41. Evelyn

Wochenlange harte Abstinenz ist innerhalb weniger Sekunden über Board geworfen.

In dem Moment, in dem Ryan mich in seine Arme gezogen hat, war jedes Gefühl, dass ich gekonnt beiseitegeschoben hatte, wieder da und mein Körper stand in Flammen. Ich korrigiere – er steht immer noch in Flammen.

Sein Geruch hängt schwer in meiner Nase, benebelt meine Sinne, während meine Füße mich zu den Umkleiden tragen. Ich wische mir mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen und verbiete mir zurückzusehen, um schlimmeres zu verhindern.

Wenn ich ihn noch ein Mal ansehen würde, würde ich auf der Stelle zurückrennen und ihn nicht nur einen harmlosen Kuss auf den Mund drücken. Allein schon, weil er trotz meines miesen Verhaltens, für das ich mich am liebsten selber ohrfeigen würde, hinter mir hergelaufen ist.

Hätte er mich nicht einfach ignorieren können? Dann wäre es mir wesentlich leichter gefallen, ihm weiterhin aus dem Weg zu gehen. Doch jetzt, wo ich wieder weiß, wie es ist in seinen Armen zu liegen, scheint mir das ein Ding der Unmöglichkeit.

Vier Wochen habe ich durchgehalten und mich an den Pakt gehalten, den wir selber aufgestellt haben.

Vier Wochen habe ich viele Träume mit Ryan gehabt, die nicht jugendfrei sind.

Vier Wochen habe ich mein Handy Amy gegeben, damit sie aufpasst, dass ich ihm nicht zu viel schreibe, weil ich es nicht bei Händchen Halten belassen könnte, so wie Miles und Zoe.

Vier Wochen habe ich eine Lücke erhalten, um dem Stalker keine weitere Angriffsmöglichkeit zu geben.

Vier Wochen leiden für absolut nichts.

»Scheiße«, fluche ich leise und schlage die Tür der Umkleide hinter mir zu. Rastlos fahre ich mir mit den Händen durch das Gesicht und versuche, das pochende Herz dazu zu überreden, dass es sich beruhigt. Leider weiß es nicht, dass ich nicht zurückgehen kann und ignoriert jeden guten Zuspruch, dem ich ihn gebe.

»Eve? Bist du da drin?« Sophias vertraute Stimme, lässt mich einen langen Moment schockiert zur Tür starren, ehe ich hastig einen Blick in den alten Spiegel werfe und die letzten Spuren der Tränen beseitige. Zwar ist es nicht sonderlich förderlich, dass meine Augen rot und angeschwollen sind, aber vielleicht kann ich das mit einem Lächeln überspielen.

»Ja, bin hier!«, erwidere ich mit halbwegs fester Stimme und verziehe die Lippen zu einem Lächeln. Die Tür geht langsam auf und die vertraute Gestalt erscheint vor mir, beäugt mich misstrauisch.

»Ist alles gut?«

Sie ist eine meiner besten Freundinnen, aber ich werde ihr nicht erzählen, was gerade passiert ist, geschweige denn, was ich fühle. Am Ende landet das bei Zoe und ich habe genug Drama in meinem Leben, ohne dass sie mit ihren wilden Theorien auftaucht und versucht mich mit Ryan zu verkuppeln für den Beziehungen eindeutig nichts sind.

»Ich habe mich eben nur nicht besonders gut gefühlt und brauchte mal eine Pause.«

Sie glaubt mir nicht. Auf ihrer Stirn bilden sich Falten, sie bewegt sich keinen Zentimeter, während das Lächeln auf meinen Lippen immer mehr erstarrt.

»Kann ich irgendetwas für dich tun?«, fragt Sophia behutsam.

»Nein, es geht gleich wieder. Du kannst draußen warten. Ich komme gleich raus«, wimmel ich meine Freundin ab, um einen weiteren Moment zum Atmen zu haben.

»Wenn du in fünf Minuten nicht da bist, komme ich nochmal nach dir gucken«, droht sie mit einem schmalen Lächeln, das ich so gut es geht erwidere. Dann zieht sie die Tür hinter sich zu und hole tief Luft.

Fünf Minuten, um das Chaos in meinem Herzen unter Kontrolle zu bringen.

Besser als nichts.

Unter gar keinen Umständen, sollte ich jetzt auf diesem Stuhl in dieser Bar mit Sophia und Zoe sitzen, die sich lachend mit Emily unterhalten. Eigentlich sollte ich in meinem Bett liegen, meine Wunden lecken und nicht merken, dass Ryan mir immer wieder verstohlene Blicke zuwirft, die mir einen Schauer über den Rücken jagen.

Nein, der Tag ist überhaupt nicht so gelaufen, wie ich ihn geplant hatte.

Meine Flucht vor Ryan misslingt mir und das schlagende Organ in meiner Brust verhindert, dass ich meine Augen dauerhaft von ihm lassen kann. Ich wünschte nur, er würde nicht mit diesen Mädchen aus dem Volleyball Team flirten. Dann würde sich keine Schlinge um meinen Hals zuziehen, die mich dazu bringen will, den Damen die Augen auszukratzen.

Es gab bisher nur wenige Momente in meinem Leben, in denen ich eifersüchtig war und es geht mir gegen den Strich, dass einer dieser jetzt auf Ryan bezogen ist. Immerhin sind wir nicht zusammen. Wir haben uns lediglich ein einziges Mal geküsst und das nicht besonders lange.

Zweimal, wenn ich heute dazurechne.

Wobei das kein wirklicher Kuss war.

Eher eine Verzweiflungstat.

Ein Stöhnen entweicht mir und ich senke den Kopf, lege meine freien Hände an die Schläfen und massiere sie sanft. Das Gefühl, das mein Kopf explodiert, sucht mich heim, seit ich diese Bar betreten und Ryan entdeckt habe.

Warum konnten wir heute nicht nur was mit den Cheerleadern unternehmen? Ein Teamausflug ohne die Chaoten aus dem Footballteam? Das wäre doch mal eine nette Abwechslung gewesen. Ganz zu schweigen davon, dass meine Hosentasche brennt, seit ich reingekommen bin, als wolle sie mich daran erinnern, dass er hier zum ersten Mal wieder aufgetaucht ist. Ich kann nur hoffen, dass er nie davon erfährt, dass Ryan vielleicht mehr ist. Irgendwie muss es doch zu schaffen sein, ihn aus meinem leben zu streichen bevor etwas schlimmes passiert.

»Ich schätze, Ryan wird heute nicht alleine nach Hause gehen«, vernehme ich Dean neben mir, der an seinem Bier nippt und interessiert beobachtet, wie Ryan seine Hand auf ihre Hüfte legt.

Ich werde diese blöde Zicke umbringen.

»Er geht doch nie alleine nach Hause«, sagt Zoe schnalzend mit der Zunge und schüttelt leicht den Kopf.

Der nächste Stich in den Rücken.

Keine Ahnung, ob ich diesen Abend überlebe.

Jedenfalls nicht nüchtern.

»Ich hole mir Tequila. Will noch wer?«, unterbreche ich die Folter für mich und stehe abrupt auf. Überrascht blinzelt Zoe, während mein plötzliches Interesse an Alkohol nichts Wundersames für Dean zu sein scheint.

»Tequila klingt gut«, stimmt er freudig zu und drückt mir einen Geldschein in die Hand, den ich gedankenverloren entgegennehme.

»Bring mir auch einen mit«, seufzt Zoe, deren wachsamen Augen ich ausweiche, als ich mich umdrehe und zur Bar gehe.

Ich lechze danach mich zu Ryan zu drehen ihm wenigstens das verdiente Lächeln zu schenken, nach dem er heute wieder für mich da war. Nur würde ich es dann keine weitere Sekunde schaffen, ihn nicht wie ein völlig dösiger Teenie anzustarren, dessen Schwarm zum ersten Mal mit ihr spricht.

Es ist verrückt und ziemlich armselig.

»Drei Tequila bitte«, sage ich zu dem großen Kerl hinter der Bar, dem ich bereits begegnet bin. Er will sich gerade wegdrehen, als sich neben mir jemand an die Bar lehnt, der mir viel zu vertraut erscheint.

»Heiliger Mist, mach Vier draus und wir teilen wie in guten alten Zeiten, Evelyn.«

Der Mund klappt mir auf, als ich mich zu dem breit grinsenden Kerl drehe, der sich neben mich an die Bar lehnt. Seine Haare sind etwas länger, als ich es in Erinnerung habe, doch sein Blick hat denselben verruchten Ausdruck wie früher.

»Wyatt?!«, kommt es mir verblüfft über die Lippen und ich kann nichts gegen das Lachen tun, das sich auf meine Lippen legt, als er mich in eine kurze Umarmung zieht. »Was machst du denn hier?«

»Dasselbe könnte ich dich fragen. Immerhin bist du von heute auf morgen ohne irgendeinen Hinweis verschwunden.« Der große Kerl entlässt mich aus seinen Armen, während ich dem Barkeeper das Geld in die Hand drücke.

»Lange Geschichte«, winke ich ab, spüre ein leichtes Unbehagen aufsteigen. »Aber was treibt dich so weit in den Westen?«

»Dies und das und eine Saufwoche mit ein paar alten Schulfreunden.«

»Kommst du nicht aus Iowa?«

»Einer von uns studiert hier und da es hier besser ist, als in Iowa, haben wir uns geeinigt herzukommen«, erklärt er grinsend und nimmt einen Tequila in die Hand.

»Gut, das Argument kann ich nachvollziehen«, sage ich lachend und greife nach einem der Gläser, die dort noch stehen.

»Außerdem gibt es hier interessantere Sehenswürdigkeiten.« Wyatt lässt ganz offen seinen Blick über meinen Körper gleiten. Etwas länger bleiben seine Augen auf meinen Ausschnitt und meinen Beinen hängen, die heute nur von einem Jeansrock verborgen sind und er macht sich nicht die Mühe es zu verstecken. Das hat er früher auch nicht getan.

»Ich wusste gar nicht, dass du dich so für Kultur interessierst«, gebe ich mit hochgezogenen Augenbrauen zurück.

»Das kommt immer ganz auf die Kultur an.«

»Du bist so schlimm wie eh und je.«

»Und du noch so heiß wie im Sommer.«

Er lenkt mich ab.

Das ist es, was Wyatt schon immer konnte. Das ganze Leben auf eine lockere Art nehmen, keine festen Versprechungen machen. Früher hätte ich ihn an die Hand genommen und in eine dunkle Ecke gezogen. Jetzt habe ich nur ein riesiges Problem.

Ich habe absolut keine Lust, mit ihm in einer Ecke zu verschwinden.

Vor mir könnte genau so gut Dean stehen.

Es wären oberflächliche Worte, ein wenig Geplänkel und nicht mehr.

Nichts was mich so in den Wahnsinn treibt, wie ein einziger Blick von Ryan Paxton.

»Auf alte Zeiten«, übergehe ich seinen Anmachspruch und stoße an. Während ich den Tequila trinke, spüre ich seinen gierigen Blick auf mir.

Innerlich bete ich, dass ich irgendetwas spüre. Ein einziger Funke genügt, doch ich bleibe völlig kalt. Wütend stelle ich das Pinnchen ab, und beiße in die Zitrone, die nicht halb so sauer schmeckt, wie die Tatsache, dass ich scheinbar nicht mehr in der Lage für eine harmlose Flirterei bin.

Verflucht seist du Paxton!

»Wie lange seid ihr schon hier?«, will ich wissen, als er ein Stück näher kommt und seine Hand auf meine Hüfte legt.

»Zu lange, wenn ich berücksichtige, dass du in derselben Stadt bist und ich dir erst jetzt über den Weg laufe.« Er nippt an dem Bier, das er in der Hand hält. »Wo hast du deinen Freund gelassen, Evelyn?«

»Der hat sich gestern aufgehängt, weil er es keine Sekunde länger mit ihr ausgehalten hat.«

Ein kehliges Lachen unterstreicht die Worte, jagt über meine Wirbelsäule.

»Das klingt ganz nach Evelyn!«, lacht Wyatt, als Ryan neben uns tritt. »Verschrecken konnte sie bisher jeden.« Wyatts Stimme ist so locker wie immer, lediglich seine Augen wandern wachsam zu Ryan, der mir einen Tequila in die Hand drückt.

»Dich etwa auch?«, will Ryan wissen ohne mich zu beachten.

Meine Kehle ist trocken, als Wyatt lachend den Mund schüttelt.

»Nein, zu der Zielgeraden ist es bei uns nie gekommen. Jammerschade, eigentlich.«

Wyatt wirft mir einen messerscharfen Blick zu, ehe er Ryan die Hand hinhält, die dieser locker schüttelt.

»Ich bin Wyatt. Ich kenne Evelyn von der Uni.«

»Ryan, ich muss die Gute leider beim Training ertragen.«

»Bist du Cheerleader?«, will Wyatt wissen, während Ryan mich wissend betrachtet. Ja, er hat den Namen aus der Erzählung wiedererkannt. Mein Mund wird staubtrocken, während ich mich an das nächste Glas in meiner Hand und die Zitrone in der anderen halte.

»Footballer, aber wir wurden dazu verdonnert einmal die Woche mit den Cheerleadern zu trainieren«, erklärt Ryan entspannt und greift nach einem Tequila, der plötzlich auf dem Tresen steht. Wann ist das denn passiert?

»Was für eine Schande«, empört sie Wyatt sarkastisch.

»Ja, es gibt kaum schlimmere Aussichten, als ein Training mit viel nackter Haut und vielen hübschen Frauen.« Ryan und Wyatt schenken sich ein vielsagendes Lächeln, als wäre ich gar nicht anwesend.

Erdboden tu dich auf.

Das hier passiert nicht wirklich.

Das kann einfach nicht wahr sein.

»Gibt es Probetrainings an denen man mal teilnehmen kann?«, fragt Wyatt ohne mich zu beachten.

»Ich kann mal schauen, ob ich was regeln kann.«

»Es wird keine Probetrainings geben«, gehe ich dazwischen und mustere Ryan mit zusammengekniffenen Augen.

»Warum nicht?«, erwidert er provokant.

»Weil ich nicht noch mehr Vollpfosten koordinieren will«, feuere ich zurück, sehe Überraschung in Ryans Augen aufblitzen.

»Deine Zunge ist so scharf, wie eh und je, Evelyn!«, kommt es lachend von Wyatt, der das Glas hebt und mir zuprostet. »Eine Schande, dass es dich nach San Diego verschlagen hat.«

»Unser Glück«, kontert Ryan und plötzlich starren mich beide an, als würden sie auf eine Antwort von mir warten.

Es gibt wahrlich nicht viele Momente, in denen ich überfordert bin und nicht zu reagieren weiß. Aber, als mich mein Exliebhaber und mein Schwarm anstarren, als müsste ich eine Wahl zwischen ihnen treffen, fällt mir nichts Besseres ein, als den Tequila zu trinken und in die Zitrone zu beißen.

Vielleicht sorgt das dafür, dass die Halluzination, die sich vor mir befindet. Zumindest hoffe ich das, während ich die Augen schließe und bis drei zähle, ehe ich sie öffne.

Leider stehen beide Typen noch an derselben Stelle.

Hat sich was mit Halluzination.

»Macht’s dir was aus, wenn ich sie dir kurz entführe?«, fragt Ryan aus dem Nichts und stellt das Glas ab.

»Solange du sie unversehrt zurückbringt«, gibt Wyatt zurück und zwinkert mir zu.

»Das lässt sich machen.« Ohne eine Antwort von mir zu fordern, legt Ryan seine Hand um meine Taille und schiebt mich von Wyatt weg. Ich wünschte, mein Mund wäre im Stand zu protestieren, doch ich kann nur noch an die Hitze denken und Ryans Körper, der sich an meinen presst, während er mich durch die Menge schiebt.

»Wo gehen wir hin?«, bringe ich irgendwie zwischen den Zähnen hervor, als Ryan an den anderen vorbeigeht, als wären sie völlig irrelevant. Immerhin scheint keiner uns zu beachten, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das von Vorteil ist. Oder mir entgeht mal wieder, dass uns wer beobachtet. Ich kann nur hoffen, dass er keine falschen Schlüsse zieht.

»Amy hat angerufen, sie will mit dir reden.«

»Amy?«, wiederhole ich verwundert und beschleunige meine Schritte, um etwas Abstand zwischen uns zu bekommen. Irgendwie muss ich schließlich einen klaren Kopf behalten. »Sie hat mich nicht angerufen.«

»Keine Ahnung, warum sie dich nicht erreicht hat. Sie meinte, es wäre dringend.« Ryan hält mir die Beifahrertür seines Wagens auf und ich zögere keinen Moment, als ich einsteige. Eine kurze Fahrt mit ihm werde ich ohne großen Schaden überstehen. So besteht außerdem die Möglichkeit, herauszufinden, was er mit den Volleyballerinnen plant und wir sind außerhalb der Reichweite des Stalkers, sollte er sich in der Bar aufgehalten haben. Es wäre also alles im Rahmen.

Ich schnalle mich an, als Ryan den Wagen startet und losfährt.

Doch er fährt in die falsche Richtung.

»Ist Amy woanders?«, frage ich, als er auf das Gas tritt.

»Ich habe keinen blassen Schimmer, wo deine Schwester ist.«

»Ich dachte, sie hat dich angerufen«, sage ich langsam, versuche zu verstehen, was hier vor sich geht.

»Hat sie nicht«, gibt er kurz angebunden zurück. Ich blinzle verwirrt, starre Ryan verdattert von der Seite an, der mit ruhigem Gesicht das Auto lenkt, als wäre nichts los.

»Wo fahren wir dann hin?«

»An einen Ort, an dem wir endlich mal in Ruhe reden können.«

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