40. Ryan

Ich würde Evelyn am liebsten den Kopf abreißen und sie gleichzeitig bis zur Bewusstlosigkeit küssen.

Wie kommt sie bloß auf die Schnapsidee halbnackt nachts durch den Garten von Zoe zu rennen in dem sich ein Verrückter aufhalten könnte? Immerhin weiß sie nicht, was passiert, wenn er sie wirklich von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht. Was ist, wenn der Kerl austickt und sie umbringt?!

Ich gebe ein Schnauben von mir, als ich die Rosen unsanft in die Mülltonne befördere, die ich daraufhin härter als nötig zuschlage. Ich unterstreiche das Ganze mit einem herzhaften Fluch und schaue die verlassene Straße herunter.

Scheiße.

Sie ist sauer auf mich.

Nicht weil ich hier bin, sondern weil Miles es weiß und ich sie bevormundet habe. Ich weiß auch nicht, ob es förderlich war, dass ich ihr einen dämlichen Kuss auf die Stirn gegeben habe. Als würden wir uns im Kindergarten oder einer kitschigen Romanze befinden. Vielleicht sollte ich unter der Dusche mal schauen, wo meine Eier abgeblieben sind. Es fühlt sich nämlich so an, als hätte Evelyn sie schon längst abgenommen.

Die Laterne am anderen Ende der Straße flackert. Ich muss die wirren Gedanken eine Sekunde beiseiteschieben und wenigstens schauen, ob ich irgendjemanden entdecke. Doch ich bin sicher, dass der Typ bereits über alle Berge ist. Er wäre nicht weggelaufen, dafür sucht er zu sehr ihre Aufmerksamkeit.

Oder?

Meine Augen suchen das Grundstück auf dem Rückweg zur Garage ab. Es wirkt alles friedlich und doch hängt etwas Seltsames in der Luft, was ich wahrscheinlich nur spüre, weil ich daran denken muss, dass uns wer beobachten könnte.

Ich hole zischend Luft, als ich die Tür hinter mir zuziehe und wieder in das Wohnzimmer trete. Mein Magen zieht sich vor Sorgen zusammen, als ich schon von Weitem die blauen, bebenden Lippen von Eve erkenne. Zu gerne würde ich sie küssen, bis sie wieder diesen hübschen Rotton angenommen haben, den sie sonst haben.

Falscher Gedanke!

»Ich wollte euch nich weckn«, lallt Miles leicht und sieht dabei aus wie ein kleiner Junge. Seine Lippe ist ein Stück nach vorne geschoben, während Zoe ihn an der Hand in den Raum dirigiert.

»Du bist das reinste Trampeltier gewesen. Nur Tote hätten bei dem Lärm weiterschlafen können«, seufzt Zoe, die die Packung Schokolade etwas zu fest umklammert. Ja, sie freut sich wahnsinnig darüber.

»Bist du sauer?«, will der Quarterback wissen und bleibt abrupt stehen. Zoe verrenkt sich halb den Arm, weil sie auf den plötzlichen Stopp nicht vorbereitet ist, wobei ihr Blick auf mich fällt.

»Paxton?« Verwirrt starrt die Cheerleaderin mich an, während an der Tür hinter ihr verschlafen Sophia auftaucht, die sich die Augen reibt.

»Was ist hier denn los?«, gähnt die große Schwarzhaarige und betrachtet stirnrunzelnd Miles und Zoe, die Händchen halten.

»Wo warst du so lange?«, will Miles wissen und sein Blick huscht erneut zu Eve. Kann der Typ nicht wenigstens aufhören zu denken, wenn er Alkohol intus hat? Oder die Sachen, die er sieht wenigstens vergessen?

»Ich brauchte frische Luft, weil Jones mich mal wieder zur Weißglut getrieben hat«, erkläre ich mit einem kurzen Blick auf die Schönheit, die sich seit ich gegangen bin, scheinbar keinen Zentimeter bewegt hat. Ihre Körperhaltung schreit, dass sie verunsichert und ängstlich ist. Doch ihre Augen brennen.

»Das kann ich nur zurückgeben«, erwidert sie spitz, wobei ihre Mundwinkel zucken. Jones weiß, wann sie mitspielen muss. Kein Wunder, dass ich so auf die Kleine abfahre.

»Meine Güte, da lässt man die Kinder mal fünf Minuten alleine und die bringen sich beinah um«, lacht Zoe, lässt dabei aber nicht Miles Hand los.

»Du hättst sie Valentinstag sehn solln. Da habn die die Küche unta Wasser gestzt.«

Oh. Shit.

»Valentinstag?« Plötzlich wirkt Sophia gar nicht mehr müde und auch Zoe scheint der Spaß vergangen zu sein.

»Er ist betrunken, lasst ihn reden«, versuche ich, Schadensbegrenzung zu betreiben und greife nach seinem Arm. »So Romeo, du hast für heute deinen Dienst erledigt. Jetzt geht’s ins Bett.«

Miles weiß, dass er das Falsche gesagt hat. Er schließt einen Moment die Augen, dann gibt er Zoe einen Handkuss. Meine Augen wandern zu Eve, die den Kopf in die Hände legt. Wahrscheinlich steht ihr gleich ein ziemlich brutales Kreuzverhör bevor. Nur kann ich ihr diesmal nicht aus der Patsche helfen, es sei denn, sie meldet sich.

»Ich wünsch dia noch nen wunderschön Abend, liebste Zoe«, verkündet der Quaterback und macht eine kleine Verneigung, bei der er beinah umkippt. Ich muss ihn an den Schultern packen und ein Stück nach hinten ziehen, um ihn davor zu bewahren. Liebestrunken stellt der Kerl sich hin und nickt freundlich in die Runde. »Die Damen«, gibt er seinen Abschied bekannt und verlässt unsicheren Schrittes die Küche.

»Entschuldige, Zoe. Nächstes Mal binde ich den Kerl am Tresen fest, bis er ausgenüchtert ist.«

»Macht doch nichts«, erklärt sie langsam, wobei ihre Augen schon längst auf Eve ruhen.

»Dann schlaft noch gut«, verabschiede ich mich und folge Miles nach draußen, den das schlechte Gewissen ins Gesicht geschrieben steht.

»Scheiße, ich wollte mich nicht verplappern«, brummt er mit schuldbewusster Miene, kaum dass die Tür hinter uns geschlossen ist. Das ist der andere Vorteil an Miles. Zwar bringt es mich auf die Palme, wenn er betrunken ist und alles mitbekommt, aber wenigstens kann er unterscheiden, wenn er zu viel sagt und sich verplappert.

»Schon gut. Ich hoffe nur, dass Eve den Abend überlebt.« Ein Seufzer entfährt mir, während wir über das Grundstück wandern und ich aus dem Augenwinkel Miles im Blick behalte.

»Ich kann Zoe schraibn.«

»Vergiss es. Die werden jetzt nicht auf die Handys schauen.«

»Meinste?«

»Die haben sich in dem Moment auf sie gestürzt, in dem wir den Raum verlassen haben.« Ich schließe den Wagen auf und bleibe vorsichtshalber einen Moment neben meinem Freund stehen, weil ich die Befürchtung habe, dass er aus dem Auto fällt. Anschließend schlage ich die Tür hinter ihm zu und gehe zur Fahrerseite.

Dabei streift mein Blick die beleuchteten Fenster, hinter dem ich eine vertraute Silhouette erkenne. Er ist am Lachen und scheint sich mit jemandem zu unterhalten. Ich steige in den Wagen, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

»Seit wann wohnt Jax hier?«, frage ich Miles, der herzhaft gähnt.

»Keine Ahnung, aber ich meine, schon eine Weile.«

Dann lehnt er den Kopf gegen die Scheibe und döst ein, während unter uns der Motor startet und ich das Handy zücke.

Ryan: Schreib mir, wenn du vor der Befragung flüchten willst. Dann hole ich dich ab und bringe Schokoladeneis mit, um die Wunden zu kühlen.


Der Abend hat etwas verändert. Sie antwortet nicht auf meine SMS. Zumindest nicht so, wie ich es gewohnt bin. In den folgenden vier Wochen werden ihre Antworten einsilbiger und sie schaut mir nicht in die Augen. Eve macht komplett dicht und ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wieso dem so ist. Am liebsten würde ich sie schütteln und dazu zwingen mit mir zu sprechen, aber das würde bei ihr bestimmt nur dazu führen, dass sie sich nicht mal mehr von mir fahren lässt. Also halte ich mich zurück, mache ihr kleine Komplimente und gebe ihr den Abstand, den sie zu benötigen scheint.

Immerhin verbietet sie mir nicht, sie abzuholen und auch unser Kaffe-Tee-Ritual bleibt morgens bestehen. Das ist wenigstens etwas, was sie weiterhin zulässt. Die einzigen Infos die ich von ihr kriege sind oberflächlich oder handeln von den neusten SMS, die sie erhält und die verrückterweise weniger werden. Aus dem Grund lehnt sie es auch ab, die Handys zu tauschen, und nutzt jede Gelegenheit um schnell vor mir zu verschwinden.

Sie ahnt nicht, dass ich es nicht zulasse.

Wenn sie sich eilig wen anschließt oder erzählt, dass sie noch etwas dringendes besorgen müsste, warte ich, ehe ich ihr folge.

Verdammt.

Ich werde in diesen vier Wochen selber zu einem ihrer Stalker, aber sie lässt mir keine andere Wahl. Ich habe ihrer Großmutter ein Versprechen gegeben und Eve hat sich mir anvertraut. Welcher Teufel sie auch immer reitet, ich bin nicht bereit, dass alles links liegen zu lassen, obwohl es verdammt wehtut.

Amy hat keinen Schimmer, warum Eve auf Distanz geht und auch Lynn und Elizabeth sind verwirrt. Sogar Zoe, die mich meistens nicht gut leiden kann – bis auf die eine Nacht, die wir hatten – ist verwundert über ihr Verhalten. Die einzigen Stunden in denen wir normal miteinander umgehen und in denen sie mir nicht entkommen kann, sind die Trainingseinheiten.

Ich stehe immer in der ersten Reihe und suche hin und wieder ihren Blick. Doch sie weicht mir gekonnt aus und gleichzeitig auch nicht. Ich denke, das ist das Schlimmste an dieser komischen Stimmung zwischen uns: Sie geht auf Abstand, aber versucht, es mich nicht merken zu lassen. Dabei entgeht mir das nicht im Geringsten.

Ein verdammter Streit mit ihr wäre mir wesentlich lieber, als das, was momentan zwischen uns ist.

»Paxton?«, werde ich aus den Gedanken gerissen, als ich Eve dabei beobachte, wie sie mit Dean lacht, der sich sein Helm unter den Arm klemmt.

»Hm?«, wende ich mich gedankenverloren an Miles und kann nur schwer die Augen lösen. Warum scheint sie mit jedem anderen so gut sprechen zu können nur mit mir nicht?

»Wir wollen nach der Veranstaltung in die Bar. Bist du dabei?«

»Klar, wenn ich nach diesem dämlichen Auftritt noch Lebe«, schnaube ich und wende die Augen ab, ehe es zu auffällig wird.

»Also wenn ich da gleich mit mehr Verletzungen stehe, als nach einem Spiel, werde ich nie wieder ein Wort gegen den Sport sagen.« Miles schüttelt leicht den Kopf, dann stoppt er schlagartig. Sein Mund bleibt ein Stück offen stehen und ich folge seinem Blick, der starr auf Zoe gerichtet ist, die gerade aus ihren Trainingsklamotten schlüpft und plötzlich nur noch das kurze Kleid anhat.

»Jetzt weiß ich, was ich nicht bedacht habe«, grummelt Miles und schluckt schwer neben mir. »Die haben ja nur die kurzen, hautengen Dinger an. Wie soll ich mich dabei auf das Programm konzentrieren?«

Ich will es nicht, aber meine Augen fliegen zu Eve.

Habe ich es jemals erotischer gefunden, dass jemand seine übergroßen Trainingsklamotten auszieht? Nein, daran kann ich mich nicht erinnern. Ich sollte um Gottes willen nicht hinsehen, doch ich bin nicht der Einzige, der in dem Moment abgelenkt wird. Die Gespräche werden leiser, als die Cheerleader sich ausziehen und für meinen Geschmack haften zu viele Augenpaare auf Eve, die gleichzeitig über einen von Deans Witzen lacht. Leider sorgt das nur dafür, dass sie noch mehr in den Mittelpunkt rückt.

»Eve steht die Uniform ziemlich gut«, meldet Miles sich von der Seite, was mich endlich dazu bringt, mich loszureißen.

»Sie sieht aus wie der Rest auch«, versuche ich, so desinteressiert wie möglich zurückzugeben.

»Wir wissen beide, dass das gelogen ist, Paxton.«

Miles grinst mich wissend an, woraufhin ich nur die Lippen zusammenpressen kann, weil das Blut in meinen Ohren rauscht, umso mehr Jungs mir auffallen, die sie anstarren. Ich brauche keine Hilfe oder Erklärung von jemandem, um zu wissen, dass das Eifersucht ist. Allerdings habe ich keine Lust so zickig drauf zu sein, wie Zac damals.

Also schlucke ich dieses dämliche Gefühl mitsamt seiner Bitterkeit und verbiete mir, sie heute noch ein einziges Mal mehr anzusehen, als es nötig ist.

Der Campus ist gerappelt voll und die Sonne knallt erbarmungslos auf unsere Köpfe. In den letzten Wochen sind die kühlen Temperaturen verdrängt worden und die normale Hitze, die sich in San Diego sonst findet, übernimmt wieder die Macht.

Lachend laufen die Menschen mit Eis oder Hot Dogs zu den Ständen und immer wieder werden wir neugierig beäugt. Jeder von uns hat sein bestes Lächeln aufgesetzt, was unter anderem daran liegt, dass Mr. Thompson in der Nähe ist und uns interessiert beobachtet. Vielleicht ist das hier unsere Chance zu zeigen, dass seine Strafe nicht länger von Nöten ist.

Einen gigantischen Nachteil hat die Veranstaltung jedoch: Eve ist einer Masse Fremden ausgesetzt. Und jeder der Personen, die an ihr vorbeigehen, sind potenzielle Verdächtige. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich sie ignoriere, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Wie ein Adler behalte ich Eve im Auge, versuche mir jedes Gesicht, jedes halbwegs verdächtige Verhalten zu notieren und bin jederzeit bereit einen Satz zu machen, um sie aus den Klauen von einem Irren zu ziehen.

Es ist irgendwie erbärmlich, zumal sie mich nicht beachtet.

»Und nun die Aztecs Footballer und Cheerleader in einer gemeinsamen Choreo!«, vernehme ich eine laute Ansage. Ein leises Stöhnen geht durch die Runde, als jeder zu seiner Position geht. Ich lege meinen Helm neben den von Miles, um den Platz zu markieren, den wir benötigen und schaue zu Eve, die die Augen geschlossen hat.

Ich dränge mich an den anderen vorbei, kann sehen, wie sich einzelne noch Dehnen und Strecken, ehe sie sich positionieren. Ich schlucke schwer, dann stelle ich mich etwas dichter, als nötig hinter sie. Eve verspannt sich augenblicklich, was mir ein Messer in die Brust jagt.

Früher war sie in meiner Gegenwart entspannt.

»Geht’s?« Meine Stimme ist ein Flüstern, als ich meinen Mund in die Nähe ihres Ohres bewege. Die Hände lege ich auf die vertrauten, schmalen Hüfte, die jetzt in diesem verdammten Kleid stecken, dass mich bestimmt so sehr ablenken wird, dass ich bei der Choreo draufgehe. Es kostet mich alle Kraft, die ich aufbringen kann, meine Lippen nicht auf ihren Nacken zu pressen, der so schön offen vor mir legt.

Der bekannte erdbeerige Duft bahnt sich den Weg in meine Nase, ein Haar kitzelt an meinem Kinn.

In dieser Position könnte ich so viel mehr mit ihr anstellen, als das, was jetzt gleich folgt. Leider ist nichts davon für die Öffentlichkeit geeignet und momentan ist sie bestimmt alles andere als an dem interessiert.

»Klar, alles super«, erwidert sie.

Ich weiß, dass es gelogen ist.

Ihre Stimme zittert leicht, als sie die Hände auf die Schultern von Dean und David legt. Ihr Atem ist unruhig, doch das alles spüre nur ich. Denn selbst von der Seite erkenne ich das strahlende Lächeln und glückliche Gesicht, dass sie zur Schau trägt. Stolz ist das Kinn nach oben gestreckt, so wie ich es nicht anders von ihr gewohnt bin.

Dann geht die Musik an und alles fühlt sich an wie ein Film. Nicht, weil ich es nicht gewohnt bin vor so vielen Menschen zu stehen, sondern weil ich meine Augen nicht von Eve lassen kann. Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so vor Energie und Freude sprüht. Da ist noch gar nicht einbezogen, dass sie den ganzen Mist wesentlich besser, als viele andere kann.

Und sie verliert nicht einen Wimpernschlag lang die Maske.

Das passiert erst, als die Musik ausgeht, die Menge beginnt zu klatschen. Es passiert von dem einen auf den anderen Moment. Ruhelos wandert plötzlich ihr Blick umher und dann rennt sie los. Damit meine ich nicht dieses freudige Hüpfen, was die anderen noch machen.

Nein, Eve steht Panik ins Gesicht geschrieben und ich zögere keine verdammte Sekunde, als ich ihr folge.

Zum Glück bin ich größer als der ein oder andere und kann ihr Kleid zwischen der Menge erkennen. Ich bekomme Beleidigungen an den Kopf geworfen, als ich mich durch die Massen dränge, die ich abprallen lasse. Dann verschwindet sie um eine Ecke. Das Herz rutscht mir in die Hose, als ich sie aus den Augen verliere und beginnt erst wieder zu schlagen, als ich um die Ecke komme und sie an der Wand lehnen sehe.

Eve ist eine Herzensbrecherin.

Doch nicht so eine, wie der Begriff es im Allgemeinen definiert.

Nein, es bricht mir das Herz zu sehen, wie ihr heiße Tränen über die Wangen laufen und ihr Körper bebt. Das Wissen, dass sie dieses Mal nicht bei mir Zuflucht gesucht hat, versetzt mir einen Tritt in die Magengrube.

Wäre ich nachtragend und würde sie so behandeln, wie sie mich die letzten Wochen behandelt hat, würde ich jetzt gehen. Allerdings wehrt sich jede Faser meines Körpers dagegen. Stattdessen schlucke ich den Stolz herunter, der schreit, dass ich gehen soll und gehe mit schnellen Schritten zu Eve, die den Atem anhält, als ich auf sie zukomme.

Kein Wort kommt über meine Lippen, als ich sie in meine Arme ziehe und zu meiner Erleichterung wehrt sie sich auch nicht. Ihre Hände prallen auf meine Brust und ich ziehe sie vor mich. Langsam lehne ich mich gegen die Wand, um die Umgebung in Blick zu behalten und an etwas anderes zu denken, als das Eve in meinen Armen liegt.

Ihre Finger krallen sich in meine Haut, die Tränen landen auf dem Stoff. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, halte sie nur fest und genieße diesen Moment, obwohl ich das nicht sollte. Aber sie hat mir die letzten Wochen nicht eine Chance gegeben und jetzt bin ich verzweifelt genug, um zu nehmen, was ich kriegen kann.

Es ist mir egal, wie lange es dauert, bis sie sich beruhigt und ob uns jemand sucht. Von mir aus kann auch jeder uns sehen, weil dem Rest dann hoffentlich klar wäre, dass sie tabu ist.

Ich drücke Eve an mich, deren Atmung langsam ruhiger wird. Höre ihre Schluchzer, die langsam verstummen und rieche ihr Parfüm, das ich bisher noch nie an ihr gerochen habe. Ich wage es nicht meine Hände zu bewegen, aus Angst dass mir das, was ich fühle, zu gut gefallen könnte.

Ich sitze einfach sowas von dermaßen in der Klemme.

Ich weiß nicht, wie lange wir uns umklammern, bis sie sich langsam von mir löst. Gegen meinen Willen, lockere ich den Griff und senke den Blick, um in ihren Augen zu lesen, ob es ihr besser geht. Sprechen tut sie mit mir ja nicht wirklich.

Doch Eve hält inne. Viel zu nah an meinem Gesicht.

Ich kann nicht anders, als den Atem anzuhalten, als ich die geröteten Augen aus nächster Nähe betrachten kann und die Lippen, an die ich viel zu oft denken musste in den letzten Nächten.

Und dann tut sie etwas, wovon es nicht gewagt hätte, in den nächsten Monaten zu träumen. Sie beugt sich nach vorne und legt ihre Lippen auf meine.

Viel zu kurz und viel zu sanft.

Doch es reicht, dass ich ihre salzigen Tränen schmecke, die sich mit Verzweiflung mischen. Mein Körper versagt mir komplett den Dienst, aber der Moment ist noch vorbei, ehe ich die Augen schließen kann. Ich bin nicht in der Lage, sie daran zu hindern sich aus meiner Umarmung zu befreien. Meine Hände bleiben in der Luft hängen, als Eve sich umdreht und zum zweiten Mal etwas tut, womit ich jetzt nicht gerechnet hätte.

Sie geht, ohne einen Blick zurückzuwerfen.

Weiter zu Kapitel 41. Evelyn

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