9. Evelyn

»Wie bitte?«, ist das Erste, das von Coach Mayer kommt, dessen Augenbrauen ein ganzes Stück nach oben wandern.

»Sie haben mich richtig verstanden.« Mr. Thompson feuert einen scharfen Blick auf den Footballtrainer. Der versucht verzweifelt irgendwelche Worte zu finden, öffnet und schließt seinen Mund immer wieder.

»Was genau meinen Sie?« Auf der Stirn von Kim haben sich tiefe Furchen gebildet und ihre Augen wandern nervös zwischen dem Direktor und Coach Mayer hin und her.

»Ich meine damit, dass ihre Teams ab jetzt zusammenarbeiten werden – ausnahmslos jeder von ihnen«, fügt er mit einem seltsamen Blick auf mich hinzu. Neben mir gibt Paxton ein Schnauben von sich, doch ich komme gar nicht dazu eine Frage zu stellen.

»Wir bereiten uns gerade auf anstehende Meisterschaften vor. Die Zeit können wir nicht aufbringen!«, protestiert Kim und wedelt aufgebracht mit ihren Armen herum, erwischt dabei das Cappy von dem Footballtrainer, der es mit einem Grummeln wieder richtet.

»Beide Teams können sich die Zeit nicht leisten«, stimmt Coach Mayer zu und man kann ihm ansehen, dass er dieses Zugeständnis nur schwer übers Herz bringt.

»Dann hätten sich ihre Teams besser überlegen müssen, was für die Universität vertretbar ist und was nicht.« Mr. Thompsons Stimme ist rasiermesserscharf. Als ich damals in seinem Büro gesessen habe, kam er mir bei Weitem nicht so streng vor. Vielleicht lag das aber auch daran, dass ich damals mit einem freundlichen Gesicht, einer weißen Weste und guten Noten vor ihm stand. Jetzt sieht die Situation anders aus. Nur kann ich noch nicht ausmachen, warum ich unbedingt mitkommen sollte.

»Es war doof von uns und wird garantiert nicht wieder vorkommen. Können Sie nicht noch ein letztes Mal ein Auge zudrücken?« Ryan Paxtons Stimme hat einen viel zu sicheren Ton angenommen und ich kann nicht anders, als mich zu fragen woher er diese Selbstsicherheit nimmt. In dem Trikot vor dem Direktor zu stehen und ihm noch die Stirn zu bieten, hätte viele andere bestimmt verunsichert.

Warum ihn nicht?

»Mr. Paxton, seit Sie diese Universität besuchen, dulde ich Ihr Verhalten, aber jetzt haben Sie eine Grenze überschritten. Und diesmal kann ihr Vater da auch nichts mehr dran ändern«, gibt Mr. Thompson bedrohlich ruhig zurück und stemmt die Hände auf dem Schreibtisch.

Ah.

Da haben wir die Erklärung für die Sicherheit.

Daddy hilft aus, wenn’s sein muss.

Ein ungläubiges Lachen entfährt mir und ich kann nicht anders, als leicht den Kopf zu schütteln. Leider scheint das viel zu laut gewesen zu sein, denn schlagartig wenden sich alle Köpfe zu mir und der böse Blick des Direktors trifft mich.

»Ich hoffe, Ihnen ist klar, dass Sie ab jetzt ebenfalls an dem Training teilnehmen werden, Mrs. Jones?«

Das Herz rutscht mir in die Hose.

»Was?«, krächze ich unbeholfen mit trockenem Mund.

»Sie sind beteiligt an den Vorfällen. Daher werden Sie ebenfalls zu jeder Trainingseinheit erscheinen«, sagt er ruhig, während das Rauschen in meinen Ohren einsetzt.

»Ich kann nicht«, bringe ich hervor, versuche nicht der Panik zu verfallen, die sich meinen Rücken hochschleicht.

»Sie waren bei dem Cheerleading-Team in Mississpi und Sie konnten sich an den Dingen beteiligen. Jetzt müssen Sie alle die Konsequenzen dafür tragen.« Der Blick des Direktors gleitet zu Zoe und anschließend zu Paxton, der mit dem Kiefer am mahlen ist. »Jetzt gehen Sie und teilen die frohe Neuigkeit ihren Teammitgliedern mit. Ich möchte für den Rest des Tages nur noch lächelnde Gesichter sehen und Teams, die sich wunderbar verstehen.«

»Sir…«, setzt Kim an, doch er hebt bereits die Hand, unterbindet jeden weiteren Versuch.

Paxton ist der Erste, der sich mit schnellen Schritten in Bewegung setzt. Er reißt unsanft die Tür auf und dann spüre ich Zoes Hand an meinem Unterarm. Ihre Berührung lässt mich heftig zusammenzucken und ich brauche eine Sekunde bis ich begreife, dass wir verschwinden sollen. Schwer schluckend werfe ich einen letzten Blick in den Raum und kann beim Zuziehen der Tür sehen wie Coach Mayer erneut den Mund öffnet. Doch seine Worte erreichen mich nicht mehr, gehen in dem Strudel unter, der mich plötzlich erfasst.

Ich werde bei den Cheerleadern mitmachen.

Ich werde an der Sideline stehen – für alle sichtbar.

Ich werde jede Woche zu dem Training gehen.

Pure Furcht mischt sich mit einem Funken Euphorie, das durch meine Adern schießt, als ich begreife was das alles bedeutet. Eine Gänsehaut breitet sich auf meinen Armen auf und ich spüre den kalten Schweiß auf meiner Stirn, als die Panik überhandnimmt.

Luft.

Ich brauche Sauerstoff.

»Komme gleich wieder«, presse ich zwischen den Zähnen hervor. Die Welt fängt leicht an zu schwanken und ich warte keine Antwort von Zoe ab. Stattdessen stürze ich mich in den nächsten Gang und folge dem Lichtschein, der durch die verglaste Tür in den Flur führt. Meine kribbelnden Hände umfassen die kalte Türklinke und ich lehne mich mit meinem gesamten Gewicht dagegen. Stolpernd komme ich ins freie und schnappe nach Luft, als wäre ich beinah ertrunken.

Genau so fühle ich mich.

Als würde ich in meinem Leben ertrinken und dem, was auf mich zukommt.

Ich kann nicht mitmachen. Unter keinen Umständen werde ich mich daran beteiligen können. Irgendwie muss ich aus diesem Schlamassel wieder raus.

Mit dem Rücken lehne ich mich schwer keuchend gegen die Klinkerwand und schaue in den Himmel, der viel zu klar ist für meine Stimmung. Ein schweres Gewitter mit zwischendurch hervorblitzendem Regenbogen würde meinen Gemütszustand eindeutig besser widerspiegeln.

Warum habe ich mich da überhaupt eingemischt?

Ich hätte bei dem Telefonat mit Zoe den Mund halten und mich weiterhin verkriechen sollen. Wäre es mir bloß egal gewesen, dass die Footballer solche Idioten sind und die Cheerleader es nicht schaffen sich gegen sie zu wehren. Aber nein, ich konnte nicht anders als mich aufzuregen und mir in meinem Zimmerchen Ideen zusammenzuspinnen. Eine dämliche Entscheidung wie sich jetzt herausstellt.

Ich beiße mir auf die Lippe und halte einen wütenden Fluch zurück.

Ich brauche so schnell es geht einen Plan um mich vor dem Training zu drücken. Zusätzlich sollte ich mir Gedanken machen, wie ich gleich den Cheerleadern gegenübertrete. Denn egal was Zoe ihnen sagen wird: Es ist meine Schuld, dass Mr. Thompson diese Strafe verhangen hat.

Ich balle meine zittrigen Hände zu Fäusten und hole erneut tief Luft.

Warum schaffe ich es nicht einen einzigen Tag zu überleben ohne Chaos anzurichten? Früher habe ich das immer meiner Schwester zugeschoben, aber scheinbar liegt das doch in der Familie.

Ein Seufzen entfährt mir, als ein paar Zuschauer mit Pommes an dem schmalen Weg zum Stadion entlanggehen. Einer von ihnen wirft mir einen skeptischen Blick zu, was wahrscheinlich meinem kalkweißen Gesicht geschuldet ist. Zum Glück wendet er sich wieder ab, als einer seiner Begleiter einen Witz macht. Bevor ich weiter angestarrt werden kann, nehme ich meinen Mut zusammen und betrete wieder das Gebäude.

Die Panik hat sich in eine kleine Ecke meines Magens zurückgezogen, doch in einem Maß mit dem ich umgehen kann. Ich konzentriere mich darauf ruhig zu atmen, während ich mich der Umkleide nähere. Zum Glück liegen die der Footballer etwas abseits. Eine Begegnung mit Ryan Paxton würde ich jetzt nicht überstehen. Laute Diskussionen schallen mir entgegen. Die Stimme von Zoe klingt genervt und ich halte wenige Meter vor der Tür inne.

Ich will nicht rein, doch ich muss. Das weiß ich und ich wünsche mein Gewissen würde sich nicht so laut melden und zum weitergehen zwingen. Die Lippen zusammengepresst trete ich vor und finde mich in einer hitzigen Unterhaltung wieder.

Zoe steht mitten im Raum und wird von vier Leuten umlagert von denen keiner am Lächeln ist. Die Anderen stehen verteilt herum und unterhalten sich im scharfen Ton oder starren leicht schockiert Zoe an.

»Wie stellen die sich das vor?!«, will Katie wissen und schüttelt heftig den Kopf, wobei ihre langen schwarzen Haare, die in einem Zopf stecken, durch die Luft peitschen.

»Wir werden noch mal mit ihm sprechen.« Nickend, als würde sie versuchen sich selbst zu überzeugen, läuft Emily auf der Stelle und knetet nervös die Hände.

»Leute, er hat Paxton schon abgelehnt. Da wird er bei uns wohl kaum eine Ausnahme machen.« Bei der verzweifelten Aussage von Abigail geht ein Gemurmel durch den Raum.

Der Reaktion nach zu urteilen, hat Ryan Paxton mehr Einfluss auf den Direktor, als ich gedacht hatte.

»Im Gegensatz zu ihm haben wir Brüste, einen Arsch und kurze Röcke. Dann müssen wir den alten Sack eben damit überzeugen«, schlägt Katie vor und einige um mich fangen an die Stirn zu runzeln, als wäre das eine wirkliche Überlegung wert. Das ist der Moment in dem etwas in mir hochkocht und mich jedes bisherige Gefühl vergessen lässt.

»Wollt ihr euch echt die Blöße geben?«, platzt es aus mir heraus. Köpfe drehen sich überrascht zu mir und ich kann gerade verhindern, mir mit der Hand vor den Kopf zu schlagen.

Was ist mein Problem?! Es kann doch nicht so schwer sein den Mund zu halten!

»Ach? Und was wäre dein Vorschlag, Evelyn? Hast du noch so einen super Einfall, der uns in die Scheiße reitet?«, fährt Katie mich an, ehe jemand etwas sagen kann. Ihre blauen, kalten Augen starren mich böse an und die Luft im Raum ist zum zerreißen gespannt. Obwohl ich gerne wegrennen möchte, bewege ich mich keinen Zentimeter von der Stelle. Von Katie werde ich mich nicht einschüchtern lassen. Dafür habe ich zu viele wie sie bereits kennengelernt.

Und ganz nebenbei würde ich ihr gerne den Kopf abreißen, weil sie dem Einfall laut jubelnd zugestimmt hat. Meine Schweine-Freilauf-Idee hat sie dagegen abgelehnt, weil es nicht angemessen wäre. Warum müssen manche Leute sich alles so auslegen wie es ihnen passt?!

»Ich arbeite an einer Lösung.«

»Wunderbar! Gib mir Bescheid, ob die Chance besteht von der Uni zu fliegen.« Ihre Stimme hat einen ironischen Unterton angenommen und sie verschränkt die Arme vor der Brust. Gott, wie ich es hasse so angefahren zu werden. Sie hätte schließlich nicht mitmachen müssen!

»Komm runter, Katie.« Zoe macht einen Schritt nach vorne und positioniert sich demonstrativ zwischen uns. »Ich werde mit Eve am Montag noch Mal zum Direktor gehen und die Footballer dazu holen. Wir finden schon einen Weg.«

»Das hoffe ich«, zischt Katie und stürmt mit erhobenem Kopf an mir vorbei. Dabei rammt sie mich an der Schulter und ich schließe eine Sekunde die Augen, ermahne mich bis Drei zu zählen. Sie ist keinen Streit wert. Das weiß ich und doch, würde ich ihr gerne mitteilen, was ich von so einem Abgang halte.

»Los, sammelt eure Poms zusammen. Wir gehen wieder zum Spielfeld. Wenn ich es richtig verstanden habe, haben sie die Schweine gleich alle eingefangen«, vernehme ich Zoe vor mir. Sie macht eine kleine Handbewegung, die die noch Anwesenden dazu bringt die Umkleide zu verlassen. Ihr schmales Gesicht ist verkrampft und sie hält mich fest im Blick. Ich spüre wie die Letzte geht und lasse schwallartig die angehaltene Luft aus meinen Lungen.

»Scheiße!«, fluche ich leise und versuche nicht die Unruhe in mir überhand nehmen zu lassen.

»Das kannst du laut sagen.« Zoes Nase kräuselt sich und ihre Stirn legt sich in Falten. »Wir machen das so, wie ich es eben gesagt habe. Vielleicht können wir das noch kippen.« Ich zwinge mich zu einem Nicken und schlucke den Kloß im Hals herunter. »Na komm, dann setz dich wieder an die Sideline und nach dem Spiel gehen wir noch was trinken oder so«, sagt Zoe und greift nach ihren Poms.

Ich kann das nicht.

Der Gedanke mich an den Rand zu setzten, zuzuschauen und zu wissen, dass ich demnächst auch dort stehen soll, bringt mich um. Ich wünschte, da wäre nicht dieses minimale Glücksgefühl, das die Angst in die Ecke drängt.

Es gibt nur eine Möglichkeit um weiteren Schaden für mich und alle anderen zu umgehen: Ich muss hier weg. Sofort.

»Ich werde nach Hause gehen«, bringe ich leise hervor. Zoes Augenbrauen wandern ein Stück nach oben, doch dann nimmt sie mein Gesicht genauer unter die Lupe.

»Alles in Ordnung?«, will sie wissen. Scheinbar gleicht meine Hautfarbe weiterhin einem Kalkstein.

»Ist es wegen Mr. Thomspon, oder…?«

»Nein«, gehe ich hastig dazwischen und hebe abwehrend die Hände. »Es ist einfach… Ich brauche gerade Pause. Meine Gehirnerschütterung hängt noch drin und das eben nervt mich nur. Außerdem sind die anderen gerade nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen. Darum ist es vielleicht ganz gut, wenn ich heute Abstand nehme.« Ein entschuldigendes Lächeln tritt auf meine Lippen, während ich versuche ihr nicht in die Augen zu schauen.

»Sicher?«

»Ja, ich melde mich nachher bei dir. Dann kannst du mir ja sagen, ob ich überhaupt noch erwünscht bin«, gebe ich unsicher zurück und verschränke die Finger ineinander.

»Klar«, sagt Zoe langsam. Sie drückt meinen Arm, ehe sie mit einem wehleidigen Ausdruck geht.

Ich bleibe alleine zurück, starre auf die kaputte Fliese vor meinen Füßen. Mein Kopf dröhnt seltsam und mein Magen befindet sich weiterhin auf einer Schiffsfahrt. Es ist dringend notwendig, dass ich anfange mich rauszuhalten.

Irgendwie muss ich die Uni überstehen und mit meiner großen Klappe wird das garantiert nichts.

 

 

Eine Sache, die ich in den letzten Monaten gelernt habe: Ein Spaziergang mit ausgeschaltetem Handy kann unfassbar befreiend sein. Man sieht ein wenig von der Stadt, verläuft sich vielleicht das ein oder andere Mal, weil man in Gedanken ist und absolut keiner nervt einen. Nein, es ist wirklich beruhigend und die Tatsache, dass ich schon jetzt vor unserem Haus stehe, verpasst meiner Stimmung einen Dämpfer. Zwar ist diese nicht auf ihrem Höhepunkt, aber es geht mir besser, als in der Umkleide.

»Evelyn Jones!« Ich zucke überrascht zusammen und sehe ein vertrautes, faltiges Gesicht. Mr. Jenkins Mundwinkel hängen wie immer ganz unten und mit energischen Schritten kommt er auf mich zu. Das Gartentor wird unsanft aufgerissen und seine Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.

Ich denke, es wäre der perfekte Moment um das Weite zu suchen.

»Dann hat deine Schwester nicht gelogen, als sie gesagt hat, dass du wieder da bist«, grummelt der Mann, dessen Kleidung locker auf seinen abgemagerten Knochen hängt. Wahrscheinlich sähe er anders aus, wenn er nicht den ganzen Tag wie ein Irrer im Garten rum jäten würde.

»Ihnen auch einen wunderschönen Samstag, Mr. Jenkins«, bringe ich so fröhlich wie möglich hervor und ignoriere seinen Finger mit dem er mir jetzt vor dem Gesicht herumwirbelt.

»Du hast also den Korken in meinen Garten geschossen?«, will er wissen und sieht aus, als würde er bereits meinen Mord planen.

»Ich habe keine Ahnung wovon sie sprechen.« Unschuldig zucke ich mit den Schultern.

»Spiel nicht die Unschuldige. Ich weiß, dass es einer von euch war und ihr sollt das endlich lassen. Sonst muss ich demnächst die Polizei einschalten!«, knurrt Mr. Jenkins, während seine wenigen weißen Haare von einer Windböe erfasst werden und wild tanzen. Ich presse die Lippen zusammen um nicht zu lachen und nicke, als würde seine Drohung mir etwas ausmachen.

»Wir werden dafür sorgen, dass das nie wieder vorkommt.«

»Ich behalte euch im Auge.« Ein letztes Mal kneift er noch das Gesicht zusammen, sodass seine Falten deutlich hervortreten, dann macht er auf dem Absatz kehrt.

»Schön Sie mal wiederzusehen!«, rufe ich ihm etwas zynisch hinterher, doch der alte Mann nimmt mich nicht wahr. Wahrscheinlich bräuchte er mittlerweile ein Hörgerät, ist aber zu eitel, es zu tragen. Genau so wie es mit seiner Brille ist.

Ich stoße einen Seufzer aus und laufe die letzten Meter zur Haustür. Die Betonplatten unter meinen Füßen haben die Wärme der Sonne aufgenommen und geben sie jetzt wieder. Das Auto von uns steht nicht vor der Tür. Wahrscheinlich ist Mum immer noch arbeiten und auch ansonsten ist es ruhig um das Gebäude.

Vielleicht halten Gran und Amy mal wieder gemeinschaftlich Mittagsschlaf?

Ich krame den Schlüssel aus meiner Hosentasche und schließe die Tür auf. Leise trete ich ein und lausche nach verdächtigen Geräuschen, doch nichts dergleichen dringt mir entgegen. Vorsichtig ziehe ich die Haustür hinter mir zu und mache mir nicht die Mühe meine Schuhe auszuziehen. Die Jacke werfe ich im Gehen über das Geländer und werfe kurz einen Blick in den Spiegel.

Mein Gesicht hat durch den langen Spaziergang Farbe bekommen und die Angst hat sich wieder weitestgehend verzogen. Ich kann wieder frei atmen und steuere den Kühlschrank an. Zur Belohnung für diesen doch längeren Weg, werde ich mir etwas Schokoladeneis gönnen. Gran hat davon immer was im Kühlschrank und vielleicht kriege ich dabei einen Einfall wie wir das Schlamassel lösen.

»Unterstes Fach«, meldet sich Amy zu Wort und ich sehe aus dem Augenwinkel wie sie in die Küche kommt.

»Wo ist Gran?«, frage ich und ziehe die Packung Schokoeis hervor, die leider nicht mehr so gefüllt ist, wie ich es mir wünsche. Bestimmt hat Amy mal wieder nachts genascht.

»Mittagsschlaf. Ich habe bis eben Musik gehört«, erklärt sie und zieht zwei Löffel aus einer Schublade hervor von denen sie mir einen reicht. »Was machst du so früh hier? Ich dachte, ihr würdet danach noch losziehen?«

»Es gibt keinen Grund loszuziehen«, gestehe ich zähneknirschend. Wenn es einen Menschen in diesem Haus gibt, dem ich mein absolutes Versagen offenbaren kann und werde, dann ist es Amy. Gran würde mir nur gratulieren, während Mum toben würde. Das Ende von dem Geständnis wäre ein gigantischer Streit bei dem eventuell mal wieder Teller fliegen lernen. »Der Direktor hat eine Grenze gezogen.«

»Eine Grenze gezogen?« Amy zieht die Augenbrauen hoch und setzt sich an den Esstisch.

»Es gab Ärger«, sage ich und nehme neben meiner Schwester Platz, stelle die große Packung zwischen uns.

»Und das heißt?«

»Einmal die Woche trainieren die Footballer mit den Cheerleadern und die müssen in der kommenden Saison zu jedem Spiel mitfahren.« Meine Laune sackt etwas nach unten und ich nehme einen großen Löffel von dem Eis, um meinen aufkochenden Kummer herunterzukühlen.

»Nicht schön, aber das hat doch nichts mit dir zu tun?«, wirft Amy in den Raum und streicht sich eine rote Haarsträhne von der Wange, ehe sie den Löffel in der Schokoladenmasse vergräbt.

»Ich bin ab sofort aktives Mitglied der Cheerleader«, gebe ich bekannt und stecke mir gleich darauf noch eine Portion in den Mund.

»Sekunde.« Meine Schwester hält mitten in der Bewegung inne und starrt mich leicht schockiert an. »Du kannst das doch nicht machen. Dann bist du wieder überall zu sehen.«

Schade, dass sie es schafft Dinge so auf den Punkt zu bringen.

»Du hast nicht zufällig eine geniale Eingebung, die mich das auf legale Art und Weise lösen lässt?«, frage ich seufzend nach und lehne mich zurück. Dabei ziehe ich das Handy aus meienr Jackentasche und schalte es ein.

»Puh, das ist wirklich nicht einfach. Vielleicht erzählst du mir was er genau gesagt hat?«, schlägt sie vor, während ein paar Nachrichten auf dem Bildschirm aufflackern. »Nur wenn du Zeit hast?«

»Ich habe Zeit«, antworte ich ohne den Blick von der Nachricht von Zoe zu nehmen. Leider bleiben die Enttäuschung und das miese Gefühl in meiner Magengegend nicht aus. 

 

Zoe: Bleib Zuhause. Ich versuche alles zu regeln und spreche mit Paxton.

Weiter zu Kapitel 10. Ryan

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