Kalter Schweiß rinnt mir über die Stirn, während ich auf dem geschlossenen Toilettendeckel sitze und mein Herz droht mir aus der Brust zu springen. Meine Finger kribbeln bereits und ich atme viel zu schnell.

Ich kralle mich an meiner Jacke fest, öffne die Augen und hebe den Kopf um an die hohe Decke schauen zu können an der Neonröhren hängen. Obwohl mir Tränen über die Wangen laufen, erkenne ich, dass die Türen beschmiert sind und die grauen Fliesen an einigen Stellen aufgeplatzt sind.

Atmen.

Mehr muss ich nicht tun.

Um meine Brust schnüren sich mehrere Stahlketten, doch ich weiß, dass es sich nur so anfühlt. Eigentlich ist alles in Ordnung.

Ich muss mich nur zusammenreißen.

Mit den fast tauben Fingern greife ich den Kragen meines Shirts und ziehe ihn mir von dem Hals weg. Es gibt ein leises Reißgeräusch, doch es ist mir egal, wenn ich den Pulli jetzt in irgendeiner Weise zerstört habe.

Ich will nur wieder Luft bekommen.

Das Herz schlägt brutal in meiner Brust und ich würde es am liebsten Festhalten.

Es ist völlig idiotisch, dass das hier gerade passiert.

Immerhin ist es nur ein beschissenes Bild auf einer Website.

Mehr nicht.

Ein bösartiger Gedanke beginnt sich in der hintersten Ecke meines Kopfes zu bilden. Wie düsterer Nebel wabert er langsam nach vorne, doch ich bin nicht bereits das hier geschehen zu lassen.

Nicht hier auf dem Klo der Universität auf dem jederzeit jemand vorbeikommen könnte.

Überschwänglich springe ich auf, doch meine weichen Knie halten meinem plötzlichen Elan nicht stand, lassen mich gegen die geschlossene Klokabinentür taumeln.

Verdammt.

Ich muss mich unter Kontrolle kriegen.

Langsam drehe ich mich um, sodass ich mit dem Rücken an der Trennwand lehne, die mein Gewicht hoffentlich halten kann. Die Finger lösen sich langsam und von meinem Kragen und ich befehle mir die Hände zu öffnen.

Ein leises, tackt artiges Summen kommt von den Lampen im Raum. Mit offenen Augen starre ich auf die geflieste Wand hinter der Toilette und versuche meine Atmung an das Summen anzupassen.

Alles wird sich entspannen, wenn ich wieder normal atme.

Das weiß ich.

Ich konzentriere mich nur auf meine Lungen, ignoriere alles um mich herum und schiebe jeden beängstigten Gedanken, der aufflammt beiseite. Die Tür zum Flur öffnet sich und ich höre Stimmen, als Leute die Damentoilette betreten. Doch ich ignoriere sie, starre an die gekachelte Wand.

Es fühlt sich an, als würde ich Stunden brauchen, um mich zu beruhigen. Mein Zeitgefühl hat sich mal wieder vollkommen verabschiedet, doch ich verschwende keinen Gedanken daran, dass ich meine ersten Vorlesungen bereits verpasst haben könnte.

Ich spüre wie mein Herzschlag zu einem normalen Rhythmus zurückkehrt und die Taubheit in meinen Fingern nachlässt. Das Rauschen in meinen Ohren hat nachgelassen, sodass ich lauschen kann, ob irgendjemand hier ist.

Doch auch nach einem langen Moment höre ich nichts. Sie sind wieder gegangen.

Mit wackeligen Knien drehe ich mich um, greife nach meiner Tasche, die auf dem Boden liegt und schließe die Kabinentür auf. Ich wage einen flüchtigen Blick zur Tür, durch die zum Glück niemand kommt. Erleichtert seufze ich leise, während ich die Ledertasche um meine Schulter etwas höher ziehe.

Ich bleibe vor dem schmalen Waschbecken stehen und schaue in den Spiegel, der mit Wasserflecken überseht ist. Meine Haut ist aschfahl und meine Lippen sind trocken. Die Tränen haben den Mascara über meine Wangen laufen lassen und meine Locken haben jeden Halt verloren, stehen zerzaust in alle Richtungen ab.

Ich sehe beschissen aus.

Vorsichtig drehe ich den Hahn auf und beuge mich ein Stück nach vorne, um mir etwas Wasser ins Gesicht zu spritzen. Vielleicht regt die Kälte die Durchblutung meines Gesichts etwas an und lässt mich nicht wie eine wandelnde Tote aussehen.

Mit den Händen stütze ich mich an dem Waschbecken ab, betrachte die Wassertropfen, die langsam über meine Haut gleiten, sich schließlich an meinem Kinn sammeln und fallen.

Ich wünschte, ich wüsste nicht genau, dass ich dieses Bild provoziert habe.

Hätte ich meinen ursprünglichen Plan verfolgt, wäre ich vor einer Stunde nicht in die Uni gekommen und hätte von einem schmierigen Kerl erfahren, dass ich auf der Website stehe, die jeder lesen kann.

Nur in Unterwäsche bekleidet.

Ich und meine große Klappe.

Wahrscheinlich ist das die Strafe für meine eigene Dummheit und sie ist in gewisser Weise verdient. Außerdem erinnert sie mich sehr deutlich daran, dass ich mich ab jetzt wieder im Hintergrund halte. Das Einzige, das ich ab jetzt tun werde, ist mich dem Studium zu widmen und Mum und Gran im Haushalt zu helfen. Aber das war’s.

Ich straffe die Schultern, wische mir mit dem Saum meines Pullis das restliche Wasser aus dem Gesicht.

Das hier wird alles vorbeigehen.

Trotzdem weiß ich, dass ich jetzt nicht zu irgendeiner Vorlesung gehen kann. Dafür bin ich zu aufgewühlt und die Angst nagt an mir, bereit ein weiteres Mal herauszubrechen. Und darauf kann ich wirklich verzichten.

Ein letztes Mal hole ich tief Luft, dann wende ich mich von meinem grausigen Spiegelbild ab und verlasse die Damentoilette. Der Gang in den ich trete, ist leer. Ich schaffe es nicht einen erleichterten Seufzer zu unterdrücken und umfasse mit einer Hand den Träger meine Tasche, um sie vorm herunterrutschen zu bewahren. Meine Schritte hallen durch die leeren Flure und ich genieße die Ruhe, die hier herrscht.

»Seid ihr völlig wahnsinnig!«

Ich korrigiere: Die Ruhe die bis eben herrschte.

Meine Schritte werden langsamer, während die bekannten Stimmen immer lauter werden. Es wäre das Sinnvollste, wenn ich mich umdrehen und gehen würde. Doch seit wann bin ich in solchen Dingen vernünftig?

Wut flammt auf, vertreibt die Furcht, die mich bis eben beherrscht hatte.

»Es war doch nur ein Scherz«, widerspricht jemand, dessen Stimme ich nicht zuordnen kann. Zumindest nicht so lange, bis ich vor dem Raum stehe, dessen Tür weit geöffnet ist und in dem eine wilde Diskussion stattzufinden scheint.

Zwei verwirrte Augenpaare, die bis eben noch auf Ryan Paxton gehaftet haben müssen, bemerken mich sobald ich in ihr Sichtfeld trete. Ja, ich kenne die beiden Footballer, die dort stehen. Keine Ahnung wie deren Namen lauten, doch ich bin mir sicher, dass sie mit dieser verfluchten Aktion zutun haben, wegen der mich jetzt scheinbar jeder auf dem Campus kennt.

Einer von ihnen ist gigantisch und hat dunkelblondes Haar. Der Andere ist ein Stück kleiner und seine hellbraunen Haare sind kurzrasiert

»Ein Scherz?!«, pfeffert Ryan los und wirft die Arme in die Luft, scheint die gedankliche Abwesenheit seiner Teamkollegen nicht zu bemerken. »Ihr könnt doch nicht…«

»Ryan«, unterbricht der Riese ihn.

»Was?!«, pfeffert dieser los, woraufhin beide mit dem Kopf in meine Richtung nicken.

Dann dreht er sich um.

Der Idiot, der für all das verantwortlich ist.

Am liebsten würde ich ihn anschreien, losheulen, mich übergeben und ihn gleichzeitig erwürgen. Die Wut und Abneigung, die in diesem Moment durch meine Adern saust, lässt sich nicht in Worte fassen.

Also stehe ich einfach da und starre zurück und bewundere die Münder, die offen stehen. Wahrscheinlich warten die drei gerade auf meinen Ausraster, aber heute würde ich keine Szene machen, die nachher der gesamte Campus kennt. Außerdem sieht man mir wahrscheinlich viel zu sehr an, dass ich geweint habe.

Und dann tue ich etwas, das ich eine sehr lange Zeit nicht gemacht habe.

Ich drehe mich einfach um und gehe.

Keine Beleidigungen kommen über meine Lippen auch wenn die drei es mehr als verdient hätten. Nein, ich zwinge mich die Demütigung runterzuschlucken und das Weite zu suchen. Vielleicht klingt es feige, doch neben der Aufmerksamkeit, die ich nicht haben will, fehlt mir die Kraft für einen Streit.

»Evelyn!«, höre ich Paxton meinen Namen rufen, als ich zu den Stufen eile und mich an das Geländer klammere, das widerlich an meiner schwitzigen Hand klebt. Ich konzentriere mich auf meine Schritte, nehme zwei Stufen auf einmal. »Wir müssen reden.«

Ehe ich mich versehe, drängt er sich vor mir, versperrt mir den Weg. Er steht keinen Meter von mir entfernt und ich schaffe es nur mit Mühe anzuhalten um nicht in ihn zu laufen.

»Ernsthaft. Wir müssen…«

»Wir müssen absolut gar nichts und das ist wunderbar so«, pfeffere ich zurück und verdränge alle Gefühle, die mich in diesem Augenblick schwach wirken lassen könnten. Stattdessen ziehe ich den Zorn heran, der mich begleitet seit ich das mit der Website herausgefunden habe.

»Bitte«, setzt er an, als ich versuche mich an ihm vorbei Zudrängen.

»Scheiße, Paxton, was willst du von mir?! Wenn du jetzt eine geheuchelte Entschuldigung loswerden willst um dein mickriges Gewissen zu beruhigen, muss ich dir sagen, dass ich diesen Mist nicht annehmen werde. Und wenn du noch zweihundert Schokokuchen und ein Blumenstraß drauflegst: Vergiss es.«

Nervös leckt er sich über die Lippen, fährt sich mit der Hand durch das schwarze, kurze Haar, das ich ihm am liebsten Rausreißen würde.

»Lass es mich irgendwie wieder gut machen.«

Ist das sein ernst?

Ein ungläubiger Lacher entfährt mir.

»Denkst du wirklich, dass du es irgendwie wieder gut machen kannst, wenn du ein halbnacktes Bild von mir veröffentlichst? Ohne mein Wissen? Und das von ein paar anderen übrigens auch?«

»Ich wus…«

»Lass gut sein und sieh zu, dass du dir irgendwo ein bisschen Hirn kaufst.«

»Es gibt keinen Grund beleidigend zu werden«, gibt er scharf zurück. »Ich weiß, dass es eine beschissene Aktion war, aber vielleicht solltest du dir mal meine Sichtweise anhören?«

»Deine Sichtweise ist auf der Startseite deutlich zu sehen.«

Er blinzelt verwirrt.

»Denkst du, ich halte Frauen für Spielzeug oder für einen netten Zeitvertreib?!« Seine bis eben noch ruhige Stimme, hat einen bissigen Ton angenommen, für den ich ihn noch lieber erwürgen würde.

»Anders kann ich mir dein Verhalten jedenfalls nicht erklären«, zische ich und gehe links an ihm vorbei. »Oh und vielleicht sollte ich ab jetzt drauf achten, dass ich dir nicht mehr meinen Rücken zuwende. Wer weiß, was du sonst noch alles anstellst«, erwidere ich aufgebracht und drehe mich um, sodass er die Wut in meinen Augen deutlich erkennen kann, während ich gehe.

»Ich…«, setzt er zornig an, doch in diesem Moment stolpere ich und gebe einen heiseren Schrei von mir. Nach Halt suchend wirbeln meine Arme durch die Luft, während ich Falle und mit dem Kopf auf hartem Boden aufschlage.

Ich sehe noch seinen leicht schockierten Blick und gebe irgendeinen Fluch von mir.

Dann ist alles Schwarz.

Für einen kurzen Moment.

»Evelyn?!«, höre ich eine besorgte Stimme und warme Hände liegen auf meiner Wange.

Woher kommen die so plötzlich?

Ein Stöhnen entweicht mir, als das schmerzhafte Pochen in meinem Kopf sich meldet und mich das Gefühl überkommt auf einem Dampfer bei Unwetter zu sein.

»Wann haben Sie angefangen Frauen die Treppe hinunter zu schubsen, Paxton?!«, feuert jemand anderes los.

»Sie ist gestolpert«, erwidert derjenige, der neben mir sitzt.

»Sie sollten vom Footballteam ausgeschlossen werden.«

»Da habe ich ja wohl auch noch ein Mitsprachrecht!«, steigt eine dritte Person ein.

Am liebsten würde ich alle anschreien, aber leider würde das meinen Kopf in tausend Einzelteile zerspringen lassen.

»Schauen Sie sich an, was ihr Liebling anstellt!«

»Ich sagte doch, dass ich sie nicht geschubst habe.«

»So wie Sie nicht diese Bilder hochgeladen haben?«

»Hören Sie auf dem Jungen Vorwürfe zu machen«, poltert die dritte Person wieder los.

»Sehen Sie endlich zu, dass Sie ihre Jungs unter Kontrolle bekommen.«

»Das kann ich hinsichtlich ihrer Mädchen nur zurückgeben.«

»Könnten wir diese Diskussion bitte verschieben und stattdessen einen Krankenwagen rufen? Ich denke, den hat sie bitter nötig«, kommt es nun wütend von der Person, dessen Hand immer noch an meinem Hals liegt.

»Keinen Krankenwagen«, bringe ich krächzend hervor. Langsam flattern meine Augen auf und sofort werde ich von hellem Sonnenlicht geblendet, was die Kopfschmerzen verschlimmert. Ein leises Stöhnen entweicht mir, während ich mich mit zittrigen Armen aufsetzte.

Scheiße.

Mein Kopf implodiert.

»Keinen Krankenwagen? Du bist gerade ziemlich unsanft mit dem Hinterkopf auf den Boden geknallt. Ich weiß zwar nicht, warum du dich nicht einfach mit deinen Armen abgefangen hast, aber ich denke es macht Sinn, wenn du dich untersuchen lässt.«

»Sie ist Cheerleaderin, die verlassen sich darauf, dass andere sie fangen«, brummt jemand, dessen Umrisse langsam Gestalt annehmen.

»Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie aufhören würden den Sport zu kritisieren. Ich halte ihnen schließlich auch nicht vor, dass drei Viertel ihres Teams über einen IQ von unter Zehn verfügen«, faucht die kleine Frau mit hellbraunem Haar, die ich als Coach Kim identifiziere. Sie ist dabei bitterböse Blicke auf den Mann abzufeuern, der direkt neben ihr steht. Er ist groß, ziemlich breit und trägt ein Cappy unter dem graue Haare hervorstehen.

Und neben mir sitzt Ryan Paxton.

Eine Hand um meine Hüften gelegt. Bei Jemand anderem würde ich wahrscheinlich davon ausgehen, dass er mir beim Aufsetzten helfen will. Doch bei dem Typen habe ich das Gefühl an einem billigen Vorspiel teilzunehmen.

Ekelhaft.

Unsanft schiebe ich seinen Arm beiseite und verziehe das Gesicht, weil die Bewegung schmerzt. Ryan schnalzt kurz mit der Zunge, lässt es jedoch ohne weiteren Kommentar geschehen.

»Sehen Sie Sternchen?«, will der große Kerl wissen, verschränkt die Arme vor der Brust.

»Mein Schädel brummt, aber das war’s«, murmle ich und senke den Kopf, als ich die musternden Blicke bemerke. In der Hoffnung, dass mein Gesicht etwas Farbe bekommt und die Spuren der Tränen verschwinden, sammle ich meine Tasche auf und stopfe die Stifte zurück, die herausgekullert sind.

»Bringen Sie die Kleine nach Hause, Paxton«, befiehlt der riesen Kerl.

»Aber bitte unversehrt«, fügt Coach Kim hinzu.

»Mir geht’s gut. Ich brauche keinen Chauffeur«, widerspreche ich und stehe mit wackeligen Knien auf. »Und schon gar keinen wie ihn

»Was soll das denn heißen?« Ungläubig starrt Ryan mich an, während ich mich an das Geländer klammere.

»Was halten Sie davon, wenn Sie mit zu mir in die Halle kommen? Das Training fängt gleich an, aber ich könnte Zoe bitten, dass Sie Sie nach Hause fährt. Außerdem habe ich noch Kühlpads die eine größere Beule vielleicht noch verhindern können.«

»Das wäre mir lieber«, stimme ich erleichtert ihrem Vorschlag zu.

Habe ich Coach Kim heute Nachmittag noch als einschüchternd gesehen? Ja. Dabei passt das gerade gar nicht zu diesem zarten Lächeln, das sie mir schenkt, während sie näherkommt und ihren Arm um mich legt, damit der Schwindel mich nicht wider zu Boden gehen lässt.

»Du setzt dich gleich erst einen Moment hin, ehe ihr fahrt. Damit sich alles ein wenig beruhigen kann«, murmelt sie als wir an den beiden Männern vorbeigehen. Während Ryan die Lippen zusammenkneift, schüttelt der alte Riese nur den Kopf.

Ich versuche mich auf meine Füße zu konzentrieren, als wir durch das Gebäude bis zu der Halle laufen, die zum Glück nicht weit entfernt ist. Zwar spüre ich, dass Coach Kim etwas sagen möchte, doch sie hält sich zurück, fragt mich nur hin und wieder ob ich eine Pause brauche. Schließlich führt sie mich in ihr kleines Büro von dem aus sie in die Halle schauen kann. Wortlos werde ich von ihr auf einen weichen Stuhl gesetzt und sie holt ein Kühlpad aus dem kleinen Kühlschrank, der sich neben dem Schreibtisch befindet. Mit einem Blick in die Sporthalle in der sich die ersten Cheerleaderinnen sammeln, reicht sie mir das kleine blaue Plastikteil, das mit einem seltsamen Gelee gefüllt ist.

»Ich schicke dir Zoe.« Erneut ernte ich ein nettes Lächeln, das ich mit dem schmerzhaften Pochen in meinem Kopf nur zaghaft erwidere. Ohne auf eine Antwort zu warten, verlässt sie den kleinen Raum und zurück bleibt eine ungewohnte Stille. Seufzend lege ich mir das Pad auf den Hinterkopf.

Ihr Schreibtisch ist aufgeräumt und in dem Schrank dahinter sind Ablagen, die sie scheinbar penibelst führt. Einige Ordner haben Jahreszahlen auf dem Rücken stehen, auf anderen sind Meisterschaften oder Verbände vermerkt. Dann ist da noch die Wand an der ein langes Regal hängt, das überfüllt ist mit Trophäen und an der Wand darunter sind Zertifikate, Auszeichnungen und Urkunden. Dazwischen hängen Fotos von dem Team mit dem jeweiligen Jahr.

Alleine hier drin zu sitzen, bringt mich um.

Das ist fast so schlimm wie der kleine Zwischenfall auf der Toilette.

»Er hat dich geschubst?!« Zoes Worte dringen durch die Tür, ehe sie diese überhaupt geöffnet hat und lassen mich zusammenzucken. Ich unterdrücke ein genervtes Stöhnen, als ein weiteres schmerzhaftes Stechen durch meinen Schädel zieht. »Was stimmt mit diesem Idioten eigentlich nicht? Ich meine, Rache hin oder her, aber körperlich werden?! Das geht eindeutig zu weit!«

Ich presse die Augen zusammen, als Zoe sich aufregt und die Tür hinter sich sehr laut zuzieht. Mit wütenden Schritten stampft sie durch den Raum, bis sie vor mir steht.

»Könntest du dich etwas leiser aufregen?«, fahre ich dazwischen, als sie Luft holt und für den nächsten Anfall ausholt.

»Oh Shit. Voll vergessen«, murmelt sie leise und kniet sich vor mich. »Wie schlimm ist es denn?«

Tja. Gute Frage.

Wenn ich meinen bisherigen Tag betrachte – das Beinah-Nacktbild auf der Website, meine Panikattacke auf der Toilette, den Zwischenfall mit Ryan, der durch einen peinlichen Sturz endete – dann würde ich sagen: Kacke.

Allerdings werde ich das mit der Panikattacke für mich behalten und hoffe, dass Ryan nicht wirklich geschnallt hat, dass ich geweint habe. Und wenn ich super viel Glück habe, wird er nichts von diesem dämlichen Fall mit Kopfeinschlag erzählen. Die Chancen dafür stehen zwar wirklich gering, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

»Könnte schlimmer sein. Wie geht’s dem Rest?«, will ich wissen und werfe einen kurzen Blick in die Turnhalle in der manche doch ziemlich aufgebracht wirken. Denn ja, ich war die Schlagzeile auf der Website, aber manch andere haben doch noch freizügigere oder peinlichere Bilder abbekommen.

»Ein paar sind heute nicht zum Training gekommen«, seufzt Zoe und streicht sich ein paar kleine Härchen aus dem Gesicht, die nicht mehr in ihren Kopf gepasst haben. »Manche haben echt Ärger bekommen und eine hat ihren Job verloren. Naja. Und eine ganze Reihe hat schon ein paar widerliche Angebote bekommen.«

Diese Tatsache ändert eine Menge und wirft jeden Gedanken, der mich bis eben noch auf dem Klo beherrscht hat, über Board.

»Wir starten noch eine Aktion«, sage ich, ignoriere das Ziehen in meinem Kopf, »Danach bieten wir ihnen einen Waffenstillstand an.«

»Eine Aktion?«, fragt sie zögerlich nach.

»Eine mit der sie niemals in Vergessenheit geraten werden.«

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