Ich kriege meinen Mund nicht zu.

Fuck.

Was ist hier gerade abgegangen?!

Mir ist schon eine Menge passiert, aber noch nie hat sich eine Frau vor mir und fünfzig anderen Leuten ausgezogen, mir ihre Klamotten – in dem Fall meine – in die Hand gedrückt, mir ein Fick-Dich-Lächeln geschenkt und ist verschwunden.

In weißer Unterwäsche mit Spitze und ihren Boots. Und jeder verfluchte Cheerleader ist mitgegangen.

Um ehrlich zu sein, ist das das Heißeste was mir je untergekommen ist. Ich kann nur noch nicht zuordnen, ob es gut ist, dass ich jetzt weiß wie Evelyn nur in Unterwäsche aussieht. Denn irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das eine Strafe sein sollte.

Und so wie ich gerade an sie denken muss, ist ihr das wirklich gelungen.

»Scheiße«, vernehme ich Miles von der Seite, starre immer noch auf die Kleidung in meiner Hand. »Wie soll ich heute Nacht mit den Bildern im Kopf denn schlafen?«

Ich wünschte mir ginge es nicht genauso.

»Wer ist diese Evelyn Jones?!«, will ich stattdessen wissen, werfe die Sachen in meiner Hand auf den Tisch auf dem noch ein paar Becher mit dem Zeug von Miles stehen. Ich kann ein Zucken meiner Mundwinkel nicht verhindern, als ich dran denke, dass sie nicht eine Miene verzogen hat, als sie diesen widerlichen Schnaps getrunken hat.

Entweder ist sie eiskalt oder hat was gegen mich.

Den Abfuhren nach zu urteilen, die sie mir verpasst hat, ist letzteres die richtige Antwort.

»Keinen Schimmer«, erwidert Miles achselzuckend, während ich nach einem der Becher greife um ihn in einem Zug zu leeren. Ja, ich bin sehr betrunken, aber ich habe das Gefühl, das ich noch viel betrunkener sein muss, um das was hier passiert ist zu verarbeiten.

»Ernsthaft, Miles«, stöhne ich und stelle den Becher ab, »Bring nie wieder dieses Zeug mit.«

»Weichei.«

Ich ignoriere seine Beleidigung, weil Alex in dem Moment mit einem breiten Grinsen auf mich zukommt. Der Linebacker mit den dunkelblonden Haaren bleibt neben mir stehen, während die Musik hinter mir wieder lauter wird und die Party weitergeht, als wäre das alles nicht passiert.

»Und?«, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Und ich habe gehört, du hast eins auf die Fresse bekommen«, übergeht er lachend meine Aussage. Ich verdrehe die Augen, als Miles hinter mir ebenfalls anfängt zu glucksen wie eine Hyäne.

Ich kenne sie kaum und sie macht mich jetzt schon zur Lachnummer.

»Hat’s geklappt?«, frage ich zwischen dem Gelächter nach, woraufhin der breite Typ zufrieden nickt.

Immerhin etwas, das nach Plan läuft.

Allerdings wäre es mir lieber, wenn das nicht geklappt hätte und ich dafür heute Nacht mit Evelyn im Bett gelandet wäre.

Ich gebe ein genervtes Stöhnen von mir und greife nach dem nächsten Becher und stürze das Zeug herunter.

»Wird das jetzt Frust Saufen, weil sich die Kleine einen Scheiß für dich interessiert?« Alex versucht ein gemeines Grinsen zu verbergen, doch es gelingt ihm nicht so ganz.

»Nein, nur irgendjemand muss dieses Zeug vernichten, damit es nicht in falsche Hände gerät«, gebe ich genervt zurück.

Heute Abend würde ich garantiert nicht zugeben, dass es genau das ist was Alex vermutet. Das ich weiß, dass Evelyn mir heute Abend trotz Ablenkung nicht aus dem Kopf gehen wird, reicht völlig.

Und ich weiß auch, dass Zac mich morgen hassen wird, weil das ein mordsmäßiger Kater wird.

 

 

Ich habe eine beschissene Laune.

Das liegt zum einen an dem Kater mit dem ich gerade aus dem Auto steige und zum anderen daran, dass man fast nicht über Evelyn Jones findet. Jeder Idiot hat heutzutage irgendeinen Social Media Account, aber weder Twitter noch Instagram oder Facebook hat was ergeben.

Nein, das Einzige, das ich herausfinden konnte ist, dass sie in Mississippi studiert hat und dort im Cheerleader Team ihrer Universität war.

Das war’s.

Ich weiß nicht was sie dort studiert hat, was sie sonst so in ihrer Freizeit macht, ob sie morgens Kaffee trinkt oder laufen geht.

Dabei habe ich immer gedacht, dass Scarlett die Einzige ist, die im Internet nicht existiert. Naja. Nicht mehr existiert, trifft es wohl eher.

»Morgen, Ryan!«, kommt es laut von der Seite, woraufhin ein stechender Schmerz durch meinen Kopf zieht. Ich kneife die Augen zusammen und unterdrücke ein Stöhnen, als Scarlett mir lächelnd die Tür aufhält.

Normalerweise habe ich keinerlei Probleme mit frühem Aufstehen, aber heute ist vier Uhr nachmittags sogar zu früh.

»So schlimm?« Scarlett streicht sich eine hellblonde Strähne aus dem Gesicht und schenkt mir ein mitleidiges Lächeln, während ich mich an ihr vorbei in die Bar schiebe in der Zac bereits mit einem Lappen über die Tische wischt. Das schummrige Licht ist eine angenehme Abwechslung für meine Augen, aber die Musik im Hintergrund, löst jetzt schon ein gleichmäßiges Pochen aus. Dabei habe ich schon drei Tabletten geschluckt.

Mit schweren Schritten schleppe ich mich weiter und lasse mich schließlich auf einen Barhocker gleiten. Ich kann einen Seufzer nicht zurückhalten, als ich den Kopf auf den Tresen bette und erschöpft meine Arme um meinen Kopf lege.

»Ich dachte, du würdest dieses Mal nicht so abstürzen.«

»Da wusste ich auch nicht, wie verrückt der Abend werden würde«, brumme ich ohne den Kopf zu heben.

»Hast du einen Dreier gehabt oder musstest du dir alle schöntrinken, weil keine hübschen da waren?«, fragt Zac lachend nach und stellt ein Glas neben mich, das er mit Wasser füllt.

»Du wirst nie erraten was passiert ist.«

»Ich wette«, meldet Scarlett sich zu Wort, lässt mich aufblicken, und lehnt sich mit verschränkten Armen an den Tresen, »du hast eine Abfuhr kassiert.«

Eine?

Das wäre ja ein Traum.

»Abfuhr?«, wiederholt Zac und zieht die Augenbrauen nach oben, was mir ein Schnauben entlockt.

»Seit wann kassierst du den Körbe?«, meldet sich eine dritte Stimme.

Natürlich. Meine Blamage musste jeder jetzt mitbekommen.

»Hallo, Ethan«, begrüße ich den Riesen kühl, dem der Schalk in den Augen aufblitzt, als er sich neben Scarlett stellt. Drei neugierige Blicke haften wie Kaugummi an mir, während ich das Glas neben mir gelangweilt hin und her schiebe.

Ich könnte es ihnen erzählen.

Oder aber ich halte meine Klappe und werde wenigstens in der Bar nicht verhöhnt. Beim Training und in der Uni kassiere ich genug Spott für die nächsten Jahre.

»Ryan, pack schon aus«, werde ich von der hübschen Blondine aufgefordert, die ein gemeines Grinsen nicht verbirgt und mir mit der Faust gegen die Schulter schlägt. Ich werfe einen kurzen Blick zu meinen beiden Freunden, die sich ein Lachen kaum noch verkneifen können. Und das obwohl ich ihnen noch nicht mal erzählt habe, was passiert ist.

»Hör gefälligst auf so zu kichern«, gehe ich Zac an, »Wenn ich mich recht erinnere, ist Scarlett nach eurem ersten Kuss damals weggelaufen.«

»Du bist also schon so tief gesunken, dass du dich auf meine schlechten Momente stürzen musst?«, fragt er schief grinsend, bemerkt nicht den Blick von der Seite mit dem Scarlett ihn mustert.

»Schlechte Momente?«, wiederholt sie langsam, verschränkt die Arme vor der Brust. Ich kann ihre Mundwinkel zucken sehen, doch Zac scheint es völlig zu entgehen, denn leichte Panik flackert in seinen Augen auf.

»Das war nicht so gemeint«, erwidert er hastig. »Es war nur einer der Momente in denen mein Kopf ausgesetzt hat und es nicht so lief wie ich wollte.«

»Davon hast du ziemlich viele Momente«, werfe ich ein, während er seiner Freundin einen Kuss auf die Lippen drückt.

»Er war eben noch nie die Leuchte.« Ethan zuckt mit den Schultern und greift nach seiner Jacke. »Ich muss jetzt los, Kayla wartet auf mich. Ryan, ich erwarte dennoch demnächst die gesamte Geschichte zu hören. Ansonsten muss ich mal wieder bei Dean oder Alex nachfragen.«

Ich kann nicht anders, als die Augen zu verdrehen und stürze das Glas Wasser vor mir herunter. Weiterhin spüre ich Augen auf mir, aber heute werde ich nichts davon erzählen.

Dafür muss ich erst wissen mit wem ich es zutun habe.

Und wer weiß, vielleicht ist Evelyn Jones lesbisch und springt deshalb nicht auf mich an.

 

 

»Was hältst du davon, wenn du mir noch ein Bier bringst und deine Nummer gleich mit?«

Die Frau mit einem südländischen Touch streicht sich ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht und beugt sich etwas nach vorne, was mir einen Ausblick auf ihren dunkelroten BH ermöglicht.

Ja, ich habe es immer noch drauf.

Meine Lippen verziehen sich zu einem charmanten Lächeln, während ich die leeren Gläser abräume und das Gekicher ihrer Freundinnen ignoriere.

»Findest du nicht, dass du mir deine Nummer geben solltest? Ich wurde zum Gentleman erzogen und überlasse den ersten Anruf ungerne der hübschen Frau, wenn sie schon nach meiner Nummer fragt.«

Ich sehe, wie sie innerlich schmilzt und die Lippen zusammenpresst um ein strahlendes Lächeln zu unterdrücken, weil ich ihr Angebot nicht abgelehnt habe. Mir fällt auch kein Grund ein aus dem ich ablehnen sollte.

Ich schaue in ihre schönen dunkelbraunen Augen, die zum Glück keinerlei Ähnlichkeit mit denen von Evelyn haben und verbiete mir den Blick tiefer gleiten zu lassen. Sie gehört zu der Sorte, die von einem netten, zuvorkommendem Typen umworben und erobert werden will. Also werde ich mir heute Abend Mühe geben, dass sie genau das bekommt.

Eigentlich weiß ich immer, wie ich es anstellen muss. Nur bei Evelyn nicht.

Ich beiße mir auf die Zunge.

Es ist völlig unnötig an sie zu denken und das habe ich heute schon viel zu oft. Es stört mich gewaltig, dass sie mein Ego so mit den Füßen getreten hat und ich nichts als gelangweilte und genervte Reaktionen bekommen habe.

Dabei war ich mir sicher, dass sie jemanden verrücktes will, der um sie kämpft und sie zum Lachen bringt.

Schluss jetzt.

»Überleg es dir in Ruhe. Ich bleibe noch ein paar Stunden an der Bar und schaue vielleicht noch das ein oder andere Mal an dem Tisch vorbei. Der gefällt mir heute Abend nämlich wirklich gut.«

Ihre Wangen färben sich leicht rot, was ich genüsslich betrachte, ehe ich mich mit dem Tablett umdrehe und Zac kopfschüttelnd hinter der Bar stehen sehe. Ich spüre, dass ich ein Stück wachse, während ich zurück laufe und werfe dabei nur noch einen kurzen Blick zurück. Ertappt senkt die unbekannte Schönheit den Kopf, erntet einige Lacher ihrer Freundinnen.

Wenn alles gut läuft, werde ich heute Abend nicht alleine ins Bett gehen.

»Der Korb, den du kassiert hast, scheint dich nicht mehr zu interessieren.«

»Warum sollte er auch? Wenn sich die Kleine so ein Ereignis entgehen lassen will, muss sie damit leben. Dann verwende ich meine Energie eben auf die Beglückung anderer wundervoller Frauen. Davon hat die Welt schließlich genug.«

»Scheiße«, murmelt Zac und hält mitten in der Bewegung inne, »irgendwann wird dein verfluchtes Ego so einen auf den Deckel bekommen und ich muss gestehen, dass ich mich auf diesen Tag freue.«

»Das wird nicht passieren.«

Darauf würde ich schon aufpassen.

 

 

Der erste Tag des neuen Semesters ist chaotisch und das Einzige, das immer gleich abläuft ist das Training. Von neun bis zwölf sind wir gemeinsam in der Halle, machen Krafttraining und anschließend wird eine Stunde der Gegner analysiert gegen den wir am kommenden Samstag ein Testspiel haben. Erst ab fünfzehn Uhr beginnen die regulären Vorlesungen bei denen es sich meist nur um kurze Einführungsveranstaltungen handelt, die man getrost sausen lassen kann. Trotzdem gehe ich jedes Mal hin.

Egal wie wenig Schlaf ich vorher bekommen habe.

»Hättest du gestern Nacht nicht leiser sein können?«, will Miles wissen, als ich meine Tasche in den Spint stecke und die Tür zuschlage. In der Umkleide riecht es nach alten Socken und Erde.

»Ich war nicht diejenige, die geschrien hat«, erwidere ich mit einem breiten Grinsen und schaue zu Miles, der mit starrer Miene gegen seinen Schrank lehnt. Das gelbe Licht lässt seine Haare fast völlig verschwinden, sodass es aussieht, als hätte er eine Glatze.

»Dann sieh zu, dass du ihr nächstes Mal den Mund zuhältst. Ich nehme schließlich auch Rücksicht auf deinen Schlaf.«

»Hör auf zu Jammern«, lache ich, während wir als letztes den Raum verlassen.

»Jammern? Es ist einfach unfassbar nervig, wenn man heute den ersten Unitag und keinen Schlaf bekommen hat«, murrt Miles, während wir durch den schmalen Gang in die Turnhalle laufen in der bereits fast alle versammelt sind. Ich lache laut auf und klopfe ihm auf den Rücken, während grelle Sonnenstrahlen durch die Fenster fallen und die Halle aufheizen.

»Wir wissen beide, dass du den ersten Tag immer sausen lässt.«

»Hast du mal drüber nachgedacht, dass ich meine Einstellung geändert habe?!«, will er leicht empört wissen, doch ich kann in seinen Augen die Belustigung sehen.

»Leute«, werden wir unterbrochen und drehen uns gleichzeitig zu Alex, der sehr unglücklich wirkt. »Ich glaube, wir kriegen Probleme.«

»Was für Probleme?«, will Miles wissen, doch er bekommt keine Antwort, denn in diesem Moment betritt unser Coach mit einem sehr bösen Gesichtsausdruck und seinem Tablet in der Hand die Halle. Der breite Kerl, der an die zwei Meter kommt, stampft in unsere Mitte nur um mit zusammengepressten Lippen stehen zu bleiben und jeden anzuschauen. Seine Cappy sitz wie immer tief in seinem runden Gesicht und verdeckt die grauen Schläfen. In der Hand hält er sein Tablet.

»Wer von euch Idioten hat die Website der Cheerleader so verunstaltet?!«, will er scharf wissen. »Ich war es nämlich nicht und durfte mir gerade trotzdem über eine Stunde von Coach Kim anhören mit was für pubertierenden Volltrotteln ich arbeite.«

Ich beiße mir auf die Lippe um ein Schmunzeln zu verbergen.

Keine Ahnung was Alex und der Rest genau gemacht hat, aber es muss wirklich fies gewesen sein und somit absolut angemessen, als Rache für die Aktion.

»Wie kommt ihr auf die Idee da halbnackte Bilder von denen reinzustellen?!«

Mein Kopf schießt hoch, während der Coach sein Tablet aufklappt und uns die Website zeigt auf deren Startseite – auf der eigentlich das Try Out angekündigt werden sollte – ein gigantisches Bild von Evelyns Rückansicht prangt wie sie nur in Unterwäsche und ihren Boots geht.

Fuck.

Das wird Ärger geben.

 

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