacht nach der SMS?«

»Natürlich nicht«, seufze ich, während Ryan die Rose beiseitelegt und mir mit Falten auf der Stirn einen Blick zuwirft, ehe seine Hände die Briefe aus der Kiste ziehen. »Ich dachte, es wäre ein heimlicher Verehrer, der sich einfach nicht traut damit rauszurücken. Es war einfach sehr süß und ich habe es angenommen. Mehr nicht.«

»Hast du nicht gefragt, wer er ist?«, will er wissen, während er sich neben das Bett setzt, als wäre es das Normalste der Welt.

»Doch, aber es kam keine Antwort.«

»Du bist nicht misstrauisch geworden?«

»Nicht jeder Typ ist so selbstbewusst wie du«, brumme ich und verschränke die Arme vor der Brust. Müdigkeit hängt in meinen Gliedern, die nicht von körperlichen Anstrengung kommt.

»Was soll das denn heißen?« Ryan zieht eine Augenbraue hoch, während er die Briefe betrachtet.

»Du bist jemand, der sich das nimmt, was er haben will. Du würdest doch niemals einen Liebesbrief schreiben.« Er hält inne und öffnet einen Umschlag. Man kann ihm ansehen, dass er nachdenkt und ihn etwas stört.

»Glaubst du?« Er hebt den Kopf und wirft mir einen fragenden Blick zu, während ich die Beine anziehe.

»Die Vorstellung, dass du dich nicht traust eine Frau anzusprechen, passt jedenfalls nicht in meinen Kopf«, brumme ich und sehe, wie er einen der Briefe hochhält.

»Darf ich?«, will er wissen ohne meine Aussage zu kommentieren. Ich weiß welche Worte sich unter den Umschlägen befinden, spüre eine Kälte die sich über meine Arme zieht und um meinen Nacken schlingt. Mein Hals schwill zu, als er den ersten Brief hervorzieht und ihn liest. Jedes dieser Worte kenne ich. Zuerst, weil ich es so romantisch fand und jetzt, weil es sich wie eine böse Vorwarnung liest.

 

Dein Lachen schallt durch den Raum

Du erscheinst wie ein surrealer Traum

Jede Bewegung, die du machst

Ein Feuer in mir entfacht

Das Licht das auf dich fällt

Erleuchtet meine Welt

Tag und Nacht bist du die Gegenwart

Die Liebe sich in meinem Herzen scharrt

Die Worte sind in mir gefangen

Bin ich dir in der Menge entgangen?

Wann kann ich deine Lippen schmecken?

Deinen Körper mit küssen bedecken?

Du bist das, was ich am meisten begehre

Wie im Sommer eine blutrote Erdbeere

 

»Scheiße«, brummt Ryan. »Mal abgesehen, dass das grottig ist, ist es…«

»Gruselig? Ja, aber nicht, wenn man es das erste Mal liest und es für ein stinknormales Liebesgedicht hält.«

»Kein Liebesgedicht ist stinknormal, Eve«, widerspricht er sanft und liest den nächsten Brief.

Er bemerkt es nicht. Aber mir entgeht nicht, dass er mich gerade mit meinem Kosenamen gerufen hat. Mein Atem stockt und ein seltsamer Hüpfer geht durch mein Herz. Einen Wimpernschlag lang, wird der Stalker unwichtig und ich kann nur Ryan anstarren.

Wie er vor meinem Bett sitzt, die schwarzen kurzen Haare ihm leicht ins Gesicht fallen und er konzentriert die Briefe studiert, die er in seinen großen Händen hält. Die kantigen Gesichtszüge, die durch das wenige Licht hervorstechen und seine leicht geöffneten Lippen. Er hat den Oberkörper ein Stück nach vorne gelehnt und das Shirt spannt sich über deine Schultern. Mehr kann ich von ihm nicht sehen, doch es reicht um meinen Mund austrocknen zu lassen, als wäre eine Oase in der Wüste versiegt.

Plötzlich hebt er den Kopf und seine Augen treffen mich, lassen mich die Lippen zusammenpressen. Nervosität überfällt mich, als mir klar wird, dass wir alleine in meinem Zimmer sind und seltsamerweise werden alle möglichen Sachen relevant, die mich eine lange Zeit nicht interessiert haben.

Findet er mein Zimmer kindisch? Denkt er, dass ich nie was auspacke? Glaubt er, dass ich nicht mit meinem Leben klarkomme? Und warum trage ich Leggins und so einen Schlabberpulli? Das muss grauenvoll aussehen!

Ich kann nichts gegen die Gedanken tun, die mich überrollen.

»Alles okay?«, will er wissen.

Kann man in Augen ertrinken?

»Klar«, krächze ich und fühle mich seltsam ertappt. Blut schießt mir in die Wangen und ich ziehe die Knie an, um sie mit den Armen zu umschlingen. Ich bin mir sicher, dass er bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht schiebt er es auf die Briefe und die Muffins und sagt deshalb nichts  dazu – zum Glück.

»Wie oft hast du die bekommen?«, fragt er stattdessen und nickt zu den Briefen in seiner Hand.

»Am Anfang nur nach besonderen Auftritten und hin und wieder eine SMS. Darum habe ich mir auch nichts dabei gedacht und nur versucht herausfzufinden, wer es sein könnte, aber dann…«

 

 

»Was hältst du davon, wenn ich heute Abend vorbeikomme?«, will Wyatt wissen und kommt ein Stück näher, während ich an der Wand lehne. Er hat dieses schiefe Grinsen aufgesetzt, bei dem ich immer wieder schwach werde.

»Du weißt, das heute Abend die Party bei Olivia ist«, erinnere ich ihn, als er die Hand neben meinem Kopf an der Wand abstützt.

»Dann verschwinden wir beide eben zusammen.«

Sein Vorschlag klingt verlockend und ich weiß, dass es Olivia letztendlich nichts ausmacht, wenn ich irgendwann verschwinde. Ich sollte ihr nur nicht erzählen, dass es ausgerechnet Wyatt ist, sonst bekomme ich wieder eine Predigt.

»Ich überleg’s mir.«

»Wir wissen beide, dass du dich längst entschieden hast.« Seine Stimme ist heiser und ein triumphierendes Lächeln huscht über sein Gesicht. Natürlich habe ich das und natürlich ist ihm das auch bewusst.

»Verschwinde, jetzt«, fordere ich ihn auf und drücke mich von der Wand ab, ehe ich in eine dumme Versuchung gerate. Das ist schon zu oft passiert und am Ende nutzt er meine gute Laune wieder aus.

»Du hältst also nichts davon, wenn wir das einfach vorziehen?«, fragt er und legt seine Hand auf meine Hüfte, als ich Richtung Umkleide gehe.

»Nein, davon halte ich nichts«, versuche ich abzustreiten, aber kann nichts gegen das Grinsen tun. Mit ihm ist das alles zu einfach.

Ob er die Briefe und SMS schreibt? Aber ich habe seine Nummer und er ist zu offen dafür. Außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass er nicht auf der Suche nach einer Beziehung ist.

»Ziemlich schade, aber dann werde ich mein Glück wohl nachher versuchen.« Langsam, als wäre es ein Versprechen, lässt er die Hand von meiner Hüfte gleiten und behält mich einen langen Moment fest im Blick. »Ich erwarte dich dann mit einem Drink, Evelyn.«

Ich beiße mir auf die Lippe, schüttle den Kopf, während er rückwärts geht, um mich noch möglichst lange in meiner kurzen Hose und dem Shirt mit dem tiefen Ausschnitt zu betrachten. Wenn ich jetzt stehen bleibe, werde ich doch auf sein Angebot eingehen, also drücke ich die Tür zu der verlassenen Umkleide auf und hole tief Luft.

Die einzig guten Dinge, wenn man nach einem Spiel länger bleibt und Teamcaptain ist, sind Wyatt und die leere Umkleide am Ende des Tages. Dann muss ich mich nicht irgendwie in den Raum quetschen und es stinkt nicht nach Deo.

Ich lehne mich an die Tür und versuche, Wyatt aus meinem Kopf zu bekommen. Dabei wandert mein Blick zu meiner Tasche, die als Einzige im Raum steht und anders aussieht. Ich runzle die Stirn, als mir der Brief mit den Rosen genauer auffällt, die zwischen meinen Sachen stecken.

Ich stoße mich ab und gehe zu meiner Tasche. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit, als ich die Rosen und den Brief betrachte. Dabei fällt mir auf, dass meine Tasche nicht verschlossen ist.

Ich weiß nicht warum, aber ich beginne nach meiner Unterwäsche zu suchen, die ich eingepackt hatte um nach dem Spiel zu duschen, weil ich sonst vielleicht zu spät zu Olivias Party komme. Ich durchforste jede kleine Tasche und drehe sogar die Jeans um, weil ich denke, dass sie in den Hosenbeinen sitzt.

Doch sie ist nicht da.

Und plötzlich sind die drei Rosen und der Brief keine romantische Geste mehr.

 

 

»Er hat Unterwäsche von dir geklaut?!«

»Ein schwarzes Bustier von Victoria Secret und den passenden Slip.«

Ich weiß, dass es ein Fehler war, sobald ich es ausgesprochen habe. Ryans Augenbrauen wandern nach oben und er öffnet leicht überrascht den Mund. Seine Augen huschen einen Wimpernschlag zu meinem Hals.

Stellt er sich mich darin vor?

»War das für diesen Wyatt?«, will er wissen und es ist mir seltsam unangenehm, über diese Sache mit Wyatt zu reden.

»Naja, ich…ähm…«, stottere ich plötzlich und kein sinnvoller Satz will sich bilden.

»Doofe Frage«, sagt er und Belustigung blitzt in seinen Augen auf. »Natürlich war es für den Typen. Du hast drauf gesetzt, dass ihr an dem Abend im Bett landet.«

»Es sah hübsch aus«, versuche ich, irgendeine Rechtfertigung zu finden, obwohl es dafür keinen Grund gibt.

»Daran habe ich nie gezweifelt.«

Meine Zunge wird schwer und die Hitze auf meinen Wangen, wächst ins Unerträgliche. Das war ein Kompliment – kein Zweifel – und mein Herz erleidet wieder einen Stillstand.

»Also damit wurde es gruselig?«

Ich zwinge mich zu einem Nicken, sammle meine Gedanken und versuche nicht daran zu denken, was er wohl über diese Unterwäsche denken würde.

»Plötzlich gab es immer mehr SMS und Briefe. Nicht nur nach Auftritten sondern nach fast jeder Trainingseinheit und manche waren nicht mehr so freundlich. Erst nur ein paar Mal die Woche und dann täglich.«

»Und du bist nicht zur Polizei gegangen?«

»Ich dachte, es wäre nur ein Kerl, der nach ein paar Monaten aufhört«, gestehe ich und ärgere mich mal wieder über meine eigene Dummheit. Wenn ich mich früher bei der Polizei gemeldet hätte, wäre es vielleicht gar nicht so weit gekommen.

»Aber das hast du nicht.«

»Nein«, murmle ich. »Erst als ich das Gefühl hatte verfolgt zu werden.«

 

 

Das kalte Wasser fließt über meine Hände, als ich einen Blick in den Spiegel werfe. Meine Haare fallen heute Abend glatt über meine Schulter, weil Olivia vorgeschlagen hat, dass ich es ausprobiere. Nachdem ich die Hände gewaschen habe, nehme ich eine Strähne in die Hand und streiche sie mir aus dem Gesicht, wobei die Wassertropfen im Haar hängen bleiben.

Der Abend war bisher sehr lustig. Zwar habe ich das Gefühl aus allen Nähten zu platzen und, dass mich morgen beim Training keiner hochbekommt, aber das Essen war es wert. Außerdem habe ich endlich mal den Typen vergessen können von dem seltsame SMS und Briefe kommen.

Meine Unterwäsche ist weiterhin verschwunden und so langsam wird es komisch mit den Briefen und Nachrichten. Bisher habe ich mein Handy nicht ein einziges Mal gezückt, aus Angst, dass die anderen etwas bemerken könnten. Wahrscheinlich würden sich alle lustig über mich machen oder mich beneiden.

Mir ist das Ganze mittlerweile nur nicht mehr ganz geheuer.

Ich hole tief Luft, während ich die Hände abtrockne, und ziehe das Handy aus der Hosentasche. Ich habe ein paar Nachrichten von Wyatt, der fragt, wann wir uns treffen. Meine Mum und Amy haben mir Bilder geschickt und in der Gruppe mit den Cheerleadern wird über die Frisur für den nächsten Auftritt diskutiert. Zoe und Sophia wollen wissen, wann der nächste Mädelsabend stattfindet und dann sind da noch SMS von der unbekannten Nummer, die ich jetzt nicht öffnen will. Am Ende verderbe ich mir den ganzen Tag damit.

Ohne zu antworten, stecke ich das Smartphone zurück und verlasse die Toilette. Vom Weiten sehe ich Sara und Olivia, die an der Kasse warten und bereits bezahlt haben. Der Laden ist brechend voll heute Abend und ich muss mich an einer Menge Leute vorbeidrängen, ehe ich die beiden erreiche.

»Die Footballer wollen wissen, ob wir noch vorbeikommen und zusammen ein Bier bei ihnen trinken«, sagt Olivia, sobald ich in Reichweite bin, ohne den Blick vom Bildschirm ihres Handys zu nehmen.

»Klar, warum nicht«, stimme ich zu und nehme von Sara die Handtasche, um gleich darauf das Portemonnaie zu zücken. Beide verfallen in eine Unterhaltung und beachten mich nicht länger. Ich stelle mich vor den Kellner, der hinter der Kasse steht und schenke ihm ein nettes Lächeln.

»Der Rest von dem Tisch«, sage ich, als er mich abwartend anschaut. Seine Finger fliegen daraufhin über die Tasten auf de Bildschirm. Hinter mir wird darüber geredet, welcher Spieler letztes Spiel am besten war und wer neuerdings mit wem zusammen ist. Mein Blick schweift über die Gäste, die an der Bar sitzen bis zur Tür, durch die eine seltsam vertraute Silhouette huscht. Ich blinzle einige Male, doch so schnell wie ich glaube, etwas Bekanntes gesehen zu haben, verschwindet es wieder.

»Der Tisch ist bereits bezahlt«, zieht der Herr meine Aufmerksamkeit auf sich.

»Es ist bereits bezahlt?«, frage ich verwirrt und schaue zu meinen Freundinnen, woraufhin er den Kopf schüttelt.

»Ein netter Mann war hier, der mir das für sie gab«, erklärt er lächelnd und zieht plötzlich drei Rosen hervor, die er mir in die Hand drückt.

Meine Stimme versagt und ich bin sicher, dass der Kellner denkt, dass ich mich wahnsinnig über seine Geste freue. Wie sollte er auch verstehen, dass sich mir der Magen umdreht, während Olivia und Sara hinter mir leise Pfiffe ausstoßen. Natürlich denkt jeder, dass das hier ein süßer Verehrer ist.

»Von wem sind die?«, vernehme ich Saras Stimme neben mir, während ich auf die dunkelroten Rosenblüten starre.

»Keine Ahnung«, flüstere ich und versuche nicht auf meine Lunge zu achten aus der jedes bisschen Sauerstoff gequetscht wird.

»Ein heimlicher Verehrer. Wie romantisch«, seufzt Olivia.

»Vielleicht Wyatt?«, schlägt Sara grinsend vor, während ich das Portemonnaie verstaue, und versuche mir die Angst nicht anmerken zu lassen, die mich überfährt.

Er hat bezahlt.

Das heißt, er wusste, dass ich hier bin.

Hat er mich die ganze Zeit beobachtet?

 

 

»Er war da. In diesem Restaurant.«

Auf einmal ist meine Kehle zugeschnürt und diesmal hängt es nicht mit Ryan zusammen.

»Danach bin ich zur Polizei, aber die haben nichts herausgefunden. Schon Wochen davor habe ich angefangen es zu vermeiden, das Zimmer zu verlassen, aber ab dann wurde es ganz schlimm. Zu der Zeit habe ich angefangen mir Sachen für Zoe auszudenken, damit sie es euch heiumzahlen kann. Das war so ziemlich das Einzige, was ich gemacht habe neben Serien schauen.«

»Du glaubst nicht, dass es Wyatt ist?«

»Ich hatte Vermutungen, aber die sind alle ins Leere gelaufen.«

»Gut, aber ab welchem Punkt wurde es so schlimm, dass du gegangen bist? Hat er dir aufgelauert oder dich durch die Stadt verfolgt? Nacktbilder von dir gemacht?«

»Nein, ich habe ihn nie gesehen«, sage ich leise und schließe die Augen. »Aber ich weiß, dass er da war. Direkt neben mir.«

 

 

Meine Lider sind schwer und ich weigere mich die Augen zu öffnen, während die Sonne auf mein Gesicht fällt. Die Muskeln fühlen sich noch seltsam schwer an und ich strecke meine Arme, um die Müdigkeit zu vertreiben. Meine Gedanken klären sich langsam, während ich wach werde.

Ich muss gestern beim Lesen eingeschlafen sein.

Ein bekannter Geruch steigt mir in die Nase und meine Fingerspitzen berühren etwas Unbekanntes. Ich schlage die Augen auf und schaue zu meiner Hand, neben der ein Rosenblatt liegt.

Nein. Nicht nur eins.

Schlagartig werde ich in die Gegenwart befördert und setzte mich auf.

Mein ganzes Zimmer ist voller Rosenblüten.

Ich will Luft holen, doch bei dem Duft der Blumen, blockiert meine Lunge. Meine Augen wirbeln durch den Raum und ich weiche automatisch ein Stück zurück, als ich neben meiner anderen Hand drei Rosen bemerke unter denen Bilder liegen.

Bilder von mir bei denen ich schlafe in meinen jetzigen Klamotten.

Kälte jagt durch meine Glieder und mein Magen dreht sich um. Mir ist schlecht. Das hier kann nicht passieren. Ich habe das Gefühl zu ersticken. Das Gefühl verschwindet aus meinen Fingern und meine Zehen fangen an zu Kribbeln. Der Raum dreht sich bedrohlich, als ich schwer atmend aufspringe und dabei den Schreibtischstuhl umschmeiße.

Ich schaffe es, mein Handy zu greifen, das neben dem Bett liegt. Ich muss die Polizei anrufen. Jetzt sofort.

Mit Beinen, die nicht in der Lage sind mein Gewicht zu tragen, stolpere ich zu der Tür, wobei ich mich an der Wand festhalte. Meine fast tauben Finger umschließen die Türklinke und drücken sie eilig herunter.

Ich muss hier raus.

Mit dem Gewicht schmeiße ich mich dagegen – doch es geschieht nichts.

Und plötzlich wird mir klar, dass der Schlüssel nicht länger im Regal liegt.

Der Stalker muss ihn mitgenommen haben.

Und mich hat er eingeschlossen.

In einem Rosenmeer, das mich ertrinken lässt.

 

 

»Er hat dich eingeschlossen?!«

»Ja und das war das erste Mal, dass ich eine wirklich heftige Panikattacke hatte. Zum Glück war ich an dem Morgen mit einem Polizisten verabredet, der mich zehn Minuetn später gefunden hat. Ich habe es noch ein paar Wochen ausgehalten, aber als die Angst immer schlimmer wurde, habe ich beschlossen wegzugehen«, erzähle ich. »Auch wenn es mich wahnsinnig macht, dass ich jetzt alle in diesem Haus belaste.«

Ich hasse mich für diesen Gedanken, aber er klebt in meinem Kopf und lässt sich nicht abkratzen.

»Du bist für keinen eine Belastung«, widerspricht Ryan, wobei seine Stimme fest und klar ist.

»Aber alle unterbrechen ihr Leben, wegen des Chaos, das ich mitbringe.«

»Das liegt aber nicht an dir, sondern an dem kranken Kerl, der dich verfolgt.«

Ich presse die Lippen zusammen, während Ryan mich mit angespannter Miene ansieht. Er lässt die Briefe langsam sinken und ich kann sehen, dass er in seinem Kopf ein Puzzle zusammensetzt. Natürlich beginnt er jetzt alles zu hinterfragen, zu verstehen warum manche Situationen so waren, wie sie waren.

»Deswegen war ich damals in der Bar: Ich wollte wissen, ob du was gesehen hast. An dem Abend hatte ich nämlich plötzlich einen Zettel in der Hand auf dem Ich habe dich vermisst stand.«

Ryan schluckt schwer und tiefe Furchen bilden sich auf seiner Stirn.

»Verdammt, hättest du da was gesagt, hätte ich die Bar abriegeln lassen und die Polizei gerufen.«

Meine Mundwinkel wandern ein Stück nach oben.

»Ich wusste nicht, ob es ein alter Zettel war.«

»Aber jetzt bist du dir sicher?«, will er wissen, woraufhin ich langsam nicke. »Und die drei roten Rosen? Haben die irgendeine Bedeutung?«

»Drei rote Rosen stehen für ewige Liebe.«

»Keine andere?«, fragt er und setzt sich etwas aufrechter hin, während er die Augen abwendet und die Briefe wieder in der Kiste verstaut.

»Nein.« Meine Stimme ist leise und geht in dem Vibrieren meines Handys unter. Ich schlucke schwer, als ich den Bildschirm entsperre und mich überkommt eine böse Vorahnung. Meine Finger zittern, während als ich die SMS der unbekannten Nummer öffne.

»Es fängt wirklich wieder an«, flüstere ich heiser und Tränen steigen in meine Augen, weil das hier alles zu viel wird. Das Smartphone gleitet aus meiner Hand und fällt auf das Bett, als Ryan aufspringt und sich neben mich setzt. Seine starken Arme legen sich um mich, während Schluchzer mich erschüttern. Ich schlage die Hände vors Gesicht, um mich vor dem grellen Bildschirm zu schützen, der mich blendet, als wäre es die Sonne.

 

Bald können wir zusammen Muffins backen.

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