42. Evelyn

Wir fahren zu seinem Haus.

Ich will Einspruch einlegen, doch noch ehe ich den Mund aufmachen kann, weiß ich, dass er ein Recht darauf hat zu erfahren, warum ich ihn auf Abstand halte. Zwar glaube ich nicht, dass ich in der Lage bin ihm zu sagen, dass ich Angst habe, dass mein Verfolger ihn ins Visier nimmt, aber irgendetwas wird mir schon einfallen. Die Sache mit den Gefühlen sollte ich besser auch im Hintergrund lassen. Das ist allerdings auch der einzige Grund, aus dem ich mitspiele. Denn andererseits macht es mich wirklich sauer, dass er mich unter so einem beschissenen Vorwand aus der Bar lockt.

Wenn mein Blut bis eben nur gekocht hat, weil er mich berührt hat, so kocht es nun, weil er nicht ehrlich war. Er hat Amy ausgenutzt, um mich wegzulocken. Dafür würde ich ihm am liebsten eine Scheuern.

»Willst du was trinken?«, fragt er ruhig, als wir ins Wohnzimmer kommen in dem ich mit verschränkten Armen stehen bleibe.

»Nein, vielen Dank«, erwidere ich bissig. »Ich würde das hier gerne hinter mich bringen, damit ich wieder zurück kann.«

»Zu Wyatt?«

»Zu den anderen.«

»Natürlich.« Ryan bleibt neben dem Sessel stehen und schüttelt mit einem ungläubigen Lächeln den Kopf.

»Ob du’s glaubst oder nicht, aber ich gehe nicht dauernd mit irgendjemanden aus einem Club oder einer Bar nach Hause.«

»Soll das ein Vorwurf sein?«, will er scharf wissen und jede Belustigung weicht aus seinen Augen.

»Nur eine Feststellung.« Ich strecke den Rücken durch, versuche das Herzflattern nicht gewinnen zu lassen, das sich in mir bei seinem Anblick breitmacht. Ich muss hart bleiben, wenn ich das Gespräch überleben will.

»Dann lass uns mal zu meiner Feststellung kommen, dass du mir seit Wochen aus dem Weg gehst. Hast du dafür irgendeine verdammte Erklärung abzugeben? Weil ich mir mittlerweile wie ein ziemlicher Vollidiot vorkomme, wenn ich dich abhole und du mich nicht mit dem Arsch anschaust.«

Hallo schlechtes Gewissen, nett das du dich mal wieder blicken lässt.

Ich schlucke den Kloß herunter, der sich wie ein schleimiger Brocken in meinem Hals festsetzen will und presse die Lippen zusammen, um Ryan mein Unbehagen nicht zu zeigen. Ich muss ihn ablenken. Das Gespräch umdrehen, um nicht schwach zu werden.

»Erklär mir lieber, wieso du mir nicht gesagt hast, dass Miles von diesem dämlichen Kuss weiß und benutz jetzt bloß nicht das Wort irrelevant.«

»Wie wär’s mit unwichtig?«, will er scheinheilig wissen und seine Augen funkeln vor Wut.

»Paxton«, knurre ich und stemme die Hände in die Hüften. »Stell meine Geduld nicht auf die Probe!«

»Das kann ich nur zurückgeben, Jones und falls du mir erlaubst, etwas hinzuzufügen: Meine Geduld stellst du seit verdammten vier Wochen auf die Probe.«

Er hat recht und ich wünschte, dem wäre nicht so.

»Ich habe nicht von dir verlangt, dass du mir hinterherläufst«, knurre ich und spüre wie sich ein Eiszapfen in meinen Magen bohrt. Ryans wütende Maske fällt und ich sehe Schmerz in seinen Augen aufflackern, gemischt mit Ungläubigkeit.

Schön versaut, Eve.

»Verdammt, wäre ich nur in der Bar geblieben«, flucht der Kerl, dreht mir den Rücken zu und fährt sich mit der Hand durch das Haar, in dem ich am liebsten meine Nase vergraben würde. Leider wird das heute Nacht bestimmt eine von den Volleyballerinnen machen.

Plötzlich sehe ich Ryan vor mir, wie seine Hände über den Körper dieser blöden Kuh wandern, die ihre dämlichen Lippen auf seine presst. Das Blut in meinen Adern beginnt schlagartig zu kochen.

»Ja, dann hättest du an deinem Projekt weiterarbeiten können«, gebe ich spitz zurück, und beiße mir in dem gleichen Moment auf die Zunge, weil ich das nicht hätte sagen sollen.

»Mein Projekt?«, wiederholt Ryan fragend und dreht sich um, während seine Arme langsam nach unten wandern. Der Schmerz ist aus seinen Augen gewichen, stattdessen mustert er mich nachdenklich.

»Die nette Dame mit der engen Hose und dem Shirt aus dem die Brüste beinah rausfallen?«, helfe ich ihm auf die Sprünge, während Gift durch meinen Körper saust, das immer mehr Bilder von ihm und ihr in meinen Kopf pflanzt.

Gesund kann das nicht sein.

Und unter gar keinen Umständen, sollte ich solche Gedanken laut aussprechen.

Wir schauen einander an. Ich mit zorniger Miene, Ryan verwirrt. Keiner von uns bewegt sich, weil wir beide wissen wollen, was in dem Kopf des jeweils anderen vor sicht geht. Und in meinem Kopf keimt der gigantische Wunsch auf, dass diese Kuh weg ist, sobald wir wieder in der Bar sind. Auch wenn ich kein verfluchtes Recht dazu habe.

»Du bist eifersüchtig.« Ich habe den Mund bereits geöffnet, will ihm widersprechen, sagen, dass er sie nicht mehr alle hat, während mein Herz in tausend Stücke zerbricht, als er einfach anfängt zu lachen.

»Ich fasse es nicht!«, verkündet er schief grinsend und schüttelt den Kopf. »Eigentlich habe ich gedacht, dass du dich ein bisschen besser selbst einschätzen kannst.«

»Ich kann mich sehr wohl einschätzen«, zische ich und spüre, dass Blut in meine Wangen schießt. Verdammter Mist. Jetzt werde ich auch noch rot. Viel besser könnte es jetzt gar nicht laufen!

»Dann sollte dir durchaus bewusst sein, dass die aus der Bar, nicht im Ansatz an dich herankommt.«

Mein Magen zieht sich angenehm zusammen und meine Wangen bleiben dunkel. Ein Kribbeln schießt durch meinen Körper, während meine Arme schlapp an meiner Seite hängen.

»Was?«, kommt es mir über die Lippen und meine Stimme ist alles andere als fest und selbstbewusst. Ich bin völlig verunsichert und das ist neu für mich.

Vor mir kneift Ryan die Augen ein Stück zusammen und legt den Kopf ein kleinen wenig schief. Seine Augen haften an mir und verhindern, dass ich mich bewege. Es ist, als würde er dafür sorgen, dass sich langsam Seile um meinen Körper schlingen und mich für ihn fesseln.

Und ich habe damit absolut kein Problem.

»Evelyn Jones wird rot«, murmelt er plötzlich, was das Blut, das sich gerade wieder in meine Beine bewegen wollte, erneut die Richtung ändern lässt. Wie ein Magnet scheint jeder Tropfen nun zu meinem Kopf zu wandern, um der Peinlichkeit und Verunsicherung eine neue Höchststufe zu geben.

»Ich bin nicht rot«, versuche ich, dagegen zu halten, doch meine Lüge ist beim letzten Wort bereits nur noch ein Hauch.

Ryan beißt sich lächelnd auf die Zunge. Gott, muss er dabei so gut aussehen, während ich hier wie ein verschrecktes Reh stehe? Es wäre doch ganz angebracht, wenn er mal derjenige wäre, der nicht mit der Situation klarkommt. Wann bin ich eigentlich zur Beute geworden? Früher war ich jedes verfluchte Mal der Jäger – mit Erfolg.

»Shit. Das war nicht so geplant«, seufzt er und kommt langsam auf mich zu.

»Wovon…«, setzte ich an, doch ich komme nicht dazu meine Frage auszusprechen. Denn kaum steht Ryan Paxton vor mir, legt er seine Hände auf meine Wangen und presst seine Lippen auf meine. Ich kann nichts dagegen tun, dass meine Augen zufallen und mir ein leiser Seufzer entweicht. Die Spannung, die eben noch meinen Körper beherrscht hat, fällt ab und ein Wirbelsturm aus Schmetterlingen beginnt in meinem Magen zu toben.

Dieser Kuss ist nicht so, wie der, den ich ihm gegeben habe. Ryan belässt es nicht bei der zarten Berührung von unseren Lippen. Nein, seine Lippen liegen fordernd auf meinen, wobei seine Hände über meinen Nacken in mein offenes Haar wandern. Im Gegensatz zu ihm bin ich nicht in der Lage mich zu bewegen, weil die Gefühle zu viele sind, als dass ich noch einen weiteren Reiz aushalten würde. Er öffnet den Mund ein Stück und beißt zärtlich auf meine Lippe. Langsam fährt er mit der Zunge drüber und ich schmelze dahin. Nicht in der Lage mich zu bewegen, lasse ich diese süße Folter über mich ergehen, die viel zu schnell endet.

Er zieht sich zurück und als ich schließlich in der Lage bin die Augen zu öffnen, stehen wir uns atemlos gegenüber. Dabei habe ich mich gar nicht bewegt. Seine rauen Hände gleiten über meinen Kopf zu meinem Hals und fahren auf diesem Weg kurz über meine Lippen. Es kostet mich unfassbare Kraft ein leises Stöhnen zurückzuhalten und nicht in seinen Armen zusammenzuklappen.

»Das macht die ganze Sache doch etwas komplizierter, als ich gedacht hatte«, flüstert er atemlos und legt seine Stirn an meine.

»Etwas?«, bringe ich heiser hervor, und schaffe es, endlich meine Arme zu heben, sodass meine Hände seine Handgelenke umklammern. An etwas muss ich mich festhalten, ehe mein Kreislauf komplett kollabiert, was sein Grinsen nur noch begünstigt.

Verträumt. Ryan Paxton starrt mich wirklich mit einem verträumten Lächeln an, während seine Daumen sanfte Kreise an meinem Hals hinterlassen. Ich bin mir sicher, dass er meinen Puls spürt und es genießt, dass ich gerade neben mir stehe und drohe jeden Moment umzukippen.

»Bist du jetzt vielleicht bereit mir zu sagen, warum du mir die letzten Wochen aus dem Weg gegangen bist?« Sein heißer Atem streift meine Lippen, lässt meinen Hals trocken werden.

»Eventuell wollte ich unter anderem diese Situation vermeiden«, brumme ich und zwinge mich in seine Augen zu sehen. Fataler Fehler. Die meeresblauen Augen, gesprenkelt mit einzelnen dunklen Farbtupfern entlocken mir einen Seufzer, der nicht halb so genervt klingt, wie ich es gerne hätte.

»Ist dir nicht wirklich gelungen.«

»Nur, weil du nicht mitgespielt hast.«

»Wär’s dir lieber, wenn ich wieder in die Bar gehe und mit der Volleyballerin verschwinde?«

Ich presse die Lippen zusammen, feuere einen scharfen Blick auf ihn, der ihm nichts anhat.

»Hab ich mir schon gedacht«, murmelt er wissend und scheint nicht daran zu denken, seine Hände von mir zu nehmen. Leider sorgt das für einen Sauerstoffmangel in meinem Körper. »Dann sind wir uns einig, dass du mir ab jetzt nicht mehr aus dem Weg gehst? Andernfalls sehe ich mich gezwungen, dich jedes verdammte Mal zu küssen, wenn deine Gehirnzellen nicht richtig arbeiten. Das scheint nämlich die einzige Möglichkeit zu sein, dich wieder in die Realität zu holen.«

»Naja, wenn wir uns an der Realität orientieren, dann sollte das hier gar nicht passieren, weil wir das untersagt haben.«

»Wenn du denkst, dass wir es diesmal bei diesem Kuss belassen und danach tun, als wäre nichts passiert, hast du dich geschnitten, Jones. Mir geht es nämlich wirklich am Arsch vorbei, was wir festgelegt haben und ich wiederhole meine Fehler nicht.«

Ich könnte mich wehren und alles abstreiten. Ihm sagen, dass das verrückt ist und nicht funktionieren wird, aber leider pocht mein Herz so stark in meiner Brust, dass es jeden Gedanken an Widerstand vernichtet.

Er hat unseren Kuss nie als Fehler gesehen.

Ich wünschte diese einfach Aussage, würde mich nicht in den nächsten Regenbogen fallen lassen.

Leider gibt es da noch den Punkt mit dem Verrückten, der sich aus der hintersten Ecke meines Kopfes meldet und schreit. So leicht darf ich nicht aufgeben.

»Das ist aber nicht fair. Sogar Miles und Zoe kriegen es auf die Reihe«, starte ich einen letzten hoffnungslosen Versuch.

»Die beiden haben aber auch schon wesentlich mehr Vorsprung als wir«, erwidert Ryan. »Und glaub mir, die haben genug für die nächsten zehn Jahre gevögelt.«

Sein Satz sorgt dafür, dass die Luft zwischen uns elektrisiert. Der verträumte Ausdruck weicht aus seinen Augen, wandelt sich in dunkle Gier. Ich schlucke schwer und umfasse seine starken Handgelenke fester, ehe ich mir auf die Lippe beiße. Ein gequältes Stöhnen entweicht ihm, als er seine Hände ruckartig zurückzieht und zwei große Schritte nach hinten macht. Ich taumle, bis ich gegen die Lehne des Sofas pralle und dann bohren meine Finger sich in den Stoff des Bezuges.

»Wir sollten Sex aus unserem Wortschatz streichen«, sagt Ryan und fährt sich mit der Hand über das Kinn.

»Bin ich ganz deiner Meinung«, stimme ich zu und räuspere mich, wobei ich den Blick senke, um nicht daran zu denken, dass sich unter diesen Klamotten ein ziemlich ansehnlicher Körper befindet, den ich nur zu gern aus nächster Nähe betrachten würde.

»Außerdem sollten wir von hier verschwinden«, brummt er plötzlich missmutig und greift nach meiner Hand. Ohne mich anzusehen, zieht er mich durch den Flur.

»Was? Warum?«, will ich wissen.

»Weil du einen viel zu kurzen Rock anhast, ich dich genau hier schon in Unterwäsche gesehen habe und mein Bett in Reichweite ist. Wobei ich mich auch mit dem Sofa oder der Arbeitsplatte zufrieden geben würde.«

Die Worte bleiben mir im Hals stecken und ich kann nichts dagegen tun, dass ich den Kopf drehe und zu dem Sofa starre. Wie es wohl wäre, wenn..?

Himmel. Ich komme mir vor wie ein kleiner notgeiler Teenager, dessen Eltern gerade das Haus verlassen haben.

»Ach, Eve?«, wendet Ryan sich an mich, als er die Haustür abschließt.

»Ja?«

»Sollte Wyatt oder ein anderer Kerl dich anfassen, sehe ich mich gezwungen, mein Revier deutlich zu kennzeichnen.«

Als seine dunklen Augen mich finden, kriege ich nur ein hilfloses Nicken zustande. Ruhelos fährt Ryan sich durch das Haar, dann stößt er einen kleinen Fluch aus, der seiner Wirkung verfehlt, weil seine Mundwinkel dabei nach oben wandern.

War da nicht noch irgendetwas mit einem Stalker?

»Komm schon, Jones. Erzähl mir was, damit ich nicht länger an dich in meinem Bett denke«, murmelt er und drückt mir einen Kuss auf den Scheitel. »Nackt, falls ich das hinzufügen muss.«

»Wir sollten fahren«, presse ich hervor und verschränke die Hände hinter dem Rücken, um nicht in Versuchung zu kommen seine Hand zu nehmen oder meine Finger in seinem Haar zu vergraben.

Muss ich erwähnen, dass ich bis dato zu viele Träume mit Ryan hatte, die ich gerne umsetzten würde? Völlig egal, ob uns ein Verrückter dabei erwischt? Es ist egoistisch und dumm, aber ich kann nichts gegen die Gefühle tun, die mich überfallen.

»Schön zu sehen, dass ich es doch mal hinbekomme dich in Verlegenheit zu bringen. Ich habe schon gedacht, dass du immun gegen mich bist.«

»Wie kommst du drauf, dass ich es nicht bin?« Bevor er seine Hand in die Nähe meiner Haut bringen kann, setzte ich mich in Bewegung und laufe zum Wagen. Noch mehr Körperkontakt ertrage ich nicht. Hoffentlich kommt er nicht auf die Idee, sich gleich neben mich zu setzten. Dann würde ich nämlich über kurz oder lang nach seiner Hand greifen und diese kleine Geste könnte eine ganze Reihe an Tätigkeiten auslösen.

»Ich weiß, wenn eine Frau mir verfallen ist und du bist komplett hin und weg. Zwar hatte ich gedacht, dass das bereits bei unserer ersten Begegnung der Fall ist, aber du hast deinen Fehler ja eingesehen«, lacht Ryan, als er einsteigt und den Motor startet.

»Bei unserer ersten Begegnung warst du ein Arsch, Paxton.«

»Ja, deinen Arsch wollte ich dort schon gerne in Augenschein nehmen, Jones.«

»Benimm dich, sonst wird das nichts!«

»Kann ich nicht bei dir«, erwidert er schulterzuckend und wirft mir einen Blick zu, der viele Versprechungen enthält, die er mir nicht auf dem Weg zurück zur Bar machen sollte.

»Du bist unmöglich.«

»Und du hinreißend.«

»Stopp jetzt.«

»Ja, du hast Recht. Wir sollten zurück und mein Bett einweihen.«

»Ryan!«, ermahne ich ihn lachend und zwinge mich ihn halbwegs erbost anzusehen. Ein jungenhafter Ausdruck steht auf seinem Gesicht, als seine Mundwinkel nach oben wandern. Eilig drehe ich den Kopf weg und betrachte die Häuser, an denen wir vorbeifahren.

»Warum hast du mir nicht gesagt, dass Gran dich gebeten hat auf mich aufzupassen?« Die Frage kommt unüberlegt auf meinen Lippen, obwohl sie schon seit Wochen in meinem Magen liegt, wie ein schlechtes Essen. Wenn es mir bei dem Thema schon so geht, will ich gar nicht darüber anchdenken, was dann ist, wenn ich mit dem Stalker anfange.

Ich spüre, wie die Leichtigkeit zwischen uns verfliegt und kann die Anspannung spüren.

»Wann hast du es erfahren?«, will er mit ernster Stimme wissen.

»Gran hat es mir gesagt, bevor ich damals zu Sophia gefahren bin, um sie abzuholen.«

»Der Abend an dem du spontan beschlossen hast dich auf die Suche nach dem Irren zu begeben?«, hakt er nach und trotz der Ernsthaftigkeit, verziehen meine Lippen sich zu einem schwachen Lächeln.

»Ja, genau der.« Ryan stößt hart Luft aus.

»Das erklärt, warum du so eine verdammte Zicke an dem Abend warst.«

»Tut mir leid«, murmle ich und knabbere auf meiner Unterlippe. »Ich bin nicht ganz einfach.«

»Einfach ist auch was für Anfänger und du hast es hier mit einem Profi zutun. Also mach dir keinen Kopf.«

»Hast du dich deswegen so um mich gekümmert? Weil Gran es so wollte?«, übergehe ich seine Aussage, als er am Straßenrand nicht weit von der Bar hält.

Ich bin nervös, wackel mit dem Fuß und überwinde mich zu Ryan zu schauen, der mit gerunzelter Stirn den Motor abstellt. Seine mögliche Antwort sollte mir nicht so eine Angst machen, aber ich weiß nicht, wie ich dann mit dem Knacks in meinem Herzen umgehen soll. Mit der Zunge fahre ich mir über die Lippe, als er sich ohne eine Vorwarnung über die Mittelkonsole beugt und ein weiteres Mal heute Abend seine Lippen auf meine presst.

Gierig und bestimmend.

Ich ziehe scharf Luft ein, bekomme seinen heißen Atem gegen die Lippen.

So schnell wie es begonnen hat, löst er sich von mir. Unsere Münder sind kaum einen Zentimeter voneinander entfernt, als er innehält.

Ich ignoriere, dass man uns sehen könnte.

»Elizabeth hat mich erst nach der ersten Panikattacke darum gebeten. Da hatte ich schon längst beschlossen, dass ich dich im Auge behalte«, sagt er leise und sorgt dafür, dass ein einzelner eiskalter Wassertropfen über die nackte Haut meines Nacken gleitet.

»Ok«, bringe ich atemlos hervor, als er sich endlich zurückzieht.

»Dann lass uns reingehen.«

»Bleib ja auf Abstand«, warne ich, als ich mich abschnalle. Immerhin muss ich dem Verrückten nicht noch mehr bieten auf das er heute Abend oder in den nächsten Tagen zielen könnte.

»Kommt ganz drauf an«, sagt er und schnalzt mit der Zunge. Noch ehe ich auf seine Frage eingehe, blitzt Schalk in seinen Augen auf. Dennoch gehe ich auf sein Spiel ein, das mir viel zu viel Spaß macht.

»Und worauf?«, will ich mit hochgezogenen Augenbrauen wissen, als er den Gurt löst.

»Ob ich dir in diesem kurzen Rock widerstehen kann.«

Mit diesen Worten steigt Ryan aus und ich nutze diese Sekunde, um tief einzuatmen.

Heilige Scheiße.

Der Kerl wird mir das Herz brechen, wenn ich nicht genaustens Acht darauf gebe.

Zusammenreißen, Eve!, flüstert eine Stimme mir ins Ohr, als ich aussteige. Unter dem wachsamen Blick von Ryan schlage ich die Tür hinter mir zu, rücke den Rock zurecht, ehe er auf weitere dumme Gedanken kommt. Dabei beobachtet er mich mit Adleraugen und ich bekomme Angst, dass er jede Sekunde über mich herfällt.

»Du bleibst hinter mir«, sage ich streng. »Mindestens drei Meter Abstand.«

»Ganz wie du willst«, stimmt er zu und bleibt entspannt an den Wagen gelehnt. Ich nicke langsam, fühle mich schon wieder viel zu nackt unter seinen Augen.

Ich brauche kaltes Wasser.

Irgendwie muss ich meinen Puls wenigstens für ein paar Minuten beruhigen. Ansonsten erleide ich heute noch einen Herzinfarkt, der alleine Ryan Paxton geschuldet ist.

Ich drücke den Rücken durch, als ich auf dem Absatz kehrtmache und mit schnellen Schritten die Straße entlanglaufe. Meine Wangen sind immer noch erhitzt und ich fühle mich, als hätte ich eine anstrengende Trainingseinheit gehabt, deren Ende erst eine halbe Stunde zurückliegt.

Als ich in die kleine Gasse biege, untersage ich mir, einen letzten Blick auf Ryan zu werfen. Stattdessen beschleunige ich meine Schritte und schenke dem ein oder anderen bekannten Gesicht ein Lächeln im Vorbeigehen. Dabei habe ich das Gefühl, dass mir auf die Stirn tätowiert ist, was zwischen mir und Ryan vorgefallen ist.

Aus diesem Grund steuere ich in der Bar direkt die Toilette an und meide es, in Zoes Richtung zu sehen. Mir hat das Verhör mit ihr bereits gereicht und ich weiß nicht, ob ich ein weiteres Mal abstreiten könnte, dass zwischen Ryan und mir irgendetwas ist. Sie ist so schon misstrauisch genug und zum Glück ist Sophia mir an dem Abend zur Seite gesprungen und hat darauf bestanden, dass wir das Thema wechseln. Den Beiden zu erzählen, was mein eigentliches Problem ist, würde nur für mehr Chaos sorgen.

Die Toiletten sind verlassen, obwohl der Laden voll ist. Ich stemme die Arme gegen das Waschbecken und riskiere einen Blick in den Spiegel. Meine Haare sind nicht mehr so ordentlich, wie vorhin und meine Lippen sind röter als sonst. Wenigstens ist keine Schminke verschmiert und außer den dunklen Wangen, die auch durch Wärme oder Kälte kommen könnten, sehe ich normal aus.

Mit den Fingern fahre ich mir durch die Haare, um sie einigermaßen in Form zu bringen, als die Tür aufgeht. Im Spiegel erkenne ich Katie, die mit böser Miene zu mir starrt.

»Nur, dass das ganz klar ist, Jones: Ryan Paxton gehört mir.«

Ich halte inne, drehe mich um und kassiere einen letzten angewiderten Blick, ehe sie die Tür schließt und den Raum verlässt. Ich bleibe alleine mit klopfendem Herzen und leichter Panik zurück.

Scheinbar sind wir nicht unentdeckt geblieben.

Ich kann nur hoffen, dass sie damit nicht sofort zu allen anderen rennt und sie die Einzige ist, die es gesehen hat.

Ich habe mal eine Frage an euch, die mich brennend interessiert: Habt ihr schon eine Idee, wer im nächsten Buch die Hauptrolle bekommt? Wäre gespannt eure Theorien zu hören 😀

Ansonsten noch ein schönes Wochenende und bis Donnerstag 🙂

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