49. Ryan

Ich glaube, wir haben sowas wie ein Date.

Eve und ich sitzen zusammen auf dem Sofa im Wohnzimmer und schauen einen Film, während wir die Pizza essen. Keiner von uns geht dabei auf Abstand, wie wir es sonst tun. Wir sind alleine und ich nutze es voll aus, das ich meinen Arm dabei um ihre Schulter legen kann und sie es einfach zulässt. Statt wegzurücken kommt sie mir sogar etwas entgegen und lehnt ihren Kopf an meine Brust.

Herzstillstand?

Absolut.

Ein Puls von Zweihundert?

Möglich.

Der beste bisherige Abend meines Lebens?

Fühlt sich so an.

Allerdings gibt es einen Punkt, der mich nicht loslässt, während Eve sich an mich lehnt, als wäre es das Normalste der Welt. Ich weiß nicht, was sie von alldem hält oder ob sie es als Date empfindet. Verdammt, ich weiß es ja selber nicht mal. Die Dates, auf denen ich war, waren eher ein Vorspiel, als alles andere. Natürlich bestünde die Möglichkeit, dass ich sie einfach frage, aber das würde Mumm erfordern, den ich gerade wirklich nicht aufbringen kann.

Es kommt sogar soweit, dass ich mich frage, wie Zac es hinbekommen hat zu sagen, dass er etwas für Scar empfindet. Zwar hat das ein Blinder gesehen, aber es auszusprechen erscheint mir ein Ding der Unmöglichkeit.

Also schweige ich und bekomme nur die Hälfte des Films mit, weil Gedanken wie Pfeile durch meinen Kopf schießen. Der Vorteil dieser Situation ist, das der Großteil meines Kopfes so mit Nachdenken beschäftigt ist, dass er die Vorstellung von Sex mit ihr verschiebt. Sie ist präsent, aber nicht mehr so schlimm wie, als sie auf meinem Bett saß.

Wenigstens hat sie den Vorschlag angenommen, dass wir nach unten gehen und die negativen Erinnerungen mit besseren überspielen. Ansonsten wäre ich wie ein Tiger über sie hergefallen und hätte jede Weigerung nieder gemacht.

Problematisch könnte es nur werden, wenn ich mich zum Schlafen aufs Sofa lege und ich weiß, wer oben in meinem Bett liegt – in meinen Klamotten.

Ich denke nicht, dass es eine höhere Strafe für einen Mann gibt, als das.

»Ryan?«, werde ich in die Gegenwart geholt, als Eve mit der Hand vor meinem Gesicht wedelt.

»Ja?«, versuche ich, mich zu fangen, und blinzle einige Male.

»In welche Welt bist du denn abgedriftet?«, fragt sie skeptisch.

In eine in der wir in meinem Bett liegen.

Das behalte ich allerdings für mich.

»Ich habe nur drüber nachgedacht, wer dir beigebracht hat einen Football zu fangen.«

»Die Antwort würde dir nicht gefallen«, erwidert sie und steht auf. Dabei beugt sie sich nach vorne und nimmt die Gläser, die auf dem Tisch vor uns stehen und ich drücke auf Pause. Ja, der Hintern von ihr sieht wahnsinnig gut aus, aber was zum Teufel meinte sie damit?!

»Was soll das heißen?«, bohre ich nach. Eve trägt die Gläser in die Küche und ich erlaube mir, ihr auf Schritt und Tritt zu folgen.

»Du kennst die Antwort doch, oder?« Sie stellt die Gläser ab und legt den Kopf leicht schief. Ich habe einen Verdacht, aber ich wünsche mir, dass sie ihn nicht bestätigt.

»Wyatt«, sage ich trocken, was sie zum Lachen bringt. »Der Typ geht mir langsam wirklich auf den Keks«, beschwere ich mich.

»Ich hatte das Gefühl, dass ihr euch prächtig verstanden habt.«

»Das war ein Kampf«, korrigiere ich und lehne mich neben sie an die Arbeitsplatte. Eve schüttet sich in der Zeit frisches Wasser ein und wirft mir einen kurzen Blick von der Seite zu.

»Ein Kampf.«

»Ein Revierkampf.«

»Ohne mich zu fragen?« Eve hebt die Brauen und stemmt eine Hand gegen die Hüfte. Ein schiefes, abwartendes Lächeln ziert ihre Lippen. Das Glitzern in ihren Augen ist herausfordernd und seit wann, lehne ich Herausforderungen ab, wenn sie von einer Evelyn Jones kommen?

Ich stoße mich ab und zwinge Eve mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte. Dann setzte ich links und rechts von ihr die Hände und rücke ein Stück näher, sodass wir nur noch eine Nasenlänge voneinander entfernt sind.

»Soll ich mir etwa eine Erlaubnis abholen?«

»Wäre doch mal eine angenehme Abwechslung«, gibt sie leise zurück und lässt den Mund leicht offen stehen.

»Gut, Jones. Wenn du es unbedingt willst«, murmle ich und komme noch ein kleines Stück näher, behalte die Hände jedoch auf der Arbeitsplatte, die plötzlich feucht sind. Ich könnte es ihr jetzt sagen, ihr klar machen, dass ich sie nicht mit einem anderen Idiot sehen will.

Doch was sind wir dann?

Ein Paar? Oder läuft es am Ende doch auf Freundschaft Plus hinaus, weil ich mir die Gefühle nur einbilde und ich eigentlich nur Sex mit ihr will? Ich weiß, dass es nur eine Möglichkeit gibt, das herauszufinden, die Frage ist nur, wann das geschehen wird.

»WO IST SIE?!« Die laute, aufgebrachte Stimme von Zoe fegt plötzlich wie ein Wirbelsturm durch das Haus, lässt mich mit einem Seufzen zurückweichen. Natürlich. Als hätten wir zwei je eine ruhige Minute und als könnte jemand anderes als Miles oder Zoe dazwischenkommen.

»Hallo Zoe, hallo Cooper«, begrüße ich die beiden Gestalten, die mit einem abgehetzten Ausdruck auf dem Gesicht in die Küche stürmen.

»Was zur Hölle macht ihr hier?«, donnert Miles verärgert los, als er die Pizza und den gestoppten Film erblickt.

»Stricken?«, schlage ich genervt vor, als Zoes Augen zu Schlitzen werden und sie wie ein wildgewordener Stier in meine Richtung trabt.

»Spar dir deine lustigen Kommentare, Paxton!«, knurrt die Cheerleaderin und lässt mich abwehrend die Hände heben. »Erklärt mir alle beide lieber, wie ihr auf die komplett bescheuerte Idee kommt im Geräteraum rumzumachen, wenn ein Irrer hinter euch her ist.«

»Verdammt, Cooper!«, knurre ich und lasse die Hände sinken.

»Ich hatte keine Wahl!«, wehrt der Quarterback mit entschuldigender Miene ab.

»Oh, scheiße«, murmelt Eve neben mir.

»Wir haben einen verdammten Deal, ihr Deppen!«, schießt die Wildgewordene weiter um sich. »Jeder aus den Teams hält sich dran und ausgerechnet ihr habt da keine Lust mehr drauf?!«

»So einfach ist das dann doch nicht, Zoe.« Meine Worte sorgen dafür, dass sie ein paar Schritte näher kommt und mir den Finger schmerzhaft in die Brust bohrt.

»Oh, spar’s dir! Wir wissen doch alle, wie gern du mal ein bisschen Spaß hast und die Frauen um den Finger wickelst!«

»Zoe…«

»Ich hätte nur nicht gedacht, dass du so ein hirnloser Trottel bist! Du bekommst schon einen Kopf und musst, noch eine Schüppe draufsetzten?!

»Zoe…«

»Eve hätte sich auf dem Weg hierhin sterben können! Er hätte ihr in jeder verdammten Ecke auflauern können! Aber es ist dir egal, du…«

»ZOE!«, schallt eine starke und bestimmende Stimme durch die Küche, die ich in dieser Tonlage noch nie gehört habe. Die Furie vor mir unterbricht augenblicklich ihren Vortrag und wir alle drehen uns zu Eve, die ein angestrengtes Lächeln aufsetzt. »Können wir zwei mal unter vier Augen reden?«, bringt sie zähneknirschend hervor, stürzt dann auf ihre Freundin und packt sie ohne eine Antwort abzuwarten am Arm. »Wir kommen gleich zurück«, erklärt Eve zuckersüß, wobei sie eher so aussieht, als würde sie Zoe umbringen wollen. Auf alle möglichen schlimmen Art und Weisen.

Die Beiden poltern laut die Treppe hinauf und dann wird eine Tür laut zugezogen. Miles gibt ein erleichtertes Seufzen von sich und lässt sich auf den Sessel fallen. Ich fahre mir mit der Hand durchs Haar und weiß nicht, wie erfreut ich über das Erscheinen sein soll. Einerseits haben die beiden mich davor bewahrt vielleicht etwas sehr Dummes zu sagen, was Eve verschrecken würde, aber andererseits ist unser Date – oder was auch immer – jetzt vorbei.

»Ich musste Zoe sagen, dass sie Eve morgen nicht abholen braucht«, versucht der Quarterback sich zu rechtfertigen.

»Und wie bist du von Du-musst-sie-nicht-abholen zu Die-haben-im-geräteraum-rumgemacht-gekommen?«, will ich wissen und verschränke die Arme vor der Brust.

»Scheiße, wenn ich das wüsste. Sie hat’s einfach aus mir herausgequetscht und ehe ich mich versehen konnte, waren wir unterwegs und vor der Haustür und ja, den Rest kennst du«, stöhnt Miles und reibt sich müde über das Gesicht.

»Warst du nicht mit Alex unterwegs?«

Miles Cooper wird rot.

Das wird er nie.

»Cooper«, ermahne ich, als er etwas tiefer im Sessel versinkt.

»War ich erst«, gesteht er. »Aber dann hat Zoe geschrieben und ich wollte sie sehen und Gott, ich wollte unbedingt Sex. Klein Cooper da unten stirbt langsam ab, weil der seit Wochen nichts machen durft!«, beklagt der Quarterback sich verzweifelt.

»Alter, du hast mir heute noch vorgehalten, dass ich meinen Schwanz in der Hose lassen soll?!«, erinnere ich ihn fassungslos.

»Ich schwöre dir, länger als Sechszig Sekunden hätte das bei mir heute auch nicht gedauert!«

»Darauf kommt’s doch nicht an!«

»Bitte, Paxton. Einmal. Nur kurz. Ein kleines Stück rein und raus«, bettelt er und sieht dabei aus, wie ein kleiner Junge, dem ich sein Lieblingsspielzeug weggenommen habe.

»Weißt du, wie erbärmlich du gerade bist?«

»Ich bin notgeil und ich stehe dazu und du solltest nicht so scheinheilig tun.«

»Scheinheilig?«

»Pizza? Ein Film? Hier fehlen doch nur noch die Kerzen. Erzähl mir also nicht, dass du Jones nicht flachlegen wolltest«, knurrt Miles verärgert und deutet auf das Standbild des Fernsehers.

»Es wäre nichts passiert«, halte ich dagegen.

»Nein? Also so wie ihr aussaht, als ihr aus dem Geräteraum gekommen seid, hätte es keine zwei Sekunden länger gedauert und es wäre was passiert.« Ich presse die Lippen zusammen und kratze mich am Hinterkopf.

»Ich hätte mich zurückgehalten.«

»Wir wissen beide, dass du das noch weniger drauf hast, als ich und wenn so eine Braut wie Jones sich an deinen Hals wirft, dann bist du der Erste, der den Schwanz aus der Hose zieht.«

»Verdammt, halt deine Fresse!«, fahre ich den Quarterback an. »Hör auf über sie zu reden, als sei sie eine Nummer für zwischendurch!«

»Ach, komm mir nicht mit deinem komischen Gefühle-kompliziert. Das ist doch nur dein Schwanz, der sich meldet«, winkt der Quarterback genervt ab und springt auf.

Ich sehe rot.

Rot, weil ich es hasse, dass er so über mich spricht, wenn Eve es hören könnte.

Rot, weil es gelogen ist.

Irgendwas ist da. Nur weiß ich nicht was.

Ich reagiere instinktiv, weil ich das Gelaber von ihm keine Sekunde länger ertrage. Miles kenne ich lang genug, um zu wissen, dass er nur frustriert ist, weil er nicht das kriegt, was er will. Eigentlich sollte ich da drüber stehen, aber wie von selbst überquere ich den Abstand zwischen uns und hole aus. Meine Faust trifft den Quarterback am Kiefer und sein Kopf schießt zur Seite. Ein dumpfer Schmerz fährt durch meine Faust und ich ziehe die Hand eilig zurück.

»Fuck!«, zische ich.

»Au!«, knurrt Miles und hält sich den Kiefer.

»Hast du dir Stahl implantieren lassen?!«, murre ich und schüttle die Hand, während Miles sich die Wange reibt.

»Nein, aber ich denke drüber nach, wenn du mir demnächst noch eine Scheuern willst.«

»Hat’s denn gewirkt?«, will ich wissen und starre den Quarterback an, der den Kiefer bewegt und langsam nickt.

»Scheiße, denke schon.«

»Sorry«, erwidere ich.

»Schon gut. Das habe ich gebraucht.« Miles tastet vorsichtig seine Lippe ab und betrachtet danach seine Hände. »Eis?«, schlägt er vor und ich nicke zustimmend. Wir beide werfen einen Blick die Treppe hoch, ehe wir zum Eisfach gehen und uns beide ein Kühlpad rausholen.

Die Kälte legt sich beruhigend über meine pochende Hand, als ich mich neben Miles auf den Stuhl fallen lasse. Der Quarterback presst mit einem erleichterten Seufzer sein Kühlpack gegen die Wange und lehnt sich zurück.

»Ich glaube, Frauen tun meinen Gehirnzellen nicht gut«, sagt er nach einer Weile, die wir schweigend nebeneinandergesessen haben.

»Ich denke eher, dass es der Sexentzug ist, der dir zusetzt.«

»Ja, könnte gut sein«, stimmt er nachdenklich zu. »Sollte ich in Zukunft wieder solche scheiße labern, hast du meine Erlaubnis mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.«

»Ob du’s glaubst oder nicht, aber da werde ich nicht, um Erlaubnis fragen.«

Unsere Blicke treffen sich und wir beide fangen an zu lachen.

»Denk ja nicht, dass du ungeschoren davon kommst. Beim nächsten Training mache ich dich dafür fertig.«

»Du kannst es ja probieren«, lache ich, während der Schmerz in meiner Hand langsam nachlässt. »Sollte ich jemals so viel Mist labern wie du vorhin, darfst du mich ausknocken, damit ich keinen weiteren Schaden anrichte.«

»Das nenne ich einen Deal.« Miles und ich schlagen grinsend die Knöchel aneinander. »Also nachdem ich wieder bei verstand bin: Wie läuft’s mit Evelyn?«

»Frag mich irgendwas, was einfacher ist«, stöhne ich und rutsche ein Stück nach unten auf dem Stuhl.

»Wie wär’s mit: Willst du mit ihr ins Bett.«

»Darauf muss ich nicht antworten, oder?«, frage ich schief grinsend.

»Dann formuliere ich’s anders: Willst du nur mit ihr ins Bett?« Abwartend sieht Miles mich an. Ich öffne den Mund, schließe ihn wieder und drücke die Zunge gegen die Zähne.

»Das müsste ich erst herausfinden«, gestehe ich leise und werfe einen Blick zur Treppe, die zum Glück leer ist.

»Eine Tendenz hast du?«

Nicken.

Ja, das Herzklopfen zeigt sehr deutlich an, was es sein könnte. Doch was wenn nicht? Am Ende wären wir zusammen und ich würde feststellen, dass es nicht das richtige für mich ist und ihr das Herz brechen. Völlig egal, was ich mit Zac und Scar besprochen habe. Ich werde mit ihr schlafen müssen, um das herauszufinden.

»Was hältst du davon, wenn du das heute herausfindest?«

»Heute?«, wiederhole ich langsam und Furchen bilden sich auf meiner Stirn.

»Alex bleibt weg. Es wären nur wir vier hier. Wir könnten alle beide unsere«, Miles stockt, sucht einen Moment nach einem passenden Begriff. »Probleme lösen«, beendet er schließlich den Satz.

»Heute Nacht?«

»Nur heute Nacht«, bestätigt er. »Und was dann passiert oder auch nicht – egal bei wem von uns – bleibt in den vier Wänden und unter uns.«

Ich kaue auf der Lippe, versuche die Pros und Kontras abzugleichen, dabei ist die Antwort schon klar.

»Einverstanden«, stimme ich dem Vorschlag zu.

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