35. Evelyn

»Und was genau ist das jetzt für eine Party?«, will ich wissen, als wir vor dem Haus halten in dem Ryan wohnt.

»Keine Angst. Wir sind nicht viele«, beruhigt er mich ein weiteres Mal, was nicht wirklich wirkt, weil da dieses seltsame Funkeln in seinen Augen ist.

»Egal was es ist, es ist besser als alleine Zuhause zu hocken«, sagt Amy, ehe sie die Tür öffnet und aus dem Wagen steigt. Ich schaue meiner kleinen Schwester zweifelnd nach, die sich streckt und ihren Kapuzenpulli zurecht zieht.

»Da muss ich ihr zustimmen und du wirst auch nicht drum rumkommen, Jones«, grinst Ryan, wobei er den Motor abstellt und aussteigt. Er schlägt die Tür hinter sich zu, während ich zweifelnd sitzen bleibe.

Ich will gar nicht daran denken, dass er uns keine Zeit gelassen hat uns großartig umzuziehen. Im Gegensatz zu ihm stecke ich nämlich in einer alten, lockeren Jeans mit Löchern und einem schwarzen weiten Pulli, den ich seit heute Morgen trage. Über meine Haare und mein ungeschminktes Gesicht will ich auch nicht nachdenken.

»Was ist los, Jones?«, werde ich aus meinen Selbstzweifeln gerissen, als er die Tür öffnet und sich viel zu lässig anlehnt. Den Kopf hat er leicht schräg gelegt und ein Mundwinkel ist nach oben verzogen, als müsste er abwarten, in was für einer Stimmung ich bin. Ich schaue in diese mittlerweile vertrauten Augen und knete ein wenig nervös die Hände.

Warum bin ich denn nervös?

»Da sind nur drei leicht bescheuerte Footballer drin, die ich seit Jahren kenne. Du brauchst dir keine Sorgen machen.«

»Ich sehe grauenvoll aus.«

Sein Lächeln wird breiter und er schüttelt den Kopf, wobei seine Augenbrauen nach oben wandern.

»Darüber denkst du gerade wirklich nach?«, hakt er belustigt nach.

»War klar, dass dich das amüsiert«, brumme ich und steige aus dem Wagen. Dabei versuche ich diese leichte Kränkung zu verdrängen, die unter meiner Haut brodelt.

»Dir ist schon klar, dass du das letzte Mal halbnackt aus diesem Haus gestiefelt bist?« Er tritt neben mich und legt mir bestimmend die Hand auf den Rücken und drückt mich in Richtung Haustür an der Amy wartet. Dabei beugt er sich ein Stück weiter zu mir runter, damit meine kleine Schwester nicht hört, was er sagt. »Glaub mir: Seit dem interessiert es keinen Typen mehr, was du anhast.«

Hitze steigt mir in die Wangen und ich halte einen leisen Fluch zurück, als ich neben Amy stehen bleibe.

»Nimm dir ein Beispiel an deiner kleinen Schwester«, fordert Ryan mich auf, während er aufschließt.

»Das habe ich ihr auch schon öfters gesagt, aber auf mich wollte sie nie hören«, wirft Amy ein und drückt sich gleich darauf, so schnell es geht, an ihm vorbei, weil sie genau weiß, dass ich ihr sonst einen Seitenhieb verpassen würde.

»Die ist genau so ein Biest wie du«, lacht Ryan, wobei er mir die Tür aufhält.

»Interessant, dass du mich für ein Biest hältst«, brumme ich und trete ihm dabei aus Versehen auf den Fuß.

»Autsch! Verdammt, Jones«, flucht er leise, was mir lediglich ein Grinsen auf die Lippen treibt. Ohne einen Blick zurückzuwerfen, gehe ich den Flur – diesmal angezogen – entlang bis in das Wohnzimmer. Amy ist vor mir dort und ihr leiser Schrei mischt sich mit lautem Gegröle.

Ich schlucke die Angst herunter, die über meinen Nacken schleicht und zwinge mich möglichst ruhig weiterzugehen. Dann spüre ich eine vertraute Hand auf meinem unteren Rücken und heißer Atem ist an meinem Ohr.

»Keine Angst, Eve. Da ist passiert nichts schlimmes.«

»Dasselbe hat Zoe damals auch gesagt«, murmle ich, versuche nicht an die Hitze zu denken, die über die Kleidung bis auf meine Haut dringt. Ganz zu schweigen von dem kehligen Lachen, das einen Kribbeln auslöst, das durch jede Ader fährt.

Zusammenreißen, Evelyn!

»Also ich fand das, was an diesem Abend passiert ist nicht im Ansatz schlimm«, flüstert er dicht an meinem Ohr und plötzlich habe ich das Gefühl, als wäre an diesem Abend noch mehr zwischen uns passiert, was unser kleines Geheimnis ist.

Ich hole Luft, wende überrascht über seine Worte den Kopf zur Seite und bin nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt. Seine Lippen sind wieder zu diesem überheblichen Lächeln verzogen, das ich am Anfang so verabscheut habe. Doch jetzt ist es nicht mehr so schlimm, weil da dieser Ausdruck in seinen Augen ist, der mir verrät, dass ich dazugehöre.

»Und noch ein paar Herzchen für das Ehepaar der Runde!« Ich zucke zusammen, als Dean plötzlich vor mir steht und irgendwas in die Luft wirft, was langsam auf Ryan und mich herabrieselt.

»Ehepaar?«, will Amy mit hochgezogenen Augenbrauen wissen.

»Soweit ich mich erinnern kann, habe ich ihm deutlich gemacht, dass das niemals passieren wird«, erwidere ich kopfschüttelnd und pflücke eins der kleinen Papierherzchen von meinem schwarzen Pullover.

»Du hast es nicht nur deutlich gemacht, Jones. Du hast dem armen Jungen, das Herz gebrochen«, mischt Miles sich breit grinsend ein und lehnt sich ein Stück vor, damit er mich von dem Sofa aus sehen kann.

»Hört auf so einen Mist zu labern.« Ryan reißt Dean den kleinen Beutel aus der Hand, nur um ihn gleich darauf über demselben auszuleeren. Ein Meer von weißen, kleinen Herzchen ergießt sich über Deans hellbraune Haare.

»Lass deine Aggressionen doch nicht an dem armen Dean aus«, vernehme ich nun Alex, der aus der Küche angeschlendert kommt und zwei Gläser dabei hat, die mit einer Flüssigkeit gefüllt sind, die seltsam vertraut aussieht. Wortlos drückt der gigantische Typ mir das Getränk in die Hand und ich beobachte ein wenig panisch, das er Amy dasselbe gibt.

»Ist nur Punsch«, höre ich Miles sagen, der vom Sofa aufgestanden und neben mich getreten ist. »Und der schmeckt wesentlich besser, als das, was er sonst zubereitet.« Er nickt zu Ryan, auf dessen Gesicht ein leicht verärgerter Ausdruck tritt.

»Hast du mal deinen Selbstgebrannten im nüchternen Zustand probiert?«, will Ryan wissen.

»Nein, weil ich genau weiß, dass er beschissen schmeckt«, lacht der Quarterback und legt einen Arm um meine Schulter und den anderen um Amys. »Und um jetzt mal zu den wichtigen Themen des Abends zu kommen: Ihr habt eine wichtige Wahl zu treffen«, verkündet er mit wichtiger Miene. »Entweder ihr verbringt den Abend mit Dean und Ryan vor der Konsole und der eine zeigt euch seine schlechten Tanzschritte aus der dritten Klasse…«

»Tanzschritte aus der dritten Klasse? Du bist doch nicht mal in der Lage zwei Schritte zu gehen ohne dich auf die Fresse zu legen«, protestiert Dean lautstark, doch Miles übergeht ihn, während ich einen belustigten Blick mit Ryan wechsle.

»…Oder ihr kommt zu mir und Alex in die Küche und schaut zu, während wir was ganz fantastisches zaubern, wovon ihr noch wochenlang träumen werdet und erhaltet zusätzlich ein Comedy Programm an das die Gurkentruppe hier niemals herankommt.«

»Gurkentruppe? Ich glaube, du brauchst dringend mal wieder ein paar Schläge auf den Kopf, damit dein Kleinhirn wieder ans Arbeiten kommt.« Ryan versetzt dem Quarterback einen leichten Schlag an den Hinterkopf, wobei er seinen Arm über mich strecken muss und sein Oberkörper gegen meinen Rücken drückt. Mein schneller Herzschlag geht glücklicherweise in dem allgemeinen Gelächter unter und ich versuche das alles, so gut es geht, nicht zu beachten.

»Lass die Damen doch selber entscheiden, ob sie mit so super Kerlen wie uns abhängen wollen oder mit euch – dem Lauch und der Evolutionsbremse«, wirft Dean ein, wobei er sich auf das Sofa fallen lässt und einige Papierherzen auf den Boden gleiten.

»Ich denke nicht, dass sie den Einhornpups und die Dirty Dancing Ikone besser finden.« Doch in dem Moment in dem Alex es ausspricht, verzieht er genervt das Gesicht. »Scheiße, Cooper. Das klingt wesentlich besser, als unsere Kombi.« Die Augen von ihm verengen sich zu schmalen Schlitzen, die mich finden und ich weiche automatisch ein Stück zurück. »Wo wir dich schon da haben, Jones«, brummt Alex und kommt einen Schritt näher. »Willst du uns mal erklären, wer für die Namen verantwortlich ist?«

»Ich würde es als Ergebnis einer guten Zusammenarbeit des ganzen Teams sehen«, erkläre ich mit erhobenen Händen, was den Linebacker jedoch nicht davon abhält, näher zu kommen.

»Ich bin ausgelacht worden«, brummt er.

»Unter anderem von mir, ja ich weiß.«

Ups. Falsche Antwort.

»Soll ich dir mal einen doofen Namen auf den Rücken kleben und dich vor der gesamten Uni blamieren?«, will er leise wissen. »Wie wär’s mit…«

Und dann stockt er. Seine Stirn legt sich in Falten, während er angestrengt nachdenkt und versucht, etwas auf die Reihe zu bekommen, was meinem Mund die Zeit gibt erneut dummen Mist loszulassen.

»Eigentlich haben wir Miles die Evolutionsbremse zugeordnet, aber das könnten wir im Nachtrag noch ändern«, plappere ich unüberlegt drauf los. Ich bereite mich geistig auf einen Schlag vor und nehme die Arme etwas hoch, doch Alex blinzelt einige Male verwirrt, ehe er zu Ryan blickt.

»Kannst du mir mal erklären, warum du die damals den ganzen Abend angegraben hast?«

»Er hat dich den ganzen Abend angegraben?«, mischt Amy sich jetzt laut ein, wobei sie die Arme vor der Brust verschränkt und mich wissend ansieht.

»Ja und deine Schwester hat ihm einen Schlag nach dem anderen verpasst. Hat mich gewundert, dass er nicht aufgegeben hat und weinend in der Ecke lag.«

»So schlimm war ich nicht«, sage ich an Amy gewandt und hoffe, dass sie das nicht als Vorbild nimmt.

»So schlimm war das nicht?!«, protestiert Dean lachend. »Also, wenn ich mich an das Ende des Abends…«

»Wenn ihr an das Ende des Abends denkt, sollte jeder von euch ganz genau wissen, warum ich es unaufhörlich versucht habe.«

Ja, das hat Ryan Paxton gerade laut ausgesprochen.

Alle Augen wandern zu mir und das ein oder andere paar wandert demonstrativ an meinem Körper hinab, was mir das Gefühl gibt, dass ich erneut in Unterwäsche vor ihnen stehe. Lediglich Ryan schaut mir fest ins Gesicht, als würde er keine Reaktion von mir verpassen wollen.

»Und was war nun das Ende?«

Amys Worte reißen uns alle aus dem Moment. Dean gibt ein peinliches Hüsteln von sich, während Alex irgendetwas von Küche brummt und Miles die Hände in den Jeanstaschen vergräbt.

»Das erzähle ich dir, wenn der passende Moment gekommen ist«, grinst Ryan, was Amy dazu bringt, die Augen zu verdrehen.

»Und bis dahin«, verhindert Dean ihren Protest, weil er ihr seine Hand hinhält. »Werde ich dir zeigen, was für eine fantastische Dancing Queen Ikone ich bin.«

Amys Wangen werden ein Stück dunkler, als sie es normalerweise sind, aber es fällt nur mir auf. Zögernd greift sie nach seiner Hand und mit einer geschickten Bewegung dreht er sie um ihre eigene Achse, bis sie in seinen Armen steht. »Bist du bereit für dieses Abenteuer?«, will er mit einem Grinsen wissen, das an vielen Abenden dafür sorgt, dass er nicht alleine zu Bett gehen muss. Ich weiß genau, dass er Amy gerade auch um den Finger wickelt. Ich verschränke die Arme vor der Brust, während Musik durch das Zimmer schallt und sich mit dem Lachen von Alex und Miles mischt, das aus der Küche kommt.

»Ich bin leider kein besonders guter Tänzer«, höre ich Ryan leise neben mir, wobei er einen Controller vor meine Nase hält. »Aber in Call of Duty und Worms komme ich ansatzweise an ihn ran.«

»Call of Duty oder Worms

»Bei beiden spielen besteht die Möglichkeit, dass du mich abschießt.«

»Bin dabei.«

Wir spielen beide Spiele und einmal gewinne ich sogar, weil Dean mich unterstützt. Ryan verflucht seinen Mannschaftskameraden daraufhin und zeigt mir schließlich auch noch ein paar Tanzschritte bei denen ich mich wesentlich besser anstelle, als Ryan. Amy wird von allen Kerlen mit Komplimenten überhäuft und es kommt sogar soweit, dass Alex sie über die Türschwelle in die Küche trägt, damit sie ihre zarten Füße nicht belasten muss, um seine Tapas zu probieren. Irgendwann sitzen wir im Wohnzimmer ,schauen findet Dori und Alex fängt irgendwann an mit allen walisch zu sprechen, was mir Lachtränen in die Augen treibt, weil Dean genau so dämlich antwortet.

Irgendwann ist das Haus erfüllt von Lachen und Dean holt Wein aus der Tasche, den er verteilt. Ich lehne ihn ab, um auf Amy aufzupassen und Ryan, weil er uns nach Hause fahren und die Jungs im Auge behalten will. Mit jeder Stunde, die vergeht, werden die Zungen der Anwesenden lockerer und die Sprüche dämlicher. Es gefällt mir und ist weitaus besser, als mit Amy nur Disneyfilme zu schauen.

»Ich liebe diesen Valentinstag. Das sollten wir ab jetzt jedes Jahr machen!«, verkündet Dean mit glasigen Augen und wippt langsam im Takt der Musik mit.

»Solange die Damen in der Runde keinen Mann an der Seite haben, sollte das kein Problem sein«, wirft Alex lachend ein.

»Und selbst wenn: Dann sollen sie ihn einfach mitbringen!« Dean nickt entschlossen in die Runde.

»Damit wir sie wieder vertreiben, weil sie gegen uns wie Luschen aussehen? Das wäre nicht fair, Dean«, sagt Miles und nippt an seinem Wein, den er sich mit den Worten Rot für die Liebe eingeschüttet hat.

»Keine Angst, da wird so schnell keiner kommen«, murmelt Amy leise in die Runde und verschränkt die Hände im Schoß.

»Warum das?« Dean stützt sich mit dem Ellenbogen auf dem Bein ab und legt seinen Kopf in seine Hand. »Du bist hübsch, lustig und kriegst den Mund auf, obwohl du unter Studenten bist. Dir rennen die Typen doch genauso hinterher wie deiner Schwester.«

»Wie bitte?«, verwirrt ziehe ich die Brauen ein Stück nach oben. Neben mir verkneift Ryan sich ein Lachen.

»Sie hat da kein Gespür für«, wirft Ryan ein.

»Das ist doch nicht wahr.«

»Darf ich dich an den Kaffeebecher erinnern?«

Ich habe den Mund bereits zum Protest geöffnet, aber darauf habe ich keine Antwort.

»Ich hoffe, du stehst nicht so auf dem Schlauch, wie deine Evelyn. Sieh nur zu, dass du uns den Typen deiner Wahl präsentierst. Dann checken wir den durch und wenn wir ihn für angemessen erachten, kannst du mit ihm ausgehen.« Zufrieden greift Dean nach dem Wein.

»Ich soll euch den präsentieren?«, lacht Amy leise.

»Ja und dasselbe gilt für dich, Jones«, fügt Alex grinsend hinzu.

»Bevor ich jetzt aus Dummheit irgendwelche vertraglichen Bindungen eingehe, werde ich mal abräumen«, gehe ich aus der Schusslinie und sammle die benutzten Teller zusammen und trage sie in die Küche. Hinter mir höre ich, dass die Diskussion um Männer weitergeht und bete innerlich, dass sie ihr keinen Mist erzählen, den ich anschließend korrigieren darf.

»Sie erklären ihr nur, wie ein Typ sich verhält, wenn er eine Frau wirklich mag.«

Ich wirble überrascht herum, als Ryans Stimme neben mir ertönt und er Auflaufformen und Teller auf die Arbeitsplatte stellt.

»Und du bleibst nicht da, weil…?«

»Weil die mir am Ende die Worte im Mund umdrehen und ich deren betrunkenes Gerede schon oft genug erlebt habe.«

Er öffnet die Spülmaschine und beginnt die Teller einzusortieren, während ich das Wasser anstelle und die Auflaufformen mit Spülmittel fülle, um sie einweichen zu lassen.

»Mir sind übrigens zwei Namen für dich eingefallen«, erzählt er und stellt sich hin. »Ich weiß nur nicht, ob Prosecco Schnepfe oder Giftzerg besser passt.«

»Prosecco Schnepfe?«, wiederhole ich langsam.

»Naja, wenn ich Amy’s Erzählungen glauben schenken darf, dann sitzt du regelmäßig mit Zoe und Sophia auf deinem Dach und schlürft Sekt. Aber Sekt Schnepfe klingt beschissener.« Seine Lippen sind zu diesem widerlichen Grinsen verzogen, das ich noch von dem Abend kenne an dem er mich ziemlich verärgert hat. Diesmal bin ich allerdings diejenige, die neben dem laufendem Wasser steht.

Meine Hände gleiten zu dem Wasserhahn und ich stelle es etwas kälter.

»Jones.« Ryans Stimme hat einen mahnenden Unterton angenommen. Ich bin mir sicher, dass er ahnt, was gleich passiert.

»Paxton«, gebe ich gedehnt zurück und halte die Finger unter den Wasserstrahl.

»Das wagst du nicht!«

Seine Worte sind der Ausschlag. Ryan macht einen Satz nach vorne, um das schlimmste zu verhindern, doch da habe ich bereits Wasser mit der Hand aufgefangen und spritze es ihm ins Gesicht.

»Eve!«, schreit er protestierend, doch seine Worte gehen in meinem Gelächter unter. Ich greife nach einem leeren Glas und fülle es, während Ryan versucht, mich wegzudrücken. Mit einer schnellen Bewegung kippe ich ihm das Wasser über den Kopf und weiche lachend einen Schritt zurück.

»Du hast es nicht anders gewollt«, brummt er und greift ebenfalls ein Glas.

»Paxton, das…«, erhebe ich Einspruch, doch da hat mich bereits der Schwall Wasser erreicht und zieht durch meine Kleidung.

»Das ist Gerechtigkeit!«, lacht Ryan. Eine Sekunde starren wir uns an, dann rennen wir gleichzeitig erneut zum Wasserhahn, der immer noch läuft und versuchen den anderen wegzudrücken, um das Glas zu füllen. Unsere nassen Klamotten kleben aneinander und das Lachen vermischt sich. Er ist stärker als ich, doch ich bin schneller und tauche unter seinen Arm hindurch, sodass ich direkt vor dem Wasserhahn stehe.

»Vergiss es!« Seine starken Hände schlingen sich um meine Hüften, woraufhin er mich zur Seite zieht. In derselben Bewegung kippe ich das bisschen Wasser aus, das ich im Glas habe und verfehle leicht seine Schulter.

»Was zum Teufel macht ihr da?!«

Miles Worte lassen uns den Kampf unterbrechen. Wir erstarren in der Bewegung. Ryans Arme sind um meinen Bauch geschlungen und ich drücke mich mit der Hand, die auf seiner Brust liegt so weit wie möglich weg. Wasser tropft von seinem Kinn auf meinen Arm, dessen Ärmel hochgerutscht ist.

»Meine Güte: Das lässt man euch mal zwei Minuten alleine und schon verunstaltet ihr die ganze Küche«, stellt der Quarterback kopfschüttelnd fest und verschränkt die Arme vor der Brust.

»Er hat angefangen«, komme ich Ryan zuvor, der ein empörtes Schnauben von sich gibt, aber keine Anstalten macht, mich aus seinen Fängen zu entlassen.

»Das ist gelogen!«

»Klar, wenn du nicht…«

»Ende!«, unterbricht Miles uns, als wäre er unser Dad. »Ihr macht diese Sauerei weg und dann zieht ihr euch um. Nicht, dass ihr morgen krank seid.« Ein letztes Mal ernten wir einen bösen Blick, dann hebt er mahnend den Finger. »Und keine weitere Wasserschlachten mehr.« Mit diesen Worten greift er nach der vierten und letzten Weinflasche, die Dean mitgebracht hat und verschwindet wieder.

»Der klang aber ziemlich böse«, stelle ich fest und wage es nicht Luft zu holen.

»Das ist Miles. Wenn er betrunken ist, wird er entweder zum erziehungsberechtigten für alle oder zum Kleinkind, dass nur Mist baut.« Ryan zuckt mit den Schultern, wobei seine Brustmuskulatur sich unter meiner Hand anspannt und viel zu gut anfühlt. Rasch ziehe ich die Hand weg und traue mich nicht in sein Gesicht zu schauen, aus Angst, dass ich irgendeine Dummheit mache.

»Dann sollten wir das lieber schnell wegmachen, ehe er wiederkommt und uns Hausarrest erteilt«, lenke ich mich selber von dem Herzklopfen ab, das gerade bestimmt von dem wilden Kampf kommt und nicht von seinen Händen, die mir viel zu bewusst sind.

»Ja, ist wahrscheinlich eine gute Idee.« Langsam lässt sein Griff nach und ich wische mir etwas Wasser aus dem Gesicht. Ryan holt zwei Küchentücher aus einem Schrank und wirft mir eins zu.

»Er dürfte sich eigentlich nicht aufregen«, erklärt Ryan, als wir uns hinknien und beginnen die Küche zu trocknen. »Immerhin hat er es schon hinbekommen das Bad zu fluten – und damit meine ich wirklich Fluten.«

»Ist ihm die Wanne übergelaufen oder das Waschbecken?«, will ich wissen und wringe den vollgesogenen Stoff aus.

»Nein, ich hatte einen miesen Tag und als wir uns abends betrunken haben, wollte er für mich die Karibik herholen. Also hat er Sand von dem Spielplatz geklaut, der nicht weit weg ist und in die Wanne gepackt, alle Ecken im badezimmer mit Folie abgedeckt und was Wasser angestellt. Leider ist er dann im Sand eingeschlafen und wir haben seine Aktion erst bemerkt, als der Flur unter Wasser stand.«

Meine Lippen verziehen sich zu einem Grinsen.

»Ich finde das einen ziemlich netten Aufmunterungsversuch«, sage ich und mache die letzte kleine Pfütze von der Arbeitsplatte weg.

»Ja, bis zu dem Moment in dem ich meine Eltern anrufen musste, damit sie bei den Reperaturarbeiten helfen, fand ich die Idee auch sehr lustig«, gesteht er und nimmt den Lappen von mir entgegen, um ihn über die Heizung zu hängen.

»Du kommst nicht besonders gut mit deinen Eltern aus, oder?«

»Du kannst dir nicht im Ansatz vorstellen, wie ich dich manchmal um deine Familie beneide«, seufzt Ryan und zusammen verlassen wir die Küche, schleichen uns an den wild diskutierenden und angetrunkenen Leuten vorbei.

Keine Ahnung, warum keiner von uns beiden ein Wort zu ihnen sagt. Vielleicht weil sie gerade so gut gelaunt sind oder weil Miles und wieder mit bösen Blicken strafen würde. Ein seltsam aufgeregtes Kribbeln erfasst mich dennoch. Erst als wir das Bad im Obergeschoss erreichen und die Tür hinter uns geschlossen ist, atme ich erleichtert aus.

»Meine Familie kann auch anstrengend sein«, sage ich, als Ryan mir ein Handtuch reicht.

»Aber angenehm anstrengend«, gibt er lächelnd zurück und zieht sich sein Shirt über den Kopf.

Er könnte Stripper sein.

Verdammter Obermist.

Ich habe noch nie gesehen, dass ein Typ so verdammt langsam und sexy sein Shirt auszieht. Mal abgesehen von den Muskeln, die sich langsam offenbaren und das Lächeln, das nicht von seinen Lippen weicht, ist sein Haar und seine Haut noch feucht und glänzt in dem Licht.

Keine gute Idee.

Ich presse mir das Handtuch vor’s Gesicht und drehe mich um meine eigene Achse wieder zur Tür, um ihn nicht weiter anzusehen.

»Das mit dem angenehm anstrengend kommt auf den Moment an. Die können auch grausam sein«, erwidere ich und versuche, mir das nervöse Zittern aus meiner Stimme zu verbannen.

Ich bin gerade alleine mit Ryan in einem engen Badezimmer und er zieht sich aus.

Hilfe!

»Wann sind sie denn grausam?«, will er hinter mir wissen.

Dabei kann ich förmlich hören, wie der raue Stoff des Handtuchs über seine Haut gleitet.

»Als du mich und Amy nach der Party nach Hause gefahren hast, haben die beiden oben auf der Treppe gesessen und wollten danach unbedingt wissen wer du bist und ob sie dich wiedersehen«, plappere ich wild drauf los und schließe gleich darauf die Augen.

Kann mich bitte ein Klavier erschlagen?

»Läuft das bei jedem Mann so ab, der euer Haus betritt?«, lacht er, was mir das Gefühl gibt nackt in Schnee zu fallen.

»Im allgemeinen schon«, brumme ich leise, wage es nicht, mich zu bewegen, weil ich keinen Schimmer habe, was ich tun soll.

»Willst du dich nicht abtrocknen?«

»Hm?« Ich schaue über den Rand des Handtuchs nach Hinten, nur um einen kurzen Moment das Gefühl zu haben zu fallen. Weil Ryan steht nicht einfach nur da, nein er fährt sich mit der Hand durchs Haar wie ein mieses Model und trägt nur noch seine Jeans.

Ich könnte kotzen.

Aber leider nur Schmetterlinge.

»Jones, wenn du dich jetzt nicht ausziehen willst, weil ich neben dir stehe, möchte ich dich daran erinnern, das ich dich schon in Unterwäsche gesehen und dir beim Training an Arsch gefasst habe.«

»Danke für den Hinweis«, gebe ich seufzend zurück und lege das Handtuch auf das Waschbecken. Aus Sicherheitsgründen bleibe ich mit dem Rücken zu ihm stehen, während ich mir den Pullover über den Kopf ziehe. Meine Nackenhaare stellen sich auf, weil ich genau weiß, das Ryan den Blick nicht abwendet.

»Was denn? Ist dir das peinlich?«

Warum muss sein Lachen durch jede Faser meines Körpers gehen?

»Es ist mir nicht peinlich«, widerspreche ich leicht verärgert und drehe mich demonstrativ zu ihm um.

»Und warum drehst du dich dann erst jetzt mit so einem bösen Gesichtsausdruck um?«

Ja, er lacht mich aus. Mal wieder.

»Weil es letztes Mal, als ich Unterwäsche anhatte, was anderes war.«

»Und was war so anders? Also mal abgesehen von den dreißig anderen Kerlen, die dich ebenfalls angestarrt haben.«

»Ich war sauer auf dich, betrunken und…« Ich stocke, schlucke den Kloß im Hals herunter.

»Da warst du schon sauer auf mich? Ich hab eigentlich gedacht, dass du das erst nach dem Bild warst.«

»Nach dem Bild hätte ich dir am liebsten den Kopf abgerissen.«

»Beruhigt es dich, wenn ich dir sage, dass es nicht meine Idee war und deine Rückansicht ein verdammt guten Hintergrund abgibt?«

»Hintergrund?« Ryan zieht scharf Luft ein, während ich den Kopf leicht schräg lege. »Was meinst du damit?«

»Ich glaube, ich habe mir das Reden ohne zu Denken von dir abgeschaut«, grinst er entschuldigend und geht einen Schritt zurück.

»Paxton!«, ermahne ich ihn, doch ich weiß, dass er es unheimlich amüsant findet mich auf heißen Kohlen sitzen zu lassen.

»Waren nur ein paar Tage, das ich es drauf hatte.«

»Nur ein paar Tage! Du Arsch!«, fluche ich und greife nach dem Handtuch, um Ryan damit zu schlagen.

»Ich finde, Beleidigungen sind jetzt unangebracht!«

»Unangebracht?!«, wiederhole ich und versuche das Handtuch aus seiner Hand zu ziehen und ihm erneut einen leichten Schlag zu verpassen. »Das einzige, was hier unangebracht ist, ist dein dämliches Lachen!«

»Ich finde, das ist absolut super, wo es jetzt ist!«, hält er dagegen und funkelt mich böse an, als er nach dem Handtuch greift und mich mit einem plötzlich Ruck nach vorne zieht. Mit einem leisen Schrei taumle ich ein Stück und pralle fast gegen seine nackte Brust. Ohne zu denken, schaue ich hoch und treffe auf diese verfluchten Augen. »Außerdem solltest du in Zukunft darüber nachdenken, ob du gegen deinen Gegner eine Chance hast.«

Ich kriege keine Antwort raus.

Wir stehen viel zu dicht beieinander, als das ich noch Sauerstoff bekommen könnte, der meinen Körper nicht in einen Ausnahmezustand versetzt. Sein Arm berührt meinen, löst ein Feuer an der Stelle aus. Mein Magen beginnt eine unaufgeforderte Achterbahnfahrt, als ich nicht in der Lage bin mich von den Augen zu lösen, aus denen der Schalk langsam verschwindet. Ryans Lachen verfliegt, als seine Augen zu meinen Lippen gleiten. Zittern hole ich Luft, sehe, wie er schwer schluckt und den Mund leicht öffnet.

Im Kino war ich in der Lage, so einen ähnlichen Moment zu unterbrechen. Ich bin mir sicher, dass er genau wie ich nach einem Satz sucht, doch mit jedem Wimpernschlag, der vergeht, ist mein Kopf leerer.

Die Gedanken an die anderen, die unten sitzen und auf uns warten verschwinden. In meiner Realität gibt es nur noch Ryan, dessen Schultern angespannt bleiben und seine Hand, die das Handtuch immer noch fest umklammert. Seine Atmung ist so flach und schwer wie meine.

Wie weit stehen wir auseinander? Zwanzig Zentimeter?

Ich kann jede Lachfalte von ihm erkennen. Die einzelnen Punkte auf seiner Iris und die einzelnen Strähnen, die noch an seiner Stirn kleben.

Seine Augen gleiten ein Stück nach unten und erst jetzt wird mit bewusst, dass wir beide nur in Unterwäsche hier stehen.

Mein Herz kapituliert.

Es macht einen letzten schnellen Schlag dann stoppt es – und wir beugen uns gleichzeitig vor.

Ich weiß nicht, wer sich zuerst bewegt, aber unsere Lippen treffen in der Mitte aufeinander. In der Sekunde, in der wir uns berühren, fällt das Handtuch zwischen uns zu Boden. Ein Brennen jagt durch meine Lippen, mischt sich mit einem Stöhnen von mir. Meine Finger gleiten zu seinem Hals und ich kralle mich in dem feuchten Haar fest. Ryan reagiert im selben Moment, umschlingt besitzergreifend meine Mitte mit seinen Armen und plötzlich taumeln wir rückwärts. Keiner von uns wagt es, den Kuss zu unterbrechen, obwohl ich das Gefühl habe zu ersticken. Ich pralle mit dem Rücken an das Holz der Tür, während Ryans Hand über meinen Rücken gleitet und die andere sich an meine Hüfte legt. Ein leises Brummen entweicht seiner Kehle, als er mir auf die Lippe beißt und ich ein leises Stöhnen von mir gebe. Ich habe keine Zeit zu denken, denn er nutzt die Gelegenheit um seine Zunge schnell in meinen Mund zu schieben, während er seinen Körper etwas enger gegen meinen presst. Er umfasst fest meinen Oberschenkel und…

»Paxton?« Miles Stimme tönt durch den Flur und lässt uns beide innehalten.

Ryan löst sich von mir, schaut mit einen langen schockierenden Moment ins Gesicht, dann zieht er hastig seine Hände von meinem Körper. Kälte überfällt mich, als er mir das Handtuch zuwirft, mit dem ich mich reflexartig verdecke. Behutsam legt seine Hand sich erneut um meine Hüfte, doch nicht um mich heranzuziehen, sondern um mich zur Seite zu schieben.

Ich versuche zu begreifen, was hier gerade passiert ist, doch da öffnet er bereits die Tür.

»Was ist?«, will er wissen und ich meine leichten Ärger in seiner Stimme zu hören.

»Dean hat sich abgeschossen und Amy ist eingeschlafen. Ich glaube, du solltest sie nach Hause bringen«, erklärt Miles und scheint vor der Tür ein wenig zu wanken.

»Wir kommen gleich.«

»Wir?«

»Wir ziehen uns gerade um«, erklärt er gelangweilt und öffnet die Tür ein Stück weiter, sodass Miles mich sehen kann.

Ich bin mir sicher, dass mir im Gesicht steht, was hier gerade passiert ist. Und wenn man es nicht sieht, dann hört man bestimmt meinen Herzschlag, der die Lautstärke einer gigantischen Kirchenglocke hat.

Verflucht. Ich habe gerade Ryan geküsst.

Nein, nicht geküsst.

Wir haben rumgemacht.

Ach. Du. Meine. Scheiße.

Skepsis tritt au Miles Gesicht, doch bevor er eine Chance hat weiter nachzudenken, taucht Dean hinter ihm auf. Der ist weiß angelaufen und ich handle instinktiv, als ich das Handtuch fallen lasse und die Sachen schnell vom Boden aufhebe.

»Was zur…«, brummt Ryan, als Dean sich an ihm vorgedrängt und in das Waschbecken erbricht.

Ich verziehe leicht angeekelt das Gesicht und beobachte den Footballer, der den Farbton der Fliesen angenommen hat.

»Verdammt. Ich bringe die beiden schnell nach Hause, dann kümmern wir uns um ihn«, sagt Ryan zu Miles, der seinen Kameraden kopfschüttelnd begutachtet. Ryan dreht sich um und ich halte ihm sein Shirt hin, schaue eine Sekunde hoch. Unsere Blicke treffen sich einen Augenblick, dann nimmt er den feuchten Pullover und zieht ihn schnell über.

Ich schlucke das seltsame Gefühl herunter und versuche, das Chaos in meinem Magen zu beruhigen, als ich mich unter Miles Augen wieder anziehe.

»Hör auf sie anzustarren«, ermahnt Ryan seinen Freund, was das Blut in meine Wangen schießen lässt. »Sonst muss ich das Zoe erzählen und die wird das bestimmt nicht lustig finden«, ärgert er den Quarterback und Schalk blitzt in seinen Augen auf.

»Ich habe Jones doch nicht angestarrt!«, protestiert Miles, was Ryan ein Lachen entlockt, das ein Kribbeln in meinem ganzen Körper auslöst.

»Schon klar«, erwidert er neutral und läuft bereits nach unten, ohne sich umzudrehen. Bevor der betrunkene Miles anfangen kann, sich etwas zusammenzureimen oder Fragen zu stellen, folge ich Paxton, der bereits bei Amy ist und sie sanft weckt.

Neben mir beginnt Alex etwas zu flüstern, doch ich komme nicht wirklich hinterher. Also lächle ich nett und lache hier und da, während ich beobachte, wie Amy aufsteht und sich streckt. Naja. Eigentlich starre ich auf Ryans Lippen von denen ich genau weiß, wie sie sich anfühlen.

Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass es ein mieser Kuss gewesen wäre.

»Kommst du, Jones?«, kommt es von ihm. Ich bringe ein Nicken zustande und werde von Alex in einer Umarmung beinah zerquetscht, weil der Linebacker scheinbar nicht in der Lage ist, seine Kraft im betrunkenen Zustand zu kontrollieren.

Irgendwie überlebe ich das Ritual und beeile mich aus dem Haus zu kommen, ohne mit Miles sprechen zu müssen, der mich misstrauisch beäugt. Meine Muskeln sind zum Zerreißen gespannt, als ich zum Auto laufe, in das Amy gähnend einsteigt. Meine Gedanken wirbeln herum und ich habe keine Möglichkeit Ryan den nächsten zehn Minuten aus dem Weg zu gehen, um darüber nachzudenken, was da gerade passiert ist.

Wie konnte das überhaupt passieren?

Mit weichen Knien steige ich in den Wagen, der mir seltsam klein erscheint.

»Und Amy? Wie fandest du den Abend?«, vernehme ich Ryan, der den Motor startet.

»Besser, als das, was geplant war.«

»Na vielen Dank auch«, gebe ich säuerlich zurück und versuche nicht an das zu denken, was eben im Badezimmer passiert ist. Leider sehe ich in der Fensterscheibe die Spiegelung von Ryan und seinen Händen, die jetzt ruhig auf dem Lenkrad liegen. Eben sind sie besitzergreifend über meine Haut gelitten.

»Komm schon, Eve. Du musst zugeben, dass es ein verdammt guter Abend war.«

»Er war nett«, gebe ich spitz zu.

»Nett? Ich denke, du solltest deine Wortwahl nochmal genauer überdenken.«

Ja, er spricht von dem Kuss.

Ich weiß es, ohne das ich ihn ansehen muss. Seine Worte gleiten unter meine Haut, kratzen behutsam darüber.

»Passabel«, korrigiere ich mich, woraufhin er ein lautes Schnauben ausstößt, das in ein Lachen übergeht.

»Also wahnsinnig gut oder brilliant, wären passende Ausdrücke.«

»Ganz seiner Meinung«, kichert Amy und ich werde ein wenig röter.

Wie kommt er auf die Idee, das vor meiner Schwester zu diskutieren?

»Das ist Ansichtssache.«

»Was hätte denn anders sein müssen, damit der Abend gut wird?«

Ich werde mich jede Sekunde aus dem Auto stürzen.

»Garnichts!«, kommt Amy mir glücklicherweise zuvor. »Eve ist manchmal einfach eine Spielverderberin.«

»Heute war das eher Miles«, vernehme ich Ryan leise neben mir und kann nichts gegen den Stromschlag tun, der dabei durch meinen Körper jagt. Im selben Moment stoppt der Wagen und wir halten vor unserem Haus.

»Du holst uns morgen wieder ab?«, will Amy zwischen einem Gähnen wissen und öffnet die Autotür.

Ich weiß, dass er zu mir sieht. Ich kann fühlen wie seine Augen über meinen Körper wandern und über den Pullover, der an einigen Stellen immer noch eng an meiner Haut klebt. Ich könnte den Schwanz einziehen und nicht aufsehen. Allerdings habe ich ein gewaltiges Problem, wenn ich mich jetzt nicht zusammenreiße.

Zum einen weiß Ryan dann, dass der Kuss nicht schlecht war und er mich aus der Bahn geworfen hat und zu anderen weiß ich nicht, wie ich den Tag ohne ihn überstehen soll. Ich darf kein großes Ding aus dem blöden Kuss machen.

Zwischen uns muss es einfach wieder so werden, wie noch vor wenigen Stunden!

Ich versuche, die Verwirrung aus meinem Gesicht zu vertreiben und wappne mich gegen die Augen, als ich den Kopf hebe. Meeresblau durchbohrt mich, als ich den Kopf wende und ein Grinsen aufsetze, das nicht meine Augen erreicht.

»Wenn er nicht kommt, wird Gran ihn umbringen«, erkläre ich so locker wie möglich, was Amy zum Lachen bringt.

»Stimmt, du hast also keine Wahl, Ryan.« Meine kleine Schwester klopft dem Footballer kurz auf die Schulter, als müsste sie ihn aufmuntern. »Dann gute Nacht und bis morgen.« Mit diesen Worten gleitet Amy aus dem Wagen und schließt die Tür hinter sich.

»Sie würde mich nicht umbringen, oder?«

»Ich kann nicht dafür garantieren, dass du nicht im Krankenhaus landest. Und da würde meine Mom dich dann behandeln. Also deine Chancen stehen wirklich schlecht«, erkläre ich mit entschuldigendem Gesichtsausdruck.

»Und wenn ich in ein anderes Krankenhaus komme?«

»Wird Amy dich finden und im Schlaf erwürgen.«

»Dir ist klar, dass ich gerade Angst vor deiner Familie bekomme?«, will er grinsend wissen.

»Ich habe dir gesagt, dass die nicht einfach ist«, gebe ich lachend zurück und versuche das Kribbeln nicht gewinnen zu lassen. »Also bis morgen«, verabschiede ich mich und bin froh, dass ich gerade halbwegs locker bin.

»Hey Jones«, hält Ryan mich auf, ehe ich die Tür öffnen kann. Fragend schaue ich zu ihm, wie er sich selbstsicher zurücklehnt. »Mach dir übrigens nichts draus. Du bist nicht die Erste, die mir um den Hals gefallen ist. Gegen meinen Charme und meinem Aussehen hat halt keine eine Chance.«

Ich verdrehe die Augen.

»Gute Nacht, Paxton«, sage ich, steige aus und werfe die Autotür zu. Ohne zurückzuschauen, laufe ich zu Amy, die an der Haustür auf mich wartet. Ihre Lippen bewegen sich, doch ich kriege nichts wirklich mit, weil seine Worte in meinen Ohren herumwirbeln.

Zum einen bin ich glücklich, dass er aus diesem Kuss keine große Sache macht, weil es ja das ist, was ich wollte. Andererseits ist das ein bösartiges Stechen in meinem Magen, dass lieber gesehen hätte, wie Ryan sich über die Mittelkonsole beugt, um mir schweigend und heimlich einen Abschiedskuss zu geben.

Verdammter Mist!

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