37. Ryan

Ich erzähle ihnen alles. Bis auf die Kleinigkeit mit dem Stalker und der Panikattacke, weil ich finde, dass das absolut niemanden, außer Eve, etwas angeht.

Scar und Zac sind fantastische Zuhörer. Besser als ich es je für möglich gehalten habe. Doch das Beste von allem ist, dass keiner von ihnen mich auslacht. Ich bekomme von Scar lediglich die ein oder andere Kopfnuss für dämliches Verhalten, worüber ich nicht einmal böse sein kann.

»Das hast du nicht gesagt«, kommentiert Zac meine Erzählung von der Verabschiedung.

»Oh, Ryan!«, flucht Scar und straft mich mit einem wütenden Blick. »Sowas kannst du doch nicht sagen.«

»Es war eine Kurzschlussreaktion!«, versuche ich, mich verzweifelt zu rechtfertigen, und klammere mich an der Tasse fest, die bereits das dritte Mal von Scar befüllt wurde.

»Eine sinnvolle Kurzschlussreaktion wäre ein weiterer Kuss gewesen, du Depp.« Zac verschränkt die Arme vor der Brust und schüttelt den Kopf. Er erinnert mich an meinen Dad, wenn ich ihn mal wieder enttäuscht habe.

»Kurzschlussreaktion beinhaltet eben, dass man nicht nachdenkt«, brumme ich und senke den Blick. Als würde ich mir deswegen nicht schon selber genug Vorwürfe und Gedanken machen. »Ist ja auch völlig egal. Passiert ist es jetzt. Aber wie komme ich aus der Nummer wieder raus?«

Ich weiß, welche Frage Zac mir stellen wird und ich fürchte mich vor der Antwort.

»Kommt ganz drauf an, welche Optionen du hast«, erwidert Zac gelassen und lehnt sich ein Stück zurück. »Kannst du auf Abstand gehen?«

Ja, bestimmt könnte ich das. Wenn Evelyn nicht verfolgt werden und unsere beiden Freunde nicht in einem Liebesdrama stecken würden, vor dem wir sie bewahren müssen.

»Nein«, seufze ich und fahre mir mit der Hand durchs Haar, das ich mir wieder mal einzeln ausreißen könnte.

»Würdest du denn überhaupt auf Abstand gehen wollen, wenn du es könntest?«

Ich schlucke schwer.

Vor solchen dämlichen Sachen habe ich angst. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich sie morgens nicht abholen würde? Wenn wir nicht zusammen den Kaffee trinken? Wäre es mir egal? Ich presse die Lippen zusammen, als ein feines Kribbeln über meine Arme schießt.

»Nein, ich würde nicht auf Abstand gehen wollen«, gebe ich zu, als das Gefühl bei jedem Gedanken an sie stärker wird.

»Weil du mit ihr ins Bett willst, oder weil du gerne mit ihr Zeit verbringst?«

Ich hasse ihn.

Und am meisten hasse ich mich, weil ich nicht über die Antwort nachdenken muss und zu dämlich, war es zu merken.

»Verdammter Mist, was mache ich denn jetzt?«, stöhne ich und lege den Kopf in den Nacken, während ich mir die Schläfen massiere.

»Du hast…«, setzt Scarlett verwundert an, wird doch sogleich von Zac unterbrochen.

»Scar, er hat schon geantwortet und gerade begriffen, dass er verknallt ist.«

»Ich bin nicht…«

»Versuch gar nicht erst es abzustreiten«, kommt Zac mir mit erhobenem Zeigefinger zuvor. Ich schlucke die Worte herunter, die gelogen gewesen wären und schaue hilfesuchen zu Scar.

»Und was jetzt? Ich kann das alles doch nicht mit diesem ganzen komischen Gefühlsgedusel.«

»Hey!«, sagt Scarlett laut und gibt mir einen Fausthieb gegen die Schulter. »Was ist mit deinem Selbstvertrauen passiert? Sonst bist du doch nicht so verzweifelt, wenn es um Frauen geht.«

»Bisher waren da auch nie Gefühle im Spiel.«

»Na und?«

»Verdammt, ich kenne sie doch gerade mal einen Monat. Ich kann doch nicht einfach vor ihrer Tür auftauchen und ihr den Mist um die Ohren hauen. Außerdem hat sie genug andere Sachen, die sie aktuell beschäftigen. Ich denke nicht, das da irgendein Liebesdrama hilfreich wäre. Was ist denn, wenn ich mich irre und in zwei Wochen ist sie mir wieder egal? Wenn ich sie wirklich nur vögeln will?«

»Naja«, sagt Zac und zuckt mit den Schultern. »Dann würde ich dir raten, dass du abwartest oder so schnell es geht mit ihr ins Bett steigst um herauszufinden, was das für dich ist.«

»Du wirst nicht mit ihr ins Bett steigen!«, befiehlt Scar mir.

»Warum denn nicht? Wenn es ihm hilft?«

»Und was ist, wenn er ihre Gefühle verletzt?«

»Von einmal Sex?«

»Natürlich. Vielleicht macht sie sich ja schon Hoffnungen und denkt dann, dass er sie auch mag.«

»Also soll er ihr vorher sagen, dass es nur Sex ist?«

»Nein, dann stellt sie sich ja drauf ein, dass es nur das ist.«

»Oh Gott, bitte hört auf!«, unterbreche ich die verwirrende Diskussion. »Sagt mir lieber, wie ich jetzt mit ihr umgehen soll. Das bereitet mir viel mehr Sorgen. Alles andere wird sich schon ergeben.« Ich hole tief Luft und beobachte, wie die beiden einen kurzen Blick tauschen.

»Verhalte dich so wie vorher ihr gegenüber«, sagt Zac.

»Und mach ihr vielleicht ein paar Komplimente. Zeig ihr, dass du aufmerksam bist und an sie denkst.«

»Komplimente und aufmerksam sein«, murmle ich. »Okay, das könnte ich hinkriegen.«

Ich habe das Gefühl zu meiner Henkersmahlzeit zu gehen, als ich am nächsten morgen nach nur wenigen Stunden Schlaf vor der Tür der Jones stehe. Meine Hände zittern seltsam und mein Magen dreht sich alle zwei Sekunden auf links. Es ist ein abartiges und zugleich verdammt gutes Gefühl, was mich noch ein wenig mehr abschreckt. Davon darf ich mich jetzt allerdings nicht kontrollieren lassen. Ich soll mich so verhalten wie immer. Zwar habe ich noch keinen Plan, wie ich das anstellen soll, aber das wird sich bestimmt schon ergeben.

»Guten Morgen, Ryan«, werde ich von Elizabeth Jones begrüßt, die heute eine weite schwarze Jeans und eine rote Bluse trägt. Ein breites Grinsen liegt wie jeden Morgen auf ihren Lippen, als ich eintrete.

»Morgen«, erwidere ich mit einem Lächeln und bekomme beim Eintreten sogleich eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt.

»Tief durchatmen, hier herrscht heute Morgen etwas Zickenkrieg. Am besten hältst du dich einfach aus der Schusslinie«, warnt sie, als ich eine laute Stimme aus der Küche vernehme.

»Soll ich wieder…«, lasse ich den Satz in der Luft hängen und deute auf die Tür, zu der ich gerade hereingekommen bin.

»Nein, nein.« Elizabeth Jones schiebt mich förmlich in das Wohnzimmer in dem sich Lynn und Amy vor Zorn bebend gegenüberstehen.

»…aber ich werde auf diese Party gehen! Es ist mir egal, was du sagst!«

»Du wirst nicht auf eine Party gehen auf der fast nur Studenten sind. Schon gar nicht nachdem du dich die letzten Wochen wie ein Kleinkind aufgeführt hast!«, feuert Amy’s Mum wütend zurück und stemmt die Hände gegen die Hüften.

»Du hast davon doch sowieso nie was mitbekommen, weil du dauernd arbeiten warst!« Amy deutet anklagend mit dem Zeigefinger auf Lynn, während ich mich leise neben die Tür stelle, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Meine Augen suchen den Raum nach den vertrauten Locken ab, doch ich kann Eve nicht ausmachen. Ob sie noch schläft? Oder macht sie sich genau so viele Gedanken wie ich mir? Verdammt, was ist, wenn sie das, was im Bad passiert ist, einfach vergessen will?

»Ich werde dahingehen!«, brüllt Amy aufgebracht.

»Nur über meine Leiche!«

»Das lässt sich bestimmt einrichten!«, zischt Amy, was Elizabeth einen Seufzer entlockt, die sich gelassen mit ihrer Zeitung an die Arbeitsplatte lehnt, als wäre das eine der normalsten Diskussionen überhaupt.

»Benimm dich, Fräulen!«

»Wann darf ich endlich mein Leben selbst bestimmen!?«

»Ich wiederhole mich nur ungern, aber du kennst meine Einstellung, Lynn«, murmelt Elizabeth hinter ihrer Zeitung, während ich an dem Kaffee nippe.

Ob einer von ihnen mich überhaupt bemerkt hat?

»Mum, halt dich da raus!«, zischt Lynn ihre Mutter an, die die Augen verdreht.

»Himmel, muss das ausgerechnet heute sein?«

Meine Muskeln verkrampfen, als die vertraute und viel zu sanfte Stimme leise neben mir vernehme. Der Griff um die Tasse wird stärker und wie von selbst dreht mein Kopf sich. Eve ist genau so wenig darauf vorbereitet wie ich, als unsere Blicke sich treffen. Sie wäre fast in mich reingelaufen, weil ich so dicht an der Tür stehe und jetzt ist sie mir ziemlich nah.

Mein Hals kratzt und ich unterdrücke den Drang mich zu räuspern, während sich diese verflucht hübschen braunen Augen vor Überraschung ein Stück weiten. Mein Herz macht einen kleinen Satz, als ich ihre leicht geöffneten Lippen sehe, die mich zurück in die gestrige Nacht kapitulieren.

Am liebsten würde ich den Gedanken nachhängen und ihre Locken betrachten, die ich Gesicht heute so hübsch einrahmen. Allerdings soll ich mich normal verhalten und es ist bestimmt nicht normal, wenn ich sie stundenlang anstarre.

»Guten Morgen«, murmle ich, während die Streitigkeiten neben uns weitergehen und mich nicht im Geringsten interessieren.

»Morgen«, erwidert sie und bewegt sich genau wie ich keinen Zentimeter. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

»Gut geschlafen?«, zwinge ich mich die Unterhaltung fortzuführen und drehe den Kaffee in meiner Hand um irgendetwas zutun.

»Bei dem Krach? Keine Chance?«

»Das läuft schon die ganze Nacht?«

»Also… naja…«, stottert sie und ich meine, das ihre Wangen einen leichten Rotton annehmen. Verdammt, wird sie gerade wegen mir rot? Ich kann nichts dagegen tun, das meine Mundwinkel ein Stück nach oben wandern.

»Eve und Ryan können als Aufpasser mit!« Wir zucken gleichzeitig zusammen, als wir unsere Namen hören. Wenn ich bis eben noch gedacht habe, dass ich nicht wahrgenommen wurde, so muss ich jetzt feststellen, das drei Augenpaare jetzt auf mir haften. Falten bilden sich auf meiner Stirn, während ich versuche herauszufinden, worüber gerade überhaupt geredet wird.

»Ich werde garantiert nicht mit zu einer deiner Kindergeburtstagen kommen«, fängt Eve sich als erstes und geht an mir vorbei, wobei ihr Duft in der Luft hängen bleibt.

»Komm schon, Eve. Das ist kein Kindergeburtstag!«

»Das macht die Sache ja noch schlimmer!«, faucht Lynn und reckt das Kinn in die Höhe, als sie sich umdreht und sich einen Kaffee eingießt.

»Eve!«, bettelt Amy nun und ich bin versucht ein Stück weiter in die Ecke zu gehen. »Bitte!«

»Nein«, erwidert die große Schwester gelangweilt, als wäre es nicht die erste Unterhaltung dieser Art.

Und dann passiert etwas mit dem ich nicht gerechnet habe. Amy’s Augen wandern zu mir.

»Ryan!«

»Oh nein!«, unterbreche ich sie, bevor ich ins Kreuzfeuer gerate. »Das ist eine Sache zwischen euch. Da halte ich mich raus.«

»Könnt ihr beide bitte nicht nochmal drüber nachdenken? Und wenn nicht zu der in zwei Wochen, könnten wir dann vielleicht zu der, die danach ist? Ich habe keine Lust die ganze Zeit Zuhause zu sitzen.«

»Das hat dich die letzten Wochen auch nicht sonderlich gestört«, wirft Lynn leise ein, ohne dass Amy es hört. Die ist zu sehr damit beschäftigt mich mit großen, traurigen Augen anzuschauen. Hilfesuchend sehe ich zu Eve, die einen tiefen Seufzer von sich gibt.

»Wir überlegen uns das, okay? Und damit ist diese Diskussion für die nächsten Tage erledigt.«

Es fällt mir leichter, als gedacht normal mit Eve umzugehen, was vielleicht auch daran liegt, dass erst Amy im Auto sitzt und Eve danach in ihre übliche Starre verfällt aus der ich sie heute nicht rausbekomme, weil ich keine Ahnung habe wie. Zum Glück starrt sie ruhig aus dem Fenster und bemerkt nicht, dass ich mindestens einmal in der Minute zu ihr schaue, auch wenn ich es nicht will. Wir schweigen die Fahrt über und ich kann nicht einordnen, ob es sich schlecht anfühlt.

»Das übliche?«, überwinde ich mich schließlich, als ich den Motor ausstelle. Ich sehe zu Eve, die sich nachdenklich eine Strähne hinters Ohr streicht und leicht nickt.

»Gerne.« Nervös fahre ich mit der Zunge über die Lippe, als ich aussteige und nach meiner Tasche greife. »Tut mir leid, dass du das Chaos heute morgen mitbekommen hast und Amy dich in das Schlamassel gezogen hat«, vernehme ich Eve, als ich die Tür schließe und sie neben mich tritt. Ein Seufzer entweicht ihr und sie wirkt müde. Ich lege den Kopf schief, mustere das blasse Gesicht und bemerke, dass sie das Handy in ihrer Hand fest umklammert.

»Geht’s dir gut?«

Das Telefon in ihrer Hand vibriert, woraufhin Eve ein wenig zusammenzuckt.

»Eve?«, frage ich nach, als ich den vertrauten panischen Ausdruck sehe und sie kurz auf das Display schaut, woraufhin ihre Lippen sich zu einem schmalen Strich verziehen.

»Das geht schon seit heute Morgen so. Ich sperre jede Nummer sofort, aber es scheint so, als hätte er sich ein paar mehr Nummern zugelegt.« Ich kann sehen, wie sie schwer schluckt.

Ich denke nicht wirklich nach, als ich mein Handy aus der Hosentasche ziehe und es ihr hinhalte.

»Der Code ist Fünf, Sechs, Acht, Drei.«

»Was?« Verwirrt runzelt Eve die Stirn und starrt auf meine Hand.

»Wir tauschen die Handys.«

»Tun wir das?«

»Nur wenn du willst«, erwidere ich ruhig, obwohl mein Herz bis zum Hals schlägt. »Nur bis ich dich wieder nach Hause fahre. Aber dann hast du etwas Ruhe und kannst mich erreichen, falls was ist.«

Eve zögert, mustert mein Gesicht und ich hoffe, mir ist nicht anzusehen, wie ich leicht panisch werde.

»Bekomme ich dann widerliche SMS von anderen Frauen?« Ihre Nase kräuselt sich leicht, als sie das Gesicht leicht angeekelt verzieht.

»Durchaus möglich, aber du kannst die Nachrichten einfach ignorieren«, schlage ich vor, während meine Hand schwitzig wird.

»Und das ist jetzt kein Scherz?«

»Nein, Jones, ist es nicht.«

Sie beißt sich auf die Lippe. Himmel. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so etwas Verführerisches gesehen zu haben.

»Nur bis heute Nachmittag?«, will sie wissen, wippt nervös vor und zurück.

»Was denn? Hast du da so viele Nummern von geheimen Lovern drauf, die sehnsüchtig auf eine Antwort von dir warten?«

»Nein, nur einen Haufen Nacktbilder, die nicht jeder sehen muss.«

Ich kann nichts dagegen tun, das mir die Gesichtszüge entgleiten.

»Du hast…«

»Das hättest du wohl gerne«, grinst Eve plötzlich, nimmt mein Handy und legt ihres dafür in meine Hand.

Sie hat ja keine Ahnung, wie gerne ich das hätte. Immerhin bereue ich es schon jetzt, dass ich das Bild in Unterwäsche von ihr gelöscht habe. Ich presse die Lippen zusammen und versuche nicht allzu enttäuscht zu sein, dass sie nur geblufft hat. Nicht, dass ich nachgeschaut hätte, aber… naja. Die Vorstellung genügt, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Von daher ist es vielleicht besser, wenn sie keine auf dem Handy hat.

»Du bringst mich noch um den Verstand, Jones«, brumme ich, als sie sich umdreht und mein Handy in ihre hintere Hosentasche gleiten lässt.

»Das kann ich nur zurückgeben, Paxton«, summt Eve und geht etwas langsam, sodass ich sie einholen kann.

»Ich fasse das als Kompliment auf.« Wir bleiben vor dem Cafè stehen und ich will Eve die Tür aufhalten, als sie einen Schritt zurück macht. Verunsichert verschränkt sie die Finger miteinander und wirft einen kurzen Blick zu dem Tresen. Ich will bereits fragen, was los ist, als ich Jax entdecke, der neugierig zu uns sieht.

»Ich warte hier, wenn’s dir nichts ausmacht«, sagt sie kleinlaut und tritt zur Seite, sodass sie durch das Fenster nicht mehr zu sehen ist.

»Du bist ein ziemlicher Angsthase«, kommentiere ich, woraufhin sie mir die Zunge raus streckt. Die Zunge von der ich viel zu gut weiß, wie sie sich anfühlt.

»Beeil dich einfach«, fordert sie mich auf, als ich die Tür öffne und den Kloß im Hals herunterschlucke.

Warme Luft schlägt mir entgegen, die nicht besonders hilfreich ist, wenn es darum geht meinen Puls zu beruhigen.

»Hey«, begrüße ich Jax und ziehe die Geldbörse aus meiner Jeanstasche. »Einen Kaffee und einen grünen Tee.«

»Immernoch Magenprobleme?«, kommt es plötzlich ohne Begrüßung von Jax, der mich mit verkniffenem Ausdruck einen langen Moment mustert, ehe er sich umdreht. Verwirrt starre ich zu dem Kerl, der mir den Rücken zudreht und kein Lächeln mehr auf den Lippen trägt.

»Nein, ich habe den grünen Tee für mich entdeckt«, gebe ich langsam zurück.

Was ist den bloß mit ihm los?

»Interessant«, knurrt er, während er den Kaffee eingießt. Seine Augen huschen zu dem Fenster, vor dem Eve eben noch gestanden hat, als ich ihm das Geld hinlege. Ein bitteres Lachen kriecht aus seiner Kehle, als er mir das Wechselgeld gibt.

»Kannst du es einem anderen eigentlich einfach nicht gönnen oder warum musst du jede flachlegen?!«

Ich kenne Jax schon eine Weile, aber diese Feindseligkeit ist mir noch nie begegnet. Ein mulmiges Gefühl macht sich in mir breit, als ich unter seinem zornigen Blick nach den Getränken greife.

»Wenn du unbedingt mit ihr ausgehen willst, solltest du vielleicht einfach mal nachfragen und nicht wie ein Feigling deine Nummer auf ihren Becher schreiben«, gebe ich trocken zurück und warte keine Antwort ab.

Eine Eisenkette legt sich um meine Brust, als ich aus dem Laden trete. Sein zorniger Blick löst ein schmerzhaftes Stechen in meinem Rücken aus und ich presse die Zähne zusammen um mich nicht umzudrehen und ihm eine Beleidigung an den Kopf zu werfen.

»Was hat er gesagt?«, will Eve wissen, als ich ihr mit angespannter Miene, den Becher in die Hand drücke. »Es sah nämlich nicht besonders nett aus.«

»Er hat sich beschwert, dass ich dich ihm ausspannen würde. Also wenn du Interesse hast: Der Typ lässt nicht locker.«

»Obwohl ich ihm noch nicht geschrieben habe?«

Ein widerliches Stechen zieht sich durch meinen Magen, als ich in die braunen Augen blicke, die ehrlich interessiert wirken.

Ich weiß, was es ist, obwohl ich es nicht kenne: Eifersucht.

»Scheint ihm nicht sonderlich viel auszumachen«, versuche ich, so ruhig wie möglich zu antworten. Sie wirft einen Blick über die Schulter zurück zum Café, während wir das Unigebäude ansteuern in dem Eve gleich eine Vorlesung hat. »Er würde sich sicher freuen, wenn du reingehst und um ein Date bittest.«

Ich hasse mich dafür, dass ich es ausspreche.

»Meinst du?«

»Er war sehr deutlich.«

Warum kann sie nicht sagen, dass er ihr egal ist?!

»Hey, Paxton!«, schallt es von der Seite. Ich wirble herum und entdecke Miles, der gähnend auf uns zukommt. Doch sein wachsamer Blick entgeht mir nicht. Automatisch weiche ich ein Stück von Eve zurück.

Fantastisch. Das hat gerade noch gefehlt.

»Morgen«, begrüße ich den Quaterback, dessen Augen alleine auf Eve liegen.

»Guten Morgen.«

»Morgen, Miles«, erwidert Eve skeptisch und wirft mir einen verwirrten Blick zu, den ich nicht erwidern kann ohne, dass er etwas bemerkt. Mit leicht zusammengekniffenen Augen betrachtet er sie, scheint nach irgendwelchen Anzeichen zu suchen. Einen langen Moment hält Eve dieser seltsamen Prozedur stand, dann nickt sie langsam.

»Okay, ich werde dann mal gehen«, sagt sie langsam und deutet auf das Gebäude hinter sich. »Dann bis später.«

»Bis später«, verabschiede ich mich. Miles bleibt ruhig, schaut ihr lediglich hinterher.

Das kann nichts Gutes heißen.

»Und? Willst du ein Statement zu dem Badezimmer Skandal abgeben oder möchtest du das deinem Manager überlassen?« Trotzig blickt er mich an, zieht die Augenbrauen ein Stück hoch. Ein genervtes Stöhnen entweicht mir und ich fahre mir müde mit der Hand durchs Haar.

»Was will das Publikum denn hören?«, gebe ich genauso genervt zurück und halte seinem Blick stand, obwohl es mir schwer fällt.

»Wie wär’s mit der Wahrheit?«

»Es war nicht geplant, falls du das meinst.«

»Wir haben Regeln, die ihr beide aufgestellt habt.«

»Danke für den Hinweis«, gebe ich trocken zurück.

»Wenn du notgeil bist, dann vögel doch einfach eine andere. Ist ja nicht so, als hättest du keine Wahl«, brummt er, wobei er sich umsieht, ob uns jemand zuhört.

»Ich hatte nicht vor mit ihr zu vögeln«, knurre ich.

»Willst du mir echt verkaufen, dass du auf die Bremse trittst, wenn so eine wie Eve sich dir an den Hals schmeißt?«

»Sie hat sich mir nicht an den Hals geworfen…«

»Dann war’s also doch deine Entscheidung?«

»Fuck«, fluche ich. »Das ist alles etwas komplizierter.«

»Ich finde Sex ist kein komplizierter Vorgang.«

»Können wir das Wann anders und wo anders diskutieren? Es ist vielleicht nicht besonders sinnvoll, wenn wir das mitten auf dem Campus austragen«, sage ich leise, als zwei Frauen neugierig an uns vorbeilaufen.

»Glaub ja nicht, dass du so einfach davonkommst«, warnt Miles mich.

Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn das einfach in der Senke verschwunden wäre und er es vergessen hätte.

»Schon verstanden.«

»Jungs!«, vernehme ich Dean etwas außer Atem, als er nur noch wenige Meter vor uns steht. Er ist blass und hat Ringe unter den Augen. »Mein Gedächtnis spinnt etwas herum«, keucht er und stemmt die Hände gegen die Hüfte. »Und ich wollte mal wissen, ob ich gerade irgendwas durcheinander bringe.« Dean beißt sich einen Moment auf die Lippen. »Ich habe gestern nicht wirklich eine Amber angerufen und gebeten zu kommen? Und sie hat mich nicht nach Hause gebracht? Das ist falsch in meinem Kopf, oder?«

»Nein, das stimmt schon. Auch wenn ich wirklich beeindruckt bin, dass…«

»Scheiße!« Meine Worte gehen in einem lauten Fluch von Dean unter, der die Hände hinter dem Kopf verschränkt. »Scheiße, scheiße, scheiße!«

Dean ist aufgebracht und läuft ruhelos auf der Stelle umher.

»Warum hast du uns eigentlich nie von ihr erzählt? Die ist eigentlich eine ganz hübsche«, scherzt Miles, doch irgendetwas stimmt nicht mit dem Kerl.

»Dean?«, frage ich vorsichtig, als sein gehetzter Blick mich trifft. »Ist alles in Ordnung?« Einen langen Moment scheint er mit sich selbst zu kämpfen, dann nimmt er die Hände runter.

»Klar, was soll schon sein?«, brummt er, dreht sich um und geht.

Ich weiß, dass es gelogen ist.


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