39. Evelyn

Er war da.

Er hat mich beobachtet.

Doch von wo?

Wer ist er?

Seit Ryan mich abgesetzt hat und ich die Tür zu meinem Zimmer zugezogen habe, quälen mich die Fragen. Ich lasse den gesamten Tag Revue passieren und habe alle alten Briefe und Geschenke von ihm auf dem Boden verbreitet und suche nach irgendetwas, was ein Hinweis sein könnte. Jeden der Zettel, Wörter und Bilder habe ich bereits unzählige Male vor mir liegen gehabt und bin jedes Mal in Panik verfallen.

Heute ist es anders.

Ich bin ruhig und klar im Kopf und sitze mit einem Zettel und Stift vor meinem Handy und notiere mir die SMS, wann ich sie erhalten habe und wo ich zu dieser Zeit war. Alle Stücke sind in die Reihenfolge gelegt, in der ich sie erhalten habe und mit Zetteln habe ich markiert, was vorher vorgefallen ist und worauf die Nachrichten sich beziehen.

Es ist ein gutes Vorgehen und etwas, was mir die Polizei immer geraten hat. Sie selber haben ähnliche Tabellen angefertigt. Es gibt nur ein klitzekleines Problem an der Sache: Es hilft mir nicht weiter.

Je öfter ich mich an die Situationen erinnere, desto häufiger tauchen Gesichter auf, die mir vorher nie aufgefallen sind. Ich kann sie nicht wirklich zuordnen. Wie also soll ich herausfinden, welche von ihnen relevant sind? In meinem Kopf sehen sie alle gleichermaßen harmlos aus. Woran erkennt man denn nun einen Psychopathen unter den normalen Leuten – falls es einer ist?

Nach zwei Stunden gebe ich auf. Jede Zelle in meinem Gehirn steht in Flammen und brennt jedes Bild an, das dort noch herumschwirrt. Müdigkeit hat mich erfasst, als ich mich in der Küche auf die Arbeitsplatte setzte und Gran dabei beobachte, wie sie Gemüse kleinschneidet. Amy hat sich seit heute Nachmittag in ihrem Zimmer verkrochen und Mum musste mal wieder zu einer Schicht ins Krankenhaus.

»Du siehst erschöpft aus. Ist alles in Ordnung?«, fragt Gran, als sie nach einer roten Paprika greift. Meine Finger verknoten sich auf meinem Schoß und ich beiße mir auf die Innenseite meiner Wange. Kurz bin ich versucht alles abzustreiten, weil ich niemanden zur Last fallen will, doch noch bevor dieser Gedanke fest wird, erinnere ich mich an Ryans Worte.

Du bist für keinen eine Belastung.

»Ich will endlich, dass es aufhört«, gestehe ich meiner Großmutter leise, die mitten in der Bewegung innehält. Vorsichtig wendet sie sich zu mir und Liebe gepaart mit Schmerz steht in ihren Augen, entfacht ein vertrautes Brennen in meinen Augen. Ich blinzle eilig und versuche den Brocken an Hoffnungslosigkeit in meinem Mund zu zerbeißen, der mir zusetzt.

»Ach, Kleines.« Das Messer in ihrer Hand fällt auf das Brettchen, als sie ihre Arme um meinen Hals schlingt. Ihre warmen Hände finden meinen Hinterkopf und streichen behutsam über meinen Rücken, während ich die Nase an ihrer Schulter vergrabe. »Ich würde alles geben, damit dieser Mist endlich endet«, flüstert sie neben meinem Ohr, drückt mich etwas fester an sich.

»Warum ich, Gran? Was habe ich denn bloß gemacht?«, will ich mit zittrriger Stimme wissen, als sie mich ein Stück von sich drückt.

»Du hast nichts falsch gemacht, mein Engel«, erklärt sie, legt ihre faltige, vertraute Hand an meine Wange. »Jemand anderes ist im Unrecht, aber bestimmt nicht du.«

»Und was wenn doch? Was wenn ich diejenige bin, die dafür gesorgt hat, dass es so kommt?« Bitterkeit schlägt sie wie ein Pelz auf meiner Zunge nieder, als die Worte meinen Mund verlassen. »Was, wenn all das meine Schuld ist?«

Ich hasse mich für den Gedanken, aber ich kann nichts dagegen tun, dass sie da sind.

»Und jetzt ziehe ich euch mit in dieses Drama«, presse ich hervor, als Scham mich überrollt wie eine Lawine, mich langsam unter ihr begräbt und mir den Atem nimmt. »Ryan hat auch nichts damit zutun. Es ist einfach nicht fair euch alle damit zu belasten.«

»Ryan geht auf mein Konto«, sagt Gran plötzlich. Falten bilden sich auf meiner Stirn, als ich fragend in das Gesicht meiner Großmutter blicke.

»Was meinst du damit?«

»Als er dich damals nach deiner ersten Panikattacke nach Hause gebracht hat, da«, sie stockt und fährt sich nachdenklich mit den Fingern über die Lippen. »Da habe ich ihn gebeten auf dich aufzupassen.«

Auf mich aufzupassen.

Die Worte wabern wie durch Treibsand langsam in meinen Kopf und schlingen sich um die Momente mit ihm, wie giftiger Efeu. Jeder Moment, jede Sekunde scheint plötzlich neu bewertet werden zu müssen. Meine Lungen werden zusammengepresst, während ich mich an der Arbeitsplatte festkralle und versuche nicht umzufallen.

Warum fühlt es sich gerade wie ein schwerer Verrat an?

»Ich musste einfach wissen, dass irgendjemand ein Auge auf dich hat.« Grans Hände fahren sanft über meine Arme.

»Er hat zugestimmt.« Meine Stimme klingt seltsam hohl und leer, obwohl in meinem Inneren ein Sturm aus Empfindungen losbricht, der jedes dar gewesene Gefühl im Bezug auf den Stalker in den Schatten stellt.

»Ja, hat er.«


Ich ignoriere seine SMS und das nicht, weil ich stinksauer bin. Nein, mein Problem ist, dass ich nicht weiß, was ich gerade fühle und um ehrlich zu sein, gibt es nichts schwierigeres. Wäre ich nur wütend auf ihn, könnte ich Ryan anschreien, dass ich mich verraten fühle. Neben der Wut ist da aber noch Dankbarkeit, dass er der Bitte meiner Großmutter folgt, gepaart mit Angst, dass er nur deswegen Zeit mit mir verbringt. Zusätzlich meldet sich das schlechte Gewissen, dass mir sagt, dass er ohne mich mehr Spaß hätte und irgendwo auch Trauer, weil ich mich frage, was wäre, wenn sie ihn nicht darum gebeten hätte. Zu guter Letzt gibt es dann noch das Herzklopfen, das nicht da sein sollte und das Bedürfnis mich an ihn zu klammern, wie ein kleines Äffchen an seine Mutter.

Um es zusammenzufassen: Ich bin völlig durcheinander.

Leider habe ich nicht den Ansatz einer Ahnung, wie ich das in den Griff bekommen soll, geschweige denn wie ich es vor Sophia und Zoe verheimlichen soll.

Ich atme tief durch, ehe ich die Klingel an Sophias Haustür drücke. Ich muss es jetzt schaffen, ein nettes Lächeln aufzusetzen und meine beste und älteste Freundin abzuholen, um sie zu einem Sleepover zu entführen.

Irgendwie.

Meine Lippen kräuseln sich zu einem Lächeln, das nicht meine Augen erreicht, als meine Finger das Metall berühren auf dem Grey steht. Es fühlt sich völlig falsch an hier zu stehen und zu tun, als würde es mir super gehen. Nur habe ich nicht wirklich eine Wahl, weil Zoe und ich abgesprochen haben uns um Sophia zu kümmern und sie hat das eindeutig nötig.

Als die Tür aufgeht, halte ich den Atem an. Ein vertrautes Gesicht blickt mir entgegen, doch er wirkt nicht so fröhlich wie sonst. Sein kantiges Gesicht ist verzogen und trägt einen zornigen Ausdruck zur Schau. Er blinzelt einige Male, ehe seine Züge sanfter werden.

»Evelyn«, stellt er leise fest und zieht die Tür etwas weiter zu.

»Hey, ich wollte…«

»Es ist kein guter Zeitpunkt«, unterbricht er mich mit ungewohnter schärfe in der Stimme. »Du solltest gehen.«

Ich bleibe stehen, kann nichts gegen das Unbehagen tun, das mich erfasst und an meinen Knochen schüttelt.

»Asher? Wer ist das?« Sophias Stimme ist brüchig und ich kenne sie lang genug, um zu wissen, dass sie bitter geweint haben muss.

»Bitte, geh«, drängt er und zieht die Tür noch etwas weiter zu.

Hier stimmt etwas nicht. Egal was es ist und welche Probleme ich habe, ich weiß, dass Sophia mich jetzt braucht.

»Ich bin’s!«, rufe ich, ohne seinen Augen auszuweichen, die verhärten. Er will die Tür zuschlagen, doch da hat sich Sophia bereits von hinten an ihm vorbeigedrängt. Er unternimmt keinen Versuch, sie zurückzuhalten, als sie mir tränenüberströmt um den Hals fällt. Intuitiv schlinge ich die Arme um sie, beobachte dabei aufmerksam ihren Bruder, der den Kopf schüttelt. Ich kann nicht sagen, welche Emotionen ihn übermannen. Trauer? Wut oder Mitleid?

»Was machst du hier?«, schluchzt Sophia, wobei mich ihre schwarzen Haare am Hals kitzeln.

»Dich abholen. Zoe und ich wollten einen Sleepover machen, um dich aufzumuntern«, erkläre ich an ihrem Ohr. Asher gibt ein Schnauben von sich, dann macht er auf den Absatz kehrt. Ich sehe ihm nach, wie er wütend die Treppe hinauf trabt und verschwindet. »Habt ihr euch gestritten?«

»Wir streiten nur noch«, erklärt Sophia leise und löst sich von mir. Mit dem Saum trocknet sie die Tränen, die auf ihren Wangen glitzern und atmet zittrig ein.

»Das war doch früher nicht so.« Ich mustere das fleckige Gesicht meiner besten Freundin, die ein kleines Lächeln zustande bringt, dass mir das Herz bricht.

»Früher war auch alles anders.«

Es ist das Beste, was wir seit langem zusammen gemacht haben. Sophia ist ab der Sekunde gut drauf, in der wir ins Auto steigen und tanzt als erste von uns dreien durch die Küche, während wir Mac’n Cheese machen. Wir erzählen uns dämliche Witze und alte Erinnerungen, vergessen unsere Probleme. Wir verlieren uns in dem Moment und fangen alle an zu heulen, als wir Breakfast Club sehen, obwohl wir alle nicht beim Filmen weinen.

Zoe schwärmt von Miles, währen Sophia und ich lauschen und hin und wieder einen Kommentar von uns geben. Bei dem Thema Jungs bleiben Sophia und ich ansonsten still. Ich nehme an, dass sie zu viel um die Ohren hat, um sich damit zu beschäftigen. Ich hingegen, weiß einfach nicht was ich fühlen soll und halte es für keine besonders gute Idee Zoe mitzuteilen, dass ich die Abmachung gebrochen habe. Daher begnüge ich mich mit einem Lächeln und lasse sie auf ihrer Wolke Sieben schweben.

Es ist halb zwei, als Sophia und Zoe auf dem Sofa einschlafen. Ich hingegen fühle mich plötzlich hellwach. Um keinen der beiden zu wecken, stehe ich leise auf und ziehe die Zimmertür hinter mir zu.

Dann bin ich alleine. Stille herrscht über das Haus und ich wage es nicht, sie zu durchbrechen. Meine Schritte gehen in dem leisen Wind unter, der sich durch die Türspalten bewegt und meine nackten Beine streichelt. Ich bewege mich wie ein Schatten durch das Haus, das momentan nur von uns Dreien belegt ist, weil Zoe’s Eltern auf der nächsten Geschäftsreise sind. Meine Gestalt verschwindet zwischen der Dunkelheit und dem wenigen Licht, das von den Straßenlaternen hineinfällt. Das Gefühl von Lebendigkeit umgibt mich und plötzlich habe ich das Gefühl, das ich der Stalker bin.

Ich verschwinde hinter den Ecken, zwischen den Türen und betrachte in aller Ruhe die Fotos die an der Wand hängen. Ist das der Grund, aus dem er sich bisher nie gezeigt hat? Weil er das Spiel mit dem Schatten so liebt? Sich dadurch mächtig fühlt? Immerhin ist er so in der Lage mich in meinen schwächsten Augenblicken zu beobachten.

Wo er wohl gerade ist?

Ist er vielleicht in der Nähe?

Ich drücke den Rücken gegen die Wand, starre aus dem Fenster im Wohnzimmer in die Dunkelheit.

Sitzt er zwischen dem Gestrüpp und behält mich im Auge?

Ich neige den Kopf ein Stück und will einen Schritt nach vorne machen, als ich höre, wie eine Tür ins Schloss fällt. Das Geräusch ist zu vertraut, als das ich es falsch in Erinnerung haben könnte. Wie von selbst tragen meine Beine mich in die Küche, obwohl ich früher bei dem kleinsten Geräusch verängstigt zurückgeschreckt bin.

Ich weiß nicht, was in mich fährt, als ich in der vorhandenen Dunkelheit in die Küche laufe. Meine Schritte sind lauter, als eben, mischen sich mit meinem hektischen Atem, der durch das Adrenalin verursacht wird, das durch meine Adern schießt.

Ich weiß es, noch bevor ich es sehe.

Mitten in der Küche bleibe ich stehen, lasse den Blick über die Arbeitsfläche und den Herd wandern, als ich sie entdecke.

Drei verdammte rote Rosen.

Alleine in der Dunkelheit.

Panik kriecht meine Kehle rauf, wie bittere Galle, doch ich bin nicht bereit, sie heute überhandnehmen zu lassen. Ich bin es leid, mein Leben von meiner Angst bestimmen zu lassen. Es ist der Mut und die Wut die mich dazu bringen aus der Küche in die Garage zu stürmen. Ein Ohren beherrscht meine Ohren, als ich die Tür nach draußen aufreiße.

Tritt er mir nun endlich gegenüber?

Eisige Nachtluft trifft auf meine erhitzten Wangen und meine Lungen ziehen sich schmerzhaft zusammen. Schemen umgeben mich, als ich nur auf Socken auf die kalten Bodenplatten trete. Ruhig suchen meine Augen die Umgebung ab, während mein Körper in Panik verfällt.

Er kann nicht weit sein.

Er darf nicht weit sein, weil ich einfach nicht mehr kann und will.

Mein Atem wird zu einer kleinen Wolke, die in der Nacht verschwindet. Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen aus, während ich mich von der Tür wegbewege. Ich bin nicht länger in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen.

Verschwinde!, schreit eine Stimme.

Ruf Ryan an!, eine andere.

Finde den Mistkerl, flüstert die Letzte in mein Ohr.

Ich nehme jede Kleinigkeit in der Umgebung wahr. Das Rascheln der Büsche, der Fernseher, der in dem Nachbargebäude flackert und das Surren eines Rasensprengers. Meine Füße tragen mich weiter, führen mich über den feuchten Rasen. Ich bin mir sicher, dass er hier ist. Ich fühle es.

Verdammt, ich habe es schon den ganzen Abend gespürt.

»Evelyn?!«

Meine geschärften Sinne schreien auf, als mein Name durch die ruhige Nacht schallt. Ich halte einen Schrei zurück und wirble herum, die Fäuste erhoben, bereit mich zu verteidigen. Meine Brust hebt und senkt sich in einem ungleichen Takt, während meine Augen langsam die vertraute Silhouette entziffern, die sich nährt.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?!«, knurrt Ryan, als er vor mir steht. Sein schockierter Blick gleitet über mein T-Shirt zu meinen nackten Beinen und Socken. »Was machst du hier?«

Ich bin wütend auf ihn. Gefühle überschwemmen mich, als wäre ein Damm gebrochen. Ich starre Ryan an, versuche zu verstehen, warum mein Herz mir aus der Brust zu springen droht, als mir bewusst wird, was hier gerade passiert ist. Beinah wär ich ihm begegnet.

Alleine in der Dunkelheit.

Ich kapituliere, lasse die Emotionen die Kontrolle übernehmen und schlinge die Arme umd Ryans Hals. Kein Wort kommt über meine Lippen, als ich mein Gesicht gegen seine Brust presse, mich an seiner Jacke festkralle, als würde mein Leben von ihm abhängen. Einen Moment ist er erstarrt, dann spüre ich seine starken Arme, die sich behutsam um meine Taille legen.

»Eve?« Seine raue Stimme ist nur ein Hauch an meinem Ohr und bringt mich dazu die Augen zu schließen.

»Er war hier«, flüstere ich mit heiserer Stimme, presse die Lider etwas fester zusammen. Ich spüre wie er sich verspannt, sein Griff etwas fester wird.

»Was meinst du damit?« Seine Stimme ist ein Zischen, das nur für meine Ohren bestimmt ist. Ich fühle, dass er den Kopf hebt und weiß, dass er dabei ist die Umgebung abzusuchen. Doch es wird nichts nützen. Er ist bereits weg.

»Paxtn?!«, meldet sich aus der Dunkelheit eine zweite Stimme, die ich nur zu gut kenne.

»Komme«, erwidert Ryan und entlässt mich behutsam aus seinen Armen. Dabei landen seine großen Hände auf meiner Haut und ein unzufriedener Ausdruck huscht über sein Gesicht. »Scheiße, Eve. Du bist ja ein Eiszapfen.« Betreten presse ich die Lippen zusammen. Ohne ein Wort zu verlieren, zieht er seine Jacke aus und mustert mich eindringlich. »Bitte sag mir, dass ich falsch liege und du nicht hier draußen rumläufst, weil du den Typen finden wolltest.«

Eilig legt er seine Jacke um meine Schultern, verharrt einen langen Moment. Ich brauche ihm keine Antwort auf meine Frage zu geben, weil er sie in meinen Augen lesen kann. Unsere Gesichter sind nicht weit voneinander entfernt und das vertraute Knistern breitet sich einen Wimpernschlag lang aus, elektrisiert meine Haut – bis er ein frustriertes Stöhnen von sich gibt.

»Verdammt, Eve!«, flucht er und fährt sich unruhig mit der Hand durch das bereits  zerzauste Haar.

»Paxtn!«, kommt es erneut von Miles, der nun langsam auf uns zukommt. Seine Schritte sind leicht wackelig und er presst eine große Packung gegen seine Brust.

»Sorry, ich musste eine Schlafwandlerin einfangen«, seufzt Ryan, legt seine Hand auf meinen Rücken und schiebt mich sanft an. Er merkt nicht, das eine sägende Hitze durch mein Shirt dringt und kurz davor ist meine Haut zu verbrennen.

»Jones?« Miles bleibt leicht schwankend vor uns stehen. Seine Augen sind trüb, doch der scharfe Blick konnte von dem Alkohol nicht getrübt werden.

»Wir waren in der Bar, als er den Entschluss gefasst hat, loszuziehen. Ich wollte den betrunken Idioten nicht sich selber überlassen«, erklärt Ryan und öffnet die Tür zur Garage. Langsam nicke ich, schenke dem Verliebten ein freundliches Lächeln, obwohl meine Muskeln anfangen zu zittern, als hätte ich einen Marathon zurück gelegt.

»Habt ihr schon wieder rumgeknutscht?«

Meine Gesichtszüge entgleiten mir.

Schon wieder?!

»Haben wir nicht, du Idiot und jetzt beweg deinen Arsch da rein, ehe ich dich an den Ohren nach Hause zerre«, knurrt Ryan und versetzt dem Quarterback einen unsanften Schubser, durch den dieser in das Haus stolpert.

»Er weiß es?!«, kommt es schockiert über meine Lippen, als Ryan mich in das Gebäude zieht. »Hast du es ihm etwa erzählt!?«

Bis eben war ich noch unschlüssig, welche Gefühle im Bezug auf ihn überwiegen. Eventuell war ich sogar erleichtert, dass er mich gefunden hat, aber jetzt? Jetzt würde ich den Kerl am liebsten erwürgen.

»Nein, Miles ist einfach nur zu aufmerksam und kann im Gegensatz zu vielen auch betrunken eins und eins zusammenzählen.«

»Und du bist nicht auf die Idee gekommen mir zu sagen, dass er das mitbekommen hat?«

»Ich hielt es nicht für relevant«, brummt Ryan und beobachtet Miles, wie er schwankend das Licht in der Küche anschaltet.

»Nicht für relevant?«, wiederhole ich und schnalze mit der Zunge.

»Nein, ich finde es wesentlich wichtiger zu wissen, was dich dazu getrieben hat, draußen nach dem Irren zu suchen?!«, knurrt er und seine Gesichtszüge werden hart.

»Also zum einen ist es alles andere als irrelevant und das andere geht dich nichts an!«

»Es geht mich sehr wohl was an!«

»Du hast sie ja nicht mal alle!«, zische ich, während Miles hinter uns durch das Wohnzimmer trampelt und sich dabei anhört, als würde eine Herde Elefanten sich den Weg durch den Raum bahnen.

»Das kann ich nur zurückgeben, weil kein Mensch mit gesunden Gehirnzellen nachts rumrennt, wenn ein Verrückter hinter ihm her ist!«

»Du kennst meine Familie. Gut möglich, dass ich nicht ganz klar im Kopf bin«, schieße ich erbost zurück, als seine Augen über meinen Körper gleiten, der trotz seiner Jacke noch zittert. Falten haben sich auf seiner Stirn gebildet, als er plötzlich nach meiner Hand greift und mich in das Wohnzimmer zieht.

»Hey, was soll das?!«, versuche ich, mich zu echauffieren, doch ich entziehe ihm nicht meine Hand, halte nicht mal wirklich dagegen, als er mit dem Finger auf das Sofa deutet. Ich erdolche ihm mit meinen Blicken, während ich mich setzte und er nach der Decke greift, die an der anderen Ecke liege.

Zu gern würde ich gerade wirklich stinkwütend auf ihn sein und irgendwie bin ich es auch.

Aber der Sturm an Schmetterlingen, die durch meinen Bauch wirbeln, nehmen mir den Wind aus den Segeln.

»Ich sagte doch bereits, das du ein Eiszapfen bist. Was hast du dir dabei gedacht halbnackt raus zu gehen? Du kannst dir so locker eine Lungenentzündung einfangen.« Zorn liegt in seiner Stimme und passt nicht im Ansatz zu der Behutsamkeit, mit der er die Decke um meine Schultern legt.

»Und ich sagte, dass ich nicht nachgedacht habe«, erwidere ich trotzig und recke ihm stolz das Kinn entgegen. Ryan verharrt vor mir, schließt vorsichtig die Decke um meinen Hals, wobei seine Augen, die die Farbe des Ozeans haben mich fest im Blick halten. Meine Fingern krallen sich in der Decke, um mein Herz davor zu bewahren, dass es mir aus der Brust springt.

»Du bist ein verdammter Sturkopf«, stellt er fest. Ich versuche, meine störrische Miene zu behalten, als er die Hand hebt und mir eine Strähne aus dem Gesicht streicht. Dort wo seine meine Haut berührt, entsteht ein Feuer, das mir den Atem nimmt. Ein zorniger Ausdruck beherrscht weiterhin sein Gesicht, passt nicht zu dem sorgenvollen Blick, mit dem er mich mustert. Ich versuche, flach zu atmen, aber sein Geruch benebelt meine Sinne, obwohl meine Nase gefroren ist.

»Du wartest hier. Ich entsorge die Blumen und sehe, ob ich jemanden finde, der hier herumlungert.«

Ich wage es nicht, zu widersprechen, als er aufsteht. Eine Sekunde verharrt er über mir, als würde er mit sich kämpfen, dann beugt er sich herunter, vergräbt seine Hand in meine Haar und drückt mir einen Kuss auf den Scheitel.

Meine Lungen geben auf, mein Herz explodiert und ich schließe die Augen.

Ich spüre, dass er einatmet, was ich mich nicht traue. Mein Körper droht in Flammen aufzugehen, mein Magen schlägt Purzelbäume. Doch entgegen meiner Gefühle, verharre ich regungslos, bis er seine Hand wegzieht und geht. Er wirft keinen Blick zurück, als er in die Küche geht und nach den Rosen greift.

Und während er sich auf der Suche nach dem Stalker macht, vernehme ich Stimmen von oben.

Doch sie gehen in dem Pochen meines Herzschlages unter, der plötzlich das ganze Haus zu beschallen scheint. Und während ich dort alleine sitze, versuche zu verstehen, warum er das tut und warum ich mich so fühle, wie ich mich fühle, dringt eine Wahrheit in den Vordergrund, die einen bitteren Beigeschmack hat.

Ich bin in Ryan Paxton verliebt und ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann.

Weiter zu Kapitel 40. Ryan

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