38. Evelyn

Ich traue mich nicht, sein Handy einfach einzuschalten. Stattdessen halte ich es die letzten fünfzehn Minuten in der Hand und untersuche es auf Kratzer. Eigentlich bin ich schrecklich neugierig und wüsste nur zu gern, was er für ein Hintergrundbild hat und mit welchen Leuten er sonst noch Kontakt hat.

Manchmal ist Ryan für mich schwer einzuschätzen und in der heutigen Zeit, sagt ein Handy mehr über den Besitzer aus, als das Portemonnaie. Es ist verführerisch einfach, den Code einzutippen und die Zeit bis zum Beginn der Vorlesung damit zu verbringen, etwas mehr über ihn zu erfahren.

Dennoch habe ich es bisher nicht geschafft, die vier banalen Zahlen einzutippen, die um mich herumtanzen, als würden sie mich auslachen. Glaubt er, dass ich einfach sein Handy durchsuchen würde? Warum vertraut er mir das so sorglos an? Ich bin mir nicht mal sicher, ob Sophia oder Zoe mir ihre Smartphones einfach so überlassen würden und das sind immerhin meine besten Freundinnen.

Ich lehne mich etwas weiter zurück, werfe einen Blick über die Schulter zur Tür, durch die langsam verschlafene Studenten mit Kaffee torkeln. Die Sonne steht noch nicht besonders hoch, wodurch das Licht den Raum nicht ganz flutet. Einige der Leute setzten sich extra außerhalb der Reichweite und ein junger Typ verschränkt die Arme und legt seinen Kopf drauf, nur um wahrscheinlich wenige Sekunden später in einen sanften Schlaf zu gleiten.

Ich wende mich nach vorne, betrachte das bisher leere Pult. Wird die Vorlesung heute wieder so langweilig wie die letzten Male? Meine Augen wandern zu Ryans Handy. Nein, die Vorlesungen waren nie wirklich langweilig, aber das war nur so, weil ich immer mit Ryan geschrieben habe. Wird er es wieder tun? Oder bin ich diesmal diejenige, die sich zuerst meldet?

»Du bist heute aber früh«, begrüßt Zoe mich aus dem Nichts, woraufhin ich heftig zusammenzucke. Meine Finger umschließen eilig das Smartphone und lassen es mit einer schnellen Armbewegung in meine Jackentasche gleiten, während Zoe sich im Saal umschaut.

»Zuhause haben Mum und Amy sich gezofft. Da konnte ich keine Sekunde länger schlafen«, plappere ich drauf los.

»Schon wieder? Ich dachte, es wird besser«, meldet Sophia sich zu Wort, die sich gähnend neben Zoe setzt und mich schief anlächelt.

»Ich glaube, die werden sich auch noch auf Amys Hochzeit umbringen wollen«, seufze ich und greife nach einem Stift um meine unruhigen Finger unter Kontrolle zu bekommen.

»Die Zwei sind sich eben einfach zu ähnlich.« Zoe legt einen Block vor sich auf den Tisch und schüttelt den Kopf, als würden wir uns über kleine Kinder ärgern.

»Du kannst gerne probieren, ihnen das zu sagen. Gran und ich gehen bei diesem Versuch immer beinah drauf, aber bei dir könnte es klappen.«

»Ich würde das Risiko an deiner Stelle nicht eingehen, Zoe«, rät Sophia.

»Mal schauen. Vielleicht starte ich den Versuch nach der ein oder anderen Flasche Sekt, aber jetzt zu einem anderen Thema.« Ich weiß, dass es nichts Gutes ist, als Zoe sich zu mir dreht und mich selbstsicher ansieht. »In knapp einen Monat findet hier das Frühlingsfest statt und Mr. Jenkins hat Coach Kim beauftragt eine Choreo vorzubereiten, die sie dort aufführen sollen. Anwesenheitspflicht besteht zwar für alle, aber da ein Großteil des Teams für die Meisterschaft trainiert, muss auf die Ersatzleute zurückgegriffen werden.« Skeptisch betrachte ich meine Freundin, die sich kurz auf die Lippe beißt, ehe sie Luft ausstößt. »Ich habe ihr gesagt, dass du der passende Kandidat für das Training der Choreo bist.«

Aus dem Nichts bekomme ich einen Tritt in den Magen, der zugleich die Luft aus meinen Lungen quetscht. Meine Finger umklammern fest den Stift in der Hand, bei dem es mich wundert, dass er nicht bricht. Ich schlucke die Galle herunter, die droht aufzusteigen und wende eilige den Blick ab, weil ich sicher bin, dass die Panik in meinen Augen steht.

Zwei Sachen sprechen dagegen: Zum einen der Stalker, der sich nun wieder in mein Leben geschlichen hat und zum anderen, das Team. Ich bin neu und habe nun wirklich kein Recht darauf, diese Verantwortung zu übernehmen.

»Zoe, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist«, presse ich hervor und versuche dabei so ruhig wie möglich zu bleiben. »Ich bin doch gar nicht wirklich im Team.«

»Ich werde mit allen sprechen und dann wird das schon klappen.«

»Meine Güte«, flucht Sophia plötzlich von der Seite. »Ich dachte, dass sich das Thema mit Cheerleading und Footballern endlich mal erledigt hat.«

»Ich sage es dir noch mal: Du bist jederzeit im Team herzlich willkommen«, gibt Zoe etwas gereizter zurück.

»Damit ich mitreden kann, welcher Footballer heute der heißeste ist? Nein, vielen Dank, Zoe.«

»Dann hör auf dich zu beschweren und komm damit klar.«

»Ich werde…«

»Könnt ihr bitte aufhören«, gehe ich dazwischen und schließe eine Sekunde die Augen, um die aufgewühlten Gefühle, die durch meine Adern rauschen nicht überhandnehmen zu lassen. »Mein Tag war schon jetzt anstrengend genug und ich bin dafür, dass wir alles weitere am Wochenende besprechen, okay? Und dann geht es nicht nur um Cheerleading und Footballer. Ehrenwort, Sophia.« Einen Augenblick schaffe ich es, die leicht verärgerten Blicke zu ertragen, dann wende ich mich hastig nach vorne, weil es zu schwer ist, jetzt mit ihnen zu reden. Zu meiner Erleichterung taucht zur gleichen Zeit die Dozentin auf, woraufhin das Gerede im Saal zu einem Nuscheln wird.

Ich lehne mich etwas nach vorne, als das Handy in meiner Jackentasche vibriert. Ich weiß, dass ich es einfach dort lassen sollte, weil die Gefahr zu groß ist, dass Zoe oder Sophia das mitbekommen. Doch wie von selbst wandern meine Finger zu dem Smartphone und ziehen es hervor. Auf dem Bildschirm prangt mein Name, was zum einen sehr seltsam ist und zum anderen, tut es verflucht gut, dass Ryan mich nicht alleine lässt.

Eve: Und? Hast du schon alle Fotos durch?

Ich presse die Lippen zusammen, um das Lächeln zu verbergen, während Zoe neben mir aufmerksam zuhört und das Kratzen von Stiften den Raum beschallt. Diesmal fällt es mir nicht schwer, den Code einzutippen und ich versuche nicht darauf zu achten, dass Ryan sich und seine Freunde als Hintergrundbild hat, bei dem er verflucht gut aussieht und ein Lächeln zur Schau trägt, das bereits so für Kribbeln in der Magengegend sorgt. Dabei handelt es sich nur um ein blödes Foto. Eilig öffne ich den Chat und nehme wahr, dass die meisten Nachrichten an männliche Freunde gehen. Doch das ist natürlich irrelevant. Völlig egal.

Kurz schüttle ich den Kopf, um meine Gedanken wieder in eine klare Reihe zu bringen, dann fliegen meine Finger schnell über den Display.

Ryan: Ich habe sogar schon die Namen in deinem Telefonbuch geändert.

Eve: Das würde ich dir sogar zutrauen. Hast du das wirklich gemacht?

Ryan: Das wirst du wohl später alleine herausfinden müssen.

Eve: Mach keine Dummheiten, Jones.

Ryan: Ist das nicht eher mein Satz, Paxton?

Eve: Ich habe spontan das Drehbuch umgeschrieben. Außerdem bin ich gerade du und du ich 😉

Ryan: Das ist kompliziert.

Eve: Siehst du. Ist gar nicht so schwer, ich zu sein, oder?

»Eve«, zischt jemand plötzlich von der Seite und ein Ellenbogen bohrt sich in meine Rippe. Noch mit dem Lächeln auf den Lippen drehe ich mich fragend zu Zoe. »Leg endlich Ryans Handy weg und pass auf.«

Ich soll Ryans…

Verwirrt blinzle ich einige Male, während Zoe mich mahnend anblickt. Meine Wangen nehmen einen verdächtigen Rotton an, den ich versuche wegzuatmen.

»Woher…?«, will ich wissen, als sie auf ihr Handy tippt, das neben ihr liegt.

»Ich habe meine Quellen.«

Natürlich. Es kann nur eine verdammte Quelle dafür geben.

»Miles«, stelle ich leise fest, schalte das Handy aus und lege es demonstrativ neben meinen Block und greife nach dem Stift. Zoe wendet sich wieder nach vorne und bekommt nicht mit, dass der Display ein weiteres Mal aufblinkt. Aus dem Augenwinkel lese ich seine Nachricht.

Eve: Der Feind hat uns entdeckt. Trete nun den Rückzug an.

Er ist und bleibt ein Trottel. Aber einer, der mich dauernd zum Lachen bringt.


Der Tag vergeht wie im Flug. Ryan schreibt mir immer wieder, schickt Selfies und Bilder von Dean, der in der Vorlesung eingeschlafen ist und sabbert. Ich fühle mich wesentlich besser mit den Nachrichten, als die, die ich sonst stündlich bekomme.

Ich weiß auch, dass Zoe mich genaustens beobachtet und ich bin mir sicher, dass es Ryan mit Miles ähnlich geht. Allerdings versuche ich, dass so gut es geht auszublenden. Leider komme ich nicht umher mich zu fragen, ob Miles und Zoe sich ähnlich beobachtet gefühlt haben und im Laufe der Stunden macht sich ein schlechtes Gewissen in mir breit, von dem ich nicht genau sagen kann, woher es rührt.

»Tut mir leid«, sage ich schließlich, als Sophia los ist, um sich einen Kaffee zu holen, und ich mit Zoe auf einer Bank warte. Falten bilden sich auf ihrer Stirn, als sie mich ansieht. Einen Moment scheint sie nicht zu wissen, worüber ich spreche, doch dann wird ihre Miene sanft.

»Das mit Miles? Das braucht dir nicht leid tun«, widerspricht sie und ihre Mundwinkel heben sich. »Wären du und Paxton nicht gewesen, würde ich immer noch nicht wissen, ob ich nur was für zwischendurch bin.«

»Und jetzt weißt du sicher, was du bist?«

Zoe lehnt sich ein Stück zurück und schaut gen Himmel.

»Er bemüht sich momentan jedenfalls auf eine ganz andere Weise, die nichts mit Sex zutun hat.«

»Ihr fummelt nur?«

Zoe presst die Lippen zusammen und schüttelt den Kopf, als wäre sie ein kleines Kind, das ein Geheimnis hat.

»Wir halten Händchen und er nimmt mich hin und wieder in den Arm, wenn wir alleine sind. Ansonsten kocht er was für mich, wir gehen ins Kino und er schreibt mir dauernd Nachrichten an denen absolut nichts versautes ist.«

»Sekunde«, murmle ich verdattert und lege den Kopf schief. »Wir reden hier von demselben Miles, oder? Der mit dem du diese Freundschaft Plus hast?«

»Hatte«, werde ich grinsend korrigiert. »Und da wird auch erst wieder was passieren, wenn dieses dämliche Verbot aufgehoben ist, das ihr aufgetragen habt.«

Plötzlich fühlt mein Magen sich an, als würde er von einer Klippe in tosendes Wasser geworfen werden. Das schlechte Gewissen umklammert meinen Hals, als dieser dämliche Kuss vor meinen Augen aufflackert.

Wenn Zoe und Miles sich wirklich dran gehalten haben, sind Ryan und ich die Einzigen, die das Verbot gebrochen haben. Und das, obwohl wir diejenigen sind, die es auferlegt haben.

»Schön zu hören, dass er sich jetzt zusammenreißt«, presse ich hervor und hoffe, dass mein Lächeln nicht zu aufgesetzt wirkt.

»Reißt Paxton sich denn auch zusammen?« Zoe beißt sich neugierig auf die Lippe und lehnt sich ein Stück zurück.

»Ob er sich zusammenreißt?«, wiederhole ich in der Hoffnung, dass die Bilder und Gedanken verschwinden und nicht wie ein sichtbarer Film für Zoe in meinem Blick zu sehen ist.

»Du weißt schon: Benimmt er sich in deiner Gegenwart oder drückt er dir dauernd einen blöden Spruch rein?«

»Oh, er benimmt sich«, erwidere ich rasch. »Meistens.«

»Gut.« Zoe nickt zufrieden und streicht sich eine helle Strähne aus dem Gesicht. »Geht’s dir denn besser?«

»Ja, irgendwie schon«, gestehe ich seufzend und taste nach dem Smartphone in meiner Hand.

»Ich nehme an, der Grund aus dem ihr die Handys getauscht habt, ist derselbe aus dem er Zeit mit dir verbringt?«

Meine Stimme versagt irgendwie und ich bringe nur ein stummes Nicken zustande. Nervös gleiten meine Fingerspitzen über das Glas des Displays und ich senke den Kopf, um Zoe nicht direkt ansehen zu müssen.

»Alles gut bei euch?«, vernehme ich Sophia, die mit einem Kaffee auf uns zukommt. Mit ihren zierlichen Händen umklammert sie das heiße Getränk und beäugt uns misstrauisch. Automatisch wechseln Zoe und ich einen Blick, beide unsicher, was die passende Antwort ist. »Oh Bitte«, knurrt Sophia aus dem nichts. »Das geht mir langsam wirklich auf den Senkel. Falls ich euch dran erinnern darf, wir sind Freundinnen und erzählen uns Dinge.«

»Wir haben keine Geheimnisse.«

»Natürlich nicht«, zischt Sophia.

»Was ist los mit dir? Du bist heute so gereizt«, schaffe ich es, mich zu Wort zu melden.

Einen langen Moment starrt sie mich an, dann schüttelt sie den Kopf, dreht sich um und geht. Ich bekomme es nicht hin, ihr etwas nachzurufen oder hinterher zu rennen. Zoe scheint es ähnlich zu gehen, denn wir beide bleiben wie angewurzelt sitzen und sehen zu, wie Sophia an der Hausecke verschwindet.

»Ihr geht’s gar nicht gut«, kommentiert die Blondine den Abgang zuerst.

»Nein«, stimme ich leise zu. »Wir müssen uns mehr um sie kümmern.«

»Notfall-Sleep-Over?«

»Samstagabend?«

»Geht klar.« Zoe stößt hart Luft aus und steht auf. Sie streckt sich und wirft einen wehleidigen Blick zu dem Gebäude, das sich nicht weit von uns entfernt befindet. »Ich will da nicht rein.«

»Du schaffst das«, ermutige ich sie grinsend und stehe ebenfalls auf, ohne das Handy in meiner Jackentasche loszulassen. Zum Glück herrschen niedrige Temperaturen und man könnte denken, dass mir einfach kalt ist und ich deswegen die Hände in den Taschen habe.

»Sagt diejenige, die nach Hause kann und zusätzlich noch gefahren wird«, brummt Zoe, ehe sie mich kurz in den Arm nimmt.

»Auf in den Kampf«, ist das Letzte, das ich von ihr höre, ehe sie entschlossen losgeht. Ich beobachte sie so lange, bis auch sie in dem Gebäude verschwunden ist. Anschließend ziehe ich das Handy hervor und werfe einen Blick auf die Uhr. Länger als nötig, starre ich das Foto an, auf dem Ryan ist.

Du hast ihn gerne, flüstert eine kleine gemeine Stimme in meinem Kopf.

Ich presse die Lippen zusammen und betrachte einen kurzem Moment, den ruhigen Campus. In zehn Minuten soll ich Ryan am Auto treffen und meine Nackenhaare stellen sich bei dem Gedanken auf, dass ich mein Handy wiederbekomme. Der Tag ohne die Nachrichten von einem Verrückten war wesentlich besser für mich und meine Panikattacken.

Ein leiser Seufzer entfährt mir, als ich mich auf dem Weg zu dem Parkplatz mache. Sonst habe ich die Angewohnheit mich dauernd umzusehen, wenn ich alleine unterwegs bin. Heute ist es anders. Die Gewissheit, dass Ryan auf mich wartet und das Gefühl kurz zur Ruhe zu kommen, scheint mich zu stärken.

Mir ist nicht bewusst gewesen, wie verdammt gut das tut und Ryan wahrscheinlich auch nicht.

Verdammt. Jetzt kriegt er noch mehr Sympathiepunkte in sein Glas. Wie soll er die denn jemals wieder abarbeiten?

Als ich um die letzte Ecke biege, vibriert das Handy in meiner Hand in dem Moment, in dem ich Ryan erblicke, der mein Handy an sein Ohr hält. Ich verdrehe die Augen, als ich drangehe und das Smartphone aus meiner Tasche ziehe.

»Ich bin keine hundert Meter mehr weit weg. Entspann dich«, sage ich leicht genervt, als Ryan im selben Moment vor mir die Hand herunter nimmt.

Er hält kein Handy in seiner Hand.

Ich bleibe wie angewurzelt stehen und eine böse Vorahnung will mich überfallen, als eine ziemlich böse, genervte und tiefe Stimme erklingt.

»Wer ist da? Hat der Trottel schon wieder seine Nummer gewechselt?!«

»Nein«, sage ich langsam, als Ryan auf mich zu gerannt kommt. »Sekunde, er ist gleich da.«

»Ach? Kann er sich neuerdings eine Sekretärin leisten, oder was soll das?!«

Ich kriege keine Antwort raus, ehe Ryan da ist. Mit wütender Miene hält er die Hand hin, in das ich das Gerät lege. Erst jetzt erkenne ich, dass dort Dad steht und nicht Eve. Ich blöde Kuh.

»Was willst du?«, sagt Ryan sehr kühl zu dem Anrufer. »Vielen Dank der Nachfrage, mir geht es super«, erwidert er leicht sarkastisch. Die Stimme am anderen Ende wird aufgebrachter und ich frage mich, ob solche Telefonate öfter vorkommen. Ich starre Ryan an, der einen kühlen Gesichtsausdruck aufgesetzt hat. Seine Augen fliegen zu mir, bleiben dort hängen, bis er sich abwendet und rasch zwei Schritte zur Seite geht.

Mir ist bewusst, dass ich das nicht hören soll. Doch obwohl ich mich wegdrehe, kann ich seine Antwort hören.

»Sie ist nicht meine Sekretärin und auch kein Betthäschen«, knurrt Ryan erbost und senkt die Stimme.

Zum einen beleidigt es mich, dass sein Vater so über mich denkt und zum anderen flattert mein Herz, weil es ihn so wütend zu machen scheint, dass ich so bezeichnet werde. Ich verschränke die Finger ineinander und beiße mir auf die Lippe.

»Ich rufe dich nachher nochmal an.« Mehr sagt Ryan nicht, ehe er auflegt und mit angewidertem Gesichtsausdruck auf seinen Display starrt.

»Tut mir leid, ich dachte du wärst das«, sage ich und hoffe, dass er nicht allzu sauer auf mich ist.

»Ist nicht deine Schuld. Ich hätte dir sagen müssen, dass er versucht mich dauernd zu erreichen«, winkt Ryan plötzlich ab und von der Wut, die seinen Körper bis eben beherrscht hat, ist nichts mehr zu erkennen. Er atmet aus, fährt sich dabei mit der Hand durchs Haar, wobei sein Blick auf das Smartphone fällt. Ein schiefes Lächeln legt sich daraufhin auf seine Lippen. »Hast du die Namen geändert oder nicht?«

»Sieh nach«, erwidere ich schulterzuckend. »Und ich werde mein Handy auf deine Missetaten unetrsuchen, während der Rückfahrt.«

Wir schweigen die Fahrt über. Hin und wieder frage ich ihn, ob er meine Bilder durchgeschaut hat oder irgendwelchen Mist verschickt hat. Doch zum Glück ist nichts dergleichen passiert. Alles ist wie vorher bis auf zwei Kleinigkeiten.

»Du hast Jax Nummer eingespeichert?« Verwirrt schaue ich zu Ryan, der auf die Straße konzentriert ist.

»Ich hatte dir doch gesagt, dass du sie bekommst und ich halte mich auch daran.«

Was soll ich darauf antworten? Nein, danke ich bin nicht länger an seiner Nummer interessiert?

Also nicke ich langsam und wende mich wieder den Nachrichten zu, was mich das zweite Mal stutzig werden lässt.

»Es sind keine weiteren SMS von ihm drauf? Hast du die gelöscht?«

Plötzlich verkrampft Ryan sich etwas und rutscht nervös auf dem Sitz hin und her.

»Nein, ich habe nichts gelöscht und das ist auch der Grund, aus dem ich dich ab jetzt zu deinen Vorlesungen bringe und abhole.«

»Was? Warum?«, will ich verwirrt wissen, als wir vor unserem Haus halten.

»Weil es zwei Möglichkeiten gibt, weswegen er dir nicht geschrieben hat. Die erste ist, dass ihm was dazwischengekommen ist oder er kein Handy hatte, was nach dem was ich mitbekommen habe, aber alles andere als wahrscheinlich ist.« Ein leicht gequälter Ausdruck tritt auf sein Gesicht, als er den Motor abstellt und sie zu mir dreht. »Ich halte die zweite Möglichkeit für viel wahrscheinlicher.«

»Und was ist die zweite Möglichkeit?«

»Er hat dich die ganze Zeit beobachtet und wusste, dass wir die Handys getauscht haben.«

Weiter zu Kapitel 39. Evelyn

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