43. Ryan

»Ich weiß nicht, ob ich Mist gebaut habe«, brumme ich, als ich neben Zac trete, der dabei ist Gläser abzuspülen.

»Wovon redest du?«

Zac dreht sich mit verwirrter Miene zu mir, während ich mir ein Bier aus dem Kasten nehme, der unter dem Tresen steht. Dabei huschen meine Augen zu Eve, die sich neben Zoe setzt und über irgendetwas lacht.

»Ich habe Eve geküsst«, sage ich etwas drängender, während mein Blick über die Masse wandert, in der ich Wyatts Kopf nicht entdecken kann. Vielleicht hat der Typ auch so begriffen, dass er die Finger von ihr lassen soll.

»Wann zum Teufel hast du das gemacht?«

»Ich wollte eigentlich nur mit ihr reden«, gebe ich zu und ziehe scharf Luft ein, als sie den Kopf vor Lachen in den Nacken wirft. Oh, dieser verdammte Hals. Wie gerne würde ich den jetzt genaustens in meinem Bett erkunden, anstatt mehrere Meter Abstand zwischen uns zu bringen. »Aber dann führte eins zum anderen.«

»Ihr habt euch nur geküsst?«, will Zac wissen, als er grinsend meinem Blick folgt.

»Zweimal, auch wenn ich eindeutig nicht glücklich damit bin.«

»Seit wann mimst du denn den Gentleman?«, lacht Zac und trocknet ein Glas ab, nur um gleich darauf das nächste in das Wasser zu legen.

»Könntest du mir jetzt bitte einfach sagen, ob ich’s verbockt habe?«

»Hast du ihr diesmal wieder einen dummen Spruch danach reingehauen?«

»Nein«, knurre ich, als Dean ein Stück näher zu Eve rückt. Ich war bisher doch nie so besitzergreifend. Kein Wunder warum ich diesen Gefühlen bisher immer aus dem Weg gegangen bin. Die sorgen nur für ein gigantisches Durcheinander im Kopf. »Wir haben geredet wie sonst. Nur eben etwas anders.«

»Hat sie den Kuss erwidert?«

»Ja.« Ich werde Dean demnächst deutlich machen müssen, wer der Chef ist und wer aktuell mit Eve spielt. Er gehört da garantiert nicht zu.

»Klingt so, als hättest du es halbwegs hinbekommen«, grinst Zac und greift nach einer Flasche. »Mach dir nicht so einen Kopf, auch wenn ich sagen muss, dass ich das als Genugtuung empfinde.«

»Vielen Dank auch«, zische ich und nehme einen Schluck von dem Bier.

Es war eine miserable Idee Eve wieder in die Bar zu lassen. Ich kriege jetzt ja schon eine Krise, wenn ich darauf achte, wer sich mit ihr beschäftigt. Zwar werde ich ihr das nicht auf die Nase binden und garantiert keinen öffentlichen Schwanzvergleich starten, aber es ging mir nichts je zuvor so gegen den Strich.

Mein Schnauben geht in der Musik und dem Klingeln meines Handys unter, dass in meiner Jeanstasche steckt.

Ich brauche nicht hinzusehen, um zu wissen, wer es ist und ich habe auch eine grobe Vorahnung, warum ich schon wieder mit einem Anruf beehrt werde.

»Komme gleich wieder«, sage ich zu Zac, der wen bedient und verschwinde in dem Flur zum Büro. Kaum habe ich die Tür zur Bar hinter mir geschlossen, nehme ich den Anruf entgegen.

»Du hast mir gesagt, dass du den Deal angenommen hast«, schlägt es mir wütend entgegen. »Was denken meine Geschäftskollegen wohl, wenn sie sehen, dass mein Sohn bei Cheerleadern mitmacht?«

Dad ist stinksauer. Ich hatte nichts anderes erwartet, wenn er die Fotos von dem Auftritt heute sehen würde, der groß auf der Website prangt.

»Dass du einen unheimlich talentierten Sohn hast?«, schlage ich sarkastisch vor und betrete das Büro.

»Hör auf alles ins Lächerliche zu ziehen, Ryan. Mittlerweile hast du ein Alter erreicht in dem du dich wie ein erwachsener Mann benehmen kannst.«

»Wenn das heißt, dass ich mich so verhalten muss wie du, bleibe ich lieber der kleine Junge«, erwidere ich gelangweilt.

»Ich habe dich aus der Sache herausgeholt, was nicht ganz einfach war und du übergehst mich? Wie stehe ich jetzt da?«

»Stimmt, du hast mich aus der Sache geholt, aber nicht mein Team.«

»Mehr war da nicht zu machen.«

»Ich bitte dich, Dad«, knurre ich und lehne mich mit der Hüfte gegen den Schreibtisch, auf denen sich Ordner stapeln. »Du wolltest mir einfach nur eins auswischen.« Meine Aussage wird mit einem gereizten Stöhnen quittiert und ich kann regelrecht sehen, wie er sich jetzt die Nasenwurzel massiert und zur Ruhe mahnt. Mittlerweile habe ich es nämlich perfektioniert meinen Vater auf den Geist zu gehen.

»In fünf Wochen findet eine wichtige Veranstaltung statt bei der ich dich gerne dabei hätte.«

»Weil du meine Anwesenheit so schätzt oder weil du einen dicken Deal abschließen willst und eine Vorzeigefamilie brauchst?«

»Strapazier es nicht über, Ryan«, ermahnt mein Vater mich, was mich nur die Augen verdrehen lässt. »Du hast mir etwas versprochen und das fordere ich hiermit ein.«

»Muss ich im Anzug kommen oder reicht eine Jogginghose?«, will ich genervt wissen.

»Darauf werde ich nicht antworten. Ich schicke dir die näheren Infos per SMS.«

Dann ist die Leitung tot.

»War nett mit dir zu sprechen, Dad«, brumme ich und schlucke die Wut herunter, die bei jedem Gespräch mit ihm in mir aufkocht. Missgelaunt stopfe ich das Handy wieder in meine Hosentasche und gehe in den Flur, wo ich mit jemandem zusammenpralle. Derjenige taumelt ein Stück zur Seite und fängt sich an der Wand ab.

»Was machst du hier?«, will ich von Dean wissen, der einige Male blinzelt und schnieft.

»Nichts«, brummt er und wischt sich mit dem Ärmel über die Nase.

Skeptisch mustere ich die geweiteten Pupillen und die rot unterlaufenen Augen.

»Verasch mich nicht«, zische ich, obwohl es nicht weiter wild ist, dass er hier ist. Allerdings sitzt mir noch im Hinterkopf, dass er vor wenigen Minuten mit Eve geflirtet hat. »Hast du gekifft?«, versuche ich, seine körperlichen Reaktionen in einen Zusammenhang zu bringen, doch er schüttelt den Kopf und dreht sich ein Stück weg.

Doch nicht schnell genug, als dass ich die weißen Spuren an seiner Nase nicht sehen würde.

»Ist es das, wofür ich es halte?«, fahre ich den Wide Receiver an und packe ihn an der Schulter.

»Man, war nur ein bisschen«, erwidert er genervt, als wäre er ein kleiner Junge.

»Scheiße Dean!«, fluche ich und lasse ihn mit einem kleinen Schubs los. »Kiffen ist die eine Sache, aber Koks?!«

»Entspann dich, Paxton!«

»Wie denn, wenn du Dauerhigh bist?«

»Besser als Dauerdown, oder?«, gibt er trotzig zurück und stößt meinen Arm beiseite. Er traut sich nicht, mir ins Gesicht zu schauen, als er geht oder er ist dazu gar nicht mehr in der Lage. Sorgenfalten bilden sich auf meiner Stirn, als Dean leicht wankend wieder die Bar betritt.

Momentan übertreibt der Kerl es deutlich. Wenn das so weitergeht, muss ich dringend mit ihm reden  – sollte ich je einen Moment erwischen, in dem er wirklich klar im Kopf ist.

Frustrierter als schon nach dem Gespräch mit meinem Vater betrete ich wieder die Bar, nehme mein Bier vom Tresen und stelle erleichtert fest, dass Dean noch nicht wieder neben Eve sitzt. Zwar hatte ich ihr versprochen, dass ich auf Abstand gehe, aber ich werde nicht zulassen, dass er sich in seinem jetzigen Zustand neben sie setzt.

Also gehe ich an Dean vorbei, der mit einer Unbekannten redet und sehe den leicht schockierten Blick von Eve, als ich näher komme. Ich versuche, das Zucken meiner Mundwinkel weitestgehend zu unterdrücken, weil es mir doch ziemlich gefällt, dass sie ein wenig panisch wird. Im Umkehrschluss bedeutet das nämlich, dass sie genauso wenig die Hände von mir lassen kann, wie ich von ihr. Zum Glück bin ich jedoch der bessere Schauspieler von uns beiden und setzte mich ganz entspannt auf den freien Platz neben sie.

Sie weiß nicht, dass mir das Herz bis zum Hals schlägt.

Sie weiß nicht, dass ich an nichts anderes denken kann, als ihre Lippen.

Sie weiß nicht, dass ich Wachs in ihren Händen bin.

Und das ist verdammt gut so. Sonst wäre ich verloren.

»Ryan Paxton beehrt uns mit seiner Anwesenheit. Gibt es dafür einen guten Grund?«, zwitschert Zoe und nippt an ihrem Cocktail, wobei ihr Blick zu Eve wandert, die die Hände um das Glas vor ihr legt. Ich stelle das Bier vor mir ab und

»Wunderschöne Frauen sind der Grund, allerliebste Zoe«, erwidere ich, was Miles ein Schnauben entlockt.

»Spar’s dir Paxton. Wir wissen alle, dass du kein Charmeur bist«, fährt mein Mitbewohner mich an.

»Was denn? Angst, dass du keine von dem Tisch abbekommst, wenn ich anwesend bin«, scherze ich und lehne mich entspannt zurück. Dabei lege ich einen Arm auf Eves Stuhllehne ab. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie versteift und Miles kann nichts gegen ein ungläubiges Lachen tun, das ihm entkommt.

So haben wir zu Beginn des Studiums klar gekennzeichnet, wer uns gehört.

Es ist zu verlockend, als dass ich es unterlassen könnte.

Nur habe ich es diesmal nicht nur auf einen Abend abgesehen.

»Du bist ein Arsch, Paxton«, verkündet Miles und nippt an seinem Bier.

»Gleich nach dir«, kontere ich lässig.

»Habe ich was verpasst?«, will Zoe mit hochgezogenen Brauen wissen und schaut zwischen uns hin und her.

»Würde mich auch interessieren«, stimmt Eve zu und gähnt. Ist sie blasser geworden in der Zeit, in der ich mit meinem Vater telefoniert habe?

Sie würde mir wahrscheinlich einen Magenhieb versetzten, wenn ich es ihr sagen würde. Daher halte ich besser den Mund. Obwohl es gesünder wäre nicht zu ihr zu sehen, wäre es auf Dauer zu verdächtig.

»Das ist eine Sache unter Männern«, erkläre ich, als ich den Kopf zu ihr drehe. Sofort finden meine Augen die leicht geöffneten Lippen, die von dem Drink noch feucht sind und leider ist der Kuss zwischen uns zu präsent, als dass ich das ausblenden könnte.

»Du bist ein Macho«, sagt Eve augenverdrehend und fasst sich an die Stirn.

»Weißt du doch«, gebe ich zurück und merke ein Kribbeln im Magen. Ich stehe einfach viel zu sehr drauf, wenn sie dagegen hält.

»Oh mein Gott«, murmelt Sophia aus dem Nichts und rutscht ein Stück tiefer in ihrem Stuhl. Automatisch dreht sich der gesamte Tisch in die Richtung, in die sie schaut. Ein großer, dünner Typ mit Brille scheint gerade den Laden betreten zu haben und dreht sich in unsere Richtung. Nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, ist er alles andere als erfreut.

»Sollen wir ihn rausschmeißen?«, frage ich die Schwarzhaarige, die in ihrer Ecke immer tiefer unter den Tisch gleitet.

»Ist nur mein Bruder«, erklärt Sophia, als dieser sich zwischen Eve und mich drängt und ich gezwungen bin, den Arm von ihrem Stuhl zu nehmen.

»Wir hatten eine Abmachung«, poltert der große Typ los und stemmt die Hände auf den Tisch.

»Ich bin erwachsen«, hält Sophia gereizt dagegen.

»Sophia«, kommt es bedrohlich leise von dem Typen.

Ich tausche einen verwirrten Blick mit Eve, die daraufhin ihren Drink trinkt.

»Willst du dich nicht erstmal setzten, Asher?«, meldet Zoe sich mit ruhiger Stimme und zartem Lächeln zu Wort.

Ich habe das Gefühl, dass das nicht helfen wird.

»Vielen Dank, aber Sophia wird jetzt mit mir mitkommen«, gibt er zähneknirschend zurück.

»Werde ich nicht«, hält seine Schwester zornig dagegen.

»Ich sagte, ich diskutiere nicht.«

»Miles?«, wende ich mich über die erhobenen Stimmen an den Quarterback, der mich fragend ansieht. »Frische Luft?«, schlage ich vor und sehe Erleichterung in seinen Augen aufblitzen, als er nickt.

»Wenn was ist, sag Bescheid«, flüstere ich ins Eves Ohr, wobei meine Lippe etwas ihrer Haut streift, obwohl das nicht nötig ist. Sie bringt ein Nicken zustande, umklammert das Glas vor sich etwas fester und nimmt eilig einen weiteren Schluck.

Mit einem letzten Blick auf Asher schiebe ich den Stuhl zurück und überlasse das Drama sich selbst. Ich denke nicht, dass Miles oder ich in der Situation hilfreich sind. Zusammen drängen wir uns an ein paar Leute vorbei, von denen die ein oder andere, ein anzügliches Lächeln preisgibt. Sie wissen nicht, dass wir beide unsere Beute für die nächste Zeit gefunden haben und scheinen daher etwas deprimiert, als wir ohne sie zu beachten, vorbeigehen.

»Du beanspruchst sie also?«, beginnt Miles, sobald uns die kalte Luft entgegenschlägt. »Wenn ich ehrlich bin, sieht Jones für mich nach keiner aus, auf die man Ansprüche erheben kann.«

Wir entfernen uns ein Stück von den neugierigen Ohren und ich lehne mich gegen eine alte Backsteinmauer.

»Ich glaube nicht, dass sie was dagegen hat«, gebe ich ruhig zurück und sehe ihm in die Augen.

»Wie kommst du darauf? Sie hat dich vier Wochen ignoriert und dir da drin mal wieder die kalte Schulter gezeigt.«

Ich presse die Lippen betreten zusammen. Ja, ich werde es Miles erzählen müssen, weil er derjenige ist, der Schadensbegrenzung betreiben könnte und seinen Augen wird nicht entgehen, was zwischen uns ist – was auch immer das sein mag.

»Ich war eben weg, weil ich mit ihr reden wollte«, gestehe ich.

»Wollte?«, wiederholt Miles und sein Blick bohrt sich in meinen Nacken.

»Nur ein Kuss. Zweimal«, schießt es aus mir hervor.

»Ist das dein ernst?«, will Miles kopfschüttelnd wissen. »Ich dachte, es wäre ein beschissener Ausrutscher gewesen.«

»Und ich sagte dir, dass es etwas komplizierter ist«, schieße ich zurück und halte seinem zornigen Blick stand.

»Gefühle-komplizierter?«

Mein Schnauben und die Tatsache, dass ich gekonnt seinen Augen ausweiche, genügt ihm als Antwort.

»Echt jetzt? Ausgerechnet Jones? Jetzt?«, stöhnt er und vergräbt die Hände in den Hosentaschen.

»Glaub mir, damit habe ich wirklich nicht gerechnet, als ich sie die ersten Male getroffen habe. Wollte ich sie vögeln: Ja, aber ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass…« Die Worte bleiben in der Luft hängen, ich kann es einfach nicht aussprechen. »Du musst mir den Rücken freihalten bis ich herausgefunden habe, was das ist.«

»Ich soll das Team anlügen.«

»Nein, du sollst mir verdammte Rückendeckung geben«, halte ich dagegen. Ich weiß, dass ich verloren habe, wenn Miles nicht mitspielt. Aber er ist mein Mitbewohner und wird es mitbekommen, wenn irgendetwas zwischen uns passiert. Ich brauche ihn einfach auf meiner Seite.

»Dafür bekomme ich einen Abend an dem die Regel ausgesetzt ist für Zoe und mich.«

»Du willst Sex«, stelle ich leicht grinsend fest.

»Du hast ja keine Ahnung wie sehr«, knurrt er und schüttelt leicht verzweifelt den Kopf.

»Was ist bloß aus uns geworden?«, frage ich und kann nichts gegen das Grinsen tun, das sich auf meine Lippen legt und von ihm erwidert wird.

»Wir sind tatsächlich Frauen verfallen.«

»Das hätte ich nie für möglich gehalten«, lacht Miles, als ich sehe, wie Eve die Bar verlässt. Suchend gleitet ihr Kopf umher, bis sie mich findet. Sie ist noch ein Stück weg, doch schon von hier kann ich erkennen, dass sie kalkweiß ist.

Meine Muskeln verspannen, als sie schwankend losgeht.

Hat sie eine Panikattacke?

Ich ignoriere Miles, der etwas gesagt hat und laufe Eve entgegen, die mir in die Arme fällt.

»Was…?«, setzte ich an, als sie mich mit riesigen Augen anstarrt und ihre Faust hebt, mit der sie ein Stück Papier umklammert. Ich halte sie an der Hüfte fest, während ich es auseinanderfalte und die wenigen Worte lese, die darauf stehen.

»Wann hast du den bekommen?!«, will ich scharf wissen, doch Eve kann mir keine Antwort mehr geben.

Sie sackt in sich zusammen. Wie eine leblose Puppe hängt Evelyn Jones plötzlich in meinen Armen. Panik überfällt mich und irgendwie schaffe ich es Miles zuzuruden, dass er einen Krankenwagen rufen soll. Wut mischt sich mit Angst und flutet meinen Körper, während ich das Papier in meiner Hand umklammere, das nichts Gutes verheißt.

Wenn du in Armen liegst, dann in meinen.

Weiter zu Kapitel 44. Evelyn

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