48. Evelyn

Nein.

Ich schnappe nach Luft, klammere mich an das Handy, während mein Herzschlag erstribt, ehe es beginnt zu schlagen, als wolle es mir aus der Brust springen. Mein Körper zittert, die Luft bleibt mir weg und ich weiß, dass eine Panikattacke über mich kommen wird.

Doch nicht jetzt.

Keuchend wähle ich die Kontakte aus und irgendwie finden meine bebenden Finger seinen Namen. Ich springe aus dem Bett, wobei sich meine Beine in der Bettdecke verheddern und ich nach vorne falle. Ich fange mich mit einem Arm ab, ignoriere den stechenden Schmerz, der durch mein Handgelenk schießt und presse das Handy gegen mein Ohr, als würde es um mein Leben gehen. Der gleichmäßige Piepton am anderen Ende dröhnt in meinen Ohren, als ich die Zimmertür aufschließe und die Treppe herunter sprinte. Meine Welt dreht sich, ich habe das Gefühl zu kollabieren, aber ich wehre mich mit aller Macht gegen das Gefühl.

Dann geht die Mailbox dran.

Ich erstarre am Ende der Treppe.

Mailbox.

Mailbox heißt er ist nicht da.

Er kann nicht ans Handy gehen.

Heißt das…?

Nein, das darf es nicht heißen!

Ich weiß, dass er heute Abend alleine ist. Miles ist mit Alex und ein paar anderen unterwegs.

Ich ignoriere den Schwindel, der über mich herfällt, den Boden, der sich bewegt, als wäre es ein Erdbeben und schlüpfe in meine Schuhe. Mum wurde abgeholt, Gran ist mit einer Freundin los und Amy mit dem Fahrrad unterwegs. Die Schlüssel müssen hier sein. Auf der Ablage.

Ich lasse meine Jacke hängen und halte mich an dem Geländer fest, während ich nach dem Autoschlüssel greife und dabei die Vase zu Boden fällt. Ein lautes Klirren schallt durch das verlassene Haus und ich taumle nach draußen.

Mein Kopf rotiert und irgendetwas sollte ich noch tun, doch mir will beim besten Willen nicht einfallen was.

Der einzige klare Gedanke ist, dass ich sofort zu Ryan muss, um zu sehen, ob es ihm gut geht.

Oh Himmel, bitte lass ihm nichts passiert sein!

Ich fühle mich, als wäre ich betrunken, als ich zu dem Auto laufe, das in der Einfahrt steht. Um mich herum nehme ich nichts wahr. In Zeitlupe steige ich ein und erst nach dem fünften Versuch, stecke ich den Schlüssel in die Zündung. Ein immer größer werdendes Gewicht legt sich auf meine Brust und das atmen fällt schwerer.

Die Panikattacke kommt immer näher.

Dennoch trete ich auf das Gas versuche an Ryan zu denken und seine Worte.

Atmen, Eve!

Bitte atme du noch!

Tränen sammeln sich in meinen Augen, lassen meine Sicht noch schlechter werden, als ich eine Kurve nehme und an einer roten Ampel halten muss. Ich schnappe nach Luft, starre auf das Handy neben mir, als mir klar wird, das ich tun muss.

Ich lehne mich über die Mittelkonsole und wähle den nächsten Kontakt. Es fällt mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Schwarze Punkte flackern vor meine Augen, als ich Detective Clarks Nummer wähle und das Freizeichen ertönt. Vor mir springt die Ampel auf Grün und mit dem Smartphone in der Hand fahre ich weiter. Um mich herum ist ein einziges Lichtermeer mit schwarzen Silhouetten von Häusern und Menschen.

»Detective Clark«, meldet sich die vertraute Stimme und Hoffnung überschwappt meine Seele.

»Ryan. Sie müssen…!«

»Mrs. Jones? Sind Sie das?«, unterbricht er mich überrascht.

»Ja, sie müssen…«

Weiter komme ich nicht. Da ist die Leitung tot oder besser gesagt: Der Akku meines Handys.

»Nein, nein, nein«, wiederhole ich panisch, schnappe nach Luft und starre beim Fahren eine Sekunde auf den schwarzen Display. Ein Hupen bewegt mich zum aufschauen. Ich lasse das Smartphone fallen und reiße das Lenkrad herum, um dem entgegenkommenden Auto auszuweichen auf dessen Spur ich geraten bin.

Bitte lass ihn sofort zu Ryan fahren. Bitte!

Ich presse die Zähne zusammen, unterdrücke den Schrei, als ich in die vertraute Straße einbiege und mit quietschenden Reifen vor dem Haus stehen bleibe. Ich ziehe den Schlüssel ab, der dabei beinah zusammenbricht und sprinte zur Haustür. Auf dem Weg dorthin stolpere ich zweimal und schürfe mir die Handflächen auf. Doch das Brennen, das eine solche Verletzung normalerweise mit sich bringt, bleibt aus. Stattdessen kriege ich immer mehr Atemnot und grausame Bilder drängen sich vor mein Gesicht.

Ryan mit aufgeschlitzter Kehle.

Seine leblosen Augen.

Sein Körper in einer Blutlache.

»Ryan!«, schreie ich und drücke die Klingel nur um gleich darauf mit der Faust an die Tür zu schlagen. Verzweifelt lehne ich mich dagegen und immer mehr Tränen rennen über meine Wangen, hinterlassen heiße Spuren. »Mach auf!«, flehe ich, wobei die Worte in einem Schluchzer untergehen.

Gerade als meine Knie nachgeben wollen, die Panik gewinnt, öffnet sich die Tür.

Mein Körper verspannt sich, weil ich weiß, wer jetzt öffnen wird.

Und er wird dabei ein blutiges Messer in der Hand halten.

Eins, das ich ihm ins Herz rammen werde.

»Eve?«

Seine Stimme.

Sein verwirrtes Gesicht.

Die vertrauten meeresblauen Augen.

»Was machst du hier?«, will Ryan wissen und steht nur in Jeans vor mir.

Er lebt.

Er atmet.

Er blutet nicht.

Die Panik verwandelt sich in Dankbarkeit, mischt sich mit einem Funken Euphorie. Ich lasse die Tränen los, die ich verzweifelt zurückgehalten habe und fallen ihm um den Hals. Schluchzer schütteln meinen Körper, als ich die Nase an sein Schlüsselbein presse und gierig den Geruch nach frischem Gras und Shampoo aufsauge.

»Eve? Was ist los? Ist was passiert?«, fragt er an meinem Ohr, schließt seine starken Arme um mich von denen ich Angst hatte sie nie wieder zu fühlen.

»E-E-Er w-w-wa-war hier«, presse ich hervor drücke mich noch mehr an ihn.

»Was? Wo war er?« Seine warme Hand fährt mir über den Kopf bis in den Nacken, gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit.

»Ein Bild. Hier. Mit Messer«, brabbel ich umständlich weiter und das Gewicht löst sich langsam, die Lungen befreien sich von dem Beton, der sie verstopft. »Detective Clark, aber Akku alle.«

Ich kann nicht klar denken, keine Worte fassen, während ich mich an ihn klammere. Das Einzige, das ich weiß, ist, dass er lebt und ich noch nie so eine verdammte Angst um einen Menschen hatte.

Nicht einmal um mich selber.

»Ich dachte, du…«

Es kommt nicht über meine Lippen, sorgt nur für weitere Tränen.

»Es ist alles gut. Mir geht’s gut, Eve«, flüstert er beruhigend gegen mein Ohr und zieht mich in die Wohnung. Ich höre, wie er die Haustür schließt. Doch ich muss jetzt wissen, ob er dort noch steht. Denn ich weiß genau von wo aus er das Bild geschickt hat.

»Warte«, fordere ich ihn auf, entziehe mich gegen mein Bauchgefühl seinen Armen und wanke mit schnellen Schritten durch den Flur in das Wohnzimmer. Ich sehe sein Handy auf der Anrichte und greife ohne zu fragen danach und schalte die Taschenlampe an.

»Ich bin alleine«, höre ich ihn hinter mir.

Doch es hindert mich nicht daran, die verschlossene Terrassentür zu öffnen und in den verlassenen, dunklen Garten zu gehen. Ich überquere den Rasen, während mein Puls in die Höhe schießt. Mit jedem Schritt, den ich der Stelle näher komme, wird das Verlangen größer endlich herauszufinden, wer es ist. Das Licht der Lampe fällt auf das Gebüsch.

Und dann bin ich dort.

Genau da, wo er stand.

Mit dem Messer.

Meine Augen suchen nach einem Hinweis, einer Kleinigkeit, die ihn enttarnt. Doch dort liegen nur Blätter auf dem Boden und die Äste sind an einer Stelle eingeknickt. Das einzige Indiz dafür, dass er hier war.

Ich atme ein und versuche, etwas vertrautes oder unbekanntes zu riechen. Doch es ist nur die bekannte Luft aus San Diego, die in meine Lungen strömt.

»Eve?«, vernehme ich Ryan hinter mir, spüre seine Hand auf meiner Schulter. »Komm rein und dann beruhigst du dich. In der Zwischenzeit rufe ich Detective Clark an und deine Mutter an.«

Ich nickte schwach und halte meinen Blick noch so lange auf die Stelle gerichtet, bis Ryan seine Hand auf meine Schulter legt und mich bestimmend ins Haus führt.

So nah war ich ihm noch nie.

Und ich weiß nicht, ob es was Gutes oder Schlechtes ist.


Kaum, dass wir wieder drin sind und Ryan die Tür verschließt, bekomme ich einen Heulkrampf, der beinah in einer Panikattacke endet. Er nimmt mich auf den Arm und trägt mich weg von der Stelle, an dem ich immer wieder seinen Körper und eine schwarze vermummte Person sehe. Als wäre ich aus Glas, setzt er sich mit mir auf sein Bett und lehnt sich an der Wand an, sodass ich halb auf ihm liege. Dabei murmelt er beruhigende Worte und krault mir sanft das Haar.

Dabei komme ich mir vor, wie eine Zehnjährige, die in einem Gruselkabinett war und jetzt von ihrem Papa getröstet wird.

Mal wieder habe ich einen neuen Gipfel der Peinlichkeit erreicht, doch das verrückte ist, dass das in Ryans Gegenwart nebensächlich ist. Ich halte keine Tränen und keine Wut oder Panik zurück. Jedes Gefühl, das mich in den letzten Stunden beinah aufgefressen hätte, lasse ich raus, bevor es mich zerstört.

Ryan ruft währenddessen meine Mum an und beruhigt sie so weit, dass sie bei der Arbeit bleibt. Danach wählt er Detective Clarks Nummer und bekommt einen leicht panischen Beamten ans Telefon, der erleichtert ist, als Ryan ihm sagt, dass er da ist. Doch diese Erleichterung hält nur an, bis Ryan mein Handy aufgeladen hat und ihm das Bild schickt.

Ich sitze währenddessen mit angewinkelten Knien auf dem Bett und kann genau sehen, wie auch ihm bei dem Anblick des Fotos einen Moment die lässige Maske verrutscht. Ihm entfährt ein leiser Fluch, der mich dazu bringt die Finger etwas fester in das Fleisch meiner Beine zu bohren.

Ich bekomme mit, wie die beiden sich über das Foto unterhalten, wann es gemacht wurde und dass Clark eine Streife zur Sicherheit vorbeischickt. Das alles geht an mir vorüber wie ein schlechter Film. Ich wage es nicht, mich zu bewegen, bleibe an Ort und Stelle sitzen und beobachte jeden Schritt von Ryan, weil ich nicht glauben kann, dass ihm nichts passiert ist. Er bleibt die ganze Zeit über bei mir bis auf den Moment, in dem die Polizisten klingeln.

Er sagt mir, dass ich schlafen soll, als er das Zimmer verlässt und mir einen Kuss auf die Stirn gibt. Er schlägt noch die Decke über mich, dann geht er. Ich bin allerdings nicht in der Lage auch nur ein Auge zuzutun. Meine Stimmbänder fühlen sich an, als hätte ich drei Konzerte mitgeschrien und trotz allem, geht es mir gut.

Weil ich in Ryans Bett liege.

Und alles nach ihm riecht – vertraut und gut.

Ich drücke meinen Kopf gegen das Kissen starre aus dem Fenster in die Dunkelheit, während ich unten den Stimmen lausche. Dabei ziehe ich die Decke etwas enger an mich und erinnere mich dran, dass Ryan hier jede Nacht liegt.

Jede Nacht.

Sein Duft lässt die Geschehnisse in den Hintergrund rücken und eine ungewöhnliche Ruhe überkommt mich. Ich lasse sie zu, genieße es mich in Sicherheit zu wiegen und betrachte jede Kleinigkeit in diesem Zimmer, in dem ich bisher noch nie war.

Die Fotos an der Wand, die Footballzeitschriften, die auf dem Schreibtisch neben den Büchern liegen und seine Klamotten, die über dem Schreibtischstuhl hängen. Auf dem kleinen Nachttisch neben dem Bett steht eine Lampe ohne Schirm, die an ist, und mein Handy, das lädt. Ich betrachte die weißen Wände und den dunklen Boden, als die Tür aufgeht und Ryan wieder reinkommt.

»Du bist wach«, stellt er stirnrunzelnd fest und zieht hinter sich die Tür zu.

»Ich konnte nicht schlafen«, sage ich mit müder Stimme und setzte mich auf.

»Hätte ich wahrscheinlich auch nicht gekonnt.« Er zuckt mit den Schultern und geht zu dem Fenster, um die Vorhänge zuzuziehen. »Fühlst du dich besser?«

»Etwas«, gestehe ich und schiebe die Decke beiseite, um mich aufrecht hinsetzten zu können. Ich ziehe meine Beine in den Schneidersitz und beobachte, wie er auf sein Handy schaut, ehe er es auf den Schreibtisch legt und zu mir kommt.

»Es ist übrigens niemand im Haus und auch draußen läuft keiner mehr rum. Detective Clark lässt euer Haus auch noch checken und meldet sich dann bei mir. Allerdings sind deine Großmutter und Amy bereits Zuhause und haben die Polizisten mit Pfanne und Baseballschläger empfangen. Ich denke, wenn jemand dort gewesen wäre, hätte er es nicht überlebt.« Er schmunzelt, setzt sich neben mich und streicht mir ein Haar aus dem Gesicht.

»Die sind eh nicht zu retten«, murmle ich und versuche mit den Händen die Haare zu einem Zopf zusammenzufassen, um sie an die Seite zu legen.

»Nicht zu retten? Jones, hast du dir mal deine Haare angesehen?«, will er mit hochgezogenen Augenbrauen wissen.

»Jeden Tag im Spiegel.«

»Dann kennst du echt nicht die Übersetzung für Kerle?«

»Was für eine Übersetzung?«

»Deine Haare sagen: Krall dich an mir fest und vögel mich.«

»Charmant«, seufze ich augenverdrehend, was ihm ein tiefes Lachen entlockt, das mir unter die Haut geht.

»Du kennst mich doch.«

»Ja und manchmal weiß ich wieder ganz genau, warum ich dir damals als erstes eine Abfuhr erteilt habe.«

»Du meinst, als ich vorgeschlagen habe, dass wir’s in der Umkleide tun?«

»Exakt das«, grinse ich, wobei seine Hand über meine Wange gleitet. Er lächelt und fährt über meine Sommersprossen, was zu einem Kribbeln führt. Ich starre in diese Augen, die in unterschiedlichen Blautönen gesprenkelt sind und die Haut, die heute keine Bartstoppeln aufweist.

Ob er sich unter der Dusche rasiert hat?

»Du bist unfassbar schön, wenn du lächelst.«

»Das ist doch jede«, gebe ich schwach zurück, wobei seine Mundwinkel weiter nach oben wandern.

»Nein, Eve. Du hast in der Hinsicht die Messlatte sehr hoch gelegt.« Er fährt sich mit der Zunge über die Lippen, die ich heute Abend zuletzt gespürt habe. Und ich würde sie wirklich gerne wieder spüren.

»Vielleicht hast du Wyatt ja doch übertroffen«, gestehe ich leise.

»Vielleicht?« Seine Brauen wandern skeptisch ein Stück nach oben.

»Gut, schon«, brumme ich und beiße mir auf die Lippe.

»Oh, Jones. Tu das nicht!«, stöhnt Ryan und lässt schlagartig von mir ab. Er steht auf und rubbelt sich mit beiden Händen über den Kopf, ehe er sich mit einem leisen Stöhnen mit der Hüfte gegen den Schreibtisch lehnt und sich an der Tischplatte festhält.

»Was?«

»Du sollst dir nicht auf die Lippe beißen.«

»Warum?«

»Du bist in meinem Bett, das Haus ist leer und ich hätte heute in dem Geräteraum schon wesentlich mehr mit die angestellt, wenn wir kein Wachhündchen gehabt hätten. Also bitte stell meine Selbstbeherrschung nicht auf die Probe, Eve.«

»Oh«, bringe ich hervor und starre Ryan so an, wie er mich ansieht. Leicht verzweifelt und wahnsinnig hungrig. Er zuckt leicht zusammen, als neben ihm das Telefon klingelt und ich nutze die Gelegenheit, als er sich wegdreht, um zu atmen.

Ich muss unbedingt aufhören, mir Sachen vorzustellen und jede seine Berührungen so zu genießen. Zumindest, wenn ich verhindern will, dass der Typ ihn das nächste Mal wirklich abschlachtet.

»Du kannst nach Hause«, reißt er mich aus meinen Gedanken, während denen ich die Decke fest umklammere.

Nach Hause? Zurück und ihn alleine lassen? Nicht wissen, ob es ihm gut geht oder der Irre zurückkommt? Nicht länger in seinen Armen liegen und mit ihm lachen?

Undenkbar.

»Ich will nicht nach Hause«, gestehe ich, bereite mich auf einen gigantischen Protest vor.

Doch der bleibt aus.

»Gut, ich will nämlich auch nicht, dass du gehst«, erwidert er stattdessen ruhig.

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