46. Evelyn

Ich. Bringe. Amy. Um.

Mal abgesehen davon, dass ich mit knallrotem Kopf jetzt neben Ryan sitze, hat diese Ziege sich da rauszuhalten. Da bin ich schon ihre verflixte gute Fee und bin für sie da, wenn sie sich in den Schlaf weint, wegen so einem dämlichen Studenten und was macht sie?

Mir mit voller Wucht auf die Krawatte treten.

»Wenn du dabei bist Mordpläne zu schmieden, könnte ich mir eine Beteiligung durchaus vorstellen«, vernehme ich Ryans raue Stimme leise von der Seite. Er hält den Kopf nach vrone gerichtet, doch mit den Augen linst er zur Seite. Ich wünschte, er würde wenigstens aus dieser Perspektive nicht so fantastisch aussehen. Doch das geradem kantige Profil und seine Haare von denen einzelne Strähnen abstehen, kommen genau wie sein Lächeln, viel zu gut zur Geltung.

So gut, dass ich mich über die Mittelkonsole schmeißen möchte, um meine Nase gegen seine breiten, sehnigen Schultern zu pressen.

»Bist du sicher, dass du mein Komplize werden möchtest?«, frage ich leise und kann nichts gegen das Zucken meiner Mundwinkel tun.

»Es wäre doch mal eine nette Abwechslung, wenn wir zusammen den Mist fabrizieren. Eigentlich kann das bei so Pofis wie uns nur gut gehen.«

»Oder es geht komplett nach hinten los«, halte ich dagegen und setzte mich auf meine Hände, um sie vor Dummheiten zu bewahren.

»Wenn ich die gute Fee bin, wird das nicht passieren.«

»Gute Fee? Ich hatte gedacht, dass…« Die Worte bleiben mir im Hals stecken, mischen sich mit dem Gefühl unter Wasser getaucht zu werden. Ich schlucke schwer, balle die Hände unter meinen Oberschenkeln zu Fäusten.

Wenn er die gute Fee sein will, heißt das, dass er nicht der Märchenprinz ist.

»Jones, wer sagt denn, dass die gute Fee nicht auch der Märchenprinz sein kann?«

Stimmt, wer sagt das schon?

Ich beiße mich auf die Lippe, um das Glücksgefühl nicht die Kontrolle gewinnen zu lassen. Tausend kleine Sternschnuppen zischen durch meinen Kopf und wollen mich dazu bewegen nach seiner Hand zu greifen, die entspannt auf dem Lenkrad sitzt.

»Okay, ich muss das jetzt fragen«, meldet sich Amy heute zum zweiten Mal stöhnend aus der hintersten Ecke des Wagens. »Seid ihr zusammen? Oder ist das ein perverses Spiel, das ich nicht verstehe mit diesem Fee und Prinz Gerede?«

»Amy!«, entkommt es mir empört. Ich wende mich der Nervensäge zu, die die Kopfhörer in den Händen hält und nachdenklich zwischen uns hin und her sieht. Im Gegensatz zu mir scheint Ryan das Ganze köstlich zu amüsieren, denn ich kann im Augenwinkel sehen, wie seine Schultern beben.

»Willst du mir jetzt den Mund verbieten?«

»Nein, ich denke nur darüber nach, ob ich ihn morgen Nacht nicht einfach zunähe«, knurre ich, woraufhin sich ihre Augen schockiert etwas weiten.

»Das würdest du nicht tun!«, piept Amy nun nicht mehr so selbstsicher und vergräbt sich etwas in dem Sitz.

»Willst du es drauf anlegen?«, fordere ich meine kleine Schwester heraus, die die Lippen zusammenpresst und nachdenklich die Stirn in Falten legt.

»Das würde ich mir gut überlegen, Amy!«, lacht Ryan plötzlich schallend los, sodass Amy und ich zusammenzucken und uns blinzelnd dem Fahrer zuwenden, der amüsiert den Kopf schüttelt. »Eve hat sich damals vor fast vierzig Fremden ausgezogen, um mir eins auszuwischen.«

»Ryan!« Mit der Faust schlage ich ihm gegen die Schulter und bedeute ihm mit einem Blick zu schweigen.

»Was hat sie getan?« Interessiert beugt Amy sich nach vorne, doch Ryan hebt abwehrend die Hände und tut so, als würde er seine Lippen abschließen und den Schlüssel anschließend wegwerfen.

»Wir sind da«, übergehe ich ihre Frage und deute auf das Schulgebäude, dass sich auf der anderen Straßenseite befindet.

»Darüber ist noch nicht das letzte Wort gefallen«, brummt Amy und schnallt sich ab.

»Verschwinde jetzt!«

Meine kleine Schwester streckt mir die Zunge raus, ehe sie die Tür hinter sich zuwirft. Mit einem Schnauben drehe ich mich nach vorne und versetzte Ryan noch einen Schlag mit der Faust. Anständigerweise zuckt er zusammen und tut so, als würde ihm meine kleine Berührung wirklich wehtun.

»Was sollte das?«, will ich wissen, woraufhin er schmunzelnd weiterfährt.

»Ich wollte sie nur abschrecken.«

»Du hast dafür gesorgt, dass ich eine menge Fragen beantworten muss«, brumme ich genervt.

»Dann hast du wenigstens einen Grund nicht das Haus zu verlassen.«

»Bitte fang nicht wie meine Mum an.« Die Worte kommen nicht so raus, wie ich es geplant hatte. Statt Belustigung triefen sie vor Verzweiflung und Wut. Ich bin überrascht, dass sie so klingen, und schließe die Augen, als er mir einen zweifelnden Blick von der Seite zuwirft.

»Wollte sie dich Zuhause behalten?«, kommt Ryan jeder Entschuldigung zuvor, die ich aussprechen könnte.

»Am liebsten würde sie mich ans Bett fesseln und den ganzen Tag mit einer Pfanne vor meiner Zimmertür patrollieren.«

»Meinst du sie würde mich mitmachen lassen?«, schlägt Ryan vor, doch diesmal überwiegt die Ernsthaftigkeit in seiner Stimme. Daher schließe ich den Mund und schlucke jede zynische oder böse Antwort herunter. »Du musst sie verstehen, Eve. Sie macht sich einfach Sorgen.«

»Ich weiß«, murmle ich betreten. »Aber ich will mein Leben nicht von einem Kerl kontrollieren lassen, den ich nicht mal kenne. Ich habe mich damals schon bei Mum gewehrt und ich werde nicht damit aufhören. Mein Leben, meine Regeln.«

»Problematisch wird’s nur, wenn das Leben vorbei ist.«

»Das wird nicht passieren.«

»Die Dosis hätte tödlich sein können. Keiner weiß, ob der Kerl dich umbringen wollte.«

»Wenn er es wollte, ist es ihm offensichtlich nicht gelungen.«

»Jones«, kommt es bedrohlich leise von Ryan, als er den Wagen parkt. »Nimm nicht alles auf die leichte Schulter.«

»Keine Angst, das tue ich nicht«, zische ich und beeile mich auszusteigen, weil ich ein viel zu vertrautes Brennen in den Augen spüre. Ich presse die Tasche gegen meine Hüfte und recke das Kinn empor. Diesmal warte ich nicht darauf, dass Ryan aussteigt.

Ich muss einen klaren Kopf bekommen, ehe ich völlig wahnsinnig werde.

Der Teer, der sich in meinem Magen sammelt, steigt widerlich langsam meine Kehle empor, brennt sich in die Speiseröhre.

»Evelyn Jones!« Seine warme Hand legt sich um meinen Oberarm. Ich habe das nicht kommen sehen, also kann ich nichts dagegen tun, als er mich herumwirbelt und ich ihm plötzlich gegenüberstehe. Seine Augen sind ein Inferno aus den unterschiedlichsten Gefühlen und ich werde augenblicklich in ihren Bann gezogen. »Du wirst mich nicht einfach stehen lassen. Das hast du früher vielleicht hinbekommen, aber ich habe dazugelernt.«

Sein Griff ist so sanft, dass er schmerzt. Warum kann er nicht einen Fehler machen? Einen, der mich dazu bringt auf Abstand zu gehen, der jedes bisherige Gefühl untergräbt? Ich will heulen, schreien und ihn schlagen, doch ich bin erstarrt.

»Muss ich dich küssen, damit du mit mir redest? Hier? Mit der Option, dass ich dann nicht in der Lage bin aufzuhören?«

»Nein!«, schreie ich beinah panisch und weiche einen Schritt zurück.

»War ich so schlecht?« Ein bitteres Lächeln tritt auf sein Gesicht, mischt sich mit Unbehagen.

Zu gern würde ich ihm sagen, dass es der Kuss fantastisch war und ich ihn wiederholen würde. Doch ich weiß, was mir die SMS sagen sollte, die ich erhalten habe. Ich bin dabei Ryan in Gefahr zu bringen, die er nicht verdient hat.

»Ich weiß nicht, was passiert, wenn er das mit uns mitbekommt. Was ist, wenn du in die Schusslinie gerätst? Ich habe keinen blassen Schimmer, zu welchen Mitteln der Kerl dann greift«, erkläre ich zittrig, spüre ein vertrautes Beben der Hände und das Gefühl beobachtet zu werden. Ich schaffe es nicht, in seine Augen zu sehen, kann mich nur noch auf das Atmen konzentrieren, was mir schwerer fällt, wenn ich daran denke, dass ich Panikattacken in Zukunft ohne Ryan überstehen muss.

Nicht, dass ich das nicht schaffen würde, aber es ist so viel leichter mit ihm.

Egoist, zwischtert eine leise Stimme an mein Ohr und ich presse die Zähne zusammen.

»Keiner weiß das«, murmelt Ryan, fährt mir langsam mit der Hand über den Oberarm.

»Sicher? Wie erklärst du dir dann das Paket?« Miles taucht aus dem Nichts auf und steht zusammen mit Zoe neben uns. Keiner von uns unternimmt einen Versuch, sich möglichst schnell zurückzuziehen. Dafür sehen Zoe und Miles viel zu ernst aus.

Haben Ryan und ich damals ähnlich dreingeschaut, als wir Zoe und Miles im Café ertappt haben?

»Verschwindet«, knurrt Ryan bedrohlich, was dazu führt, dass der Quarterback die Arme vor der Brust verschränkt.

»Weil du Jones noch nichts von dem blutigen Geschenk erzählt hast?«

»Blutiges Geschenk?«, wiederhole ich verwirrt.

»Ich habe…«

»Es ist mir egal, was wir besprochen haben. Bewegt eure Ärsche. Wir müssen ganz dringend reden«, brummt Miles ohne die Augen abzuwenden.

»Cooper…«, startet Ryan einen neuen Versuch, doch ich sehe selbst in Zoes Augen, dass wir diesmal keine Chance haben.

»Spar’s dir Paxton und jetzt kommt. Das Büro vom Coach ist frei.«

Sie lassen uns keine Wahl. Ryan ist angespannt, als er seine Hände von mir nimmt und ich stecke meine bebenden Finger eilig in meine Jackentasche. Das, was jetzt kommt, kann unter keinen Umständen gut sein. Ich sollte möglichst die Fassung behalten, wenn ich mich gleich einer Diskussion mit Zoe stellen muss. Im Gegensatz zu Sophia hat sie nämlich das Talent den Sachen so lange auf den Grund zu gehen, bis sie eine Antwort hat, die sie zufriedenstellt.

Wir laufen mit schnellen Schritten über das Gelände, wobei es mir wie ein Gefangentransport vorkommt, der von Zoe und Miles eskortiert wird. Neugierige Blicke folgen uns, die sich in meine Haut graben und dort mit dem Gedanken festsetzen, dass einer von Ihnen ihm gehören könnte.

Ich glaube, ich halte die Luft an, bis wir das Büro betreten und Miles die Tür hinter sich zuknallt.

»Was für ein blutiges Geschenk?!«, platzt es als erstes aus mir heraus, wobei ich die zwei ungebetenen Gäste ignoriere, die sich neben uns befinden. Ryan beißt sich auf die Lippe, weicht meinen Augen aus und fährt sich nervös mit der Hand durchs Haar.

»Er hat gestern Nachmittag einen Schweinekopf erhalten. In einem Karton ohne Absender«, kommt Miles ihm zuvor.

Nein.

Nein.

Nein.

Mein Mund klappt auf, der Herzschlag setzt aus. Ich taumle nach hinten, versuche, die Atmung unter Kontrolle zu bekommen.

»Und deine Mum hat mir gesagt, dass du eine Dosis an K.O Tropfen bekommen hast, die beinah tödlich ist. Was zum Teufel ist bei euch los!?« Zoes Stimme verschwimmt, während ich gegen den Schreibtisch taumle und mich mit einer Hand an dem Holz festhalte. Der Boden dreht sich und ich fasse mir an die Stirn, spüre den kalten Schweiß, der sich dort aus dem Nichts sammelt.

»Brillant gemacht, ihr Idioten!«, zischt Ryan und steht plötzlich neben mir. Seine Stimme dringt klarer und fester zu mir durch, mischt sich mit dem leicht panischen Getuschel, der anderen.

»Eve, du musst atmen.« Seine Hände gleiten zu meiner Hüfte und bewahren mich vor weiteren Schritten, die ich nicht kontrollieren kann.

»Du hast mir nichts gesagt«, kommt es mir atemlos über die Lippen, während ich aufsehe und seine Augen mir wie durch ein Kaleidoskop erscheinen. »Was stand in der Nachricht?«

»Evelyn…«

»Warum hast du es nicht gesagt?«, keuche ich, klammere mich an seinem Handgelenk fest.

»Weil ich genau das hier vermeiden wollte«, erwidert er bestimmend und umfasst mein Kinn mit seiner Hand. »Und jetzt atmest du gefälligst.« Es ist ein Befehl. Einer, dem ich nur zu gern folge leiste.

Ich atme ein.

Ich atme aus.

Ich halte mich fest.

Ich atme wieder ein.

»Weiter so, das ist gut«, murmelt er und streicht mir mit einem sanften Lächeln über die Wange. Augenblicklich fängt meine Haut Feuer, doch die Atemnot, die sich daraus ergibt, ist alles andere als schwierig.

»Geht wieder«, gebe ich von mir, als ich das Abklingen spüre. Wieder eine Panikattacke abgewendet. Ryan zieht eine Flasche aus seiner Tasche, schraubt sie auf und hält sie mir auffordernd hin.

»Trink ein Schluck. In der Zeit bringe ich Timon und Pumba da hinten um.« Er grinst diabolisch, steckt mich damit sofort an. Mit unruhigen Händen greife ich nach dem Wasser und nippe an der Flasche. Das kalte Nass gleitet meine Kehle entlang und ich versuche, einen klaren Kopf zu bekommen, was unter dem wachsamen Blick von Ryan Paxton nicht wirklich möglich ist.

Wie soll ich mich denn nicht in einen Kerl verlieben, der mich zum Lachen bringt, obwohl mir zum Heulen zumute ist?

Ich hole tief Luft, als Ryan sich zur Seite dreht und Zoe und Miles in mein Blickfeld geraten. Zoe ist blass und starrt mich mit offenem Mund an, während Miles aussieht, als würde er gleich durchdrehen. Mit den Beiden ist die nächsten Minuten wohl nichts anzufangen.

»Von was für einem Schweinekopf hat Miles eben geredet?«, bohre ich erneut nach und lausche dabei meinem Krächzen. Ryan massiert sich den Nacken und stößt hart Luft aus.

»Ich habe erst eine SMS bekommen. Muss so gegen fünf gewesen sein«, erklärt er und zieht sein Handy aus der Hosentasche, das er eilig entsperrt. »Ich habe mir ehrlich gesagt nichts gedacht bei der Nachricht. Klar hatte ich einen Verdacht, aber naja. Es war nur eine Nachricht.« Er hält mir den Display hin und mir gefriert das Blut in den Adern.

Finger weg. Sonst Kopf ab.

»Leider hat’s dann keine fünf Minuten später an der Tür geklingelt und es war niemand da, außer ein Paket in dem sich ein stinkender, blutiger Schweinekopf befand. Danach habe ich direkt Detective Clark angerufen. Erst wollte ich das wegschmeißen, aber es hätten Fingerabdrücke oder sowas drauf sein können. Also hat Miles das Gespräch zum Teil mitbekommen.«

Ein trauriges, entschuldigendes Lächeln liegt auf seinen Lippen.

»Woher hattest du Detective Clarks Nummer?«, will ich wissen und verscheuche das schlechte Gewissen, das mir die Luft abzuschnüren droht.

»Er hat mir seine Karte zugesteckt.«

Natürlich hat er das. Es wäre nicht Detective Clark, wenn er ihn einfach so hätte davonkommen lassen. Erschöpft schließe ich die Augen, versuche, dieses Durcheinander in eine Reihenfolge zu bringen und einen Sinn zu erkennen.

»Und was hat er gesagt?«, sage ich mit brüchiger Stimme. Ich kann das Brennen spüren, das sich meine Kehle heraufarbeitet, aber ich will jetzt nicht weinen. Weder vor Ryan, noch vor Zoe und schon gar nicht vor Miles.

»Er hat ihn mitgenommen. Die SMS und die Nummer habe ich ihm weitergeleitet, aber er hat sich keine großen Hoffnung gemacht, dass das etwas bringen wird.«

»Mal wieder nicht zurückzuverfolgen«, ergänze ich leise.

»Warum muss eine Nummer zurückverfolgt werden, Eve?« Ich bin überrascht, als Zoes Stimme sich erhebt und sie sich aus dem Schweigen befreit. Die Angst ist ihr jedoch anzusehen und ich frage mich unweigerlich, ob ich ähnlich aussehe, wenn ich eine weitere Nachricht erhalte. Oder sogar schlimmer? »Ich bin eine deiner besten Freundinnen. Sag mir bitte, was los ist«, drängt sie flehend.

Wieder einer dieser Abzweigungen, an denen ich entscheiden muss, welchen Weg ich einschlagen will und wieder brauche ich mich nicht umzusehen, um zu wissen, was richtig ist. Wenn sich dieses richtig bloß nicht immer auch so schwer anfühlen würde.

Ich presse die Lippen zusammen, starre auf die Schuhspitzen meiner Boots, die Ryan mir heute Morgen angezogen hat. Ein Ziehen schießt bei der Erinnerung durch meinen Magen, als würde jemand darin mit Gummibändern um sich schießen.

Das heute Morgen hätte fast dafür gesorgt, dass ich umkippe.

Ich werde Zoe und Miles einweihen müssen, um Ryan auf Abstand zu halten. Nicht weil ich es will, sondern weil ich es muss. Der Typ hat ihm einen Schweinekopf geschickt.

Einen. Verdammten. Kopf.

Ich könnte es nie ertragen, wenn ihm etwas passieren würde. Mal ganz davon abgesehen, dass mein Gewissen vor Qualen schreit bei diesem Gedanken. Leider hält mein Herz mit aller Macht dagegen und will ihn nicht gehen lassen.

Doch diesmal muss ich das Herz hinten anstellen und er sollte es wissen.

»Weißt du noch, als du mich damals wegen den Streichen gefragt hast?«, wende ich mich an Zoe, ohne den Kopf zu heben. »Ich habe mich an deine blöden Nachrichten geklammert und alles dafür gegeben. Deine Aufgaben waren für mich eine Art Augenblick in das normale Leben, weil ich das Zimmer nicht mehr ohne Panik verlassen konnte.« Ich schlucke, drücke die Bombe, die in meiner Brust tickt zur Seite. »Irgendein Typ verfolgt mich seit über einem Jahr. Es hat ganz harmlos angefangen und ich bin damals zurückgekommen, weil ich dachte, dann wäre ich ihn los, aber…« Das Aber lässt meine Speiseröhre anschwellen und zwingt mich zu einem Räuspern. »Aber leider ging der Schuss mehr als nach hinten los und leider, habe ich auch weiterhin keine Ahnung, wer es ist.«

Stille.

Mehr folgt nicht auf mein Geständnis.

Ich drücke die Hacken meiner Boots auf den Boden des Büros und presse den Kiefer zusammen.

Schau ihnen in die Augen!, mahnt mich mein eigener Schweinehund.

Also beiße ich mir auf die Lippe, blinzle jede verdächtige Feuchtigkeit weg und recke das Kinn nach oben, so wie Gran es mir beigebracht hat.

»Du kennst ihn nicht«, ringt Miles sich als erster die Worte ab, die eher wie eine Frage klingen. Seine stechenden Augen wandern zwischen Ryan und mir hin und her, der mit verschränkten Armen neben mir steht und mir Sicherheit gibt. »Heiliger Mist«, murrt der Quarterback. »Jetzt verstehe ich auch, warum du ihr nicht von der Seite weichst.«

»Bis auf den Moment in der Bar für den ich mich am liebsten geohrfeigt hätte.« Verärgert verziehen sich die Gesichtsmuskeln von Ryan.

»Es war nicht deine Schuld und du kannst nicht dauernd um mich herumlaufen. Es ist so schon auffällig genug«, seufze ich und vergrabe die Hände in den Hosentaschen, um nicht nach seiner Hand zu greifen, die in verführerischer Reichweite ist.

»Dann hat dir ein Stalker was in den Drink gemischt?!«, quiekt Zoe aus dem Nichts und starrt mich mit aufgerissenen Augen an.

»Theoretisch hätte es auch wer anders sein können, aber die Nachrichten waren eindeutig, womit wir zu dem nächsten Punkt kommen«, wende ich mich an die Beiden mir gegenüber, deren Köpfe am Rauchen sind. »Ihr saßt an dem Abend neben mir und ich habe keine verdammte Erinnerung mehr. Ist irgendeinem von euch etwas aufgefallen?«

Ich bete.

Ich hoffe.

Doch als nach mehreren Sekunden kein Erkenntnis-Schrei kommt, weiß ich, dass er wieder unerkannt davongekommen ist.

»Gut, dann werde ich Detective Clark sagen, dass er euch nicht befragen brauch«, bringe ich hervor, wobei meine Worte vor Enttäuschung triefen.

»Tut mir…«

»Braucht dir nicht leid tun«, gehe ich dazwischen, ehe Zoe aussprechen kann und mich ein Heulkrampf überfällt. »Ihr wusstet davon immerhin nichts. Wie auch? Ich habe ja nichts gesagt.« Bitterkeit legt sich wie ein Flaum auf meine Zunge, lähmt sie und wandert in mein Blut.

»Woher wusstest du das?« Zoe schaut zu Ryan, der lässig an dem Tisch lehnt und nickt in meine Richtung.

»Ich wusste es nicht«, seufzt er und dreht sich zu mir. »An dem Abend an dem Eve aus der Bar gestürmt ist, weil ihr angeblich schlecht war, hatte sie eine Panikattacke, die ich mitbekommen habe.«

»Was nicht geplant war«, füge ich eilig hinzu. »Eigentlich wollte ich nur möglichst schnell nach Hause, weil ich da die erste Nachrichten von ihm nach langer Zeit erhalten habe.«

»Panikattacken?«, wiederholt Zoe schockiert und krallt sich an Miles Bizeps fest.

»Sie werden besser«, versuche ich, meine Freundin zu beruhigen, die jeden Moment in Tränen auszubrechen droht.

»Ja, das haben wir gemerkt«, kommt es mit zuckenden Mundwinkeln von Miles, dessen Augen auf Ryan gerichtet sind.

Ich weiß, was ich jetzt tun muss und es zerreißt mich schon jetzt. Doch ich habe keine Wahl, weil er mir keine lässt.

»Ryan, du musst dich von mir fernhalten«, kommt es mir viel sicherer und fester über die Lippen, als ich erwartet habe.

»Kommt überhaupt nicht in Frage!« Ryan wirbelt herum, funkelt mich böse an, als wäre ich völlig übergeschnappt.

»Das war keine Frage«, zische ich.

»Ich werde dich nicht eine verdammte Sekunde aus den Augen lassen, wenn der Kerl kurz davor ist völlig auszurasten. Das ist Selbstmord, Jones«, fährt er mich an und mahlt mit dem Kiefer.

»Und es ist genau so Selbstmord, wenn du dauernd in meiner Nähe bist. Denkst du echt, ich will eines Tages deinen Kopf in einem Karton bekommen, weil du nicht hören wolltest?!«

»Schlag es dir aus dem Kopf.«

»Du solltest dich mit dem Gedanken abfinden.«

»Ich bin in der Lage auf mich aufzupassen«, knurrt Ryan und macht einen Schritt auf mich zu.

»Das habe ich auch immer gedacht und schau, was passiert ist.«

»Du bist eine Frau«, hält er dagegen, was das Blut in meinen Adern zum Kochen bringt.

»Was hat das damit zutun?!« Ryan beißt sich auf die Wange, gibt ein Grunzen von sich.

»Wenn der Kerl groß und schwer ist, hast du keine Chance gegen ihn. Ich hingegen schon.«

»Was ist, wenn er dir eine Knarre an den Kopf hält? Stehen deine Chancen dann immernoch so gut?«, fauche ich und ermahne mich ihn nicht an den Schultern zu packen und zu schütteln, bis er zur Vernunft kommt. Warum versteht er nicht, dass ich nur nicht will, dass ihm etwas passiert?!

»Jones«, knurrt Ryan bedrohlich leise und sein heißer Atem streift über meine zusammengekniffenen Lippen.

Ich will nicht mit ihm streiten.

Am liebsten würde ich andere Dinge tun, aber das geht einfach nicht. Aus mehreren Gründen.

»Hey, ihr Streithähne«, geht Miles dazwischen und drückt uns auseinander, sodass wir beide zwei Schritte zurücktreten. Augenblicklich verschwindet die Wut und zugleich, das angenehme Prickeln. »Was ist denn, wenn Zoe und ich auf Eve ein Auge haben und du auf Abstand gehst, Ryan? Wir können uns absprechen, dass sie immer wer zu den Kursen begleitet. Damit gerätst du aus der Schusslinie«, schlägt Miles vor.

»Damit geratet ihr dort selber hinein, Miles«, will ich sein Vorhaben vereiteln. »Ich bin erwachsen, ich werde es schaffen alleine zur Uni zu fahren und zu den Vorlesungen zu gehen.«

Dass ich dabei schon jetzt ein mulmiges Gefühl habe, behalte ich besser für mich.

»In deinen Träumen vielleicht«, mischt Zoe sich ein und Tritt neben Miles. »Ich bin eine Frau. Der Typ wird sich höchstens in mich verlieben, aber Schweineköpfe werden mir wahrscheinlich erspart bleiben. Daher werde ich dich morgens abholen und überall hin begleiten. Wenn die Beiden oder einer von ihnen zufällig mit uns zusammenstößt oder wir in die gleiche Richtung gehen müssen, wird das wohl keine Aufmerksamkeit erregen«, erklärt sie und sieht zögernd zu Ryan. »Hauptsache wir bekommen dich aus dem Visier des Kranken, Paxton.«

»So schlimm ist das nicht!«, protestiert er ein weiteres Mal.

»So wie es aussieht, steht es zwei zu eins. Also findet euch damit ab.« Miles zuckt mit den Schultern, hält dem glühenden Blick seines Mitspielers stand.

»Habe ich keine Stimme?!«, murre ich.

»Nein«, antworten mir alle drei synchron.


Ich wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen würde. Vielleicht in Monaten oder Wochen, doch nie hätte ich heute damit gerechnet. Es fühlt sich seltsam an, als Ryan den Motor abstellt und sein Seufzen durch den Wagen schallt. Normalerweise steige ich sofort aus, doch heute klammere ich mich an den Gurt und starre zu dem Haus, hinter dessen Tür Gran bestimmt schon auf mich mit einem Hackbraten wartet.

»Tja, das war dann wohl vorerst das letzte Mal, dass ich dich hier absetzte.«

Ich wünschte, die Worte würden nicht so brutal meine Haut aufschlitzen.

»Ich hätte niemals gedacht, dass ich das sagen würde, aber: Ich werd’s vermissen«, gestehe ich kleinlaut, und versuche ein Lächeln zustande zu bringen, das nicht danach aussieht, als würde ich losheulen. Ryan grinst, doch es erreicht nicht seine Augen. Mit den Händen umklammert er das Lenkrad vor sich, bis seine Knöchel weiß anlaufen.

Ich will nicht aus diesem Wagen aussteigen. Diese Minuten hier drin waren jeden verdammten Tag Balsam für meine Seele.

»Schreibst du mir?« Ryan presst die Lippen zusammen, fährt mit den Fingern das Leder des Lenkrades ab. »Ich werde nämlich durchdrehen, wenn du mich ab jetzt völlig ignorierst.«

Millionen Blubberblasen schießen meinen Rücken empor bei der Ernsthaftigkeit mit der er das sagt. Zittrig atme ich ein und kralle mich weiterhin an dem Gurt fest.

Das hier sollte sich nicht so entgültig anfühlen.

Ich darf ihn jetzt nicht küssen.

Egal, wie sehr ich mir das wünsche.

»Wie soll ich dich Großmaul denn ignorieren?«, versuche ich die Stimmung wieder zu heben, doch die Traurigkeit liegt über uns wie ein Schatten.

»Du schreibst mir jede Stunde, okay?«

»Jede Stunde?« Meine Augenbrauen wandern ein kleines Stück nach oben, während meine Fingernägel sich in den festen Stoff graben. Ob ich den Gurt doch noch durchreiße?

»Ich will nur wissen, dass es dir gut geht«, sagt er ohne zu zögern und lässt mit einem weiteren Stöhnen den Kopf gegen das Lenkrad sinken. »Gott, und ich würde dich viel zu gerne küssen, aber…«

Er spricht es nicht aus, weil wir beide das Ende des Satzes kennen.

»Ich hätte da auch nichts gegen einzuwenden«, presse ich hervor, was ihm ein bitteres Lachen entlockt.

»Jones, das macht es wirklich nicht einfach meine Hände bei mir zu behalten.«

Ob seine Hände in den nächsten Minuten absterben, wenn er den Griff nicht lockert.

»Ich sollte aussteigen«, brumme ich und löse den Gurt gegen meinen Willen. Von mir aus wäre ich mit ihm gerade ans andere Ende der Welt gefahren. Hauptsache ich könnte neben ihm sitzen bleiben.

»Solltest du«, stimmt er leise zu, ohne mich anzusehen. Darüber bin ich froh. Würde er mich ansehen, würde ich keine Sekunde widerstehen können.

»Dann bis bald«, sage ich und stelle mich auf meine wackeligen Knie. Dann greife ich nach der Tasche auf dem Rücksitz und umklammere noch einen Moment diese verflixt vertraute Tür.

»Jones?«, lässt er mich in der Bewegung innehalten. Ich nutze den Moment, um sein Profil ein letztes Mal für die nächste Zeit zu betrachten. Die gerade Nase, das markante Kinn und diese verdammt hübschen, schmalen Lippen, die mich umbringen, sobald sie auf meine Haut treffen. »Jede Stunde.«

»Jede Stunde«, stimme ich leise zu, während mein Herz bricht.

Weiter zu Kapitel 47. Evelyn

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