45. Ryan

Finger weg. Sonst Kopf ab.

Mehr steht nicht in der SMS von der unbekannten Nummer. Obwohl ich solche Nachrichten bereits von Männern erhalten habe, mit deren Freundin ich was hatte – nur wenn sie mir nicht erzählt hat, dass sie vergeben ist – runzle ich diesmal die Stirn. Es ist nämlich ziemlich lange her, seit ich einen Gedanken an eine Andere als Eve verschwendet habe.

Es gibt momentan also nur eine weitere Möglichkeit, die in Betracht gezogen werden kann: Der Stalker hat mich mit ihr gesehen und mich jetzt ebenfalls im Visier. Bestimmt auf eine andere Art und Weise, als Eve, aber ich bezweifle, dass meine Situation vorteilhafter ist.

»Willst du auch Pizza?«, vernehme ich Miles, der gerade die Küche betritt.

»Mhm«, murmle ich und lese ein weiteres Mal die zwei Worte.

»Sexting mit Eve?«

Seine Worte sorgen dafür, dass ich aufsehe. Verwirrt starre ich den Quarterback an, der sich gelangweilt ein Glas Wasser einschüttet und mich abwartend anstarrt. Meine Brauen ziehen sich leicht verärgert zusammen.

»Verdammt, nein«, brumme ich etwas missgelaunt und stecke das Smartphone zurück in meine Jeanstasche.

»Schon gut. Die hübschen Bilder könntest du mir mal…«

»Sprich den Satz nicht zu Ende, Miles.«

Er provoziert und ich gehe voll drauf ein. Schwerer Fehler, aber ich kann nicht anders bei dem Gedanken, dass es jemanden anderen interessiert oder er sieht, wie Eve nackt aussieht. Auch wenn ich selber bisher nicht in diesen Genuss gekommen bin.

Die Mundwinkel von Miles verziehen sich zu einem fiesen Grinsen und Schalk blitzt in seinen Augen auf.

»Und hör auf so dämlich zu Grinsen«, setzte ich nach und greife nach der Kaffeetasse neben mir. Ich bezweifle zwar, dass die Dosis mich noch in irgendeiner Form länger als eine Stunde wach hält, aber einen Versuch ist es wert.

»Wie geht’s ihr?«, wechselt Miles das Thema und die Leichtigkeit fällt ein Stück von seinen Lippen. Er hat gesehen, wie sie zusammengebrochen ist und es wundert mich, dass er mich nicht sofort mit Fragen überfallen hat, als ich das Haus betreten habe. Andererseits bin ich ihm sehr dankbar dafür, dass er es gelassen hat.

»Besser. Sie ist eben nach Hause gefahren.« Ich massiere mir die Stirn und schließe eine Sekunde die Augen.

»Hast du überhaupt geschlafen?«

»Nein«, antworte ich knapp und weiche dem Blick aus. Ich will nicht die Erkenntnis in seinen Augen sehen. Es reicht mir, dass Zac und Scar darüber wissen, dass ich in sie verliebt bin. Einen Miles, der mir das täglich unter die Nase reibt, benötige ich nicht noch zusätzlich.

Verliebt.

Alleine das Wort klingt falsch in meinem Mund, fühlt sich nur leider viel zu richtig an.

»Du solltest dich hinlegen. Das Einkaufen und den Rest übernehme ich mit Alex.«

»Ihr kauft doch nur wieder Müll.«

»Soll ich dir mein Indianerehrenwort geben, dass es diesmal nicht passiert?«, schlägt der Quarterback vor, was mich dazu bringt mich ihm wieder zuzuwenden. »Komm schon, Paxton. Geh schlafen.«

Unruhig streiche ich mir mit der Hand über den Nacken.

»Oder kannst du nicht schlafen?«, spricht Miles meine Befürchtung aus, obwohl mir jeden Moment die Augen zuzufallen drohen.

»Weiß nicht.« Meine Worte gehen in einem Klingeln unter. Ich runzle die Stirn und schaue zu Miles, der genauso verwundert ist. »Hast du schon bestellt?«

»Hätte ich dich gefragt, wenn ich’s getan hätte?«

»Zuzutrauen wär’s dir«, sage ich, als ich die Küche verlasse, um zur Haustür zu gelangen. Ich unterdrücke ein gähnen, als ich öffne und bereite mich schon auf eine Konversation vor. Doch da steht niemand.

Nur ein Paket liegt vor der Tür.

»Wer ist es?«, höre ich Miles hinter mir.

Es wäre besser, wenn ich mit dem Öffnen warten würde, bis Miles außer Haus ist und ich alleine bin. Doch der Gestank macht es mir unmöglich es zu ignorieren. Ich gehe auf die Knie, als Miles hinter mich tritt.

»Was ist das?«, fragt er, doch ich ignoriere ihn und reiße den Karton auf.

Ein widerlicher Geruch schlägt mir entgegen und Miles entfährt ein Fluch.

Ich hingegen kann nur auf den blutigen Schweinekopf starren, der in dem Karton liegt.

»Das ist aber kein Streich von den Cheerleadern, oder?«, kommt es angewidert von dem Quaterback, der sich die Nase zuhält.

»Nein, ist es garantiert nicht«, erwidere ich leise und lasse die Augen über die Umgebung gleiten.

Doch dort ist niemand.

»Für wen ist das denn?«, näselt Miles, der sich die Nase zuhält, während ich den Karton zuklappe.

»Für mich.« Ich kann ihm nicht in die Augen sehen, als ich die Verpackung hochnehme und wieder in den Flur trete.

»Was hast du vor?« Schockiert sieht Miles zu, wie ich die Tür schließe und mitsamt des eingepackten Schweinekopfes, durch die Wohnung stolziere. Ich kann ihm nicht antworten. Durch meinen Kopf jagen tausend Situationen und Gedanken, die sich alle darum drehen, wer es mitbekommen haben könnte.

»Erde an Paxton!«, wird Miles lauter, nachdem ich den Kühlschrank zugeschlagen habe und packt mich etwas unsanft an der Schulter. »Wer zum Teufel hat dir das geschickt.« Normalerweise ist Miles ein Mensch, der entspannt ist. Ja, er hat seine Zicken, wenn ihm was nicht passt, aber er behält ähnlich lange wie ich die Ruhe. Doch jetzt beherrschen Skepsis und Argwohn seine Augen.

»Später«, versuche ich, ihn abzuwimmeln und ziehe das Handy mit der beschissenen SMS aus meiner Tasche. Immerhin weiß ich jetzt, dass der Kerl es ernst meint.

»Du hängst dauernd mit Jones ab, die teilweise so aussieht, als hätte sie einen Geist gesehen. Dann bekommt sie K.O Tropfen untergejubelt und bekommst du einen Schweinekopf, als wäre es ein Stück Kuchen. Was zum Geier geht da vor sich!?«

»Miles, ich verspreche dir, dass ich es dir erzählen werde, aber nicht jetzt«, sage ich mit Nachdruck, während ich die kleine Visitenkarte aus meiner Tasche krame, die der Polizist mir heute Nachmittag zugesteckt hat. Nervös fliegen meine Finger über die Zahlen, als ich die Nummer unter Miles wachsamen Blick eingebe. Unsere Blicke treffen sich, als ich mir das Handy ans Ohr halte und dabei misstrauisch von Miles beäugt werde.

»Detective Clark«, meldet sich eine raue Stimme.

»Guten Tag, Ryan Paxton hier. Sie hatten mir Ihre Nummer gegeben.«

»Ja, ich erinnere mich. Ist Ihnen noch etwas eingefallen, wegen gestern Nacht?«, will er interessiert wissen.

»Nicht direkt«, murmle ich und wende dem Quarterback den Rücken zu, weil er nicht alles hören muss, was ich zu sagen habe. »Aber ich habe eine SMS erhalten und einen Schweinekopf bekommen und ich denke nicht, dass der Lieferant sich mit der Adresse vertan hat.«

»Einen Schweinekopf?«

»Einen ziemlich blutigen.«

»Ich komme vorbei.«

Ich habe keine Gelegenheit ihn zu fragen, woher er meine Adresse kennt oder zu sagen, dass es ungünstig ist, weil Miles noch hier ist. Mir ist klar, dass er sich bereits über mich informiert hat. Was anderes hätte ich auch nicht von ihm erwartet, nachdem er mich so interessiert gemustert hat im Krankenhaus.

Ich stoße hart Luft aus und massiere mir die Stirn unter dem wachsamen Blick meines Mitbewohners. Scheinbar wird sich das mit dem Schlafen noch etwas verzögern, wobei ich nicht sicher bin, ob ich nach der Nummer überhaupt noch ein Auge zubekomme.

»Alles klar?«, durchdringt Miles Stimme schließlich das Chaos, das meinen Kopf beherrscht.

»Nein, leider gar nicht«, brumme ich und lasse mich auf das Sofa fallen, an dem sich Eve festgekrallt hat, als das Thema Sex aufkam. Wir hätten hierbleiben sollen. Dann wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Sie hätte nie diese Tropfen bekommen und es wäre ein wahnsinnige Nacht geworden von der ich seit Wochen träume.

»Einen Drink?«, vernehme ich den Quarterback, der sich mir gegenüber hingesetzt hat.

Ich starre meinen Freund an, der gleich mitbekommen wird, dass ein Polizist auftaucht und wir über den Schweinekopf reden. Wie soll ich Dinge abstreiten? Was soll ich ihm bloß sagen? Er wird jetzt nicht gehen. Nicht nachdem ich zugegeben habe, dass nicht alles in Ordnung ist.

»Ein Detective kommt gleich vorbei«, sage ich schließlich, woraufhin sich Falten auf seiner Stirn bilden. »Ich möchte, dass du das was er sagt, für dich behältst und nicht anfängst irgendetwas irgendwo rein zu interpretieren. Ich werde dir das alles erklären, sobald ich darf.«

»Sobald du darfst?«, er leise und legt den Kopf leicht schief. »Du meinst, sobald du das Okay von Jones hast.«

Was bringt es, wenn ich ihn noch länger anlüge?

Ich bringe ein Nicken zustande, obwohl mich das schlechte Gewissen quält. Es ist ihre Entscheidung und nicht meine, aber ich habe keine Wahl. Die Frage ist nur, ob ich bereit bin, ihr das zu erzählen. Ich habe gesehen, wie fertig sie mit den Nerven ist. Diese Geschichte könnte das Fass zum Überlaufen bringen.

»Soll ich gehen?«

Ich schaue auf, sehe den fragenden Ausdruck auf seinem Gesicht. Ja, das sollte er, aber er war dabei, als das Paket kam. Der Detective wird mit ihm sprechen wollen.

»Nein, kann sein, dass er auch mit dir reden will«, lehne ich seinen Vorschlag ab und werfe einen Blick auf die Uhr. Meine Schicht in der Bar beginnt in einer Stunde. Ich denke nicht, dass die Unterhaltung mit dem Detective nur von so kurzer Dauer sein wird.

Kurzerhand nehme ich das Handy, das nun schwerer in meiner Hand liegt und wähle zum zweiten Mal an diesem Tag eine Nummer. Dabei massiere ich mir die Nasenwurzel und schließe die Augen, um die aufkommenden Kopfschmerzen in Zaum zu halten.

»Was ist los, Ryan?«, meldet sich Zac am anderen Ende der Leitung.

»Ich werde heute meine Schicht nicht machen können«, sage ich missmutig, spüre den Blick von Miles auf mir.

»Wir sind nicht davon ausgegangen, dass du kommst nach gestern.«

»Warum?«

»Weil deine kleine Julia ins Krankenhaus musste, Romeo? Sag ihr übrigens, dass es uns verdammt leid tut, dass sie ausgerechnet bei uns was in den Drink bekommen hat.«

Super, dann muss ich bei Gelegenheit auch noch Zac und den ganzen Anderen sagen, dass es nicht ihre Schuld ist und da werden garantiert fragen aufkommen. Daher sollte ich seine Aussage erstmal so hinnehmen.

»Ich richte es ihr aus«, murmle ich. »Tut mir wirklich…«

»Halt die Klappe und sieh zu, dass du etwas Schlaf bekommst.«

Wie gerne würde ich jetzt sofort dieser Aufforderung nachkommen. Ein Seufzer entgleitet mir, mischt sich mit dem Klingeln, das durch das verlassene Haus schallt. Gegenüber von mir erhebt sich Miles wortlos und geht in den Flur, um die Tür zu öffnen.

»Mache ich«, antworte ich Zac, der ein zufriedenes Schnauben hören lässt, dass sich mit wilden Fragen Scar und Kayla mischt, die in seiner Reichweite sitzen müssen. »Bis dann«, verabschiede ich mich und überlasse meinen Freund den Verrückten, die jetzt über ihn herfallen werden.

Schritte kommen langsam näher und bewegen mich dazu, aufzustehen. Ich hatte es noch nicht oft mit Polizisten zutun und der große Kerl, der jetzt in das Wohnzimmer tritt, verunsichert mich etwas. Sein scharfer Blick sucht jeden Winkel ab, als könnte hinter ihm jemand mit einem Messer lauern und Miles wirkt auch so, als würde es ihm Unbehagen bereiten.

Vielleicht weil keiner von uns sich sicher ist, dass Dean nichts von seinem Zeug in diesem Haus versteckt hat.

»Mr. Paxton«, brummt Detective Clark und hält mir seine große Pranke hin, die ich schüttle. »Ich hätte nicht damit gerechnet Sie so schnell wiederzusehen.«

»Es wäre mir auch lieber gewesen«, erwidere ich und lasse seine Hand los.

»Das glaube ich Ihnen.« So wie er mich ansieht, bin scheinbar nicht nur ich unglücklich über unser voreiliges Wiedersehen. »Wollen wir uns setzten und Sie zwei erzählen mir, was passiert ist? Und bevor wir damit anfangen: Haben Sie irgendjemand Bekanntes oder Unbekanntes kurz davor oder danach gesehen?«

Ich weiß, auf welche Antwort er hofft. Doch zu unser beider Verärgerung müssen Miles und ich mit dem Kopf schütteln.

»Schade. Ich hatte gehofft, dass sein Zorn ihn zu Fehlern verleitet«, knurrt der Detective und zieht sein Notizbuch hervor.

Ich ignoriere Miles fragenden Blick und beginne alles, was ich gesehen habe, zu schildern.



Ich erzähle Eve nichts, als ich sie am nächsten Morgen sehe. Zum einen sieht sie immer noch nicht besonders fit aus und zum anderen, kann ich an nichts anderes, als ihre Lippen denken, die trotz der Geschehnisse zu einem Lächeln verzogen sind.

Sie ist noch etwas wackelig auf den Beinen und blass im Gesicht. Trotzdem lacht sie mit Amy und nichts an ihr deutet darauf hin, dass sie verfolgt wird. Es scheint eher so, als hätte sie sich eine heftige Grippe eingefangen, deren Nachwirkungen sie noch immer spürt. Das führt dazu, dass ich noch beeindruckter bin und sie am liebsten sofort küssen würde. Ich zwinge mich auf meinem Platz Sitzen zu bleiben, den ich mittlerweile jeden Morgen besetzte und trinke in aller Ruhe einen Kaffee, während um mich herum das übliche Chaos herrscht.

Mit einem Schmunzeln auf den Lippen lausche ich den Diskussionen über Lippenstift, vernünftiges Frühstück und dem Nachbarn Mr. Jenkins, der sich mal wieder über Eve und Amy beschwert. Die beiden streiten ab, dass sie seine Rosen gepflückt und den neu angelegten Hecke zum Teil zertreten haben.

Amy und ihre Mutter verfallen dabei in die typische Auseinandersetzung bei der Elizabeth sich irgendwann mit einer wegwerfenden Handbewegung abwendet und Eve im Flur verschwindet, um sich die Schuhe anzuziehen.

Es wäre besser für mein durchdrehendes Herz, wenn ich ihr nicht folgen würde, aber ich kann nichts dagegen tun. Es wird bestimmt einer der wenigen Momente heute sein in den ich sie alleine für mich haben. Nach den K.O. Tropfen werden Zoe und Sophia sie überall hin begleiten und Miles wird mich im Augen behalten nach dem Gespräch mit Detective Clark.

»Setz dich hin«, sage ich, als ich sehe, wie Eve sich an das Geländer klammert und nach ihren Schuhen greifen will. Dabei scheint das letzte bisschen Blut aus ihrem Gesicht zu wandern und die Knie geben ein weiteres Stück nach.

Es dauert etwas, bis sie den Kopf gehoben hat, um mich anzusehen.

»Geht schon.« Ihre Stimme trieft vor Müdigkeit.

»Ich sagte: Hinsetzten«, wiederhole ich mit Nachdruck und komme etwas näher. Sie überlegt, ob sie widerstand leisten sollen. Ihre Augen funkeln so verdächtig wie eh und je, doch dann kapituliert sie und lässt sich auf die erste Treppenstufe fallen.

Ich nehme die schwarzen Boots, die für ein Kribbeln in meiner Leistengegend sorgen und gehe vor ihr in die Hocke.

»Ich bin nicht Cinderella, falls du darauf setzt«, vernehme ich Eve leise und provokant.

»Gut, ich bin nämlich auch kein Märchenprinz«, erwidere ich grinsend und stecke ihre kleinen Füße in die Schuhe. Dabei schaue ich nicht auf aus Angst, dass die Entfernung zu einfach und zu gering zwischen unseren Mündern ist. Ich kann ihr Shampoo riechen und sehe die verdammt hübschen Beine, die in einer engen Jeans stecken.

»Manchmal bin ich mir da nicht so sicher.«

Keine Ahnung, ob die Worte überhaupt für mich bestimmt waren, doch sie gelangen zu mir, krallen sich an meinem Herz fest und lassen es in tausend Teile zerspringen, die sich in Vögel verwandeln und durch meine Brust fliegen.

Ich halte inne und ziehe scharf Luft ein.

Nicht die Beherrschung verlieren!

»Ich bin eher der böse König«, versuche ich, so locker wie möglich zurückzugeben, als ich aufstehe und nach Eves Jacke greife, die an der Gaderobe hängt.

»Tut mir leid, aber die Rolle ist schon vergeben.« Warum klingt ihre Stimme nur so hübsch, wenn sie versucht, ein Lächeln zu verbergen?

Ich wage es, aufzusehen.

Das Funkeln ihrer schokoladenbraunen Augen gibt mir den Rest. Ich stürze eine Klippe hinab und weiß nicht, wie mein Körper es schafft, ihr in die Jacke zu helfen. Mein Hirn schreit, mein Herz bleibt stehen.

»Oder du bist die gute Fee«, sagt sie nachdenklich, kaut dabei auf ihrer Unterlippe.

Folter.

Herzstillstand.

Tot.

»Gute Fee oder Märchenprinz? Die Wahl lässt du mir?«, will ich wissen und stelle mich vor sie, um ihren Kragen zu richten. Es ist unnötig, aber ich brauche das jetzt, um die nächsten Stunden zu überleben. Der Gedanke, dass ich Eve nicht berühren oder anfassen kann und sollte, bringt mich schon um.

»Der Rest ist besetzt.«

»Wie sieht’s mit dem Knecht aus?«

»Nein.«

»Nein?«, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen und ernte ein Kichern, das durch Mark und Bein geht.

»Du musst dich entscheiden.«

Eine Strähne hängt ihr Mal wieder im Gesicht. Meine Hände entwickeln ein Eigenleben. Die eine Hand vergräbt sich aus Sicherheitsgründen in der Hosentasche, während die andere zu ihrer Wange gleitet und diese hübsche Locken aufwickelt, damit Eve an Ort und Stelle stehen bleibt.

»Der Prinz bekommt am Ende immer das Mädchen, oder?«, murmle ich und komme einen kleinen Schritt auf sie zu. Ihre Augen werden groß und dann sehe  ich, dass ihre Wangen ein wenig Farbe bekommen.

Ja, verdammt.

Endlich wird sie rot wegen mir und nicht, wegen irgendeinem anderen Affen.

»Meistens«, stottert sie leicht, hat die Lippen leicht geöffnet.

»Das macht die Entscheidung wirklich einfach, findest du nicht?«

Zu verlockend.

Es ist nur ein kleines Stück. Ein Zentimeter, dann…

Ein lautes Räuspern lässt mich zusammenzucken, wobei ich Eve fast die Strähne ausreiße. Die gibt einen Schmerzenslaut von sich und umklammert das Geländer hinter ihr. Meine Augen suchen nach dem Störenfried, der sich mit roten Haaren und wissendem Grinsen vor uns aufbaut.

»Störe ich?«, will Amy wissen und zeigt dabei ihre weißen geraden Zähne.

Kleines Biest.

»Nein, keinesfalls«, knurrt Eve und greift nach ihrem Rucksack, der an dem Geländer hängt.

»Hätte ja sein können«, tut der Teufel auf unschuldig und wirft mir einen abschätzigen Blick zu. Nervös fahre ich mir mit der Zunge über die Lippen, unterdrücke Beschimpfungen, die mir für sie einfallen und ziehe den Schlüssel aus meiner Tasche.

Eve reißt genervt die Haustür auf und stampft nach draußen. Ich folge ihr, genau wie Amy, die wie gewohnt auf der Rückbank platz nimmt. Gerade als ich den Motor starte, sehe ich in dem Rückspiegel, wie Amy ihre Kopfhörer auspackt.

»Übrigens: Das war wirklich kitschig. Märchenprinz oder gute Fee? Ein Wunder, dass ich nicht in den Flur gekotzt habe.«

Erdboden tu dich auf.

Ich werde früher oder später vielleicht doch noch über Amy schreiben. Diese Rotzbacke hat’s mir echt angetan 😀 Und jetzt dürft ihr alle die Luft anhalten: Ich habe heute die letzten Zeilen geschrieben und war danach kurz vorm Heulen. Also nicht, weil’s so schlimm war, sondern weil ich die Beiden jetzt schon vermisse :‘( Aber naja. Ich denke, dass ich euch dann in den nächsten Kapiteln mitteilen kann, wann ich die Lesenacht mache <3 Bis dahin übersteht das Wochenende ohne Knochenbrüche bei den eisigen Temperaturen!

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