7. Evelyn

Ich habe die ganze erste Woche des neuen Semesters auf meiner neuen Uni verpasst.

Die. Ganze. Verfluchte. Woche.

Wegen einer mordsmäßigen Gehirnerschütterung, die meiner Mum den Anlass gegeben hat mir Bettruhe zu verordnen und was soll ich groß sagen: Gegen eine Krankenschwester in der Midlife-Crisis kommt man nur schwer an, wenn man mit dem Kopf halb im Klo hängt und doppelt sieht.

Ein Seufzer entfährt mir, während ich den strahlend blauen Himmel betrachte, der durch das Dachfenster zu erkennen ist, das sich direkt über mir befindet. Das grelle Orange an der Wand stellt einen ziemlichen Kontrast dazu dar und irgendwie stimmt mich das etwas glücklicher. Vielleicht weil mir das Liegen im Bett mittlerweile doch recht eintönig erscheint. Mehr als hin und wieder ein paar Zeilen lesen hat meine liebste Mutter mir aus gesundheitstechnischen Gründen allerdings ausdrücklich verboten. In ihrem derzeitigen Zustand bin ich auch wirklich nicht daran interessiert sie zu provozieren.

Ich schiebe die Bettdecke zur Seite und setzte mich langsam auf. Schwindel überfällt mich für einen Moment, doch mir wird nicht schlecht und nicht schwarz vor Augen. Eine Sache, die man erst zu schätzen weiß, wenn man damit zurecht kommen musste. Natürlich hatte ich schon die ein oder andere Gehirnerschütterung, wenn ich beim Cheerleading mit wem kolladiert oder falsch gefallen war, aber diesmal fühlte es sich wesentlich schlimmer an. Vielleicht weil es dieses Mal nicht bei etwas passiert ist, das mir Spaß macht.

Nein, dieses Mal war Ryan Paxton Schuld.

Gut, meine Füße und meine Tollpatschigkeit haben auch ihren Teil dazu beigetragen, aber das alles wäre nicht passiert, wenn der Trottel mich einfach in Ruhe gelassen hätte.

Langsam stehe ich auf und schlüpfe in die Jogginghose, die auf dem Boden liegt. Dann greife ich nach der Strickjacke, die ich gestern ebenfalls achtlos auf den Boden hab fallen lassen und ziehe sie über. Während ich die noch immer geschlossenen Kartons betrachte, die in einer Ecke gestapelt sind, mache ich den Reißverschluss zu und streife mir die Wollsocken über, die Gran gestrickt hat. Mit einem herzhaften Gähnen strecke ich mich und schlurfe durch das Zimmer, raffe die Jacke ein wenig enger um mich, um mich vor der Morgenkälte zu schützen.

Kaum trete ich aus meinem Zimmer, dringen leise Stimmen aus dem Erdgeschoss zu mir. Begleitet von warmen Sonnenstrahlen übersteige ich heute nicht die knarrenden Stufen, sondern genieße diese Vertrautheit wie die letzten Tage schon.

»Gut geschlafen, Eve?«, werde ich von Gran fröhlich begrüßt, die die Kaffeemaschine anstellt und danach nach einem Glas greift um es mit Orangensaft zu füllen.

»Fühlt sich so an«, antworte ich müde und setzte mich auf die Arbeitsplatte um meiner Großmutter beim Vorbereiten des Frühstücks zuzuschauen. Sie schenkt mir ein gut gelauntes Lächeln, ehe sie den Pancake in der Pfanne gekonnt wendet.

»Deine Mutter ist heute etwas launisch. Sie muss für eine Kollegin einspringen«, werde ich gewarnt, als Schritte aus dem Flur ertönen und die Tür zum Wohnzimme kurz darauf energisch aufgerissen wird. Gran zieht die Augenbrauen hoch und ihre Mundwinkel zucken, als meine Mutter sich mit einem lauten Schnauben neben die Kaffeemaschine stellt und die Arme vor der Brust verschränkt. Eilig greife ich nach dem Glas Saft und nehme einen Schluck um meine Belustigung zu verbergen.

»Wie geht’s dir heute?«, will sie mürrisch wissen und ich kann ihr nicht mal wirklich böse sein. Wenn ich Samstags arbeiten müsste, obwohl ich andere Dinge geplant hatte, wäre ich wahrscheinlich auch mies drauf.

»Besser. Fast gar nicht mehr schwindelig nach dem Aufstehen«, fasse ich mich so kurz wie möglich, spüre den musternden Blick auf mir.

»Ich halte es trotzdem für keine gute Idee, dass du heute zu dem Spiel gehst.«

Es gab eine Zeit in der war es ihr egal ob ich Sand esse oder Gemüse. In den letzten Tagen hat sich ihre Fürsorge allerdings immens gesteigert.

»Sie wird bestimmt nicht tot umfallen, wenn sie zu einem Testspiel mit Sophia geht und nur auf der Tribüne sitzt, Lynn«, unterstützt Gran mich, woraufhin ich mich zu einem Lächeln zwinge um meine Mum zu besänftigen. Eine genervte Reaktion würde nur im Chaos enden und da das fast täglich Dank Amy geschieht, würde ich mich zurückhalten. Mehr Stress würde am Ende noch einem in dieser Familie den Kopf kosten und ich konnte nicht sagen, ob Gran, Amy oder Mum das Rennen machen würden.

»Sie ist ziemlich schwer mit dem Kopf aufgeschlagen. Da könnte alles mögliche passieren.«

»Ich denke, der Dachschaden liegt in der Familie und hat nichts mit ihrem kleinen Unfall zutun.«

»Den einzigen Dachschaden in diesem Haus hast du, Mum«, grummelt meine Mutter und nimmt sich eine Tasse aus dem Schrank.

»Sollten das nicht meine Worte sein?«, flüstere ich zu Gran, die ein lautes Glucksen gerade so zurückhalten kann und dann schnell zu Lynn sieht, die sich die schwarze Brühe einschenkt. Sie scheint viel zu sehr in Gedanken zu sein, um unsere Belustigung in irgendeiner Art und Weise wahrzunehmen.

»Nicht jeder kann sich an ein Drehbuch halten.« Sie schenkt mir ein diabolisches Grinsen, als sie einen weiteren Pancake auf den Stapel verfrachtet, der sich direkt neben mir befindet. Das goldbraune Pfannengebäck duftet fantastisch und zum Glück wird mir nicht mehr schlecht. Also werde ich gleich fantastisch frühstücken.

Ein Schlurfen kommt aus dem Flur und kurz darauf schiebt meine Schwester ihren müden, zierlichen Körper in den Flur. Ihre roten langen Haare – an die ich mich immernoch nicht gewöhnt habe – stecken in einem Knoten, der wahrscheinlich ein Dutt darstellen soll. Mir ist jedoch schleierhaft, wie sie dieses Gestrüpp entzerren will. Der gigantische, dunkelgraue Pulli reicht ihr bis zu den Knien und ihre Füße stecken in Hausschuhen, die aussehen wie Löwenköpfe, deren Frisuren ihrer sehr ähneln. Gegen die schwarzen Ringe unter den Augen, die von Kajal und Mascara stammen müssen, kommen die Löwen jedoch nicht an. Das ist ein einzigartiges Kunstwerk.

»Guten Morgen, Amy«, trällert Gran und lässt aus einer Kelle den fast flüssigen Teig in die Pfanne gleiten. Meine Schwester ignoriert Mum, die kopfschüttelnd das Monster betrachtet, das sich neben mich auf die Arbeitsplatte setzt. Amy gähnt herzhaft und linst zu dem Frühstück neben dem ich mich bereits positioniert habe.

»Ich kriege zuerst«, sage ich, als sie sich so weit über mich beugt, dass ihre Nase nur noch wenige Zentimeter von dem Essen entfernt ist.

»Sagt wer?«, fragt sie und setzt sich wieder hin um mich mit hochgezogener Braue zu mustern.

»Müsst ihr diesen Futterneidsstreit wirklich schon am Morgen führen, wenn ich zur Arbeit muss? Es wäre wundervoll, wenn ich wenigstens ein paar Minuten Ruhe habe.«

»Keine Angst, Mäuschen. Sobald du im Lotto gewinnst, kannst du dir ein Haus in Miami kaufen und uns zurücklassen. Ein Scheck im Monat genügt uns, wenn genug Nullen dranstehen«, tröstet Gran ihre Tochter, die eine Sekunde die Augen schließt und sich wahrscheinlich wieder ein Mal fragt womit sie dieses Leben verdient hat.

»Könnte Mum nicht hierbleiben und wir gehen nach Miami?«, will Amy wissen.

»Ich fände Washington auch cool«, werfe ich ein.

»Mir käme Hawaii entgegen.« Gran legt nachdenklich die Finger ans Kinn und betrachtet ihre eigene, erwachsene Tochter, die ein genervtes Stöhnen von sich gibt.

»Vielleicht sollte ich mich in einem Krankenhaus bewerben, dass ganz weit weg ist.« Sie leert die Kaffeetasse in einem letzten Zug und nimmt die Jacke von der Stuhllehne am Esstisch. »Bevor ich verrückt werde, werde ich mich auf zur Arbeit machen. Bis heute Abend und bleibt bitte alle heile«, sagt sie im gehen, »So einen Schock wie mit Eve brauche ich nicht noch Mal innerhalb einer Woche.«

Ich verdrehe die Augen, während sie ihre Tasche nimmt und in den Flur geht. Meine Schwester gibt sich keine Mühe ein Lachen zu unterdrücken und Gran schmunzelt auch vor sich hin.

Warum habe ich mir eigentlich keine Geschichte ausgedacht wie es zu diesem Sturz gekommen ist? Das hätte mir einige blöde Kommentare erspart.

»Lynn! Dein Essen!« Amy und ich zucken gleichermaßen zusammen. Gran stürzt sich auf die Brotdose und die Flasche Wasser, die neben der Kaffeemaschine steht und stürmt mit dem Geräusch der zuschlagenden Haustür aus dem Wohnzimmer.

Ich glaube, es gibt keinen Tag an dem Gran nicht einen von uns an das Essen erinnern muss, das sie morgens so liebevoll zubereitet. Obwohl sie nicht arbeiten gehen muss, ist sie die Erste die auf ist und meist die Letzte, die schlafen geht. Irgendwann sagte sie, dass ältere Menschen weniger schlaf bräuchten. An ihrer Stelle würde ich trotzdem nicht das Bett verlassen. Wozu gibt es schließlich Netflix, Internet und den Lieferservice?

»Und?«, unterbricht Amy meinen Gedankengang und lässt mich aufschauen. »Kam noch was?«

»Nein«, sage ich leise, horche mit einem Ohr nach den Schritten meiner Großmutter, die in diesem Moment wieder ertönen. Keine Zehn Sekunden später kommt die alte Frau, die eine lange Schürze trägt wieder in die Küche und fängt an über meine Mutter zu schimpfen, die ihren Kopf viel mehr zusammenhalten sollte.

Sie bemerkt nicht den Blick, den ich mit Amy tausche. Denn nur sie weiß von den Bildern auf der Website. Wie sollte ich es auch vor meiner kleinen Schwester verbergen, die solche Infos von ihren Freundinnen erfährt, die verrückt nach Cheerleading sind.

Aber es tut gut, dass ich nicht alleine bin mit meiner Angst.

Und noch besser ist es, dass die scheinbar völlig unbegründet war.

 

 

»Schön zu sehen, dass du noch lebendig bist.« Noch ehe ich die Tür richtig öffnen kann, zieht Sophia mich in eine feste Umarmung. Ihre kurzen schwarzen Haare kitzeln an meiner Wange und ich kann einen überraschten Laut nur gerade so zurückhalten. »Ernsthaft, Eve. Da hätte sonst was passieren können.« Sie drückt mich von sich weg und betrachtet mich eingehend.

Manchmal hat sie sehr viel Ähnlichkeit mit meiner besorgten Mutter.

»Du glaubst doch nicht, dass mich so eine Kleinigkeit umbringt?«, will ich wissen und werfe ihr einen mahnenden Blick zu.

»Kleinigkeit?«, wiederholt Sophia kopfschüttelnd. »Du hättest eindeutig schon früher mit dem Sport aufhören müssen. Scheint als wärst du ein paar mal zu oft mit dem Kopf aufgeschlagen.«

Ein scharfes Ziehen rast durch meine Brust, schnürt mir einen Moment die Luft an und ich zwinge mich zu einem Lächeln. Doch es kommt kein Wort über meine Lippen, zu trocken wird mein Mund.

»Bist du bereit für das Spiel?« Sophia bemerkt meine Unbehaglichkeit nicht, lässt mich los und tritt zur Seite, sodass ich die Tür hinter mir zuziehen kann. Ich rufe keine Verabschiedung in das Haus, versuche mich irgendwie zu sammeln.

Eine Woche lang kam nichts.

Es wird nichts passieren, wenn ich heute im Publikum sitze.

»Ich freue mich seit fast einer Woche auf diesen Tag. Also ja, ich bin mehr als bereit für dieses Spiel«, erkläre ich lächelnd und schiebe jeglichen Gedanken beiseite, der mir den Tag vermiesen könnte.

»Aber danach ist wirklich Schluss, ja? Mal abgesehen davon, dass ihr euch in Schwierigkeiten bringt, würde ich irgendwann gerne andere Theman hören, als die Footballer.«

»Keine Angst. Das ist das Letzte was passieren wird. Danach ist Schluss damit. Ehrenwort« sage ich zu Sophia, während wir zu dem roten kleinen Auto gehen, dass Sophias Bruder gehört und einige Rostspuren aufweist.

»Wie geht’s Asher?«, frage ich, werfe einen Blick zum Himmel, der mit keinen Wolken geschmückt ist.

»Gut. Er ist fast fertig mit dem Studium. Ihn nervt nur der Job in der Werkstatt.« Sophia schließt den Wagen auf und lässt sich auf den Fahrersitz gleiten. Ich lasse mir etwas mehr Zeit beim Einsteigen und achte darauf mir nirgends den Kopf einzuschlagen.

»Ich dachte, er macht den Job so gerne?«

»Das war bevor sein alter Chef die Werkstatt an seinen Sohn übergeben hat«, seufzt sie und startet den Motor.

»Der geizige Schnösel?«, will ich wissen und schaue zu Sophia, die mit einer grimmigen Miene nickt.

»Der ist noch schlimmer, als wir gedacht haben.«

»Das geht?«

»Scheinbar schon.«

»Und was sagt deine Mum dazu?«

Da ist es. Das Thema, das Sophia nie anspricht, wenn jemand anderes anwesend ist. Und selbst wenn wir unter uns sind, wird es schnell abgehackt. Ich weiß nie, ob ich mehr bohren soll, damit sie es sich von der Seele reden kann oder ob ich am Besten warte bis sie von sich aus ankommt. Zwar kenne ich Sophia seit wir Kinder waren, aber in den letzten Jahren haben wir uns in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Manchmal wünschte ich, das wäre nie passiert.

»Wie immer. Sie ist den ganzen Tag in ihrem dunklen Zimmer und geht nur aus dem Haus um sich Tabletten vom Arzt zu holen.« Bitterkeit schwingt in ihrer Stimme mit und nur zu gern würde ich etwas sagen, das sie tröstet oder ihr Hoffnung gibt. Doch wir würden beide wissen, dass es Blödsinn ist. Ihre Mum wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit nie mehr ändern.

»Kriegt sie überhaupt was von dir und Asher mit?«

»Natürlich nicht«, murmelt sie und Falten bilden sich zwischen ihren Augen. »Wenn Asher ihr nicht regelmäßig Essen bringen würde, würde sie verhungern und die Tageszeiten komplett vergessen. Aber ich nehme an, dass das bei verdunkelten Fenstern sowieso passiert.«

Ich gebe es nur ungern zu, aber in der Zeit, in der ich nicht hier war, hat sich nichts verändert.

»Du weißt, dass Asher und du jederzeit zu uns kommen können? Grans Essen reicht immer für vier bis fünf Personen mehr.«

»Danke, Eve. Aber wir sind keine Zehn mehr. Wir müssen irgendwie damit klarkommen.«

»Manchmal wünsche ich mir, dass wir wieder Zehn wären.«

»Ich mir auch«, stimmt meine beste Freundin langsam zu und schenkt mir ein schmales Lächeln von der Seite.

»Damals gab es noch keine Probleme.«

»Keine Prüfungen.«

»Keine Jobs.«

»Keine Zicken.«

»Keine Jungs.«

»Der letzte Punkt ist wahrscheinlich der wichtigste«, lache ich und schaue aus der Windschutzscheibe, während wir auf den Parkplatz fahren.

»Ich finde es viel besser, dass wir keinen Ärger mehr von Mr. Jenkins bekommen. Weißt du noch, als wir ihm den Erdbeerkuchen geklaut haben und es seinem Hund angehängt haben?« Ich höre das erste Mal seit langem wieder das glockenhelle und ehrliche Lachen von Sophia.

»Im Nachhinein tut mir das Tier leid. Das hat ziemlich Ärger dafür bekommen, dass wir in seiner Hütte ein bisschen Kuchen verteilt haben.«

»Dummheiten hattest du immer schon im Kopf«, sagt Sophia zwischen dem Lachen, in das ich einstimme.

»Und du hast immer mitgemacht«, füge ich hinzu und wische mir eine Lachträne unter dem Auge weg.

»Weil du wahnsinnig überzeugend sein kannst, wenn du etwas willst. Und diesen Erdbeerkuchen wolltest du so sehr wie nie was zuvor!« Anklagend deutet sie mit dem Zeigefinger auf mich, kriegt das breite Grinsen nicht aus ihrem Gesicht, was mich glücklich macht.

Mein Gelächter ebbt ab und ich schaue Sophia an, die ich besser kenne als wahrscheinlich jeder andere. Sie ist mehr Schwester für mich als Freundin und in der Zeit in der ich in Mississpi war, haben wir viel zu wenig Kontakt gehabt. Ein kleines Messer bohrt sich in meinen Magen, erinnert mich daran, dass ich sie immer vertröstet habe und auch jetzt mehr Zeit mit Zoe verbringe. Irgendwie muss ich wieder mehr mit ihr machen. Zum Glück hat sich das mit Cheerleading und den Footballern ja ab heute erledigt.

»Ich bin froh, dass ich wieder da bin«, gestehe ich leise.

»Ich auch«, stimmt sie zu.

Dann klopft es lautstark an der Fensterscheibe hinter ihr und mit einem strahlenden Grinsen winkt Zoe uns. Wir geben beide einen kleinen Seufzer von uns, während die aufgedrehteste von uns dreien die Tür aufreißt und uns mit allerbester Laune begrüßt. Ihre aschblonden Haare stecken mal wieder in einem Zopf und sie trägt eine Trainingsjacke, die ihr bis zur Hüfte geht. Trotz der Temperaturen hat sie nur eine dünne Leggins an.

»Na, seid ihr bereit für das Testspiel?«, will Zoe wissen.

»Superbereit.« Sophia schenkt ihr ein Lächeln und streckt ihren Daumen in die Höhe, während ich mich abschnalle. Kühle Luft empfängt mich, als ich aussteige und Sonnenstrahklen knallen auf meine Haut.

»Und du Eve? War immerhin deine Idee?«

»Ich bin gespannt wie sie reagieren«, gebe ich zu und vergrabe die Hände in meinenr Jackentasche.

»Gespannt wie sie reagieren? Sie werden toben und uns umbringen wollen.«

Da bin ich mir nicht so sicher. Ryan Paxton mag einiges sein, aber kein idiotischer Hitzkopf, der ohne sich Gedanken zu machen auf einen losgeht.

»Ich werde noch kurz auf Toilette gehen. Treffen wir uns an der Tribüne bei den Cheerleadern?«, frage ich Sophia, die den Wagen abschließt und sich ihre Tasche umhängt.

»Klar. Ich gehe dann schon mit Zoe mit«, sagt sie und hängt sich bei der Cheerleaderin ein, für die der Tag nicht besser aussehen könnte.

»Dann bis gleich.« Ich drehe mich um und steuere die Halle an, die neben dem Sportplatz liegt. Wind streicht sanft über mein Gesicht und ich fühle mich ein wenig verloren, als ich über den leeren Parkplatz laufe und die knarrenden Türen aufdrücke.

Das Testspiel findet nicht im Stadion statt. Es handelt sich auch lediglich um ein Freundschaftsspiel gegen eine mittelmäßige Mannschaft und so wie ich Zoe verstanden habe, geht es nur darum, dass jeder noch Mal spielt, ehe es in die Winterpause geht und das Training für die kommende Saison startet. Allerdings bin ich mir sicher, dass sich das Ereignis heute bei ihren Kontrahenten bis Anfang August halten wird.

Meine Schritte hallen an den hohen Decken des schmalen Flures wider. Ich biege links ab, will nicht auf die Besuchertoiletten gehen, die zum einen wesentlich weiter weg und zum anderen nicht besonders sauber sind. Das Summen von Lüftungen schallt mir entgegen und dann komme ich an einer offenen Tür vorbei. Die Tür, die ich schon kenne und die, die eigentlich geschlossen ist, wenn kein Training stattfindet. Zumindest war es in Mississpi immer so.

Ich bleibe stehen, sehe die schwarzen und roten Poms auf dem Boden liegen. Meine Arme hängen schlapp neben mir und meine Knie fühlen sich seltsam weich an.

Hatten sie vielleicht eine Besprechung oder sind noch Mal alle Choreographien durchgegangen? Haben sie noch Stunts geübt?

Da kommt es wieder.

Das schmerzhafte Ziehen, das sich von meinen Füßen bis in mein Herz ausbreitet.

Vielleicht war es keine so gute Idee zu kommen. Wenn mich der Anblick von Poms schon in so eine Sehnsucht stürzt, was wird dann passieren, wenn ich sehe wie sie stunten, tanzen und lachen?

Während ich auf der Tribüne sitze.

»Bist du so hart aufgeschlagen, dass du jetzt wieder mit diesem wahnsinnigen Sport anfangen willst? Auch wenn ich mich dich sehr gut in den kurzen Klamotten vorstellen kann.«

Die Stimme reißt mich aus meinem Gefühlschaos und lässt mich überrascht herumwirbeln. So schnell, dass sich für eine Sekunde der Flur in ein Schiffsdeck bei Sturm verwandelt. Meine Hand findet trotz des Rotierens den Türrahmen und ich wanke einen Schritt zurück, ehe mein Blick sich klärt und Ryan Paxton immer deutlicher zu erkennen ist.

In Jogginghose und mit einem engen schwarzen Muskelshirt. Seine Füße stecken in alten Nikes und um seinen Hals hängen Kopfhörer, deren Kabel zu dem kleinen Ipod in seiner Hand führt. Seine Lippen sind zu einem schmalen Grinsen verzogen und seine Haare stehen in alle möglichen Richtungen ab, als hätte er nichts Besseres zutun gehabt als sie den ganzen Tag zu zerzausen.  Wenn ich das tun würde, wäre das glorreiche Ergebnis ein Friseurbesuch, bei dem ich eine Glatze bekomme, weil man das Elend nicht mehr retten kann.

Doch das was mir am meisten auf den Senkel geht, ist seine verfluchte Statur, die wirklich gut aussieht. Kein Gramm fett, nur Muskulatur. Dabei hatte ich fest drauf gehofft, dass die Cheerleader geblendet waren von seiner billigen Art und dem Alkohol. Aber nein, sie hatten recht. Der Typ hatte was von einem Model und das trotz Jogginghose und hautengem Shirt.

Ich presse die Lippen zusammen und verdränge die Beschimpfungen, die mir auf der Zunge liegen.

»Du warst die ganze Woche nicht in der Uni«, sagt er mit einem entschudligendem Blick, der dem eines jungen Hundes ähnelt.

Mal im ernst.

Welcher Kerl kriegt es hin heiß auszusehen und gleichzeitig an einen Welpen zu erinnern.

Das ist doch ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er ein riesiger Arsch ist. Und natürlich die Aussage mit den kurzen Klamotten, die meine Adern schon wieder Brodeln lässt.

»Gehirnerschütterung?« Seine Augenbrauen wandern ein Stück nach oben, während er ein paar Schritte näher kommt.

»Woher weißt du, dass ich nicht in der Uni war?«, will ich wissen und übergehe seine Frage. Ich werde ihm garantiert nicht unter die Nase reiben, dass ich mir zwischendurch die Seele aus dem Leib gekotzt habe. Am Ende landet das auch noch auf irgendeiner Website. Da bleibe ich lieber das Mädel mit dem geilen Arsch.

»Ich habe so meine Quellen.« Selbstsicher verziehen sich seine Lippen und ich brauche nicht groß überlegen mit welchen Mitteln er einige Damen überredet hat nach mir Ausschau zu halten. Vielleicht waren es sogar welche von den Cheerleadern und ich kann es ihnen bei diesem Anblick nicht wirklich verübeln.

Was mich noch wütender macht.

Ich will diesen Idioten nicht attraktiv finden. Warum kann er nicht einfach hässlich sein?

»Du hast wohl wirklich kein Problem damit deinen Körper zu verkaufen.« Ich verschränke die Arme vor der Brust, während er einige Mal verwirrt blinzelt. Wenigstens etwas.

»Du denkst, ich habe mit Frauen geschlafen, um an die Info zu kommen?«

»Von Frauen war nie die Rede.«

Ein kehliger Lacher entfährt ihm und ich kann nicht anders, als ihm ein Grinsen zu schenken. Wenn der nur wüsste, was ihm noch blüht.

»Okay, Kleines, eine Sache möchte ich mal klarstellen: Ich stehe auf Frauen und ich verkaufe meinen Körper nicht. Wenn ich Sex haben will, kriege ich ihn. Aber nie für Geld oder Informationen. Das habe ich nicht nötig.« Er schüttelt amüsiert den Kopf. »Eigentlich habe ich gedacht, dass wir diesen kleinen Disput endlich beenden könnten.«

»Tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber es gibt Dinge, die kann man nicht verzeihen oder einfach so beenden.«

»Es war…«

»Es war eine ziemlich beschissene Nummer und ich hoffe, du kannst die Antwort ertragen«, unterbreche ich ihn und hoffe, dass mein Kreislauf nicht versagt, als ich an ihm vorbeigehe.

»Was für eine Antwort?!«, höre ich ihn mit nicht mehr ganz gelassener Stimme fragen, doch er läuft mir nicht hinterher und ich bin auch nicht bereit weiter mit so einem Neandertaler zu kommunizieren.

Cheerleadeing ist kein beschissener Sport und Frauen sind keine verdammten Objekte. Doch sowas brauche ich mit so einem hirnlosen Idioten nicht diskutieren.

Da gehe ich lieber auf die Besuchertoiletten.

Weiter zu Kapitel 8. Ryan

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